Anfänge der chetitischen Kultur

[755] 501. Später als im Westen treten uns im östlichen Kleinasien Denkmäler entgegen. Von den Monumenten, welche die Chetiter hinterlassen haben, ist schon die Rede gewesen. Die Kultur, von der sie Zeugnis geben, gehört erst der folgenden Epoche an; nur die Wurzeln, aus denen sie erwachsen ist, müssen hier bereits kurz besprochen werden. In der Technik der Gebäude von Boghazkiöi ist die Berührung mit Troja unverkennbar; sie sind von ungebrannten Lehmziegeln und Holzfachwerk auf Fundamenten von Bruchsteinen errichtet. Auch die Stadtmauern sind aus den gleichen Anfängen entwickelt; aber die Böschungsmauer aus kleinen Feldsteinen, welche in Troja den Erdwall des Fundaments schützte, hat sich hier zu einem gewaltigen Unterbau von mächtigen Felsblöcken entwickelt, mit inneren Gängen und zahlreichen Türmen; auf demselben erhob sich auch hier die obere Mauer aus Lehmziegeln und Holz. Die Anlage der großen Gebäude (Paläste) dagegen berührt sich aufs engste mit denen der Paläste von Kreta: wie hier sind auch in Boghazkiöi zahlreiche Kammern, darunter wie es scheint auch ein Kultraum, um einen zentralen Hof gruppiert; und das größte dieser Gebäude ist rings umschlossen von Magazinen, deren langgestreckte Kammern die Vorräte und Schätze bargen. Dagegen findet sich in diesen Bauten die Säule nicht, die in der kretischen Architektur eine so große Rolle spielt und dann auch die Gestaltung der chetitischen Bauten Nordsyriens bestimmt. So zeigt die um 1500 entstandene Hauptstadt des Chetiterreichs eine fortgeschrittene Kultur, die vielfach fremde Anregungen aufgenommen hat, aber sich eigenartig, wenn auch formell viel roher und innerlich lange nicht so durchgebildet, [755] neben die älteren Kulturen des Orients stellt. Die Vorstufen dieser Entwicklung scheinen in den ältesten Skulpturen der Ruinenstätten Nordsyriens und Mesopotamiens vorzuliegen (§ 466); dazu werden dann Einwirkungen aus dem Westen, von Kreta her, gekommen sein. Im einzelnen freilich bleibt hier noch alles dunkel. Wir wissen jetzt freilich, daß die assyrische Kolonisation im Halysgebiet weit ins dritte Jahrtausend hinaufragt (§ 435), und daß die Chetiter und ihre Verwandten um 1926 bis nach Sinear vorgedrungen sind und dann in Mesopotamien Jahrhunderte lang geherrscht haben, wenn auch in wechselnden Kriegen mit den Assyrern und mit den Kossaeern und wenigstens im Reiche Mitani (Chanigalbat) schließlich unter der Herrschaft einer arischen Dynastie und ihrer Krieger. Ob jedoch das Chetiterreich von Boghazkiöi hier, in der Hochfläche des östlichen Kleinasiens, aus der einheimischen Bevölkerung erwachsen ist, oder ob vielleicht das herrschende Volk von außen her eingedrungen ist, etwa aus den Gebirgen im Süden und dem nördlichen Mesopotamien, darüber ist nicht einmal eine Vermutung möglich. Wir dürfen erwarten, daß die nächste Zukunft hier ganz neues Material erschließen wird; und alsdann werden wir auch über die Anfänge der chetitischen Kultur zu einem klareren Urteil gelangen können.

Über die Bauwerke von Boghazkiöi s. außer PUCHSTEINS Vorläufigem Bericht in Mitt. D. Orientges. 35, 59ff. und der zusammenfassenden Skizze im Arch. Anzeiger 1909 sein posthumes Werk Boghazkiöi, die Bauwerke (19. wis senschaftl. Veröffentl. der DOG. no. 19, 1912), dessen abschließendes Schlußkapitel er leider nicht mehr hat schreiben können. Seine Deutung von vier großen Bauten als Tempel (den fünften erkennt er als Palast an), weil sich in ihnen ein Raum befindet, der durch ein Postament, das vermutlich das Götterbild trug, als Kultraum charakterisiert ist, wird wohl wenig Zustimmung finden: solche Kulträume liegen innerhalb der Paläste, wie auf Kreta, in Assyrien und Jerusalem auch. – HUGO PRINZ hat mich mit Recht darauf hingewiesen, daß die bisherige Deutung der Zeichengruppe, welche den chetitischen Königsnamen enthält (§ 479), als einer Aedicula, wo die geflügelte Sonnenscheibe von Säulen getragen wird, nicht zutreffend ist; die scheinbaren Säulen sind wahrscheinlich hieroglyphische Zeichen. Dagegen müssen die später zu Stelen verarbeiteten alten Säulen aus Assur (ANDRAE, Die [756] Stelenreihen in Assur, 24. Veröffentl. der DOG. 1913, S. 24ff.), wie ANDRAE erkannt hat, von einem Bau nach Art des chetitischen (nordsyrischen) Hilàni stammen, und damit rücken derartige Bauten jedenfalls bis in die Mitte des zweiten Jahrtausends hinauf.


502. Daß in der bildenden Kunst der Chetiter, namentlich in der Gestaltung der Götterbilder, einheimische Anschauungen zum Ausdruck gelangen, haben wir früher schon gesehen. Diese einheimischen Elemente lassen sich auch in den Siegelabdrücken auf den assyrischen Tontafeln des dritten Jahrtausends aus Kappadokien (§ 435) erkennen, und treten uns dann in den zahlreichen chetitischen Siegelcylindern sehr anschaulich entgegen. Auch die Bronzetechnik, von der zahlreiche Votivfiguren und Statuetten Zeugnis ablegen, ist einheimischen Ursprungs. Aber daneben treten überall die Einwirkungen der älteren Kulturen sehr greifbar hervor, sowohl die Aegyptens wie die Sinears. Von hier kommt die Verwendung der Keilschrift und der Tontafel mit allem, was in der rechtlichen und sozialen Gestaltung des Lebens und Verkehrs damit zusammenhängt, darunter auch der Gebrauch des Siegelcylinders und vieler darauf vorkommenden, von den Chetitern eigenartig umgestalteten Symbole, ferner die phantastischen Dämonen und Mischwesen, die wappenartige Anordnung der Figuren, des Reichswappens des doppelköpfigen Adlers (§ 479) u.a. Aus Aegypten stammt vor allem das Symbol der geflügelten Sonnenscheibe (§ 479), die in ein weibliches Wesen umgestaltete Sphinx, und der Greif. Umgekehrt haben dann die Chetiter wieder wie auf Syrien und Mesopotamien, so auf Assyrien stark zurückgewirkt, schon früh in der Gestalt des Gewittergottes Hadad und Tešub und auch in anderen religiösen Darstellungen (§ 463), und dann noch intensiver seit der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends, wo sich zahlreiche chetitische Cylinder in Assur finden und auch sonst die Nordstämme, speziell vielleicht das Mitanireich, eine starke Einwirkung ausgeübt haben, die später im ersten Jahrtausend die gesamte assyrische Kunst durchdringt und umgestaltet. In der Keramik, in der sich auch bei den Chetitern Bemalung der Gefäße mit Verwendung geometrischer Muster und in die Felder [757] gezeichneter Tierfiguren findet, scheint der Zusammenhang über das nördliche Mesopotamien und durch die Gebirgswelt bis nach Susa (§ 392) zu reichen, in scharfem Gegensatz gegen die Keramik von Sinear, Aegypten und Palaestina. – Im chetitischen Reich wird beim Schreiben auf Tontafeln die babylonische Keilschrift auch zur Schreibung der einheimischen Sprache verwendet, ebenso im Mitanireich. Aber daneben ist auf Stein und bei Felsskulpturen eine einheimische Hieroglyphenschrift im Gebrauch (die sich gleichzeitig auch zu einer Kursive entwickelt hat, ähnlich dem Hieratischen der Aegypter; vgl. § 474). Entziffert ist sie noch nicht, und ihr Ursprung liegt noch völlig im Dunklen; aber das wahrscheinlichste ist doch, daß sie älter ist als das Eindringen der Keilschrift; wenn die Chetiter diese schon angenommen und auf ihre Sprache übertragen hatten, würden sie kaum nachträglich noch eine neue Bilderschrift erfunden haben. Aber schwerlich ist diese Schrift eine originale Errungenschaft ihrer Kultur; sondern sie haben bei den Kulturvölkern den Gebrauch der Schrift gesehen und sich nach deren Muster eine eigene Schrift erfunden, wie die Elamiten und die Kreter, und wie das bei Barbaren bis auf die Gegenwart hinab nicht selten vorkommt. Weiteres wird sich erst sagen lassen, wenn die Entzifferung der Schrift gelungen ist; soweit sich bis jetzt urteilen läßt, scheint eine Einwirkung der aegyptischen Hieroglyphen auf das Prinzip der Schrift und vielleicht auch auf einzelne Zeichen kaum verkennbar.


Zahlreiche chetitische Siegelcylinder sind vor allem von WARD, The seal cylinders of Western Asia, 1910 publiziert, nicht immer sehr zuverlässig; eine systematische Durcharbeitung, mit zahlreichen wichtigen Ergebnissen, wird auch hier das im Druck befindliche Werk von HUGO PRINZ, Altorientalische Symbole, bringen; vgl. § 478 A. – Im großen Chetiterreich scheint die einheimische Bilderschrift für Urkunden usw. nicht verwendet worden zu sein, sondern nur die Keilschrift, während sie dann später, in der Zeit der vollen Degeneration und weiter bis tief in die Assyrerzeit hinein, ausschließlich gebraucht wird.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 755-759.
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