Nomadische und seßhafte Stämme. Die Kultur der Arier

[904] 577. Als die Arier zuerst in dem Lande auftraten, von dem dann ihre weite Verbreitung ausgegangen ist, sind sie noch ein Volk mit ziemlich geringer Kultur gewesen. Daß die bei den europaeischen Indogermanen gebräuchlichen Wörter für Ackerbau, die Getreidearten usw. den Ariern größtenteils fehlen (§ 553), ist vielleicht doch von geschichtlicher Bedeutung; unbekannt freilich wird ihnen ein primitiver Getreidebau und das Mahlen des Korns nicht gewesen sein. Aber vorwiegend lebte man von Fleisch und Milch (so die Massageten, die daneben Fischfang trieben, Herod. I 216), und der Besitz bestand wesentlich in Vieh. Wie die semitischen Beduinen, so mögen auch hier die einzelnen Verbände vielfach nomadisierend, ohne festbegrenzte Wohnsitze, umhergezogen sein, wo sie geeignete Weidegründe fanden. Zu dem Besitz, den sie mitbrachten, gehörte auch das Pferd, das nicht nur geritten, sondern auch an den Wagen gespannt wurde. Gewiß waren die Wanderzüge der Arier von zahlreichen Wagen begleitet und sind die Häuptlinge und andere vornehme Krieger schon in ältester Zeit zu Wagen in den Kampfgefahren; in der Kultur der vedischen Inder wie im Awesta spielt auch das Wettrennen der mit Rossen bespannten Wagen eine große Rolle. Der kriegerische Geist tritt stark hervor; wo man auf fremde Völkerschaften stieß, wurden sie überfallen, ausgeplündert, vernichtet oder geknechtet. Stammfremde Gebiete, »nichtarische Gaue«, kommen im Awesta mehrfach vor, und in den Veden werden, im Gegensatz zu den »weißen« Ariern, die fremden, »gottlosen« Feinde von schwarzer Hautfarbe, ohne Nase, ohne Recht und Kultus, sehr oft erwähnt. Bekanntlich ist später aus ihnen die Kaste der Sûdras, der verachteten Knechte, hervorgegangen. Zusammenfassend werden diese feindlichen Stämme von den Ariern als dâsa (daneben indisch dasju, iran. dâha), »Feinde, Sklaven«, bezeichnet; im Awesta wird statt dessen meist das Wort dânu verwendet.


[904] »Nichtarische Gaue« Jašt 18, 2. 19, 68, vgl. Vend. 1, 71. Wahrscheinlich gehören auch die Ἀνάρεοι und die Ἀνάρεα ὄρη im nordöstlichen Skythien (Tian-šangebiet) Ptolem. VI 14, 8. 13 hierher (vgl. § 572 A.). – Der Versuch HILLEBRANDTS, Vedische Mythologie I, 83ff., die Dâsa des Rigveda mit den Dahern der turanischen Steppe zu identifizieren und in dem Wort pani »Geizhalz« den hier ansässigen Stamm der Parner nachzuweisen [aus dem die Arsakiden hervorgegangen sind], ist unhaltbar, s.A. LUDWIG, Die neuesten Arbeiten auf dem Gebiet der Rigvedaforschung, Bericht böhm. Ges. d.W. phil. Cl. 1893, 71ff. [In seiner Vedischen Mythol., kleine Ausgabe S. 96 lehnt HILLEBRANDT LUDWIGS Kritik ab.]


578. Bei den Ariern Ostirans dagegen treten die nationalen Gegensätze ganz in den Hintergrund gegen die kulturellen: der Name Daher (oder dânu) bezeichnet hier, sowohl im Awesta, wie in den Nachrichten der Griechen, die räuberischen Nomaden der Steppe im Gegensatz zu den seßhaften Bauern der Flußtäler und der Kulturoasen des Tieflandes. Soweit wir sehen können, waren diese Nomaden größtenteils iranischer Nationalität; die wenigen Eigennamen ihrer Häuptlinge, die uns erhalten sind, sind meist echt iranisch. Allerdings ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie diese Namen zum Teil ihren kultivierten Nachbarn entlehnt haben; und die Saken, die im Quellgebiet des Oxus und Jaxartes und weiter nördlich saßen, waren vielleicht eher ein türkischer Stamm. Wenn dagegen Ammian angibt, die Massageten, die in älterer Zeit nördlich vom Jaxartes in der Steppe hausten, seien mit den späteren Alanen identisch (§ 568), so ist damit, da diese Nachricht zu bezweifeln kein Grund vorliegt, der iranische Charakter dieses Stammes bewiesen. Ebenso sind, wie schon früher erwähnt, die später weit nach Westen gewanderten Sauromaten (Skythen) und Skoloten Iranier. Die Griechen faßten alle diese Stämme unter dem Skythennamen zusammen, während die Perser den Namen der Saken auf sie alle übertragen haben; beide Benennungen sind zu Bezeichnungen nicht sowohl der Nationalität als vielmehr der Lebensweise geworden. Daneben steht ein Name, der später als Gesamtbezeichnung der Steppenlandschaft verwendet wird, [905] der Name Tûrân. Im Awesta findet sich Tûra (das sich zu Tûrâu verhält wie Arier zu Irân) nicht selten als Name eines Volksstamms der Steppe; mehrfach ist von den »turischen Räubern« (dânavô tûra) die Rede. In einer Aufzählung werden die »turischen Gaue« von denen anderer Stämme (Sairima und Saini) und von denen der Arier und der Daher geschieden; aber diese Aufzählung selbst zeigt, daß wir einen Gegensatz der Rasse oder des Volkstums daraus nicht folgern dürfen. Daß ein solcher schwerlich vorhanden war, geht daraus hervor, daß ein Tûrahäuptling, Frjâna, mit seinem Geschlecht die Lehre Zoroasters angenommen hat, wie wir aus einer Dichtung des Propheten selbst wissen; außerdem nennt das Awesta noch zwei andere fromme Turanier, für deren Seele gebetet wird. Das spricht nicht dafür, daß die Turanier stammfremd waren; denn es ist wenig wahrscheinlich, daß Zoroaster seine Lehre auch in einer nichtarischen Sprache verkündet hat, und die Namen sind rein iranisch. Wohl aber hat die iranische Sage die Gegner der seßhaften Arier unter dem Namen der Tûra und Tûrân zusammengefaßt; sie ist von dem Gegensatz zwischen Irân und Tûrân beherrscht. In diesen Erzählungen sind die stetig gleichbleibenden kulturellen und geschichtlichen Verhältnisse verschmolzen mit dem uralten Mythus von dem Kampf der Lichtgötter gegen die feindlichen Dämonen. Der Herrscher Tûrâns ist ein wilder Barbarenkönig, der »Tûra Franrasjan«, bei Firdusi Afrâsiâb, Nachkomme des Eponymus Tûr, der mit den Helden und Königen Irâns in ununterbrochenem Kampfe liegt, bis er schließlich bewältigt und getötet wird. Auffallenderweise kommt der Name Tûrân weder bei Darius noch bei den Griechen vor, die vielmehr die Bezeichnung Saken oder Skythen in demselben Sinne gebrauchen; daß er trotzdem uralt ist, lehrt das Awesta. Aber um einen ethnographischen Gegensatz handelt es sich dabei nicht; viel eher sind die Tûra ein arischer (iranischer) Nomadenstamm gewesen, dessen Name im Sprachgebrauch Ostirâns zur Bezeichnung aller Nomadenstämme des Nordens und zum Synonym von [906] Dâha geworden ist. Es ist daher wenig zweckmäßig, wenn moderne Forscher den Turaniernamen vielfach in ethnographischem Sinne verwenden und z.B. von einem turanischen Sprachstamm reden; mit den Türken, die erst im sechsten Jahrhundert n. Chr. (um 560) in diesen Gebieten auftreten, hat der Name Tûrân vollends nichts zu tun. – Nomadische Stämme gibt es auch sonst in Irân, vor allem in der zentralen Wüste, aber auch in den Randgebirgen. Unter ihnen werden besonders die Sagartier (pers. Asagarta) genannt, nach Herodot ein nomadischer Reiterstamm, der mit dem Lasso die Feinde fängt und dann mit dem Dolch niederstößt; ihre Sprache ist persisch. Daher finden sie sich auch in der von ihm überlieferten Liste der persischen Nomadenstämme; und auch hier erscheint neben ihnen sowie den Mardern und Dropikern der Name der Daher, ein weiterer Beleg, daß dieser mit Rasse und Sprache nichts zu tun hat, sondern die Lebensweise der Räuberstämme bezeichnet.


Der Name Δάαι oder Δάοι ist den Griechen seit der Zeit Alexanders geläufig; das inlautende h hat die lateinische Schreibung Dahae bewahrt. und Steph. Byz. Δάαι, Σκυϑικὸν ἔϑνος εἱσὶ δὲ νομάδες. λέγονται καὶ Δάσαι, μετὰ τοῦ σ zeigt, daß sich daneben noch die ältere Aussprache, mit s, wie im Indischen, erhalten haben muß. Δάοι unter den Stämmen der Perser Herod. I 125; in Ostiran erwähnt er sie so wenig wie Darius. Die »Seelen (Fravašis) der Frommen aus den arischen, tûrischen, sairimischen (ihr Eponymus in der iranischen Sage ist Şalm), sainischen, dâhischen Gauen« Jašt 13, 143f. – Tûrische dânus Jašt 5, 73. 13, 38. Frjâna in den Gâthas Jasna 46, 12; die frommen Tûra Aredžanhat und Frârâzi Jašt 13, 113. 123. Franrasjan Tûrô wird im Awesta oft erwähnt. – Iranische Namen haben der Massagete Σπαργαπίσης, Sohn der Tomyris Herod. I 211, der Fürst der transjaxartischen Skythen Σατράκης Arrian IV 4, 8, der Sake Μαυάκης Arrian III 8, 3. Den Namen der Massageten leitet MARQUART, Unters. zur Gesch. von Eran II (Philol. Suppl. X) 78, vgl. 249, von iran. masja »Fisch« ab, als Fischesser, vgl. Herod. I 216 und 202. Massageten und Alanen: Ammian 31, 2. 12 = 23, 5, 16, vgl. § 568. – Herodots Angabe VII 64 οἱ γὰρ Πέρσαι πάντας τοὺς Σκύϑας ἐκάλεον Σάκας wird durch die Inschriften des Darius durchaus bestätigt. [Die Babylonier gaben das pers. Sakâ durch Gimiri = Kimmerier wieder; die Lesung Nammiri der älteren Ausgaben beruhte nach der neuen Ausgabe des Brit. Mus., The sculptures and inscr. of [907] Darius, 1907, p. 161, 3, auf Versehen.] In seiner Grabinschrift zählt er auf: Sakâ Haumavarkâ, Sakâ tigrakhaudâ d.i. die amyrgischen Saken und spitzmützige Saken; dazu kommen »die Saken jenseits des Meeres« d.i. die pontischen Skythen oder Skoloten. Die Annahme von ANDREAS (Verh. des 13. Orientalistenkongr. in Hamburg 1902, S. 97), daß Sakâ und Haumavarkâ zwei Völker seien, ist jetzt durch die Beischriften bei den Abbildungen der Völker widerlegt; s. WEISSBACH, Keilinschr. der Achaemeniden S. 87 und HERZFELD in SARRE und HERZFELD, Iranische Felsreliefs S. 251f. Herodot VII 64 sagt von den spitzmützigen Saken des Heeres des Xerxes: τούτους δὲ ἐντας Σκύϑας Ἀμυργίους Σάκας ἐκάλεον (woran die angeführte Bemerkung über die Verwendung des Sakennamens bei den Persern anschließt), identifiziert also die beiden bei Darius genannten Völker. Die Amyrgier kannte auch Hellanikos (Steph. Byz.), der ein Ἀμύργιον πεδίον Σακῶν erwähnte; bei Ktesias ist Amorges ein Sakenkönig, den Kyros bekriegt; bei Polyaen VII 12 einer der Sakenkönige zur Zeit des Darius. Daß der Name »Hauma (Soma)-bereiter« bedeute, wie man gewöhnlich annimmt, ist zum mindesten sehr zweifelhaft. – Zur Bestimmung der Wohnsitze und Nationalität der Saken reichen die Nachrichten der Griechen nicht aus; hier treten die chinesischen Nachrichten (bei denen sie Sök, später Sse heißen) ergänzend ein, über die ich aber einen Überblick nicht zu gewinnen vermag. – Sagartier (bei Darius Asagarta): Herod. VII 85. I 125. III 93; Ptol. VI 2, 6 kennt sie im östlichen Zagros in Medien. Vgl. auch Bd. III § 10.


579. Der Gegensatz zwischen der seßhaften Bevölkerung und den räuberischen Nomaden am Nordrande Irans ist von der Natur vorgezeichnet und heute derselbe wie vor Jahrtausenden, trotz aller Verschiebungen der ethnographischen und politischen Verhältnisse. Daher ist auch der Kampf zwischen beiden ein ewiger; er kennt keinen dauernden Sieg und ebensowenig einen Friedensschluß und eine Versöhnung, die Bestand haben könnte. Um so leichter konnte der uralte Mythus von dem Kampf der lichten und der finsteren, der guten und der bösen Mächte der Götterwelt sich in einen Kampf zwischen Iran und Turan umsetzen, der seit dem Beginn der Geschichte die Welt erfüllt; in der iranischen Sage sind beide Elemente untrennbar miteinander verbunden. – Zugleich aber lehrt die Übertragung der alten Bezeichnung der fremden Volksfeinde (dâsa) auf die stammverwandten Nomaden, daß im Leben der Arier eine tiefgreifende Umwandlung und [908] Scheidung eingetreten ist; und diese hat sich bereits in der Periode des indoiranischen Einheitsvolks vollzogen. Die Nomadenstämme leben in den alten Verhältnissen weiter, ohne Kultur und ohne geschichtliche Entwicklung, ja sie mögen zum Teil in noch größere Barbarei hinabgesunken sein. Selbst die am weitesten Fortgeschrittenen unter ihnen, die skolotischen Skythen, die zeitweilig ein mächtiges Königtum besessen haben und zum Teil zum Ackerbau übergegangen waren, stehen, wie Herodots vortreffliche Schilderung zeigt, tief unter den semitischen Beduinen. Bei den ostiranischen Nomadenstämmen haben sich vielfach die rohesten Sitten und Bräuche erhalten: matriarchalische Ungebundenheit der Frauen bis zu vollkommen freiem Geschlechtsverkehr bei den Massageten (§ 10 A.) – vgl. dazu die Teilnahme der Jungfrauen am Kampf bei den Sauromaten § 20 A. – , Erschlagung und Verzehrung der alten Leute bei den Massageten wie bei zahlreichen anderen arischen und nichtarischen Stämmen Irans und Indiens (§ 12 A.). Daß man die Leichen den Geiern und Hunden zum Fraß überließ, war in Ostiran die Regel (§ 12 A.) und ist von der zoroastrischen Religion sanktioniert und obligatorisch gemacht worden; aber auch in Indien wurden die Toten noch in vedischer Zeit vielfach einfach auf das Ödland oder in den Wald geworfen, und später ist die Sitte aufgekommen, sie in den heiligen Strom Ganges zu werfen, die bekanntlich noch gegenwärtig allgemein verbreitet ist. Bei den Zoroastiern muß die Leiche von einem Hunde angeblickt werden, und ein gespenstischer Hund haust an der Brücke, die der Geist des Toten überschreiten muß; bei den Indern bedrohen ihn die Hunde des Totengottes Jama, Kinder der Götterhündin Saramâ; auch diese Vorstellungen sind offenbar aus den alten Bräuchen erwachsen. Das alles läßt erkennen, aus welcher Barbarei sich die Arier zur Kultur hinaufgearbeitet haben.


Über Aussetzung (»Wegwerfen«, »Wegtun«) der Leichen im Veda neben Verbrennung und Begrabung s. OLDENBERG, Religion des Veda 570f.


[909] 580. Maßgebend für diese Entwicklung ist eben die Beschaffenheit der Wohnsitze gewesen. In den Tälern und auf den Triften des östlichen Gebirgslandes, und dann bei ihrer weiteren Ausbreitung in das reiche Ackerland des Pendschâb, über die Berge und Hochtäler Irâns und in die oft weit in die Steppe hinausgeschobenen Kulturoasen im Nordwesten (so Samarkand, Merw, Chwaresm) sind die Arier zu einem Bauernvolk geworden, das von Viehzucht und Ackerbau lebte. Durchweg erscheint als ihr wertvollstes und heiligstes Besitztum das Rind. Noch weit kostbarer ist freilich das Pferd, und Mythus wie Dichtung sind in Indien und Iran voll seines Preises. Auch manche Gottheiten fahren auf rossebespanntem Wagen einher, so vor allem die hilfreichen Aśvins, die »roßgestaltigen« Zwillinge, schon nach indogermanischer Anschauung (§ 558) die Retter in aller Not; und das Roßopfer ist die höchste Gabe, welche den Göttern dargebracht werden kann (so auch bei den Massageten Herod. I 216). Aber es ist nur der Besitz der Reichen, der Fürsten und der vornehmen Krieger (vgl. § 577); daher sind so zahlreiche Eigennamen vornehmer Arier davon abgeleitet. Auf dem Rinde dagegen beruht die Kultur, ja das gesamte Leben des Volks; es ist von den Göttern den Menschen zum Gefährten gegeben, es gewährt Milch und Fleisch, es hilft bei der Feldbestellung-die wie in der homerischen Welt, so auch im alten Indien und Iran hinter der Viehzucht und Milchwirtschaft noch durchaus in den Hintergrund tritt –; es verlangt dafür aber auch sorgsame Pflege und fesselt an Haus und Hof. Daher spielt es, wie in Aegypten und bei anderen Völkern auf gleicher Kulturstufe, z.B. den Kaffern, so auch bei den Ariern im Kultus eine bedeutsame Rolle: viele Götter und Göttinnen erscheinen in Gestalt von Stieren und Kühen, der Urin des Rindes hat bei Iraniern und Indern reinigende und heiligende Kraft, die Pflege des Rindes ist ein religiöses Gebot, durch dessen Befolgung nach Zoroasters Anschauung der gläubige Bauer sich von dem wilden Räuber der Steppe unterscheidet; in wie gewaltiger Weise die spätere indische Religion die [910] Heiligkeit der Kuh gesteigert hat, ist allbekannt. – Die politische Organisation der arischen Stämme kann nur sehr locker gewesen sein. Die seßhafte Bevölkerung lebte in kleinen offenen Ortschaften (vis), die dem dâr der Araber (§ 327) entsprechen; sie bildeten zugleich eine durch Blutsverwandtschaft verbundene Genossenschaft, über der die größeren Verbände der Geschlechter und Gaue stehen. An der Spitze stehen Häuptlinge, offenbar mit sehr beschränktem Machtbereich, und ein kriegerischer Adel. Wie weit sich, namentlich bei Kriegen und Eroberungszügen, zeitweilig ein mächtigeres Oberkönigtum gebildet haben mag, läßt sich nicht erkennen; eine dauernde Institution ist es bei den seßhaften Ariern nicht geworden, im Gegensatz zu manchen nomadischen Stämmen, so den Skoloten, den Massageten und den Saken.


Die Erkenntnis des arischen Einheitsvolks und seiner Institutionen und Anschauungen ist durch die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Veda und Avesta nicht nur im Wortschatz, sondern vor allem in den Götternamen, den Mythen, zahlreichen Formeln und technischen Ausdrücken und überhaupt in den gesamten Anschauungen ermöglicht. Die Grundlagen haben die ersten Erforscher des indischen und iranischen Altertums gelegt, vor allen R. ROTH (ZDMG. II. IV. VI und sonst), ferner A. KUHN, A. WEBER, M. MÜLLER u.a. Sie sind natürlich auch in den Darstellungen der älteren Zustände der Einzelvölker berücksichtigt und mehrfach weitergeführt, von denen ich für Indien ZIMMER, Altindisches Leben, 1879, A. LUDWIG, Die Mantraliteratur und das alte Indien, in s. Übersetzung des Rigveda III, 1878 und OLDENBERG, Religion des Veda, 1894, nenne, ferner das ganz von der Deutung auf Naturphänomene, speziell den Mond, beherrschte Werk HILLEBRANDTS' Vedische Mythologie, seit 1891. Die zahlreichen Arbeiten über den Veda (A. LUDWIG, BERGAIGNE, PISCHEL und GELDNER u.a.) können hier nicht aufgezählt werden. Für Iran (neben SPIEGELS unzulänglicher Eranischer Altertumskunde, 3 Bde., 1871ff., den Arbeiten DARMESTETERS, GELDNERS u.a.) W. GEIGER, Ostiranische Kultur im Altertum, 1882, der die Daten des Awesta zu einem anschaulichen Bilde verarbeitet, aber die grundlegende Vorfrage, in welchem Umfang das Awesta als Zeuge einer alten Zeit und einer einheitlichen Kultur betrachtet werden darf, nicht berücksichtigt hat [weiteres darüber im nächsten Bande]. Für die Geschichte der iranischen Sage ist grundlegend die vortreffliche Darstellung von NÖLDEKE, Das iranische Nationalepos, 1896 (aus dem Grundriß der iran. Philol. II). Die Einzelarbeiten in dem Grundriß der [911] indoarischen Philologie, herausgegeben von G. BÜHLER, und in dem der iranischen Philologie, herausgegeben von W. GEIGER und E. KUHN 1896ff., berühren ihren Aufgaben entsprechend diese Fragen nur beiläufig. Überhaupt aber ist die große und äußerst lohnende Aufgabe, die der Wissenschaft hier gestellt ist, eine Rekonstruktion der arischen Zeit und eine von da aus hinabsteigende Darlegung der Verzweigung und Sonderentwicklung der einzelnen Völker, die bei diesen erst ein volles geschichtliches Verständnis ermöglichen könnte, überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen worden. Sie ist natürlich nur möglich auf Grund einer von unten aufsteigenden, auf voller Beherrschung des Materials beruhenden umfassenden Forschung, die alle Einzelheiten untersucht und dann die Ergebnisse zusammenfaßt und sich so die Grundlage für die geschichtliche Darstellung schafft. Wie die Dinge liegen, muß ich mich mit einer kurzen Skizze begnügen, die nicht wesentlich über das hinausgeht, was ich schon vor einem Vierteljahrhundert geben konnte, wenn ich auch versucht habe, die ältere Darstellung zu erweitern und zu vertiefen. Nur das wesentlich vertiefte Verständnis des Veda hat hier bedeutende Förderung gebracht, deren Ergebnisse voll auszunutzen mir jedoch unmöglich ist.


581. Die Bedeutung der arischen Entwicklung liegt nicht in diesem Fortschreiten eines aus primitiven Verhältnissen herauswachsenden Volks zu Seßhaftigkeit und landwirtschaftlicher Kultur; auch nicht in ihrer räumlichen Ausbreitung, die an sich nicht mehr Interesse haben würde als etwa die der Mongolen oder der Bantustämme, zumal sie zu geschichtlicher Wirkung auf andere Völker, von ihrem vorübergehenden Erscheinen in Mesopotamien und Syrien abgesehen, erst in weit späterer Zeit gelangt sind. Sondern sie liegt darin, daß sich in ihr zugleich die natürliche Begabung eines indogermanischen Volks völlig selbständig, ohne Einflüsse von außen, zu einer ausgeprägten, ganz individuell gestalteten Eigenart des Volkstums gestaltet hat, die das arische Volk nicht nur charakteristisch von allen anderen scheidet, sondern ihm auch eine unvergängliche Bedeutung für die Entwicklung des Menschengeschlechts überhaupt gesichert hat. Denn die Annahme, die Arier hätten Anregungen von Babylonien aus erfahren, entbehrt jeder Begründung. Allerdings ist es sehr wohl möglich, daß materielle Einwirkungen und Erzeugnisse der Kultur von Sinear bis zu [912] ihnen gedrungen sind; darüber wissen wir nichts, da diese Gebiete archäologisch noch gänzlich unerforscht sind. Aber tiefgreifend können dieselben nicht gewesen sein, wie sich denn z.B. die Schrift nicht nach Osten verbreitet hat. Die Hypothese dagegen, daß in die arische Götterwelt babylonische Gestalten eingedrungen seien, ist gänzlich unhaltbar; was von solchen Einflüssen vorliegt, gehört durchweg in weit spätere Zeit. Vielmehr unterscheidet sich die arische und die aus ihr erwachsene indische und iranische Kultur gerade dadurch von denen der übrigen indogermanischen Völker, daß sie sich in sehr früher Zeit, seit etwa 2000 v. Chr., ganz unabhängig gebildet hat, während die Griechen, deren Entwicklung um dieselbe Zeit einsetzt, in den Bereich der Kultur des Aegaeischen Meers eintraten und deren Einwirkung in sich aufnahmen. Eben darum weicht die Gestaltung des geistigen Lebens der Arier denn auch, trotz der gemeinsamen Grundlage der Urzeit, so stark von der aller anderen Indogermanen ab.


OLDENBERG, Rel. d. Veda 103, hat Varuna, Mitra und die Âditjas als Mond, Sonne und die fünf Planeten zu deuten versucht und dafür babylonische Einwirkung angenommen, und identifiziert sie mit Ahura Mazda und den sechs Ameša spenta (zu denen aber Mithra nicht gehört); ZDMG. 50. 43ff. hat er seine Ansicht weiter verteidigt. Ich kann ihr (abgesehen von der Identifizierung von Varuna und Ahura Mazda) nirgends zustimmen. Die sechs Ameša spenta, die dem Ahura Mazda zur Seite stehen, sind wie der Name Mazda selbst rein abstrakte Bildungen und Schöpfungen Zoroasters, die mit den indischen Âditjas nichts zu tun haben; und diese wieder haben keine Beziehungen zu den Planeten. Auch kann ich Varuna (Ahura) nicht für einen Mondgott halten, vgl. § 586. Andrerseits beruht diese Hypothese auf einer zwar weit verbreiteten, aber irrtümlichen Auffassung der babylonischen Religion und der Bedeutung der Planeten in derselben, vgl. § 427. – Daß die iranische, auch im Awesta Jašt 5, 29 vorliegende Sage den Drachen Aži dahâka (Zohâk) in Babylon (Bawri) lokalisiert und ihn zu einem König in Menschengestalt macht, dem nach sumerischem Typus (§ 372) aus jeder Schulter ein Drache hervorwächst, der sich von Menschenhirn nährt, beruht auf dem späteren Einfluß Babylons auf Irân (der ebenso auf Indien gewirkt hat), beweist aber natürlich für die arische Zeit gar nichts; für diese ist der Drache, den Indra oder Trita »der Vrtratöter« (§ 585) erschlägt, noch so wenig vermenschlicht oder auf Erden lokalisiert [913] gewesen, wie im Veda. – Daß es verkehrt ist, in diesen und ähnlichen Sagen Erinnerungen an historische Ereignisse zu suchen, obwohl das oft genug geschehen ist, bedarf keiner Ausführung. – Die Verwendung der Siebenzahl für größere Gruppen (die 7 Aditjas, die 7 Ršis, die 7 Ströme u. ä) ist nichts spezifisch Babylonisches, sondern allgemein menschlich, vgl. § 426 a A.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 904-914.
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