Religion und Charakter der Indogermanen

[866] 556. Auch die Religion der Indogermanen, soweit wir sie zu erkennen vermögen, entspricht durchaus diesen Annahmen. Neben den Schutzgottheiten der einzelnen Stämme und Verbände oder Geschlechter finden wir eine allumfassende kosmische Gottheit, welche sich im Himmelsgewölbe manifestiert und auf ihm thront, auch bei den Semiten, den Sumerern, den Aegyptern (bei denen der Himmelsgott aber durch den Sonnengott Rê' ganz in den Hintergrund gedrängt ist) und vielen andern Völkern; aber während er, und ebenso die übrigen kosmischen Mächte, hier zu einem Kultus nur gelangt, wenn er entweder zugleich zum speziellen Stammgott [866] wird oder umgekehrt dieser zugleich zum Regenten der Welt erhoben wird, oder aber wenn die Kultur und die staatliche Entwicklung dazu führt, eine unmittelbare Verbindung des Reichs mit der universellen Gottheit zu schaffen, tritt er in der indogermanischen Religion ganz anders in den Vordergrund. Ihr Hauptgott ist der Himmelsgott Djêus (indisch Djâus, griechisch Zeus, italisch [lateinisch wie bei den sabellischen Stämmen] Jov-, wahrscheinlich identisch mit althochdeutsch Ziu, nordisch Tỳr), der »lichte« Gott, der die Welt umspannt und regiert, Regen und Fruchtbarkeit spendet und seine Feinde im Gewitter mit dem Blitzstrahl bezwingt. Alle lebenden Wesen hat er geschaffen, Götter und Menschen gezeugt; daher heißt er bei Indern, Griechen und Römern der »Vater Djêus«. Die großen Segensgaben, von denen alles Leben und Gedeihen abhängt, stammen aus seiner Hand; sie zu gewinnen bringt der Mensch ihm Opfer und Gebete dar. Namentlich der Regenzauber hat wie bei so vielen primitiven Völkern so auch bei den Indogermanen offenbar einen der wichtigsten Bestandteile des Kultus gebildet. Bei den Indern wird Djêus dann durch die Ausbildung eines vielgestaltigen Pantheons, in dem die fortgeschrittene Entwicklung ihren Ausdruck findet, ganz in den Hintergrund gedrängt; bei den Griechen und ebenso bei den Italikern bleibt seine beherrschende Stellung erhalten, indem er, als die seßhafte Kultur sich entwickelt, mit bestimmten Kultstätten, namentlich Bergen, aber auch Bäumen, wie in Dodona, und mit den einzelnen Stämmen verschmilzt und so zugleich die Funktionen eines Lokalgottes gewinnt; bei den Germanen und ebenso bei den Slawen (Procop. goth. III 14, 23), ferner bei den Skythen hat er seine universelle Bedeutung behauptet, die auch bei den Griechen und Italikern trotz der lokalen Sonderentwicklung der Einzelkulte niemals aus dem Bewußtsein geschwunden ist.

557. Diese dominierende Stellung des Himmelsgottes ist für die indogermanische Religion charakteristisch; sie findet sich ebenso bei den Türken, Mongolen, Chinesen, und etwas modifiziert, indem die spezifischen Züge des Gewittergottes [867] noch stärker hervortreten, auch bei den Kleinasiaten (§ 481), wo dann, wie bei den Griechen (und ähnlich bei den Ariern in der Gestalt des Indra), aus dem einen Gewittergott unzählige lokale Sondergottheiten hervorgegangen sind. Aber die von der aegyptischen, semitischen, sumerischen Religion abweichende Art der religiösen Vorstellungen der Indogermanen reicht noch viel weiter: so stark auch oft in der Sonderentwicklung der Einzelvölker die Stammesgötter und die lokalen Kulte hervortreten, so behalten die indogermanischen Götter doch immer einen universellen Zug. Sie sind immer Mächte, die trotz des Lokalkultus, der eine bestimmte Gruppe an sie bindet, weit über diese hinausgreifen und in der ganzen Welt wirken, die man daher unbedenklich auch in den gleichartigen Gottheiten anderer Völker wiederfindet, in scharfem Gegensatz z.B. zu der Exklusivität der semitischen Götter; daher finden die religiösen Bewegungen, welche von Indogermanen ausgehen, niemals an den Grenzen des eigenen Volkstums eine unübersteigbare Schranke, sondern setzen sich immer über diese hinweg und sind ihrer Tendenz nach durchweg universell (vgl. § 85). Damit hängt zusammen, daß die Scheidung zwischen dem toten Stoff und der in ihm wirksamen göttlichen Lebenskraft, welche uns in dem religiösen Denken der Aegypter und der Semiten entgegentritt, der indogermanischen Anschauung fremd ist (§ 51): für sie ist vielmehr jede Naturerscheinung die Manifestation einer göttlichen Kraft, so daß Gott und Welt vollkommen identisch und in ihrer Entstehung eins sind. Daher lebt der Indogermane, wie er mit der Natur empfindet, so auch mit seinen Göttern in intimen Beziehungen zusammen, während bei den altorientalischen Kulturvölkern eine gewaltige Kluft Götter und Menschen trennt. So hat denn auch Djêus die Menschen nicht aus der Materie gebildet und dann etwa durch seinen Odem belebt, wie Jahwe in der hebräischen Mythologie, sondern gezeugt; der physische Zeugungsakt ist für ihr Denken der natürliche Prozeß, durch den lebendige Wesen und darum auch die Welt entsteht. Allerdings ist die Religion Zoroasters zu der Idee einer [868] Schöpfung der Welt durch die Gottheit fortgeschritten; aber auch hier zeigt sich die indogermanische Art des großen Denkers darin, daß die Gehilfen, die dem Ahuramazda zur Seite stehen, nicht etwa kosmische Einzelwesen sind, sondern die großen abstrakten Mächte, welche er als die Grundkräfte betrachtet, von denen das Bestehen und Gedeihen der Welt abhängt. Diese Universalität des indogermanischen religiösen Denkens ist neben der Sprache das wichtigste Erbteil, welches die Einzelvölker aus der Urzeit mitgebracht haben, sei es, daß sie es dann eigenartig weiterbildeten, sei es, daß sie es verkümmern ließen; und diese Universalität findet in dem Glauben an den Vater Djêus ihren lebendigsten Ausdruck. Das weist darauf hin, daß kleine, engbegrenzte und scharf gegen einander gesonderte Einzelgruppen, wie sie sich später in der Gestaltung der Einzelvölker herausgebildet haben, und wie wir sie bei den Semiten und speziell den Arabern überall antreffen, in der Urzeit der Indogermanen eine entscheidende Rolle nicht gespielt haben können. Vielmehr ergibt sich auch von hier aus, daß sie in großen, weite Gebiete und zahlreiche Menschen umfassenden Horden nach Art der Skythen und Mongolen organisiert gewesen sind, für deren religiöses Denken eine unmittelbare Verbindung mit dem allumfassenden und allerzeugenden Himmelsgott das naturgemäße war.

558. Dem Vater Djêus steht die Mutter Erde zur Seite, mit der er im Regen sich vermählt, die Spenderin aller Gaben der Natur. Weit verbreitet ist die Verehrung des Feuers, das bei Griechen, Römern und Skythen speziell als Göttin des die Wohnstätten schirmenden und über dem Hausfrieden wachenden Herdfeuers erscheint, während es bei den Ariern ein männlicher Gott ist, der beim Brandopfer den Verkehr zwischen Menschen und Göttern vermittelt. Gewiß hat es auch noch andere Götter gegeben. So finden wir bei Griechen, Indern und Germanen ein göttliches Brüderpaar, das in der Not, im Kampf, in der Krankheit seinen Günstlingen Hilfe bringt (Dioskuren u.ä., Aśvins § 580, vgl. auch Mithra und Varuna; bei den Nahanarvalen Tacitus Germ. 43). Auch ein [869] regenspendender Gewittergott, der bei den Indern, wo er ganz verblaßt ist, Pardžanja, bei den Litauern Perkûnas heißt und sich in der nordischen Mythologie als Fjörgyn, Mutter des Thor, erhalten hat, scheint der Urzeit anzugehören. Heilige Bäume, Tiere, Steine, Quellen und Flüsse wird man auch in der indogermanischen Urzeit gekannt haben, und mancher Gott der Einzelvölker mag schon damals von einem oder einigen Stämmen verehrt worden sein; hier versagen die Mittel der Erkenntnis vollkommen. Spezifische Stammgottheiten werden wir freilich nach dem vorhin Bemerkten und nach dem, was die weitere Entwicklung der Religion bei den Einzelvölkern lehrt, kaum anzunehmen haben, wohl aber zahlreiche Dämonen, welche in den Naturerscheinungen wirken, Unglück, Viehsterben, Mißwachs, Krankheit und Tod senden und durch Zauber oder durch blutige Opfer beschwichtigt und dem Menschen dienstbar gemacht werden können. – An Djêus, den Gott des Lichthimmels, schließt sich der Kreis der übrigen »Lichtwesen« (deivo, arisch deva, lat. deus) an, der Sonnengott (svarja, ἥλιος, sol), der Mondgott (mâs) und vielleicht noch manche andere Gottheiten des Lichts, darunter eine Göttin der Morgenröte (ar. ušas = ἠώς, aurora) – die Versuche, zahlreiche Mythen und Göttergestalten der Einzelvölker auf sie zurückzuführen, sind freilich verfehlt. Wahrscheinlich haben diese Gottheiten schon in der Urzeit wenigstens teilweise einen Kultus gehabt, während andere vielleicht nur als allgemeine, den großen Lauf der Welt regierende Mächte anerkannt wurden; bei mehreren Einzelvölkern (dagegen nicht bei den Griechen) sind sie in der religiösen Anschauung so sehr in den Vordergrund getreten, daß sie sich die übrigen Gottheiten assimiliert haben und der Name »Lichtwesen« die allgemeine Bezeichnung aller Götter geworden ist. Im übrigen läßt sich über den Kultus der Urzeit nichts ermitteln. Tempel und Götterbilder, einen geschlossenen Priesterstand hat es sicher nicht gegeben, wohl aber manche seltsame und blutige Zeremonien und rohen Aberglauben, sehr ähnlich den religiösen Anschauungen mongolischer und türkischer Nomaden; wenn [870] die Gleichung zwischen indisch brahman und lateinisch flamen zutreffend ist, so hat sich darin der alte Name der Zauberer erhalten, welche die wirkungskräftigen Sprüche und Zeremonien kannten. In primitiven Verhältnissen sind die Beziehungen des Menschen zur übersinnlichen Welt immer einfach; zu einem komplizierten Gebäude entwickelt sich die Religion erst mit dem Fortschritt der Kultur. Es ist daher keineswegs ein Zufall, daß wir für die indogermanische Urzeit nur so wenige Gottheiten nachweisen können. Daß das von uns gewonnene Bild zu den Schilderungen der Alten von der Religion der Skythen (Herod. IV, 59), Germanen (Caesar, bell. gall. VI, 21), Slawen (Procop. Goth. III 14, 22ff.) in allen Hauptzügen stimmt, ist eine wesentliche Bestätigung für seine Richtigkeit.


Die Erkenntnis der indogermanischen Sprachgemeinschaft und der Übereinstimmung einiger Götternamen rief die Erwartung hervor, auch die Religionen der einzelnen Völker würden sich im weitesten Umfang auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen lassen. Das Bekanntwerden der vedi schen Hymnen und die Entdeckung, daß mehrere der in ihnen enthaltenen Mythen mit griechischen und germanischen übereinstimmen, hat daher die sogenannte »vergleichende Mythologie« erzeugt, welche namentlich durch AD. KUHN, R. ROTH, M. MÜLLER, GRASSMANN, W. H. ROSCHER u.a. ausgebildet ist. Man glaubte in den oft sehr durchsichtigen Naturmythen des Veda den Schlüssel nicht nur der indogermanischen Mythologie, sondern auch des Ursprungs der indogermanischen Götter gefunden zu haben, und deutete dieselben nach stoischer und neuplatonischer Art mittels Natursymbolik oder noch einfacher als mißverstandene Poesie der Urzeit (M. MÜLLER). Vielfach operierte man mit sehr kühnen Etymologien und Gleichungen, die bei fortgeschrittener Forschung fast sämtlich aufgegeben werden mußten; die eigenartigen religiösen Anschauungen der Arier wurden auf die indogermanische Urzeit übertragen, die Sucht nach Mythendeutung à tout prix führte zu den größten Willkürlichkeiten. Noch bedenklicher war die Ignorierung der historischen Entwicklung der einzelnen Mythen, ihrer lokalen und religiösen Elemente und ihres Zusammenhangs mit dem Gedankenkreis des Einzelvolks, aus dem heraus sie zunächst begriffen werden müssen. In zahlreichen Fällen ist die in den Mythen gesuchte Natursymbolik nur scheinbar vorhanden oder sekundär in sie hineingetragen, wie sehr vielfach in den vedischen und ebenso in den aegyptischen Mythen: sie ist ein primitiver Deutungsversuch so gut wie die bei den Griechen [871] seit dem fünften Jahrhundert aufkommenden Mythendeutungen. Daß manche mythische Erzählungen mit Naturvorgängen nichts zu tun haben, sondern Märchen sind, ist neuerdings vielfach betont. Vor allem wichtig aber ist der von der vergleichenden Mythologie ignorierte Zusammenhang, in dem jeder echte Mythus mit dem Kultus steht. Methodisch war daher die vor allem durch O. MÜLLER begründete griechi sche Mythenforschung (neben ihm wäre namentlich BUTTMANN zu nennen) viel weiter vorgeschritten als die »vergleichende Mythologie« und hat sich mit Recht prinzipiell gegen diese ablehnend verhalten; sie kann jetzt trotz mancher namhafter Vertreter als großenteils überwunden gelten. Doch bleiben zahlreiche Einzelergebnisse bestehen, die jene hätte berücksichtigen müssen, und auch die jetzt herrschende, im allgemeinen berechtigte Reaktion hat sich gelegentlich vor Unterschätzung des gemeinsam indogermanischen Guts zu hüten. Der Hauptfehler aber der vergleichenden Mythologie war, daß bei ihr die Religion und ihr wichtigstes Element, der Kultus, durchaus zu kurz kam. Die Mythologie ist ein Appendix der Religion so gut wie die Theologie, nicht die Hauptsache. – Ob das Wort deivo schon in der Urzeit die allgemeine Bedeutung »Gott« gehabt hat, ist sehr zweifelhaft, da es in mehreren Sprachen, z.B. im Griechischen, fehlt, und in der zarathustrischen Religion sein Sinn in das Gegenteil verkehrt ist. Vielleicht bezeichnete es, wie die arischen Asuren, nur eine bestimmte Götterklasse, welche sich später die anderen assimiliert und subsumiert hat. – Das Wort bhaga für Gott als »Spender« von Reichtum und Segen gehört nicht der Urzeit an, sondern ist spezifisch zoroastrisch und von den Slawen (§ 566) entlehnt. [Die Annahme TORPS, der phrygische Zeus Βαγαῖος, § 482 A., bedeute »Buchengott«, ist mir höchst unwahrscheinlich.] – Die römische Göttin Vesta ist bei den übrigen Italikern nicht nachweisbar, aber trotzdem gewiß nicht, wie KRETSCHMER, Einleitung 162, annimmt, aus dem Griechischen entlehnt, sondern die Ausbildung einer in uralte Zeit zurückreichenden Vorstellung, vgl. WISSOWA, Religion und Kultus der Römer 142.


559. Von den Vorstellungen, welche die Urzeit an die Götterwelt knüpfte, von ihren Versuchen, die Vorgänge in der Natur zu begreifen, läßt sich manches noch erkennen. Durch eine himmlische Speise, die sorgfältig behütet wird, sichern sich die Götter die Unsterblichkeit, vielleicht auch ewige Jugend (ind. amrta = ἀμβρόσια). Die Sonne wird wohl als ein Roß gedacht, das über den Himmel dahinstürmt, oder legt ihre Bahn auf einem mit Rossen bespannten Wagen zurück. In Wolken und Winden hausen gewaltige zottige Dämonen [872] von Riesengestalt, voll wilden Trotzes und launischen Wankelmuts, aber unbeholfen und täppisch. Auch die Erzählungen vom Erblühen und Hinsterben des Frühlings und vom greisen Gotte des Winters, die wir bei manchen indogermanischen Völkern finden, mögen bis in die Urzeit hinaufreichen. Vor allem aber leben die Lichtgötter mit den bösen Dämonen, den Mächten der Finsternis und Dürre, in einem ewigen Kampf, der im Gewitter seinen Höhepunkt erreicht-eine Vorstellung, die besonders von den Ariern auf das lebendigste ausgemalt worden ist (§ 585). Oder die bösen Dämonen haben den kostbaren Schatz, die regenspendenden himmlischen Kühe, den stärkenden Meth, die goldene Wolke geraubt und in weiter Ferne geborgen, und die Lichtgötter müssen ausziehen, sie zu suchen und sie in hartem Kampf oder auch durch kühne List wiedergewinnen-ein Mythus, der in den mannigfachsten Umgestaltungen in den Sagen der Einzelvölker, in der Edda z.B. in der Erzählung von Thors Hammer, bei den Griechen in der Argonautensage wiederkehrt, und auch die Sage vom troischen Kriege beeinflußt hat. Auch andere Sagen und Märchen sind mehreren Einzelvölkern, namentlich den Griechen, Germanen und Persern, gemeinsam, oft mit engen Berührungen selbst im Detail; so die gewaltige Sage von dem Sohne, der auszieht, seinen Vater zu suchen, und nun unerkannt im Kampfe mit ihm zusammenstößt und von seiner Hand den Tod findet oder auch selbst den Vater erschlägt, oder die Sage von dem herrlichen Heldenjüngling, dem nach den ruhmreichsten Taten ein früher Tod durch Feindestücke beschieden ist. Ob wir es hier mit mythischen Legenden von den Göttern zu tun haben, die später vermenschlicht sind, oder mit rein menschlichen Schöpfungen der Volksphantasie, ob diese Erzählungen durchweg der Urzeit angehören oder ob sie sich selbständig unter dem Einfluß analoger Vorstellungen gebildet haben, wird schwerlich immer mit Sicherheit zu entscheiden sein.


Die Ermittlung des indogermanischen Mythenbestandes wird dadurch noch besonders erschwert, daß sachliche Übereinstimmungen zwar [873] sehr häufig, Übereinstimmungen in Namen aber sehr selten und unsicher sind. Und wo sich die Namen berühren, wie bei ind. gandharva = κένταυρος, saranjû = Ἐρινύς, trita = Τρίτων, decken sich die Bedeutungen gar nicht, so daß hier wohl lediglich zufällige Anklänge vorliegen [vgl. PISCHEL und GELDNER, Vedische Studien I 77ff., verbessert II 234ff., wo PISCHEL nach weist, daß Gandharva bei den Indern der im Embryo hausende Genius der Zeugung und Fruchtbarkeit ist, der »Wesenskeim« (vgl. OLDENBERG, Religion des Veda 249), der daher mit dem Wasser, der Sonne, dem Mond und der Nacht in Verbindung steht. In der iranischen Sage ist Gandarewa ein riesiger Dämon im See Vourukaša, Gegner des Haoma, und wird von Keresâspa getötet]. Die Unhaltbarkeit der Gleichungen mit indischen Namen, welche man für Hermes, Apollon, Bellerophontes, Hephaistos, Ilion, Achilleus u.s.w. herangezogen, resp. zum Teil erfunden hat, ist jetzt wohl abgesehen von engen Kreisen allgemein anerkannt. – Von den sachlichen Übereinstimmungen lassen manche keine andere Deutung zu als die Ableitung aus gemeinsamer Wurzel; vielfach aber wird die Annahme analoger Entwicklung richtiger sein, zumal sich nicht selten zeigt, daß auffallende Übereinstimmungen sich erst im Laufe des geschichtlich verfolgbaren Entwicklungsprozesses herausgebildet haben.


560. Im Mythus tritt uns die Eigenart des indogermanischen Volkstums am greifbarsten entgegen. Aber auch sonst ist dieselbe, namentlich im Gegensatz zu anderen Völkergruppen, wie den Semiten, unverkennbar, so stark auch Kelten und Italiker, Slawen und Griechen, Germanen und Inder in Charakter und Denkweise sich unterscheiden. Eine gewaltige schöpferische Kraft der Phantasie, welche bei aller Kühnheit doch Maß zu halten weiß, und daneben die Gabe des Enthusiasmus können als das charakteristische Erbteil der Indogermanen gelten. Auf ihnen beruht es, daß die Empfindungs- und Denkweise der Indogermanen zwar schwerlich an Tiefe und Leidenschaftlichkeit, wohl aber an Innigkeit und Naturwahrheit der anderer Völker überlegen ist, daß, wie die indogermanischen Sprachen vielseitiger ausgebildet und gestaltungsfähiger sind als irgend welche andere, so auch in der Kultur, in der Fortentwicklung des geistigen Lebens der Menschen indogermanische Völker schließlich die Führung übernommen und weit ältere Kulturvölker überall zurückgedrängt haben. In diesem geschichtlichen Prozeß offenbart sich zugleich [874] die Fähigkeit, fremdes Gut aufzunehmen und weiterzubilden, welche die Indogermanen vor anderen Völkern auszeichnet: sie haben zur Entwicklung der universellen Kultur vielleicht eben so viel durch diese Aneignung und schöpferische Assimilation fremder Anregungen, als durch unabhängige Neuschöpfungen beigetragen. Diese Freiheit und Beweglichkeit des Geistes, der sich nicht durch feste Schranken gegen das Fremde absondert, ebensowenig aber es sklavisch nachahmt, sondern es erwirbt und neu gestaltet, hängt aufs engste mit der universellen Richtung zusammen, welche die Gestaltung der indogermanischen Religion beherrscht. Daß im übrigen die Einzelvölker sehr verschiedene Wege gegangen sind und daß bei ihrer Entwicklung die großen geschichtlichen Faktoren ausschlaggebend mitgewirkt haben, ist schon hervorgehoben worden. Am stärksten hat sich, trotz aller gemeinsamen Züge, die auch sie bewahrt haben, eine charakteristische Sonderart bei den Ariern herausgebildet; ihnen gegenüber treten die spezifisch indogermanischen Züge bei den Europaeern des Nordwestens und des Südens am stärksten hervor; die Slawen stehen wie geographisch so auch in Denkweise und Empfindungen in der Mitte. Die Natürlichkeit und Unbefangenheit der Anschauung und des Empfindens, welche die Europaeer sich bewahrt haben, setzt sich bei den Ariern nur zu oft in groteske, ins Maßlose schweifende Phantasie um. Dazu kommt der Gegensatz in der Wertung der eigenen Persönlichkeit, der seit Urzeiten bis auf die Gegenwart herab zwischen Europa und Asien besteht und in den Lebensgewohnheiten und vor allem den Verkehrsformen seinen charakteristischen Ausdruck findet: so selbstherrlich und stolz der Orientale denken mag, so wenig findet er etwas Anstößiges darin, sich vor dem Gleichstehenden zu demütigen und vor dem Höherstehenden sogar als Knecht zu geberden, während der Europaeer in derartigen Formen eine Ehrenkränkung sieht, die sein Dasein aufheben würde, wenn er sich ihr unterwürfe. Dieser Gegensatz geht über alle Unterschiede und Verwandtschaften der Völker hinweg und ist von[875] ihnen gänzlich unabhängig; wie er entstanden ist, ist völlig unerklärbar, aber vorhanden ist er von den ältesten Zeugnissen an, die wir besitzen. Auch die arischen Stämme gehen hier mit den Orientalen, nicht mit den Europaeern. Dennoch empfinden wir aufs lebendigste, was das Volkstum bedeutet, wenn wir von der Kultur und Poesie Aegyptens oder der semitischen Völker nach Persien und Indien hinübergehen; wenngleich das Alte Testament eng mit unserer Kultur verwachsen ist, die Religion und Denkweise der Iranier und Inder dagegen von uns ganz fremden Vorstellungen beherrscht sind, stehen ihre Dichtungen doch unserem Empfinden weit näher und wirken auf unser Gefühl weit unmittelbarer, als auch die bedeutendsten Schöpfungen der israelitischen oder der arabischen Poesie. Da tritt die ursprüngliche Veranlagung und Begabung des Volksstamms, die sich durch allen Wandel der historischen Entwicklung erhalten hat, unmittelbar zu Tage; aber ihr innerstes Wesen ist, wie das jedes einzelnen Menschen, ein Geheimnis, das die geschichtliche Forschung wohl zu konstatieren, aber niemals zu ergründen und in seiner Entstehung aufzuhellen vermag.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 866-876.
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