Die steinzeitliche Kultur in Europa

[815] 530. Die Kulturentwicklung, welche sich in »vorgeschichtlicher« Zeit auf dem Boden Europas vollzogen hat, ist uns nach ihrer materiellen und technischen Seite durch ein außerordentlich reiches, sich ununterbrochen mehrendes Fundmaterial aus allen Ländern des Kontinents bekannt geworden, dessen wissenschaftliche Ergebnisse durch die eindringende und umsichtige Arbeit hervorragender Forscher in den Grundzügen mit Sicherheit festgesetzt sind und in den Einzelheiten stetig weiter gefördert werden. Diejenigen Überreste freilich, welche die Vorstufen menschlicher Entwicklung hinterlassen haben, die eolithische und paläolithische Zeit, liegen weit jenseits aller Geschichte (§§ 598ff.); und auch die ersten vielverheißenden Schritte auf der Bahn selbständiger, künstlerisch empfindender Kultur am Schluß der paläolithischen Zeit, die uns in den Funden aus Frankreich und Spanien in der als Magdalénien bezeichneten Epoche und ihren Vorstufen so überraschend entgegentreten (§§ 143 A. 597), entzieht sich der geschichtlichen Erkenntnis: [815] denn diese Kulturansätze brechen jäh ab, wahrscheinlich infolge einer großen physischen Katastrophe, die eine Umwandlung des Klimas und der Tier- und Pflanzenwelt herbeiführte. Sie haben in der Folgezeit keine Fortsetzung, sind vielmehr von der Entwicklung der späteren, neolithischen Epochen durch ein großes, wahrscheinlich nach Jahrtausenden zählendes Intervall getrennt. Die ziemlich vereinzelten Funde, die bis jetzt aus dieser Zwischenzeit vorliegen, sind äußerst dürftig und armselig und zeigen, daß der Mensch aus der älteren Entwicklung zwar einige technische Errungenschaften in der Bearbeitung des Steins, der Knochen, des Holzes und der Felle durch die Katastrophe hindurch herübergerettet hatte, daß ihm aber die damals erwachte künstlerische Gestaltungskraft und damit das, was jener Epoche bereits den Anspruch auf den Namen einer Kultur verleiht, gänzlich verloren gegangen war. Aber etwa im fünften Jahrtausend v. Chr. hat in Europa langsam ein neues Aufsteigen begonnen; und diesmal ist die Entwicklung nicht wieder unterbrochen worden, sondern führt schrittweise und trotz aller Schwankungen und Modifikationen im einzelnen doch im wesentlichen stetig zu immer neuen Errungenschaften und zu immer vielseitigerer Gestaltung der äußeren Lebensformen.

531. Die Anfänge der neuen Entwicklung treten uns am reichhaltigsten in den großen Abfallhaufen menschlicher Wohnstätten, den sogenannten Kjökkenmöddingern oder Muschelhaufen, in Dänemark und dessen Nachbargebieten entgegen, die aus den Überresten ihrer Nahrung, namentlich Muscheln und Knochen von Wild, und ihrer Geräte gebildet sind und gelegentlich auch Skelette bewahrt haben. Hier beginnt die Verarbeitung des Feuersteins zu zugeschlagenen, wenn auch noch nicht geschliffenen Beilen, die in Stiele von Horn oder Holz eingefügt wurden, ferner zu Meißeln und Messern, der Gebrauch von Bogen und Pfeilen mit breiter, in den Rohrschaft eingefügter Feuersteinschneide (wie im älteren Aegypten, § 167, und in Sinear, § 367), ferner die Anfertigung roher Gefäße aus Ton. Daneben werden, wie in [816] der älteren Zeit, Holz, Geweihe und Knochen zu Angelhaken, Harpunen, Beilen und Speerspitzen verarbeitet. Gelegentlich zeigt sich auf ihnen, teils eingeritzt, teils aus Reihen eingebohrter Punkte bestehend, eine lineare Ornamentik mit ganz einfachen Mustern, in denen der Trieb nach gefälliger Gestaltung der Schöpfungen der eigenen Hand schüchtern hervortritt. Es ist sehr wohl denkbar, daß man in ähnlicher Weise auch den eigenen Körper durch Einritzungen und Tätowierung, durch Federschmuck u.ä. geziert hat. Auch Bekleidung mit Tierfellen, Wohnstätten von Schilf und Lehm u.ä. können nicht gefehlt haben. In gebirgigen Gegenden hat sich daneben immer die Höhlenwohnung erhalten.


Ein näheres Eingehen auf die Einzelheiten der »prähistorischen« Zeit Europas liegt gänzlich außerhalb der Aufgaben dieses Werks. Ich verzichte daher auf genauere Literaturangaben, ebenso wie die zahlreichen Kontroversen über Einzelfragen nicht berücksichtigt werden können. Die Grundzüge der Entwicklung und ihre Chronologie sind vor allem durch die skandinavischen Forscher festgelegt, von denen in erster Linie UNDSET (Das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa, deutsch von J. MESTORF 1882), O. MONTELIUS (außer zahlreichen Einzeluntersuchungen vor allem: Die Chronologie der ältesten Bronzezeit in Norddeutschland und Skandinavien, 1900 [Abdruck aus dem Archiv für Anthropologie XXV. XXVI]. Der Orient und Europa, deutsch von J. MESTORF, I 1899. Die älteren Kulturperioden im Orient und in Europa, I Die Methode, 1903), SOPHUS MÜLLER (Nordische Altertumskunde, deutsch von JIRICZEK, 1896f. Urgeschichte Europas, deutsch von JIRICZEK, 1905) zu nennen sind. Ferner M. HOERNES, Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa, 1898. M. MUCH, Die Kupferzeit in Europa, 2. Aufl. 1893 u.a. Für die Pfahlbauten s. die Zusammenfassung der Ergebnisse der älteren Arbeiten (seit ihrer Entdeckung 1853) durch E. v. TRÖLTSCH, Die Pfahlbauten des Bodenseegebiets, 1902. Große Dienste haben mir, als Leitung und Ergänzung der eigenen Anschauung der Monumente, die trefflichen Führer durch die Sammlungen von Kopenhagen (Nationalmuseum, Dänische Sammlung: vorgeschichtliche Zeit [von S. MÜLLER]), Stockholm (MONTELIUS, Das Museum Vaterl. Altert., 2. Aufl. 1908) und London (British Museum, A guide to the stone age, 1902; A guide to the bronze age, 1904; A guide to the early iron age, 1905 [alle drei von CH. H. READ]) geleistet; dazu kommt die reiche Sammlung des Berliner Museums, deren Neuordnung durch SCHUCHHARDT und H. SCHMIDT jetzt begonnen hat. Ferner nenne ich das verdienstliche, [817] wenn auch mit Vorsicht zu benutzende Handbuch von JULIE SCHLEMM, Wörterbuch zur Vorgeschichte, 1908, sowie die Arbeiten von O. SCHRADER (§ 553 A.). Jetzt ist in erster Linie das vortreffliche Werk von J. DÉCHELETTE, Manuel d'archéol. préhistor. I, 1908. II, 1910 zu nennen. Eine populäre Übersicht, mit zahlreichen Illustrationen, gibt H. HAHNE, Das vorgeschichtliche Europa (Monogr. zur Weltgesch. 30, 1910). Ferner natürlich zahlreiche Aufsätze in der Zeitschrift für Ethnologie usw., darunter namentlich die Arbeiten von HUBERT SCHMIDT (vgl. §§ 492 A. 500 A.), sowie seit 1909 in der Prähistorischen Zeitschrift. Auch die Übersichten in den Berichten der römisch-germanischen Kommission bringen reiche Belehrung. Die gewaltigen Fortschritte, welche die prähistorische Forschung in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, liegen klar vor Augen; nicht selten haften indessen der äußerst umfangreichen und zerstreuten Literatur noch die Übelstände an, die ihr Erwachsen aus engbegrenzter Lokalforschung mit sich gebracht hat. Eine einigermaßen ausreichende und in den Grundzügen gesicherte Übersicht des Materials zu gewinnen, ist für den Fernstehenden, der die Ergebnisse für die geschichtliche Forschung und Darstellung zu verwerten gezwungen ist, außerordentlich schwer, und vollends für die außereuropaeischen Länder noch ganz unmöglich. So ist auch die hier gegebene Skizze sehr unzulänglich und wird manche Fehler enthalten; aber bei vielen Fragen versagte die mir zugängliche Literatur oder führte auf Wege, denen ich nicht folgen konnte, und ein tieferes selbständiges Einarbeiten ist für mich ausgeschlossen, da es ein Eindringen in die Einzelfragen der Lokalforschung erfordern würde, die ganz außerhalb der diesem Werke gestellten Aufgaben liegen und geschichtlich bedeutsame Tatsachen nur in sehr geringem Umfange ergeben könnten. Daß ich versucht habe, zu einem selbständigen Urteil zu gelangen, und weshalb ich in manchen Fragen auch den angesehensten Forschern nicht zustimmen kann, wird aus der Darstellung hervorgehen.


532. Allmählich macht die Bearbeitung des Steins weitere Fortschritte. Wie schon im fünften und vierten Jahrtausend in Aegypten, so lernt man auch in Europa den Feuerstein (und in derselben Weise im Aegaeischen Meer den Obsidian, § 511) immer feiner abzusplittern und dadurch scharfe Messer, Pfriemen, Sägen herzustellen, Beile und Waffen für die Arbeit wie für den Kampf zweckdienlicher zu gestalten. Den entscheidenden Fortschritt bringt die Erfindung der Kunst des Schleifens mit Sand auf harten Schleifsteinen, welche die Herstellung polierter Beile und Äxte gestattet. Neben dem [818] Feuerstein wird auch anderes Gestein verwendet, darunter Steinarten von außerordentlicher Härte, wie Nephrit und Jadeit, die als kostbarer Besitz durch Handel weithin vertrieben werden; daß sie aber nicht etwa aus Asien importiert sind, wie man früher annahm, sondern in den europaeischen Gebirgen selbst vielfach vorkommen, ist jetzt erwiesen. Auch das Leben gewinnt einen ganz anderen Charakter. Wenn sich in den Kjökkenmöddingern nur der Hund als Haustier und Begleiter des Menschen nachweisen läßt, so treffen wir in der entwickelten Steinzeit alle Haustiere in seinem Besitz: Schafe und Ziegen, Schweine, Rinder. Daneben ist das dem vorderen Orient fremde Pferd (das ehemals schon zur Zeit der Magdalénien neben Renntieren u.a. eine große Rolle gespielt hat) im nördlichen und westlichen Europa seit alters heimisch und früh gezähmt worden; weiter nach Süden, in die Schweizer Pfahlbauten, gelangte es erst zu Ende der Steinzeit. Desgleichen haben sich Überreste von Weizen, Gerste, Hirse, ferner Erbsen, Äpfel, Birnen und in Deutschland und Frankreich auch Wein nicht selten gefunden; Roggen und Hafer kommen erst etwas später auf. Das Korn wurde, wie in Aegypten, zwischen Steinen zerquetscht und zu einem Brotteig verarbeitet. Schon im vierten Jahrtausend mögen Rinderzucht und Ackerbau, die ja im engsten Zusammenhang stehen (§ 29), in einzelnen Landschaften Europas die grundlegende und den Charakter der sozialen und staatlichen Einrichtungen bestimmende Beschäftigung gewesen sein; und allmählich wird das Brot ein unentbehrliches Lebensmittel auch für Stämme, bei denen Jagd (nebst Fischerei) und nomadisierende Viehzucht noch durchaus vorherrschten. Flechtwerk und Körbe aus Schilf, Stroh, Bast, Weidenzweigen u.ä., Becher aus Stein und auch aus Leder, Stricke und Bogensehnen aus Tiersehnen hat man seit den ältesten Zeiten hergestellt. Daneben werden im Süden die ausgehöhlten Gurken und Kürbisse als Gefäße benutzt und zum Tragen mit Bändern von Bast oder Leder umwickelt; auch ein Fuß, um sie hinstellen zu können, wird an ihnen befestigt. Diese Gefäße werden dann auch in Ton nachgebildet [819]533). Weiter lernt man die Wolle der Schafe verarbeiten, und allmählich dringt, vermutlich vom Orient her, die Kultur und Verarbeitung des Flachses ein. Die Künste des Spinnens und Webens verbreiten sich langsam durch Europa; wie in Troja und sonst legen auch hier zahlreiche Spinnwirtel und Webgewichte von ihrer Ausübung Zeugnis ab; nach Skandinavien scheinen sie erst im Laufe der Bronzezeit Eingang gefunden zu haben. Neben und an Stelle der Zelte, Höhlenwohnungen und Schilfhütten treten festere Wohnstätten aus Lehm und Holz, auch hier ursprünglich vielfach in der Form des Rundhauses; aber daneben tritt, wie im Bereich des Aegaeischen Meers, der rechtwinklige Bau, Häuser mit geradlinigen Wänden von Schilf und Lehm oder auch von Holzblöcken, zwischen denen das Dach tragende Holzpfosten stehen. Sie umschließen den Wohnraum mit den Schlafstellen, den Herd und die Vorratsgrube; zunächst schmiegen sie sich diesen Bedürfnissen in unregelmäßigen Umrissen an, allmählich aber erwächst daraus ein rechteckiger Grundriß. Dann lernt man das Dach mit weiteren Pfosten im Innern stützen, und so entsteht schließlich neben der einfachen Hütte ein größeres Haus mit mehreren Kammern. Weit verbreitet ist in waldigen Gebirgsländern, vor allem in den Alpen und im Polande, aber auch in Ungarn, Thrakien, Deutschland, Frankreich, die Anlage von Ortschaften auf großen Pfahlrosten, die in einen See oder in ein Flußtal oder ein Moor hineingebaut sind; auf ihnen liegen die rechteckigen Holzhäuser der Bewohner. Solche Pfahldörfer gewähren eine gegen das Getier des Waldes und plötzliche Überfälle gesicherte Wohnstätte, von der aus vor allem die Fischerei bequem betrieben werden konnte. Auch auf festem Boden hat man nicht selten die Wohnungen auf einem großen Pfahlrost angelegt. In anderen Gebieten, namentlich in offenen Hügelländern, ist die geschlossene Ansiedlung in Dorfschaften, wo die Hausgruben in den Boden vertieft werden, oder auch die Einzelsiedlung und der Gutshof vorherrschend; auch an geschützten, mit Wällen von Erde oder Stein umschlossenen Zufluchtsstätten hat es nicht gefehlt. Je weiter die Kultur fortschreitet, desto [820] mehr differenziert sie sich; denn wenn jede neue Errungenschaft sich rasch über weite Gebiete verbreitet, so stehen dieser Tendenz zur Ausgleichung die Gegensätze in Veranlagung, Denkweise und Lebensgewohnheiten der einzelnen Stämme und stärker noch die durch die Naturbeschaffenheit der einzelnen Gebiete und durch die Einzelgestaltung der geschichtlichen Verhältnisse gegebenen Bedingungen gegenüber. Es ist allbekannt, daß große Gebiete Europas noch Jahrtausende lang in sehr primitiven Zuständen verharrt sind; aber ebensowenig ist es zweifelhaft, daß der Kontinent namentlich im Süden und Westen, aber auch im Osten schon seit dem dritten Jahrtausend in weitem Umfang von seßhaften Stämmen bewohnt war, die eine ziemlich entwickelte steinzeitliche Kultur besaßen und vorwiegend von friedlicher Beschäftigung lebten. An Kriegen, Wanderungen und Völkerverschiebungen hat es daneben natürlich auch in diesen Gebieten niemals gefehlt. Allmählich wird durch die methodische Verbindung der rüstig fortschreitenden, systematisch aus geführten Einzelforschung mit wissenschaftlicher Zusammenfassung und Verarbeitung ihrer Ergebnisse die Besiedlung und Kultur Europas im dritten und zweiten Jahrtausend genauer und lebensvoller erschlossen; wir vermögen die Unterschiede zwischen seßhafter und halbnomadisierender, wesentlich von Jagd, Fischfang und Weidewirtschaft lebender Bevölkerung zu erkennen. So hat sich gezeigt, daß in der jüngeren neolithischen Zeit im Gebiet der Rheinebene und des Mains mit der Wetterau und weithin in Süddeutschland eine Ackerbau treibende Bevölkerung saß, deren Ortschaften dichtgedrängt auf den Höhen des fruchtbaren Lößbodens liegen. Charakterisiert sind sie in der Wetterau durch die mit eingeritzten Nachbildungen von Bändern verzierten Gefäße (Bandkeramik), während sich daneben in den Wäldern und Flußtälern eine primitivere halbnomadische Bevölkerung findet, die Gefäße benutzte, welche durch den Abdruck von ringsumlaufenden Bindfäden geziert sind (Schnurkeramik). Mit dem Beginn der Metallzeit verschieben sich dann die Ansiedlungen von den Höhen in die Flußtäler hinab.


[821] Vorkommen des Nephrits an zahlreichen Stellen Europas: O. WELTER, Geolog. Rundschau II 1911, 75ff. – Über das Vorkommen des gezähmten Pferdes im nördlichen und westlichen Europa seit dem dritten Jahrtausend s.R. SCHNITTGER, Praehist. Z. II 175ff.; vgl. auch § 510 A. – Über die Besiedlungsverhältnisse und die Haustypen (desgleichen über Leichenverbrennung und Bestattung) in Westdeutschland haben die systematischen Forschungen der letzten Jahre neue weitreichende Aufschlüsse gebracht. Ich verweise hier vor allem auf das ganz vortreffliche Werk von GEORG WOLFF, Die südliche Wetterau in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, 1913. Vgl. ferner die auch die ältere Zeit behandelnde Arbeit von WALTHER SCHULZ, Das germanische Haus in der vorgeschichtlichen Zeit, 1913, sowie den Aufsatz von SCHUCHHARDT, Hof, Burg und Stadt bei Germanen und Griechen, Neue Jahrb. für klass. Alt. XXI 1908, 305ff.


533. Besonders anschaulich tritt uns die lokale Differenzierung der Kultur auf einem an sich sehr untergeordneten Gebiet entgegen, in der Herstellung und Dekoration der Tongefäße. Technisch sind hier manche Fortschritte gemacht worden; man lernt den Ton durch Schlemmen zu reinigen, und durch Brennen im offenen Feuer und später im Töpferofen zu festigen; die Gefäßformen werden mannigfaltiger. Formell ist die Tonware auch hier überall eine Nachbildung der Gefäße aus anderem Material und behält daher zunächst immer deren äußere Gestaltung bei. Daraus erwächst auch in der Hauptsache ihre Ornamentik in all den mannigfachen Variationen, nach denen sich dann die einzelnen Gebiete und Zeiten sondern. Wie in Sinear alte Tonkrüge noch die mit einem Strick zusammengebundenen und mit Lehm verschmierten Holzbretter oder Schilfblätter erkennen lassen, aus denen ursprünglich der Krug hergestellt war (§ 367), so zeigen die neolithischen Gefäße Europas die Schnüre, mit denen sie zusammengebunden und getragen wurden, oder im Gebiet der Kürbis- und Gurkentöpfe die Bänder, mit denen man sie umwickelte und mit einem Fuß zusammenband; auch die aus Stroh, Bast und Zweigen geflochtenen Gefäße werden in Ton umgesetzt. Dann aber gewinnt diese Ornamentik ein selbständiges Leben und bildet sich nach den in ihr liegenden Tendenzen zu einem eigenen Dekorationssystem aus: der Trieb der künstlerischen Gestaltung und des Schmuckes findet Befriedigung. Nicht selten werden [822] dann auch Motive, die in anderen Kunstfertigkeiten entstanden sind, auf den Ton übertragen, die Gefäße z.B. mit Nachbildungen des Schmucks von Ketten aus Stein, Muscheln und Knochen geziert, mit denen Männer und Frauen sich behängen. In vielen Gebieten werden die Linien mit einem Grabstichel eingeritzt und, wie in Troja und Cypern und im Aegaeischen Meer (§§ 492. 494. 498. 509), mit einer weißen Masse ausgefüllt (so z.B. auch in Unteritalien und Sicilien, aber ebenso im mittleren und nördlichen Europa); in anderen verwendet man bei der Zeichnung den Rand einer Muschel und schafft dadurch gezackte Linien, im östlichen Mitteldeutschland werden Schnüre von Flachs in den weichen Ton gedrückt (Schnurkeramik). Die verwendeten Muster sind durchweg sehr einfacher Art, gerade und Zickzacklinien, Dreiecke u.ä., dazu eingedrückte Punkte und Striche; Kreise und andere Kurven fehlen hier ganz. Weiter im Süden dominiert die schon erwähnte Nachbildung von bandartigen Streifen (Bandkeramik), die im Donaugebiet und den deutschen Gebirgsländern bis nach Thüringen und zur Wetterau hin verbreitet ist. Hier finden sich dieselben Motive, welche die trojanisch-cyprische und die aegaeisch-kretische Keramik der letzten neolithischen und der beginnenden Metallzeit verwendet (vgl. § 509). Die Tendenz, das ganze Gefäß durch lineare Ornamentik zu umschlingen und keinen Raum leer zu lassen, tritt namentlich in der Keramik aus Tordos in Siebenbürgen, aus der großen, von einem Erdwall umschlossenen Pfahlrostansiedlung bei Lengyel im westlichen Ungarn, und aus Butmir bei Serajewo in Bosnien hervor. Dagegen ist sie verschieden von der eigentlich geometrischen Dekoration der aegaeischen Keramik, welche die natürliche Gliederung des Gefäßes scharf hervorzuheben sucht (§ 512); mit dieser berührt sich dagegen die Ornamentik der Gefäße aus dem Pfahlbau eines Moors bei Laibach. In der Keramik eines Pfahlbaus im Mondsee in Oberösterreich, die außer Stein- und Knochengeräten auch zahlreiche Äxte, Dolche, Pfriemen aus reinem Kupfer enthält, setzt sich diese Kultur in die folgende Epoche (um 2000 v. Chr.) [823] fort. In Butmir und im Laibacher Moor und weiter im Donaugebiet und in Thrakien finden sich vielfach auch kleine rohe weibliche Tonfiguren mit gleichartigen Einritzungen, offenbar eine Nachbildung der weitverbreiteten Tätowierung, teils stehend, teils sitzend mit auf dem Schoß zusammengelegten Händen; die starke Ausbildung des Gesäßes und vielfach auch der Brüste und der Geschlechtsteile stimmt mit den gleichzeitigen Steinidolen der aegaeischen Welt (§ 512) und noch viel mehr mit denen der neolithischen Zeit Thessaliens (§ 509, vgl. A.) überein. Unter den verwendeten linearen Motiven finden sich hier z.B. konzentrische Kreise; vor allem aber ist die Spirale stark vertreten, namentlich in Butmir und Tordos; sie hat sich von hier aus weit über Ungarn und Oberdeutschland verbreitet. Wir haben gesehen, daß sie etwa um dieselbe Zeit, seit der Mitte des dritten Jahrtausends, in Troja (§ 495) und auf den Aegaeischen Inseln (§ 512) auftaucht und dann in der weiteren Entwicklung Kretas eine führende Rolle spielt. Eine der des Donaugebiets gleichartige steinzeitliche Kultur findet sich dann in den alten Ansiedlungen im nördlichen Griechenland (§ 509). Hier liegen überall deutlich Zusammenhänge vor, die weit über den Bereich eines einzelnen Volks hinausreichen; indessen sie im einzelnen bestimmt zu erfassen, festzustellen, wo ein Motiv selbständig entstanden, wo es entlehnt ist, ist außerordentlich schwierig und oft ganz unmöglich. Als sicher feststehend kann gelten, daß das Spiralmotiv nicht, wie viele Forscher annehmen, in Aegypten entstanden, sondern vielmehr hier erst spät (etwa um 2000 v. Chr.) und in ganz untergeordneter Weise, als Verzierung der Skarabäen, aus dem kretischen Kulturkreise eingedrungen ist (§§ 291. 512 A.). In Troja und dem Aegaeischen Meer ist seine Entstehung aus dem gewundenen Metalldraht und seine enge Verbindung mit dem Aufkommen der Arbeiten in Gold und Kupfer deutlich erkennbar; es ist aber sehr wahrscheinlich, daß es sich in den nördlicheren Gebieten innerhalb der reinen Steinzeit selbständig aus einem Schmuck von Flechtornamenten und der Besetzung der Kleidung mit aufgerollten Schnüren, und daneben [824] in der Keramik aus der Verzierung mit Zickzacklinien entwickelt hat, und daß dann die beiden ursprünglich unabhängigen Gebiete ineinandergeflossen sind und sich gegenseitig beeinflußt haben. Dieser weitgreifende Zusammenhang großer Gebiete-die darum noch durchaus nicht in unmittelbarer Verbindung miteinander gestanden haben werden-tritt noch deutlicher darin hervor, daß jetzt auch in den nördlichen Gebieten neben der eingeritzten und weiß ausgefüllten Ornamentik die Bemalung der Tongefäße aufkommt. Als Ausgangspunkt dieser Entwicklung müssen wir die Ansiedlungen und Gräber vom Ende der neolithischen Zeit (etwa 2500-2000 v. Chr.) n der großen Ebene im Osten der Karpathen, im Gebiet des Dniestr und Dniepr, betrachten, die sich auch sonst als ein Gebiet höher entwickelter Kultur heraushebt (§ 537). Hier finden sich, noch ohne Töpferscheibe gearbeitet, entwickelte Gefäßformen, die sich mit den in der Aegaeischen Welt aufkommenden nahe berühren; und während die eingeritzte Dekoration abstirbt, wird die Mehrzahl der Gefäße entweder glatt poliert oder mit einem rötlichbraunen Überzug versehen, auf den die Dekoration in schwarzer oder auch weißer oder gelber Farbe mit dem Pinsel aufgetragen wird. Die Ornamentik verwendet neben geradlinigen Mustern ganz vorwiegend Spiralen, Schleifen, Kreise, Wellenlinien u.ä. Dazwischen werden mehrfach Vierfüßler und menschliche Gestalten gesetzt; gleichartig sind vereinzelte Tonfiguren von Menschen und Tieren. Hier ist der Zusammenhang mit der Aegaeischen Welt ganz augenfällig und von überraschendem Umfang, und eine Beeinflussung von dort aus, so lebhaft sie bestritten ist, doch wohl das wahrscheinlichste; denn in der Aegaeischen Welt tritt uns eine organische Fortentwicklung durch alle einzelnen Stadien in reicher Fülle entgegen, während hier im Norden die neuen Formen unvermittelt auftreten und, was ganz wesentlich ins Gewicht fällt, eine Fortsetzung nicht finden, sondern die Kultur der ostkarpathischen Gebiete mit dem Ende der neolithischen Zeit jäh abbricht. Wenn sich gleichartige bemalte Gefäße auch im Donaugebiet, in Tordos, Lengyel und sonst gefunden [825] haben, so hat sich die neue Technik hierhin wohl zweifellos vom Dniestr- und Dnieprgebiet aus verbreitet.


Grundlegend für die Entwicklung der Ornamentik sind die Aufsätze von SCHUCHHARDT, Das technische Ornament in den Anfängen der Kunst, in der Praehist. Z. Bd. I u. II, der, im Anschluß an Bemerkungen KEKULES, den Ursprung der Tongefäße aus der Nachahmung anderen Materials in Form und Dekoration in großen universellen Zusammenhängen mit voller Evidenz nachgewiesen hat; nur darf man daraus nicht alles erklären wollen. Vgl. § 512 A.


534. Sehr oft werden diese zahlreichen lokalen Gruppen, von denen hier nur einige der wichtigsten Beispiele besprochen sind, als sichere Zeugen ethnographischer Unterschiede betrachtet; man sucht in ihnen den Ausdruck der Denkweise und Begabung verschiedener Völker, deren Schicksale, Kämpfe und Wanderungen man dann in der Verbreitung und Beeinflussung der einzelnen Typen erkennen zu können glaubt. Wir haben solchen Annahmen schon mehrfach entgegentreten müssen (vgl. § 500); der geschichtlichen Erfahrung entsprechen sie in keiner Weise. Vielmehr ist es durchaus das Natürliche, daß sich innerhalb eines größeren Volks, das wir sprachlich und ethnographisch als Einheit betrachten müssen, in den einzelnen Stämmen und Gauen besondere Formen des Lebens und des Geschmacks herausbilden. Gilt das doch noch von hochentwickelten Kulturvölkern, geschweige denn von Zeiten, in denen weder von einem wenn auch noch so schwachen politischen Zusammenhang noch selbst von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit eines Volks die Rede sein kann, sondern die Momente, auf denen das Volkstum und seine Einheit beruht, durchaus latent sind. Umgekehrt hat jede Kulturentwicklung die Tendenz, sich auszubreiten, am stärksten aber diejenigen, welche den Gebieten der Technik und des Dekorationsstils angehören und daher mechanisch gelernt und nachgeahmt werden. Überdies hat es an Handel und Verkehr niemals gefehlt. So ist es sehr wohl möglich, daß ein Gebiet, welches nach seinen Überresten und speziell nach dem Stil seiner Gefäße als Einheit erscheint, ganz verschiedenartige Volksstämme [826] umfaßt haben kann, und ebenso, daß inmitten einer Epoche, welche in den Funden einheitlich erscheint, die stärksten Verschiebungen und Umwälzungen stattgefunden haben, während ein Wechsel des Stils keineswegs notwendig einen Wechsel der Bevölkerung voraussetzt, sondern sich innerhalb ganz stabiler Verhältnisse vollziehen kann. Diesen Fragen gegenüber versagt die prähistorische Archäologie vollkommen, so oft sie sich an ihnen versucht hat und die entgegengesetzte Annahme, die untrennbare Verbindung eines bestimmten Stils und einer bestimmten Technik mit einem bestimmten Volkstum, als selbstverständliches Postulat ihren Hypothesen zu Grunde legt (vgl. § 545).

535. Ähnliche Probleme stellt die Behandlung der Leichen. Bei nomadischen Völkern in Steppen und Wüsten haben sich mitunter sehr primitive Bräuche erhalten, Verzehren der Leichen oder der erschlagenen alten Leute, Hinwerfen derselben in die Einöde zum Fraß der Vögel und Hunde, oder auch ins Meer oder einen Fluß (§§ 12. 61. 588); auch die Sammlung der zerfallenen Knochen der verwesten Leichen in Urnen oder sogenannten Schädelhäusern findet sich mehrfach. Weitaus die meisten Völker dagegen bergen die Leiche in der Erde. Wo sich eine seßhafte Kultur mit Ackerbau zu entwickeln beginnt, ist das durchaus die Regel; aber oft hat die Sitte schon in viel früheren Zeiten begonnen, wie sie sich denn schon in den jüngsten Epochen der paläolithischen Zeit findet. Sie herrscht auch in Europa durchaus vor; und zwar wird der Tote (ebenso wie in Aegypten, § 170, und sonst vielfach) meist in derselben Stellung beigesetzt, in der der Lebende sich zum Schlafen niederlegt, auf der Seite liegend, mit angezogenen Beinen (sogenannte Hockerstellung). Nicht selten findet sich auch die bei vielen primitiven Völkern vorkommende Sitte, bei der Bestattung das Fleisch vom Skelett abzulösen. Einige Gefäße, Lebensmittel, Waffen, Werkzeuge werden dem Toten mitgegeben; und wenn größerer Wohl stand sich entwickelt, faßt man das Grab wohl mit Steinen ein. Ursprünglich waren die Wohnstätten der Lebenden und der Toten nicht geschieden; [827] die Beisetzung in den Häusern, die sich in Babylonien und Assyrien bis in die späteste Zeit erhalten hat und ebenso ursprünglich in Syrien Brauch war, findet sich wie in den älteren Ansiedlungen von Orchomenos so auch im übrigen Europa vielfach in der älteren neolithischen Zeit. Dann wird, wie in Aegypten und auf Kreta, die Anlage besonderer Friedhöfe die Regel, und neben das Einzelgrab treten die Massengräber, teils für die Ärmeren, teils für die auf einander folgenden Generationen der Familien. Das alles ist nichts Charakteristisches, sondern findet sich überall auf Erden wieder. Mit wachsender Kultur entsteht das Bedürfnis, angesehenen Toten, namentlich den Häuptlingen, eine dauernde, ihrer Würde entsprechende Grabwohnung zu verschaffen; gleichartige Gräber legen sich die vornehmen Verbände oder Geschlechter an. Vielfach schüttet man über der in die Erde oder den Fels gebetteten Leiche einen Grabhügel auf, wie er sich weitverbreitet in Kleinasien und auf der Balkanhalbinsel findet (§ 497). Ausgrabungen in Holland haben gelehrt, daß derartige Grabhügel in vielen Fällen einen Rundbau aus aufgeschichteten Holzstämmen bedecken, die sich nach oben in immer engeren Kreisen zu einer Wölbung zusammenschließen, unter der die Leiche (oder im Falle der Verbrennung die Urne) beigesetzt wurde. Dann sind diese Anlagen in Stein umgesetzt worden. Daraus ist das Kuppelgrab erwachsen, das wir in seinen Anfängen in Kreta schon in früher Zeit kennen gelernt haben (§ 510) und das dann in der mykenischen Zeit zu voller glänzender Entwicklung gelangt. Auch diese hat in Europa ihre Parallelen: in Skandinavien, im Westen Frankreichs und der Pyrenaeischen Halbinsel finden sich zahlreiche große Steingräber mit langem überdecktem Gang und oft auch mit mehreren Grabkammern (»Riesenstuben«), die zum Teil bis in die Bronzezeit hinabreichen. In vielen anderen Gebieten liegen große Steingräber (Dolmen, Hünengräber), in denen die Leiche mit ihren Beigaben in einer gerundeten oder rechteckigen Kammer geborgen wird, mit Wänden aus großen unbehauenen Steinen, die auf die Kante gestellt sind, und mit [828] einem oder mehreren Decksteinen, oft von gewaltigen Dimensionen. Ursprünglich waren es freistehende Bauten, oft auf dem Gipfel eines Hügels, der dann nicht selten noch mit einem Steinkreise (Cromlech) umschlossen wird; später hat man oft auch über ihnen einen Grabhügel aufgeschüttet. Diese megalithischen Grabbauten kommen in der Blüteepoche der Steinzeit, etwa gegen die Mitte des dritten Jahrtausends, auf, ragen aber vielfach in die Bronzezeit hinein. Sie finden sich in allen Küstenländern Europas (Skandinavien, Norddeutschland, den britischen Inseln, Frankreich, der Pyrenaeischen Halbinsel, Unteritalien und den Inseln des Mittelmeers, ferner in Bulgarien und auf der Krim) – dagegen fehlen sie in Oberdeutschland, im Alpengebiet, in Oberitalien, in den Donauländern, in der großen russischen Ebene, und ebenso in Griechenland-sowie in dem maurisch-libyschen Küstenlande des nordwestlichen Afrika (dagegen nicht in Kyrenaika und weiter östlich), in Syrien und Palaestina (§ 356), und auch im Gebiet des Kaspischen Meers, ferner in Südindien und sonst. Bei der Beisetzung wird es an blutigen Totenopfern und zahlreichen Bestattungszeremonien nicht gefehlt haben; und z.B. mit dem berühmten gewaltigen Grabbau Stonehenge in Südengland, der dem ersten Anfang der Metallzeit (kurz nach 2000 v. Chr.) angehört, ist eine große Rennbahn verbunden, auf der offenbar wie in homerischer Zeit Leichenspiele gefeiert wurden. Erwachsen sind diese Grabbauten aus denselben Vorstellungen, die in Aegypten schon wesentlich früher zur Entwicklung des dortigen Totenkults mit seinen großen Grabbauten geführt haben; aber von diesen sind sie in ihrer Gestaltung wesentlich verschieden, während die Berührungen mit der Welt des Aegaeischen Meeres unverkennbar sind. Wenn sich in Portugal, auf Sicilien und sonst in den Fels gehauene Kuppelgräber finden und sich hier der alte Brauch bis in weit spätere Zeit erhalten hat31, so mag da eine Beeinflussung [829] durch die mykenische Kultur vorliegen; wie weit aber für die älteren Bauten und die Idee des großen Steingrabes überhaupt ein einheitlicher Ursprung anzunehmen ist, ob hier eine Einwirkung von Süden, aus Aegypten und der Welt des Aegaeischen Meers, nach Norden, oder umgekehrt von Norden, etwa von Skandinavien aus, nach Süden vorliegt, ob wir selbständige parallele Entwicklungen anzunehmen haben, das sind vieldiskutierte Fragen, für die eine auch nur einigermaßen gesicherte Lösung noch nicht gefunden ist. Bei jeder der angedeuteten Hypothesen erheben sich die größten Schwierigkeiten. Vor allem läßt sich weder das ungeheure Verbreitungsgebiet, bis nach Syrien und Palaestina und der Krim, noch auf der anderen Seite die Beschränkung auf die Küstengebiete und das Fehlen dieser Bauten im zentralen und östlichen Europa durch eine der bisher aufgestellten Hypothesen mit irgendwelcher Wahrscheinlichkeit erklären; und die gleichartigen, völlig mit den Dolmen übereinstimmenden Gräber in Südindien, auf Madagaskar, im Sudan und sonst zeigen, daß wir keinesfalls überall, wo sich dieselben Formen finden, Entlehnung und geschichtliche Übertragung annehmen dürfen.


Kuppelgräber von Holz in Holland: HOLWERDA, Praehist. Z. I 374ff. – Neue Aufklärung über viele Fragen hat SCHUCHHARDTS gründliche Untersuchung von Stonehenge und der verwandten englischen Gräber gebracht: Praehist. Z. II. Er hat auch die alberne astronomische Deutung von Stonehenge eingehend widerlegt; derartige Phantastereien werden freilich in Laienkreisen immer wieder Gläubige finden und zu weiteren wüsten Kombinationen namentlich auch auf religiösem Gebiet ausgesponnen werden.


536. So dunkel diese Probleme sind, so treten doch zwei Tatsachen von fundamentaler Bedeutung ganz deutlich hervor. Zunächst ist die grundlegende Idee, das Bedürfnis nach reicherer Bestattung und gesicherter Bergung der Leichen und die Verwirklichung desselben durch die großen Steingräber in der menschlichen Kulturentwicklung des ganzen europaeisch-mittelländischen Gebiets um dieselbe Zeit aufgekommen. Aegypten hat wie überall so auch hier zeitlich einen gewaltigen [830] Vorsprung und geht seine eigenen Wege; die übrigen Gebiete folgen um die Mitte des dritten Jahrtausends und verwenden im wesentlichen dieselben Formen. Wenn diese Entwicklung der Hauptsache nach auf die Küstenlandschaften beschränkt ist und das zentraleuropaeische Binnenland sie nicht mitgemacht hat-in Kleinasien und auf der Balkanhalbinsel, die gleichfalls ausgeschlossen bleiben, herrscht statt dessen der Grabhügel –, so mag das daran liegen, daß die maritimen Gebiete eben überall einen Vorsprung in der Kulturentwicklung hatten und hier die führende Stellung einnahmen: die See und die Schiffahrt haben den Menschen erzogen, seinen Geist rühriger gemacht, seine Leistungsfähigkeit gesteigert, teils durch die zahlreichen Aufgaben, die sie ihm stellten, teils durch die gesteigerte Verbindung und Beeinflussung zwischen den einzelnen Gebieten. Noch weit wichtiger aber ist das zweite Moment, welches offen zu Tage liegt: in der Welt des Aegaeischen Meeres lernt man die Steinblöcke behauen und in regelrechten Schichten zusammenzufügen und vermag so den gewaltigen Bau der Kuppelgräber mit Überkragung des Innenraums aufzuführen, der mit der sonstigen umfassenden Bautätigkeit und der stetigen Steigerung der Kultur in engstem Zusammenhang steht. In den übrigen Gebieten dagegen (abgesehen vom westlichen Mittelmeer, wo vielleicht ein Einfluß der mykenischen Kultur anzunehmen ist), sowohl in Europa wie in Nordafrika, Palaestina und sonst, türmt man wohl die großen Granitblöcke, welche auf den Feldern zerstreut liegen, zu gewaltigen Kammern auf; oder man hat auch Felsblöcke mit Feuer abgesprengt und roh zu Platten zugehauen. Aber weiter ist man nicht gekommen; von einer Bearbeitung der Steine zu Quadern, von sorgfältiger Fugung, von der Entwicklung einer wirklichen Steinarchitektur finden sich nur die ersten Ansätze. Hier ist der Mensch wohl zur Beherrschung gewaltiger Massen gelangt, die die Natur ihm bietet, aber nicht weiter. Seine Kräfte haben sich gemehrt, aber innerlich vermag er nicht weiter fortzuschreiten, sondern bleibt bei dem Erreichten stehen. Das gleiche gilt von dem Verhältnis der steinzeitlichen Keramik [831] Europas zu der in ihren Anfängen völlig gleichartigen, aber dann weit über diese hinausschreitenden des Aegaeischen Meers oder auch des ältesten Aegyptens. Der Schritt, der zur Schöpfung einer höheren, wirklich geschichtlichen Kultur führt, ist eben in Europa nirgends getan, sondern nur im Orient und in der Welt des Aegaeischen Meers.

537. Neben die Leichenbestattung ist in Europa schon in neolithischer Zeit weithin die Verbrennung getreten (vgl. § 61). Sie hat sich unabhängig an verschiedenen Stellen der Erde entwickelt, z.B. auch bei amerikanischen Stämmen. Dem Orient dagegen ist sie völlig fremd, wie den Aegyptern und den Völkern Sinears, so auch Syrien und Kleinasien; und ebensowenig findet sie sich in alter Zeit auf Kreta oder sonst im Bereich des Aegaeischen Meers. In Europa kommt sie isoliert in neolithischen Gräbern der Bretagne und der Nachbargebiete vor; daneben aber hat sie im mittleren Europa weite Verbreitung gefunden. So haben die Forschungen der letzten Jahre gezeigt, daß sie bei der Ackerbau treibenden Bevölkerung in den Dörfern der Wetterau (§ 532) und weiter in Mittel- und Süddeutschland ganz allgemein herrschte; und auch bei den nomadisierenden Schnurkeramikern dieser Gebiete findet sie sich neben der Bestattung. In der folgenden Epoche, der älteren Bronzezeit, wird dann hier wieder das Begraben herrschend, wie in den megalithischen und Hünengräbern, bis mit der Hallstattperiode die Verbrennung aufs neue Sitte wird. Besonders charakteristisch aber tritt die Verbrennung gegen Ende der Steinzeit, etwa in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends, in eben dem Gebiet östlich von den Karpathen am Dniestr und Dniepr auf, das sich durch seine entwickelte Keramik mit Bemalung und Spiralmotiven als ein eigenartiges Kulturgebiet charakterisiert (§ 533), das mit der Entwicklung der Aegaeischen Welt, sei es gebend, sei es nehmend, in Beziehung steht. Die Ortschaften, in denen diese Bevölkerung wohnte, bestanden aus kleinen rechteckigen Lehmhütten mit einem Kochherd und einer Abfallgrube an der einen Seitenwand. Es finden sich Reste der meisten Haustiere (darunter auch von Schweinen [832] und Rindern) und Getreidearten, so daß die Bevölkerung zweifellos Ackerbau getrieben hat; Geräte und Waffen sind durchaus steinzeitlich, wenn auch an mehreren zum Bereich dieser Kultur gehörenden Stellen bereits Kupfersachen vorkommen, vielleicht als Import aus anderen Gebieten. Die Grabstätten bilden große Friedhöfe mit rechteckig in den Lehmboden gegrabenen und überdeckten Gruben. In diesen sind die Aschenurnen beigesetzt, und zwar immer in größerer Zahl, so daß die Angehörigen eines Verbandes oder einer Familie neben einander bestattet wurden; beigegeben wurden außer den Resten der für den Toten verbrannten Tieropfer zahlreiche Schalen und Näpfe, Waffen und Werkzeuge und auch die schon erwähnten Tonfiguren von Frauen und Rindern, offenbar zum Gebrauch in der Geisterwelt, als Ersatz und Ergänzung der geschlachteten Opfer. Die Sitte der Leichenverbrennung scheidet die Bevölkerung dieses Gebiets bestimmt sowohl von der des nördlichen Europa wie von den Stämmen der Balkanhalbinsel und des Aegaeischen Meers; wenn sie, und mit ihr die Graburne, in der die Gebeine beigesetzt werden, sich in der Folgezeit weithin durch alle diese Gebiete verbreitet hat, so ist wohl anzunehmen, daß der Anstoß von dem am Dniestr und Dniepr wohnenden Volksstamme ausgegangen ist. Vielleicht ist die Vermutung nicht zu kühn, daß die Träger der Verbrennungssitte die Indogermanen, oder wenigstens ein Teil der indogermanischen Stämme gewesen sind (vgl. §§ 543. 570); alsdann würden diesen vermutlich auch die neolithischen Ackerbauer im westlichen Deutschland zuzurechnen sein.


Die hier besprochene neolithische Kultur ist zuerst von dem russischen Forscher CHWOIKO im Jahre 1899 in Tripolje südlich von Kiew am Dniepr entdeckt worden. Dem sind zahlreiche andere Funde gefolgt, vor allem die eines großen Friedhofs zu Petreny in Bessarabien, die E. v. STERN untersucht und eingehend publiziert hat: Die prämykenische Kultur in Südrußland, 1906, Trudy des XIII. archäol. Kongresses Bd. I. Auf seinen Ausführungen beruht die hier und § 533 gegebene Skizze. Hinzugekommen sind jetzt die reichen von HUB. SCHMIDT, Z. f. Ethnol. 1911, 582ff. besprochenen Funde von Cucuteni bei Jassy. [Das ganz mit eingeritzten Linien, zum Teil Spiralen, überdeckte [833] Idol S. 593 Abb. 12 hat sein Gegenstück in einem ganz gleichartig bemalten Idol bei TSUNTAS, Dimini u. Sesklo (§ 508 A.) Taf. 31]. Über Leichenverbrennung in neolithischer Zeit s. DÉCHELETTE, Manuel d'arch. préhist. I 465ff. Über die Brandgräber in der Wetterau usw. s. die § 532 A. angeführte Literatur, sowie WOLFF, Neolith. Brandgräber in der Umgegend von Hanau, Praehist. Z. III 1ff. Eine systematische und besonnene Bearbeitung des ganzen Problems, mit Zusammenstellung des gesamten weit zerstreuten Materials ist ein dringendes Bedürfnis. Wenn sie auch in Norddeutschland vorkommt, so ist sie offenbar von dem ostkarpathischen Gebiet aus hierhin eingedrungen. In der Bronzezeit findet sie sich dann in Skandinavien und Norddeutschland, in Italien und sonst, und ebenso bekanntlich in der griechischen Welt, bei den Indern u.a. – Erinnert sei hier auch an die zwar auch wesentlich geometrische, aber in ihrer Einzelgestaltung von der europaeischen Keramik völlig verschieden bemalte Keramik von Susa (§ 392) und weiter der Gebirgswelt Vorderasiens. Mit ihr scheint auch die bemalte Keramik in Zusammenhang zu stehen, welche PUMPELLY, Explorations in Turkestan, 2 voll. 1908 in zwei Hügeln der Oase von Anau östlich vom Kaspischen Meer aufgedeckt und HUB. SCHMIDT in Vol. I 83ff. sorgfältig analysiert hat. Sie tritt in mehreren auf einander folgenden Schichten auf und gehört im wesentlichen jedenfalls der Metallzeit an; in die dritte Schicht hat sich ein drei seitiger schwarzer Siegelstein verirrt, auf dem ein Löwe, ein Greif und ein Mann dargestellt sind, der offenbar aus Kreta stammt (I p. 169 und Taf. 45, 8; vgl. auch das viereckige Tonsiegel mit knopfartigem Griff ebenda und Tafel 45, 9).


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 815-834.
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