Die Kelteninvasion

[141] Die ältesten Nachrichten über die Kelten sind früher schon zusammengestellt (Bd. III2, S. 638. IV 1, S. 633). Die große Masse des Volkes saß, in zahlreiche Stämme gespalten, zu beiden Seiten des Rheins in Oberdeutschland und Nordfrankreich sowie auf den Britischen Inseln; vorgeschobene Scharen hatten sich in Spanien festgesetzt, wo sie an den Küsten des Ozeans, am Guadiana, den Griechen des fünften Jahrhunderts zuerst bekannt wurden. Um das J. 400 geht eine neue große Bewegung durch die keltischen Stämme. Vermutlich fällt das Vordringen der Kelten die Rhone abwärts und die Zurückwerfung der Ligurer in die Westalpen, der Iberer in das Land westlich von der Garonne (Aquitanien) und bis an die Pyrenäen in diese Zeit. So erreichten die Kelten das Mittelmeer231; allmählich wurden die Täler der Rhone und ihrer Nebenflüsse und die Küstenebene am Fuß der Sevennen von keltischen Stämmen besetzt. – Folgenschwerer war ihr Vordringen über die Alpen232: [141] das Hochgebirge erwies sich hier wie sonst ebensowenig als eine feste Völkerscheide wie ein Strom oder ein Meerarm. Im J. 387 v. Chr. überschritt ein gewaltiger, aus zahlreichen Stämmen zusammengesetzter [142] Heerhaufe die Alpenpässe233. Daß die Penninischen [143] und Lepontischen Alpen, und ihr italisches Vorland fortan von Kelten besetzt sind (im Gebiet der Dora Baltea die Salassier, am Lago Maggiore die Lepontier)234, dagegen weder die Westalpen und das Gebiet des oberen Po, die ligurisch blieben, noch die rhätischen und die Ostalpen, zeigt deutlich den Weg, den die Kelten gekommen sind235. Es war eine Bewegung wie die Kimmerier- und Skythenstürme, welche im siebenten Jahrhundert Vorderasien überschwemmten (Bd. III2, S. 72ff.), und wie die Völkerwanderung, welche um 1200 v. Chr. europäische Krieger mit Weib und Kind nach Syrien und Ägypten geführt hatte (Bd. II 1, 555.). Zum ersten Male klopften die Barbaren Nordeuropas an die Pforten der südlichen Kulturwelt. Mit unheimlicher Angst blickten die Söhne des Mittelmeers auf zu den Riesengestalten mit langem rotem Haupthaar und mächtigem Schnurrbart. Es war ein wildes Kriegervolk, das niedertrat, was ihm in den Weg kam, und mit [144] den abgehauenen Köpfen der Feinde seine Pferde, mit ihren Schädeln die Hütten schmückte. Halbnackt zogen sie in den Kampf, Hals und Arme geschmückt mit dicken goldenen Ringen und Ketten. Den bunten Mantel warfen sie ab; nur ein Schild deckte den Körper. Die Waffen waren Spieße und ein gewaltiges, aber dünnes und schlechtgestähltes Schwert. Trotzdem waren die Kelten beim ersten Zusammenstoß mit regulären Truppen unwiderstehlich. Wie bei allen ähnlichen Invasionen zerschellten auch hier die an einen regelrechten, methodisch geführten Kampf gewöhnten Heere der Kulturvölker an den wilden Scharen; sie konnten sich in die fremdartige Kampfweise nicht finden. Eben weil sie keine entwickelte Taktik kannten, sondern todesverachtend mit furchtbarem Kriegslärm auf die Feinde einstürmten, konnten die Kelten sie überrennen. Ein lähmender Schrecken ging vor ihnen einher; die Gegner gaben sich verloren, ehe der Kampf zum Stehen gekommen war. – Wie die Eroberung Oberitaliens im einzelnen verlaufen ist, erfahren wir nicht. Mit einem Schlage brach die Herrschaft der Etrusker über die Poebene zusammen. »An demselben Tage«, erzählt Cornelius Nepos, »an dem Camillus Veji nahm, wurde Melpum236 von den Insubrern, Bojern und Senonen zerstört.« Die übrigen Zwölfstädte teilten sein Schicksal; auch Felsina (Bononia) und das ehemals umbrische Küstenland bis nach Ancona wurde besetzt; in Marzabotto liegen die Gräber keltischer Krieger in den Trümmern der etruskischen Ansiedlung.

Die Polandschaft bot den Kelten, was sie begehrten, ein weites fruchtbares Ackerland, in dem sie sich nach allen Seiten ausbreiten und reichliche Nahrung finden konnten. Hier haben sie ihre Wohnsitze aufgeschlagen. Aber der rasche Erfolg lockte zu weiterem Vorgehen. Weithin haben ihre Streifscharen die ganze Halbinsel durchzogen und ausgeplündert; so erfahren wir von einem Heerhaufen, der bis nach Apulien237 vordrang. Die Senonen, der am weitesten vorgeschobene keltische Stamm, überschritten den Apennin und brachen in Etrurien ein. Als sie im J. 381 Clusium [145] angriffen, wandte dieses sich um Hilfe an das von Süden mächtig vordringende Rom, das im Jahre vorher im Krieg mit Volsinii bereits bis an die Grenze des Gebiets von Clusium gelangt war und mit dieser Stadt Verbindungen, angeknüpft haben mochte. Rom suchte durch Gesandte über das neue unbekannte Volk Kundschaft einzuziehen238. Aber einer der Gesandten ließ sich verleiten, am Kampfe teilzunehmen, und erschlug einen keltischen Häuptling. Die Senonen forderten seine Auslieferung; als diese verweigert wurde, wandten sie sich von Clusium ab zum Rachezug gegen Rom239. Aus dem Poland kam starker Zuzug: das Tibertal hinabwälzte sich der gewaltige Heerhaufe gegen die Stadt, die die von allen Völkern heilig gehaltenen Satzungen des Gesandtenrechts schnöde verletzt hatte. Zwei Meilen vor der Stadt, auf der Heerstraße am rechten Ufer des Flusses, gegenüber der Mündung des kleinen Baches Allia240, erwarteten die Römer den Feind. Hier kam [146] es am. 18. Juli des Jahres 381 zur Schlacht. Das römische Heer hatte in der Ebene am Fluß Stellung genommen und die Höhen zur Linken mit leichten Truppen besetzt. Es erging den Römern nicht anders wie den Etruskern. Die Eliteschar der Kelten warf sich auf die Truppen auf der Höhe und rollte von hier aus die römische Schlachtreihe auf. Zu geschlossenem Widerstand kam es nicht mehr; ein wildes Morden begann. Das Gros des römischen Heeres wurde an den Fluß gedrängt; wer durch Schwimmen sich retten wollte, versank durch die schwere Rüstung oder ward, wenn er die Waffen wegwarf, den feindlichen Speeren zur Beute; nur wenige von vielen retteten sich auf das jenseitige Ufer und flüchteten nach Rom. Anderen Abteilungen war es gelungen, sich der Umzingelung zu entziehen. Der Weg nach Rom war ihnen allerdings verlegt; aber sie konnten sich auf den Höhen sammeln, die Versprengten an sich ziehen und sich nach Veji flüchten. Hier haben sie sich, so gut es gehen mochte, in den Ruinen der zerstörten Stadt verschanzt und die weitere Entwicklung abgewartet241.

Nachdem fast das ganze Heer teils vernichtet, teils durch die Versprengung der Geretteten nach Veji von Rom abgedrängt war, war die Stadt unhaltbar. Aber die Römer verzagten nicht; noch war der Staat zu retten, wenn es gelang, Zeit zu gewinnen. So [147] entschloß man sich, die Stadt freiwillig zu räumen; nur die Burg mit dem Kapitol242 auf dem Hügel vor den Toren wurde besetzt gehalten. Den Hauptteil der Bevölkerung, vor allem die Weiber und Kinder, brachte man in die Nachbarstädte in Sicherheit; zahlreiche Flüchtlinge, darunter die Vestalinnen mit dem heiligen Feuer, nahm Caere243 auf. Die Masse der Wehrfähigen wird nach Veji zur Armee gegangen sein, die jetzt die Zukunft des Staats repräsentierte. Versuchungen, wie sie die Perser ein Jahrhundert zuvor an Athen gerichtet hatten, traten an Rom nicht heran, und an sich, aus der politischen Lage der Zeit heraus betrachtet, handelte es sich um keine welthistorisch bedeutsame Frage; denn für die Weltlage war es auch jetzt noch ziemlich irrelevant, ob der römische Staat sich behauptete oder aus Mittelitalien verschwand. Aber indem Rom in der schwersten Krise es vermochte, das Gebot der Notwendigkeit in einen freien Entschluß des staatlichen Willens umzuwandeln, hat es nicht nur seine Existenz gerettet, sondern auch die innere Kraft offenbart, die in diesem Staate lag, und dadurch die Möglichkeit einer stets mächtiger fortschreitenden Entwicklung gewonnen; und so ist die Entscheidung von 381 dennoch welthistorisch bedeutsam geworden wie wenig andere. – Die Kelten hatten inzwischen den Gefallenen die Köpfe abgehauen und ein wildes Siegesfest gefeiert; dann rückten sie vor die Stadt. Sie argwöhnten eine Kriegslist; erst am vierten Tage nach der Schlacht erbrachen sie die Tore und besetzten und verheerten die Stadt. Sieben Monate haben sie in ihr gelegen; aber das Kapitol vermochten sie weder zu er stürmen noch auszuhungern. Sich in Latium dauernd niederzulassen, hatten sie nie beabsichtigt; zu einem neuen Kampf mit dem Heer, das sich inzwischen in Veji verschanzt und neue Kraft gewonnen hatte, hatten sie keine [148] Neigung; auch hätten sie dadurch der Besatzung auf dem Kapitol Raum gegeben, ihnen in den Rücken zu fallen. Während des Winters mochten ihnen die Lebensmittel ausgehen; überdies kam jetzt, wie Polybios berichtet, die Kunde, daß die Veneter in ihr Gebiet eingefallen seien. So nahmen sie die Anerbietungen an, die die Römer ihnen brachten; gegen Zahlung von 1000 Pfund Gold (913000 M.) räumten sie die Stadt und zogen von dannen (Februar 380)244.

Die Niederlage Roms haben die Nachbarn zu dem Versuche benutzt, die alten Zustände wiederherzustellen245. Die Etrusker hatten schon, als die Kelten noch in Rom lagen, das Heer in Veji angegriffen, waren aber zurückgeschlagen worden; jetzt eroberten[149] sie die neue Grenzfestung Sutrium. Im Süden brachen die Volsker und die Äquer in die ihnen entrissenen Gebiete ein. Aber es zeigte sich, daß die Krise trotz der schweren Verluste an Menschenleben Rom nicht gebrochen, sondern eher neu gekräftigt hatte. Die Volsker wurden bei Marcium in der Nähe von Lanuvium246 geschlagen; als sie dann mit stärkerer Macht wiederkamen und das römische Lager angriffen, rückte Marcus Furius Camillus als Diktator mit dem römischen Gesamtaufgebot bei Nacht aus, fiel ihnen im Morgengrauen in den Rücken und vernichtete, unterstützt durch einen Ausfall aus dem Lager, fast das ganze Heer der Feinde247. Dann entsetzte er Bola, das die Äquer angegriffen hatten. Darauf schlug er die Etrusker, gewann Sutrium zurück und stellte die latinische Kolonie wieder her. Auch eine Keltenschar soll er damals geschlagen haben. Um dieselbe Zeit vernichteten die mit Rom verbündeten Cäriten eine Keltenschar, die auf dem Rückweg von einem Raubzug nach Apulien ihr Gebiet durchzog. Im J. 380 wurden aus den Ansiedlern auf dem römischen Teil des Vejentergebiets vier neue Bezirke der Bürgerschaft gebildet. Auch auf das Meer griff Rom hinüber; im J. 379 entsandte es, wohl in Verbindung mit dem gleichzeitigen Aufstand auf der Insel gegen Karthago (u. S. 160), eine Kolonie von 500 Ansiedlern nach Sardinien248. – So ist es Rom nicht anders ergangen als den Lydern, als die Kimmerier ihr Land überschwemmt und Sardes bis auf die Burg genommen hatten; nachdem die Hochflut sich verlaufen hatte, erhob sich die Stadt aufs neue, gewann ihre bisherige Stellung zurück und konnte in wenigen Jahrzehnten zur Vormacht Mittelitaliens und zugleich zum Bollwerk des Kulturlandes [150] gegen die wilden Horden des Nordens erwachsen. Die Kraft der Volsker und der Äquer war durch die letzten entscheidenden Niederlagen gebrochen; im J. 373 begann Rom den Angriff auf Präneste, bald darauf nahm es den durch den Kelteneinfall unterbrochenen Krieg gegen die Etrusker erfolgreich wieder auf.

Die Kelten haben die Poebene bis zur Etsch dauernd in Besitz genommen249. Die ligurischen Stämme wurden in den Apennin und das Quellgebiet des Po zurückgedrängt; Reste der Etrusker erhielten sich in den Alpen an der Etsch und dem Inn unter dem Namen Räter250; jenseits der Etsch behaupteten sich die Veneter, ohne Zweifel unter fortwährenden Kämpfen mit den Kelten. Das übrige Land besetzten die keltischen Stämme, auf dem Nordufer des Po die Libikier (bei Vercellae und bis zum Ticin), die Insubrer (bei Mailand) und die Cenomanen (bis zur Etsch), im Süden die Ananen (Anamaren?, bei Placentia), die Bojer (bei Bononia), und am Meer die Lingonen und weiter südlich in dem Vorland des umbrischen Apennins bis nach Ancona hin die Senonen. Reste der älteren Bevölkerung mögen vielfach als Untertanen und Knechte im Lande geblieben sein; aber ein gewaltiges Gebiet, dessen Erschließung für die Kultur soeben begonnen hatte, war ihr auf Jahrhunderte hinaus wieder entrissen. Die neuen Ansiedler blieben Barbaren251, auch wenn sie neben der Viehzucht Ackerbau [151] trieben. Die etruskischen Städte lagen in Trümmern. »Die Kelten wohnen in offenen Dörfern«, sagt Polybios; »sie schlafen auf Streu und leben von Fleischnahrung, ihre einzige Beschäftigung ist Krieg und Ackerbau. Andere Kenntnisse und Fertigkeiten gibt es bei ihnen überhaupt nicht; der Besitz eines jeden besteht in Vieh und Gold.« »Zwei Dinge gibt es, welche fast ganz Gallien mit regstem Eifer betreibt«, lautet Catos berühmte Schilderung: »das Kriegswesen und scharfsinnig zu reden« (rem militarem et argute loqui). Ihre Waffen und ihren Goldschmuck verstanden sie selbst zu bearbeiten, wenn auch in ziemlich roher Weise. Der Schlemmerei und dem Wein waren sie eifrig ergeben; sonst brauchten sie keine Erzeugnisse der Kultur. Zu einer festeren politischen Organisation haben sie es hier so wenig gebracht wie sonst, wo immer sie in der Geschichte auftreten. Die Stämme zerfallen in zahlreiche Clans – 112 zählte Cato bei den Bojern –, das Parteiwesen steht in voller Blüte; ein jeder sucht eine möglichst große Schar von Anhängern und Gefolgsleuten um sich zu sammeln und dadurch zu Macht und Ruhm zu gelangen. Ununterbrochen dauern die Stammfehden; die Nachbarn, wie die Cenomanen und Insubrer, sind aufs bitterste miteinander verfeindet. Wenn in den Kriegen auf eigene Faust kein Erfolg zu gewinnen war, sind sie, wie die Sabeller, stets bereit, in fremden Diensten zu fechten, wo sie sich ganz wie diese als ebenso tapfer und gefürchtet wie unzuverlässig erweisen. – An Raubzügen gegen das übrige Italien hat es auch in der Folgezeit nie gefehlt; namentlich die in den Apennin zurückgedrängten Umbrer konnten sich offenbar der Kelten kaum erwehren, und mehrfach sind sie wieder in Etrurien eingebrochen. Größere Erfolge machte ihre politische Zerfahrenheit unmöglich. Aber noch war der Schrecken vor ihrem Namen lebendig. Als sie im J. 352 wieder einmal plündernd bis nach Latium vordrangen und auf dem Albanerberg lagerten, wagten die Römer nicht, ihnen ein Heer entgegenzuführen, sondern warteten ab, bis der Schwarm wieder davongezogen war252.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 141-152.
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