Chronologische Bestimmungen. Die Kultur des Einheitsvolks

[856] 551. Zur Bestimmung der Zeit, in der die Indogermanen zuerst aufgetreten sind und ihre Ausbreitung begonnen hat, gewährt einigen Anhalt, daß wir arische Elemente im fünfzehnten Jahrhundert im westlichen Mesopotamien und Syrien antreffen und hinreichende Gründe zu der Annahme haben, daß sie hier sowie im westlichen Iran schon ein paar Jahrhunderte früher aufgetreten sind (§ 455ff.). Um dieselbe Zeit beginnt die Sonderentwicklung der Arier im westlichen Indien, von der die vedischen Hymnen Zeugnis ablegen (§ 573). Vorher liegt die Ausbildung des arischen Volkstums, seiner Sprache, Religion und Kultur, die einen beträchtlichen Zeitraum in Anspruch genommen haben muß; somit werden wir die Loslösung der Arier aus der Gemeinschaft des indogermanischen Urvolks jedenfalls weit ins dritte Jahrtausend hinaufrücken[856] müssen. Etwa auf dieselbe Zeit führen die Indizien für die Festsetzung der Griechen in dem südlichen Ausläufer der Balkanhalbinsel (§ 527); spätestens etwa um 2000 v. Chr. wird die ältere Schicht der griechischen Stämme in diese Gebiete gelangt sein. Damals mögen thrakische und illyrische Stämme schon den Rumpf der Balkanhalbinsel erfüllt haben, wenn auch die Nordwestgriechen (Dorier) damals noch in Epirus, Makedonien und vielleicht dem südlichen Illyrien gesessen haben werden. Auch in Mittelitalien hat es damals gewiß schon indogermanische Stämme gegeben. Dazu stimmt die Tatsache, daß die Kultur der Einheitszeit, soweit wir sie erschließen können, dem Ende der Steinzeit und der Epoche, in der das Kupfer zuerst aufkommt, angehört (§ 553). So führen drei von einander völlig unabhängige Entwicklungsreihen gleichmäßig darauf hin, daß die Ausbreitung der Indogermanen etwa um 2500 v. Chr. begonnen hat und die am weitesten vorgeschobenen indogermanischen Völker spätestens seit dem Beginn des zweiten Jahrtausends in den Bereich der älteren Völker und Kulturen eingetreten sind.


Auf die gleiche Zeitbestimmung scheint auch die Tatsache hinzuweisen, daß die Einzelsprachen, soweit sie in ihrer späteren Entwicklung aus einander gegangen sind, doch in ihrer teils überlieferten, teils durch Rekonstruktion gewonnenen ältesten Gestalt sich außerordentlich nahe stehen. Indessen das ist ein sehr unsicheres Argument; denn wenn manche Sprachen sich nicht nur in geschichtlicher, sondern auch in vorgeschichtlicher Zeit in kurzer Zeit stark umgewandelt haben, sowohl lautlich wie grammatisch (vgl. z.B. die germanischen Dialekte oder das Babylonische), so zeigen andere, wie das Litauische oder das Arabische, daß sich eine Sprache auch Jahrtausende lang sehr wenig ändern und Laute wie Formen der Urzeit ungetrübt bewahren kann.


552. Die Sonderentwicklung der Indogermanen und ihre Ausbildung zu einem selbständigen Volkstum mit charakteristischer Eigenart fällt mithin ins vierte und die erste Hälfte des dritten Jahrtausends. Die Anfänge mögen klein gewesen sein; dann aber hat sich das Volk in zahlreiche Stämme verzweigt, die noch in enger Berührung und regem Austausch standen, aber bereits ein ausgedehntes Gebiet besessen haben [857] müssen. Von der geistigen Begabung dieses Volks legt seine Sprache Zeugnis ab, die an Reichtum und Vielseitigkeit des Ausdrucks alle anderen übertrifft und den Einzelvölkern ein geistiges Werkzeug mitgab, auf dem ihre Überlegenheit über andere Völker ganz wesentlich beruht. Die Sprachforschung gewährt uns auch die Mittel, um von den Kulturzuständen des indogermanischen Volks in der Zeit vor der Trennung ein Bild zu gewinnen. Denn trotz aller Umgestaltungen in Form und Bedeutung gibt jedes Wort Kunde von den Anschauungen der Zeit, in der es geprägt wurde; und so redet die indogermanische Urzeit auch zu uns noch deutlich vernehmbar. Freilich bietet die Rekonstruktion des Wortschatzes der Ursprache große Schwierigkeiten: Wörter, die sich in allen Einzelsprachen erhalten haben, sind natürlich nicht sehr zahlreich, bei denen, die nur in einigen Einzelsprachen vorliegen, ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sie nur einer Sondergruppe, nicht dem gesamten Urvolk angehören. Am sichersten ist der Rückschluß auf die Urzeit, wenn das Wort in solchen Sprachen vorliegt, die sich am fernsten stehen und am frühesten die Verbindung mit einander verloren haben, also z.B. in der arischen und in einigen europaeischen Sprachen, oder in einem Teil der Centum-und der Satemsprachen. Nur ist auch in diesen Fällen immer mit der Möglichkeit zu rechnen, daß ein derartiges Wort sich erst später, infolge der geschichtlichen Berührung der Einzelvölker, über ein größeres Gebiet verbreitet hat, so namentlich bei Übereinstimmungen zwischen dem Germanischen und dem Letto-Slawischen, dem Germanischen und dem Keltischen, dem Griechischen und den italischen Sprachen, aber auch z.B. dem Arischen und dem Slawischen. Solche Entlehnungen sind vielfach mit Sicherheit nachweisbar, und in anderen Fällen ist die Entscheidung äußerst problematisch. Dieselben Probleme kehren wieder, wenn man versucht, von den Zuständen der, durchweg in zahlreiche Stämme und Dialekte geschiedenen, Einzelvölker bei ihrem ersten Eintritt in die Geschichte ein Bild zu gewinnen; und für die Aufhellung dieser Frage, die [858] doch geschichtlich weit bedeutsamer ist als die Untersuchung der Zustände der Urzeit, und die überdies für diese erst das Material beschaffen würde, ist von der Forschung noch sehr wenig getan. Nur bei den arischen Stämmen liegt ein so reiches Material vor, daß hier die Rekonstruktion in weitem Umfang mit voller Sicherheit möglich ist (§ 580ff.).

553. Trotz dieser Bedenken ist die Zahl der Wörter und der in ihnen erkennbaren Zustände nicht gering, die wir der Einheitszeit zuschreiben dürfen. Aber-und damit wird erst der wundeste Punkt der Rekonstruktionsversuche berührt-den Zügen, die wir auf diesem Wege erkennen können, fehlt die geschichtliche Individualität; die Umrisse des Bildes bleiben unbestimmt und verschwommen und gerade die charakteristische Sondergestaltung, welche die Indogermanen von anderen Völkern gleicher Kulturstufe unterschied, läßt sich am wenigsten erfassen. Wir sehen ein Volk, bei dem die Viehzucht sehr stark entwickelt war, das aber auch den Ackerbau kannte; denn die Wörter pflügen, sähen, mähen, Pflug, Acker u.a. sind den meisten europaeischen Völkern gemeinsam, und wenn sie bei den Ariern fehlen, so kann das nicht beweisen (vgl. aber § 577), daß sie und das einheitliche Urvolk den Getreidebau überhaupt noch nicht gekannt haben, sondern dieser erst aufgekommen ist, als die Arier sich schon von ihm losgelöst hatten; sondern sie können ebensogut die alten Wörter durch neue ersetzt haben, ebenso wie sie z.B. die Wörter für Melken und für Milch verloren haben, die doch zweifellos in der Ursprache vorhanden gewesen sind. Auch hat sich wenigstens das Wort für Gerste (java) auch im Arischen erhalten, ebenso z.B. in einzelnen indischen Dialekten die Wurzel al fürmahlen. Wie nun aber der Ackerbau im einzelnen gestaltet war, und vor allem, welche Rolle er im Wirtschaftsleben neben Viehzucht und Jagd spielte, ob er, wie anzunehmen, wesentlich oder ausschließlich von Frauen und vielleicht auch von leibeigenen Knechten betrieben wurde, darüber vermag die Sprachgeschichte keine Auskunft zu geben. Vermutlich wird hier die Beschaffenheit der Wohnsitze, daneben vielleicht auch Verschiedenheit der militärischpolitischen [859] und kulturellen Einrichtungen schon früh wesentliche Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen geschaffen haben. Unter den Haustieren war neben dem Kleinvieh und dem Rind das in der turanischen Steppe und Zentralasien wie in Mitteleuropa (§ 532) seit ältester Zeit heimische Pferd allgemein verbreitet, wie das gemeinsame Wort ekvo und die zahlreichen, bei allen Indogermanen damit gebildeten Eigennamen beweisen; auch in der Mythologie spielt es eine große Rolle und die Vorstellung von den Sonnenrossen und dem Sonnenwagen ist jedenfalls uralt. Denn es wurde nicht nur zum Reiten benutzt, sondern vor allem an den Wagen gespannt (vgl. § 577); denn auch dieser und ebenso das Joch der Rinder gehört dem gemeinsamen Sprachgut an. Dagegen sind Schweine- und Gänsezucht den Ariern noch fremd (auch die Skythen züchten keine Schweine, Herod. IV 63) und bei den Indern erst in geschichtlicher Zeit aufgekommen, obwohl die Namen dieser Tiere bei ihnen dieselben sind wie bei den Europaeern; auch das zeigt, wie problematisch oft Rückschlüsse aus dem Wortschatz sind. Daß man Hütten und Häuser baute, daß es eingezäunte Hürden und Höfe und auch geschlossene Ortschaften gab, daß man die Flüsse und Seen mit Nachen befuhr, und vielleicht auch das Meer, versteht sich von selbst, wird aber auch durch die Sprache bestätigt. Auch Spinnen und Weben verstand man. Von den Metallen war das Kupfer (oder Bronze?) ajos bekannt; Gold, Silber, Eisen dagegen waren der Einheitszeit noch fremd, da für sie jede Einzelsprache ein anderes Wort gebildet hat. Das führt auf das Ende der Steinzeit, die Epoche, in der das Kupfer aufzutauchen beginnt. Hausrat und Waffen, von denen sich Pfeil und Bogen, Speer oder Lanze, und vielleicht auch noch Keule, Axt und Dolchmesser (vgl. § 538), aber weder das Schwert noch eine Schutzwaffe nachweisen lassen, werden durchweg noch aus Stein oder Knochen gearbeitet sein. Die reich und systematisch ausgebildeten Verwandtschaftsnamen bezeugen, daß die unter der Gewalt des »Hausherrn« (δεσπότης) stehende patriarchalische Familie voll entwickelt [860] war und die Grundlage des sozialen Lebens bildete. Daneben steht die Zusammenfassung der freien Wehrmänner zu den Verbänden der »Bruderschaften« (Phratrien). Wenn wir auch bei indogermanischen Völkern vereinzelte »mutterrechtliche« Ordnungen oder ein ganz gelockertes Geschlechtsleben finden (§ 11), so geht das entweder auf fremde Einflüsse zurück, wie auf den britischen Inseln, oder es handelt sich um Stämme, die in sehr primitiven, nomadischen Zuständen stehen geblieben oder in solche zurückgesunken sind, wie die arischen Nomaden (§ 579); auch die abweichende Familienordnung der Dorier, die sich in Kreta und Sparta erhalten hat, wird so zu erklären sein.


Die Forschungen über die indogermanische Urzeit beginnen mit AD. KUHN, Zur ältesten Geschichte der indog. Völker (1845, dann in den Indischen Studien I 1850) und JAC. GRIMM, Geschichte der deutschen Sprache, 1848. Ihnen folgen M. MÜLLER, PICTET (Origines indoeuropéennes) u.a.; am bedeutendsten V. HEHN, Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien, der aber jetzt auch vielfach überholt ist. Seitdem hat vor allem O. SCHRADER dies Gebiet bearbeitet und sowohl in dem Werk Sprachvergleichung und Urgeschichte, 2 Bde., 3. Aufl. 1906f., wie in dem sehr dankenswerten Reallexikon der indog. Altertumskunde, 1901, ein reiches Material für das Urvolk und die Einzelvölker zusammengetragen. Daneben H. HIRT, Die Indogermanen, ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur, 2 Bde., 1905 [und jetzt S. FEIST, Kultur, Ausbreitung und Herkunft der Indogermanen, 1913]. O. SCHRADER ist von Einseitigkeiten nicht frei, und es fehlt ihm nicht selten an festem Zugreifen; aber die scharfen Angriffe, die man oft gegen sein Werk gerichtet hat, sind ungerecht. Allerdings überschätzt er die Bedeutung der Ergebnisse; im allgemeinen hat er indessen die Verhältnisse der Urzeit ganz richtig bestimmt. Aber gerade seine Werke zeigen, wie wenig sicheres Detail sich hier gewinnen läßt. Vor allem jedoch kranken seine wie überhaupt alle bisher auf diesem Gebiet unternommenen Arbeiten an dem Grundfehler, daß sie sich nicht die genügende Grundlage geschaffen haben und das Ziel vorwegnehmen. Die nächste Aufgabe ist, die ältesten der Forschung erreichbaren Zustände der Einzelvölker zu rekonstruieren; und diese ist bisher so gut wie gänzlich vernachlässigt, selbst bei den Ariern, wo das Material am reichlichsten fließt (vgl. § 580 A.), geschweige denn bei den Griechen und gar den Italikern. Erst wenn hier ein zuverlässiges Bild gewonnen ist, kann man von da aus weiter auf die Einheitszeit Rückschlüsse [861] machen. – Viel Richtiges bietet KRETSCHMER, Einleitung (§ 549 A.); aber sein Skeptizismus geht über das Ziel hinaus. Wenn er z.B. S. 21f. sagt, »aus der Gleichung skt. jugam, gr. ζυγόν, lat. jugum, got. juk, slaw. igo, lit. jungas folgt weiter nichts, als daß sich einmal von einem unbekannten Ausgangspunkt aus das Wort jugom, vermutlich mit dem Gegenstand (Joch) selbst, über das ganze indogermanische Sprachgebiet verbreitet hat«, und diesen Vorgang mit der Verbreitung des Pfeffers und seines indischen Namens bei den europaeischen Völkern in später geschichtlicher Zeit »prinzipiell auf eine Linie« stellt, so ist das nicht richtig. Daß jedes Wort und jede neue Erfindung von Individuen ausgegangen ist und sich von einem räumlich ganz beschränkten Ausgangspunkt aus verbreitet hat, ist selbstverständlich, steht aber hier nicht in Frage; sondern die Gleichung für jugom beweist durch ihre sprachliche Form, daß das Wort und damit der Gegenstand dem indogermanischen Volk zur Zeit seiner Einheit bekannt gewesen ist; und darauf kommt es hier allein an. – Über al- »mahlen« in indischen Dialekten: KRETSCHMER S. 102. – Den Ackerbau und ebenso die Waldbäume der Indogermanen hat eingehend, unter sorgfältiger Verwendung des prähistorischen Materials, J. HOOPS, Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum, 1905, S. 112ff. 342ff. behandelt, der aber in seinen sprachlichen Annahmen mehrfach zu weit geht und überdies ganz von der Hypothese von der europaeischen Heimat der Indogermanen beherrscht ist, so daß er die auf asiatischem Boden vorliegenden Möglichkeiten leider nicht berücksichtigt hat. – Über die Familie DELBRÜCK, Die indogermanischen Verwandtschaftsnamen, Abh. sächs. Ges. d.W. phil. Cl. XL, 1890. – Wenn, wie man jetzt wohl allgemein annimmt, das Wort für »Beil«, griech. πέλεκυς = ind. paraśu wirklich ein Lehnwort aus dem assyrischen pilaqqu »Beil« ist, was mir sehr fraglich erscheint, so ist es natürlich nicht in der Urzeit entlehnt, sondern in geschichtlicher Zeit von Babylonien (Assyrien) aus unabhängig sowohl zu den Griechen wie zu den Indern gedrungen, ebenso wie z.B. die Mine, bab. manû = griech. μνᾶ = ind. manâ.


554. Was sich so hat ermitteln lassen, zeigt, daß das indogermanische Volk sich auf einer Kulturstufe befand, die um die Mitte des dritten Jahrtausends in Europa und auch in der übrigen Welt weithin verbreitet war. Auch was sich sonst noch von sozialen Institutionen durch Vergleichung der Lebensformen, die wir bei den Einzelvölkern antreffen, mit mehr oder weniger Sicherheit auf die Urzeit zurückführen läßt, wie Schließung der Ehe durch Kauf und daneben durch Raub, Blutrache, blutige Totenopfer, einzelne Rechtssatzungen, [862] die Bereitung eines durch Honig gesüßten berauschenden Getränks, des Meths (medhu) u.a. trägt denselben Charakter: es sind meist die allgemeinen Kulturverhältnisse, nicht individuelle Züge eines bestimmten Volks, die in ihnen Ausdruck finden. Vieles wird immer sehr problematisch bleiben; oft genug geht die Übereinstimmung zwischen den Einzelvölkern nicht auf gemeinsames Erbgut, sondern auf parallele Sonderentwicklung unter gleichartigen Kulturverhältnissen zurück und findet sich ganz ebenso auch bei nicht stammverwandten Völkern. Selbst auf eine so wichtige Frage, wie die, ob die Indogermanen die Leichenverbrennung gekannt haben, läßt sich eine sichere Antwort nicht geben. Bei den arischen Stämmen herrschte ursprünglich in weitem Umfang die Aussetzung der Leichen, die sich bei den iranischen Nomaden wie bei den Zoroastriern und in anderer Gestalt bei den Indern erhalten hat (§ 579); derselbe Brauch herrscht ganz allgemein bei den Mongolen der ostasiatischen Steppe, welche die Leichen in Filze wickeln und mit einigen Steinen bedecken, so daß sie alsbald den Raubtieren und Hunden zur Beute fallen. Daneben ist aber sowohl bei den Ariern (§ 588) wie bei den anderen Einzelvölkern sowohl Bestattung wie Verbrennung aufgekommen; und in der Regel gewinnt die Verbrennung das Übergewicht, so bei den Indern, Griechen, Römern; bei den Kelten und den Germanen herrscht sie in der Zeit, in der wir sie kennen lernen, ganz allgemein, während die Skythen die Leichen begruben (Herod. IV, 71ff.). Wir haben schon gesehen, daß diese Sitte in Europa während der Bronzezeit allmählich aufkommt; um dieselbe Zeit dringt sie auch in Italien und die Balkanhalbinsel ein. So dürfen wir vielleicht annehmen, daß sie durch die Indogermanen verbreitet und in stets weitere Gebiete gelangt ist (vgl. § 570), und daß auch das Einheitsvolk sie schon neben der Aussetzung und dem Begraben der Leichen gekannt hat. Vermutlich ist sowohl die Beisetzung unter aufgeschütteten Leichenhügeln wie die Verbrennung zunächst bei Häuptlingen und Vornehmen aufgekommen, und dann allmählich allgemeine Sitte geworden.


[863] In der Rekonstruktion der Sitten und der rechtlichen Anschauungen der Urzeit ist besondere Vorsicht geboten, da immer die Gefahr besteht, spätere gleichartig verlaufende Sonderentwicklung, die ganz ebenso bei zahlreichen anderen Völkern vorliegt, für spezifisch indogermanisch zu halten und fälschlich schon der Urzeit zuzuschreiben. Das gilt z.B. von den Übereinstimmungen, welche LEIST, Gräcoitalische Rechtsgeschichte, 1884, und Altarisches ius gentium, 1889, der Urzeit zuweist. Völlig verfehlt ist das nachgelassene Werk R. v. IHERINGS, Vorgeschichte der Indoeuropäer, 1894, weil auf unzureichenden Kenntnissen aufgebaut.


555. Im übrigen schwanken die Auffassungen zwischen den entgegengesetzten Tendenzen hin und her, entweder die Zustände der Urzeit möglichst primitiv zu zeichnen, als die eines nomadisierenden kulturlosen Volks, oder aber den Indogermanen schon im dritten Jahrtausend eine bedeutende Kultur zuzuschreiben, die sich gar nicht wesentlich von der der späteren geschichtlichen Zeit unterschied. Bei dieser namentlich in der Gegenwart vielfach vertretenen Auffassung wirkt die Neigung ein, die eigenen Vorfahren in möglichst günstigem Lichte erscheinen zu lassen, die in noch höherem Maße so oft auch die richtige Darstellung der ältesten germanischen Zustände getrübt hat. Daneben aber spielt eine recht unhistorische Überschätzung der prähistorischen Funde aus Europa eine große Rolle: man glaubt, ein Volk, das Getreide gebaut hat, müßte darum schon ein seßhaftes Bauernvolk gewesen sein, und wenn es geschmackvolle Arbeiten in Stein und Bronze herstellen konnte-das können die Neger und viele andere Völker auch –, wenn es feste rechtliche Ordnungen besaß und gehaltreiche Sagen und Lieder schaffen konnte, sei es bereits ein entwickeltes Kulturvolk gewesen. Demgegenüber ist nie zu vergessen, wie roh die Zustände der thrakischen und der illyrischen Stämme immer geblieben sind und eine wie große Rolle unter den iranischen Stämmen die Nomaden spielen. Ohne Zweifel ist wie in historischer Zeit, so auch in der vorgeschichtlichen Einheitszeit der Unterschied zwischen den einzelnen Stämmen recht beträchtlich gewesen, je nach den Bedingungen der Wohnsitze, der Sonderentwicklung des Stammes und seiner Berührung mit anderen Völkern;[864] neben Stämmen, die bereits zu festerer staatlicher Ordnung und relativer Seßhaftigkeit gelangt waren, wird es immer andere gegeben haben, die rein nomadisch lebten und daneben höchstens gelegentlich einen ganz primitiven Getreidebau kannten. Dieselben Unterschiede finden wir z.B. innerhalb der Semiten; aber die Gesittung, die wir bei diesen schon in frühester Zeit antreffen, dürfen wir den Indogermanen der Urzeit noch nicht zuschreiben (vgl. §§ 577. 579). Ihre Entwicklung beginnt später und daher von primitiveren Grundlagen aus. Im allgemeinen sind die Zustände denen der Skythen und Massageten oder auch der Thraker weit ähnlicher gewesen, als denen der Germanen zur Zeit des Caesar und Tacitus oder gar der Inder zur Zeit der Veden. Gerade die geschichtliche Wirkung, die von den Indogermanen ausgegangen ist, ihr siegreicher Einbruch in das Gebiet anderer Stämme und ihre weite Verbreitung dient dem zum Beleg. Die romanischen Völker sind durch planmäßige Eroberung entstanden, ebenso die Ausbreitung der Araber; aber die letztere war nur möglich, weil hier ein jederzeit zu Wanderungen bereites, nicht an feste Wohnsitze gebundenes Menschenmaterial zur Verfügung stand. Das gleiche gilt von den Türken und auch von den Germanen, wenngleich beide zunächst als angeworbene Söldner in die Kulturgebiete geführt worden sind, zu deren Herren sie sich dann gemacht haben. Diese äußere Form ist bei den Indogermanen gleichfalls ausgeschlossen; und auch an ein großes eroberndes Reich nach Art der Hyksos, der Hunnen und Mongolen wird man nicht denken dürfen. In allen anderen Fällen ist die Ausbreitung eines Volks über weite Gebiete dadurch entstanden, daß wandernde Scharen, denen die Heimat zu eng wird und die noch nicht fest an dem heimatlichen Boden haften, in die Fremde ziehen, sich neue Wohnsitze zu gewinnen, oft in weiter Ferne. Die Triebfeder dabei ist weit weniger Eroberungslust oder die Lockung reicherer und wohnlicherer Gebiete, als die bittere Not, weil die heimischen Wohnsitze und ihre Produkte für die anwachsende Bevölkerung nicht mehr ausreichen. Je primitiver [865] die Verhältnisse sind, desto leichter tritt diese Not ein und desto schwerer wird sie empfunden. So ist die Ausbreitung der Semiten, der sabellischen Stämme, der Kelten u.a. und auch die der Griechen entstanden; diese Vorgänge bieten die nächste Analogie zu der Ausbreitung der Indogermanen. Nur sind bei diesen die Dimensionen viel größer und die Wirkung viel intensiver und umfassender; die wandernden Scharen müssen sehr volkreich gewesen sein. Das führt darauf hin, sie nicht als verhältnismäßig kleine Stämme zu denken, wie die der Semiten oder der Kelten oder gar der Sabeller, sondern als große Horden, wie die der Skythen, der Hunnen, der Türken und Mongolen. In den nördlicheren Ländern Europas und Asiens, in denen wir die Heimat der Indogermanen jedenfalls irgendwo zu suchen haben, ist für solche große, ein weites Gebiet zu einer einheitlichen Aktion zusammenfassende Verbände Raum genug. Denn die Gebirgswelt Zentraleuropas kommt für die Heimat der Indogermanen jedenfalls nicht in Betracht, da sie in »prähistorischer« Zeit, von einzelnen stark bewohnten Gebieten wie den Alpenseen oder der Rheinebene abgesehen, nur sehr dürftig besiedelt und auf weite Strecken so gut wie unbewohnt gewesen ist.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 856-866.
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