Die Pentekontaëtie

[231] Für die Zeit von 478 an gilt für die Beschaffenheit des Materials so ziemlich das Umgekehrte wie für den großen Entscheidungskampf. Die Tradition der Mitlebenden und der nächsten Generationen hat aus diesen Jahren wohl die Hauptmomente und gelegentlich einzelne Episoden aus den Kämpfen oder den politischen Verhandlungen – so z.B. Themistokles' Auftreten in Sparta während des Mauerbaus Athens – im Gedächtnis bewahrt; aber den Zusammenhang hat sie fast vollständig vergessen, so daß uns selbst die Folge der Ereignisse in der populären Tradition überall nur in arger Verzerrung entgegentritt, nicht nur bei den Rednern des 4. Jahrhunderts und bei Plato in der Leichenrede des Menexenos, sondern selbst da, wo ein Politiker aus vornehmem Hause, wie Andokides, einen Überblick der Begebenheiten gibt, die er zum Teil noch selbst erlebt hat (Andok. 3, 3ff., ausgeschrieben[231] von Äschines 2, 172ff., vgl Forsch. II 132ff.). Besäßen wir keine anderen Nachrichten, so würde es selbst bei den wichtigsten Vorgängen völlig unmöglich sein, ein auch nur annähernd richtiges Bild zu gewinnen. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, daß es neben der populären Tradition unzweifelhaft Kreise gegeben hat, in denen eine korrektere Information zu finden war, und an die sich gewandt haben würde, wer, wie Herodot für die Perserkriege, eine ausführlichere Darstellung dieser Zeit hätte geben wollen. So ist uns z. B. aus Kallisthenes (bei Plut. Cim. 12f.) eine offenbar durchaus zuverlässige Schilderung der Schlacht am Eurymedon erhalten, die zunächst wohl auf einen älteren Schriftsteller, in letzter Linie aber gewiß auf gute Lokaltradition, vielleicht bei den Ioniern, zurückgeht – daneben steht allerdings die völlig phantastische Darstellung des Ephoros, die aus der fälschlich auf die Eurymedonschlacht bezogenen Inschrift des Denkmals für Kimons letzten cyprischen Feldzug konstruiert ist (s. Forsch. II 1ff.).

Im Mittelpunkt des Interesses stand für die populäre Tradition mehr noch als im 6. Jahrhundert die Persönlichkeit der leitenden Männer; die Frage nach ihrer geschichtlichen Bedeutung wurde damals wie heute vielfach diskutiert. Sie knüpfte vor allem an Themistokles an (Xen. Mem. IV 2, 2, vgl. Symp. 8, 39) und hat in zahlreichen Anekdoten Ausdruck gefunden, von denen manche schon bei Herodot bewahrt sind. So tritt uns das Wesen der großen Feldherrn und Staatsmänner Athens und der Eindruck, den sie hinterlassen haben, in der späteren Literatur, der Komödie und vor allem den Dialogen Platos, lebendig entgegen. Das Interesse an der Persönlichkeit hat die Anfänge einer Memoirenliteratur erzeugt. Der Tragiker Ion von Chios (der auch ein Gedicht über die Gründungsgeschichte seiner Heimat verfaßt hat, Bd. III2 S. 398, 4) hat in höherem Alter, etwa um 430, von den berühmten Männern erzählt, die er auf seinen Reisen kennengelernt hatte (daher ἐπιδημίαι); erhalten sind uns daraus Mitteilungen über Kimon und Sophokles, sowie kurze Angaben über Perikles. Ähnlicher Art scheint die um dieselbe Zeit verfaßte Schrift des Rhapsoden und Homerikers Stesimbrotos von Thasos gewesen zu sein, [232] in der er von Themistokles, Kimon, Thukydides, Perikles erzählte, nur daß der Bündner aus der von Athen gedemütigten Stadt für die attischen Staatsmänner, vor allem für Perikles, wenig Sympathien hatte und die schlimmsten über diesen umlaufenden Verdächtigungen bereitwillig aufnahm; auch sonst waren die Erzählungen, die er wiedergab, keineswegs immer zuverlässig. – Neben der Frage der Bedeutung des Individuums steht die vielleicht noch eifriger diskutierte nach der richtigen Gestaltung des Staats; aus ihr ist um dieselbe Zeit, seit dem Archidamischen Kriege, eine politische Literatur erwachsen. Die älteste auf uns gekommene politische Broschüre, die um 424 oder vielleicht etwas später von einem Oligarchen verfaßte Kritik der attischen Demokratie, die unter Xenophons Schriften überlieferte πολιτεία Ἀϑηναίων, verbindet die theoretische Analyse mit dem praktischen Ziel, den Gesinnungsgenossen des Verfassers klarzumachen, daß es für sie mit diesem Staate keinen Kompromiß gibt. Ihr Gegenstück ist das Bild, das Thukydides in der nach Athens Fall geschriebenen Leichenrede des Perikles von den Idealen der attischen Demokratie entworfen hat. Die beiden Schriftstücke sind unsere Hauptquellen zur Erkenntnis der inneren Zustände und Tendenzen Athens auf der Höhe seiner Macht. Neben sie treten die zahlreichen Diskussionen, welche die Weisheitslehrer und ihre Anhänger über die richtige Gestaltung des Staats pflogen und die in den Sokratischen Dialogen ihren Nachhall haben, ferner die prosaischen und poetischen Schriften des Kritias (um 406) über die Hauptstaaten und ihre Institutionen, bei denen Sitten und Lebensweise in den Vordergrund traten. Auch die Tragödie, vor allem Euripides, hat die Gelegenheit gern ergriffen, diese Fragen zu diskutieren, zum Teil verbunden mit einer Verherrlichung Athens, wie in den »Hiketiden« (wahrsch. 422), aber immer mit ablehnender Haltung gegen die Ausschreitungen der radikalen Demokratie292.

[233] Wenn die von der Tradition gebotenen Nachrichten dürftig und unzureichend sind, so wächst dafür ständig das authentische und urkundliche Material. Vor allem für Athen, das jetzt wie in der Geschichte so auch in der Überlieferung durchaus in den Mittelpunkt tritt. Einzelne Volksbeschlüsse und zahlreiche Grab- und Weihinschriften sind uns bereits aus vorpersischer Zeit erhalten; seit der Mitte des 5. Jahrhunderts nimmt dies Material gewaltigen Umfang an. Neben die Volksbeschlüsse, die, wenn sie eine dauernde Anordnung treffen, regelmäßig in Stein gehauen werden, treten die Abrechnungen der attischen Kassen, vor allem die der Hellenotamien über das seit 454 der Athena gezahlte Sechzigstel der Tribute, und die der Schatzmeister der Athena über die vom Staat beim Tempelschatz aufgenommenen Anleihen. Ferner Totenlisten aus den Kriegen, Weihinschriften von Siegesdenkmälern und Schenkungen, u.ä. Vereinzelt sind uns solche Inschriften auch aus anderen Teilen Griechenlands erhalten, namentlich in Olympia. Den antiken Forschern waren daneben auch die geschriebenen Urkunden zugänglich, die sich in stets wachsender Zahl in den Archiven häuften. Vereinzelt finden sich noch Gedichte, die auf Zeitereignisse Bezug nehmen, so die Invektiven des Timokreon von Rhodos gegen Themistokles, und mehrere Gedichte auf Kimon, von denen eins den Tragiker Melanthios zum Verfasser hatte, ein anderes von Panätios dem Philosophen Archelaos zugeschrieben wurde293. Die Gedichte Pindars reichen bis in die Mitte des Jahrhunderts (Phyth. 8, 446 v. Chr.) hinab. Damit stirbt die alte Lyrik ab. Die Tragödie hörte zwar auf, ihre Stoffe aus der Gegenwart zu nehmen; aber nicht selten ist sie voll von Anspielungen auf die [234] momentane politische Situation, so Äschylos' »Orestie« (458) und viele Dramen des Euripides. Vor allem aber gelangt um die Mitte des Jahrhunderts in Athen die politische Komödie zu voller Ausbildung und bringt unzählige Anspielungen auf die gleichzeitigen Ereignisse, die handelnden Persönlichkeiten, das Leben und Treiben in Stadt und Land, die Zustände des Reichs. – Dazu kommen die Stadtchroniken (vgl. o. S. 221). Die ionische Welt hat ihrer bereits eine ziemliche Zahl aufzuweisen (darunter eine Geschichte von Lampsakos von Charon), von denen uns freilich außer den Namen (Dion. Hal. de Thuc. 5) und einigen Angaben aus der Sagenzeit nichts erhalten ist. Die älteste Chronik von Athen, die bis zum Fall Athens reichte, hat Hellanikos von Mytilene (Bd. III2 S. 211 verfaßt; sie muß die Ereignisse der letzten Jahrzehnte verhältnismäßig ausführlich erzählt haben. Gleichartige, von der Urzeit bis zur Gegenwart reichende Chroniken hat er auch über andere Staaten, z.B. Lesbos und Argos, verfaßt, ferner einen Abriß der griechischen Universalgeschichte bis zum Ausgang des Peloponnesischen Kriegs in drei Büchern, für die die Liste der Herapriesterinnen von Argos das chronologische Gerippe abgab294.

Eine auf wahrhaft geschichtlicher Auffassung beruhende Behandlung der Zeit nach 479, welche den Gang der politischen Entwicklung klar darlegte, fehlte dagegen vollständig (τοῖς πρὸ ἐμοῦ ἅπασιν ἐκλιπὲς τοῦτο ἦν τὸ χωρίον, Thuk. I 97); dem Hellanikos, der allein die Aufgabe in seiner Atthis wenigstens berührt habe, macht Thukydides den Vorwurf, daß er den Gegenstand nur kurz und chronologisch nicht genau behandelt habe – das zielt wohl vor allem darauf, daß er die Ereignisse nach attischen, im Hochsommer zu Ende gehenden Archontenjahren aufzählte und daher den natürlichen Zusammenhang zerriß; doch mag er auch manche Ereignisse falsch angesetzt haben. Das hat Thukydides veranlaßt, in die Darlegung der Ursachen des Peloponnesischen Kriegs einen ausführlichen Abriß der Entwicklung seit dem Schluß des Werks Herodots, die sog. Pentekontaëtie, episodisch einzulegen. Aber es ist nicht die Gesamtgeschichte dieser Epoche, die er schreibt, sondern die Vorgeschichte des [235] Peloponnesischen Krieges. Wie Athens Macht sich entwickelt, sein Reich sich gefestigt hat, wie der Konflikt mit den Peloponnesiern entstanden ist und welche Phasen er bis zum Ausbruch des großen Krieges durchlaufen hat, will er darlegen. Alles, was sich nicht auf diesen einen Punkt bezieht, bleibt bei ihm unberücksichtigt, ebensowohl die Geschichte des Peloponnes und der übrigen griechischen Welt wie die gesamte innere Geschichte; selbst solche Dinge wie den Frieden zwischen Athen und Persien und Athens Unternehmungen im Westen und im Pontos hat er nicht erwähnt. Wo wir sie kontrollieren können, erweist sich seine Darstellung überall als zuverlässig; aber es ist nur eine Skizze der Ereignisse, welche die Hauptmomente in ihrer Verkettung scharf hervortreten läßt, dagegen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf das Detail nicht eingeht und nicht eingehen kann. Dazu kommt, daß zwar die chronologische Folge streng beachtet wird (nur der Ausgang des Messenischen Kriegs wird I 103 vorweggenommen), aber eine bestimmte Datierung für den Autor unmöglich war, weil er die Jahrbezeichnung nach eponymen Beamten prinzipiell verwirft, irgendein System aber, das natürliche Jahr, nach dem er rechnet, chronographisch zu bezeichnen, wie man es später durch die Olympiadenzählung zu gewinnen suchte, nicht existierte. Besäßen wir eine Atthis oder ein ähnliches Werk, so würden wir die richtigen Daten leicht und mit voller Sicherheit einsetzen können; so ist uns das nur in den wenigen Fällen möglich, wo uns diese Daten aus atthidographischer Überlieferung anderweitig erhalten sind. Von hier aus müssen wir unter Benutzung der Folge der Begebenheiten und der von Thukydides gegebenen Zahlen (z.B. für die Dauer des Messenischen Kriegs und der Ägyptischen Expedition) die richtigen Daten zu ermitteln suchen. Das ist lange als eine fast unlösbare Aufgabe erschienen; gegenwärtig können teils durch die Fortschritte der Detailforschung, teils durch die Vermehrung unseres Materials – einzelne Daten sind jetzt bei Aristoteles πολ. Ἀϑ. gegeben, dazu kommen einige inschriftliche Daten – die Hauptpunkte als sicher festgelegt gelten295. – Eine [236] Ergänzung der Pentekontaëtie bietet die Erzählung der letzten Schicksale des Pausanias und Themistokles I 128-138.

Thukydides' Darstellung ist für alle späteren die Grundlage geworden. Vor allem ist ihm Ephoros (erhalten bei Diodor) in seiner Universalgeschichte durchweg gefolgt; was er von sonstigen Angaben hinzufügt, ist, soweit es nicht aus Inschriften geschöpft ist, die Ephoros gern benutzte, aber gelegentlich, wie bei der Eurymedonschlacht, falsch deutete, fast durchweg minderwertig und vielfach völlig unbrauchbar296. Er hat nicht annalistisch erzählt, sondern die Ereignisse zu größeren, sachlich geordneten Abschnitten zusammengefaßt. Dadurch hat schon er selbst viele chronologische Irrtümer begangen. Noch bedeutend vermehrt wurden die Fehler, als Diodor die Kapitel in der Folge, wie sie bei Ephoros standen, in die Jahre seiner annalistisch geordneten Weltgeschichte hineinsteckte, meist ohne irgendwelche Rücksicht auf den Inhalt, so daß Früheres und Späteres bunt durcheinander steht, Ereignisse, die mehrere Jahre umfassen, unter einem Jahr zusammenstehen, während andere Jahre völlig leer bleiben. So gibt Diodor nach Ephoros, der Thukydides reproduziert, an, daß der dritte Messenische Krieg zehn Jahre dauerte; aber er erzählt seinen Anfang unter 469, sein Ende unter 456. Ebenso hat er z.B. die Anarchie in Athen, d.h. die Herrschaft und den Sturz der Dreißig, zur Hälfte unter dem Anarchiejahre 404/3, zur anderen Hälfte unter 401/0 erzählt. Derartiges findet sich durchweg; seine Daten sind nur in den Fällen von Wert, wo er sie aus der von ihm benutzten chronologischen Quelle entnommen hat. – Die sonstigen späteren Geschichtsschreiber, Justins Auszug aus Trogus [237] und die Kompilation des Aristodemos, von der uns ein Fragment erhalten ist, haben kaum irgendwo weitere Bedeutung.

Neben die Universalgeschichte, die sich in Ephoros durchaus wissenschaftliche Ziele stellt, wenn auch die einseitige rhetorische Vorbildung des Schriftstellers und sein Mangel an Verständnis für die realen Seiten des geschichtlichen Lebens ihn hindert, sein Ziel zu erreichen, tritt als Fortsetzung der Diskussionen und Schriften der Zeit des Peloponnesischen Kriegs (o. S. 233) die politische Literatur. Der lebhaften politischen Diskussion der Reaktionszeit, dem erbitterten Kampf der Parteien, dem Suchen nach dem Idealstaat verdankt sie ihre Signatur. Durchaus beherrscht ist sie von der einseitigen Betonung der Verfassungsfragen, welche zu vollständigem Verkennen des eigentlichen Wesens des Staats führt. Weil das Streben Athens nach Machtentwicklung zur Demokratie geführt hat und diese schließlich gescheitert ist, verwirft die Theorie dies ganze Streben und sieht, im Gegensatz zu Thukydides' wahrhaft geschichtlicher Auffassung, in ihm nur eine schlechthin verwerfliche Entartung. Auch als das Fiasko der aristokratischen Kleinstaaten unter Spartas Führung und die Ohnmacht gegenüber den Barbaren den Theoretikern die Anerkennung der politischen Macht und der staatsmännischen Persönlichkeit aufzwängte – auch Plato hat (ep. 7. 8) die gewaltige historische Bedeutung des Dionys von Sizilien offen anerkannt297, obwohl er durch den prinzipiellen Kampf gegen seine Gestaltung des Staats den Anstoß zum Sturz seines Reichs gab – und eine Rückwendung zur Monarchie herbeiführte, hat man sich von der Überschätzung der äußeren Verfassungsformen nicht freimachen können. Mit ihr verbindet sich, gleichfalls in scharfem Gegensatz zu Thukydides, eine flache moralisierende Beurteilung, welche an die großen politischen Aktionen den unzulänglichen Maßstab der bürgerlichen Moral anlegt, weil sie die tieferen, wahrhaft sittlichen Faktoren des Staats und der geschichtlichen Verantwortung ignoriert. Von diesen Gesichtspunkten ist Platos Beurteilung [238] der attischen Staatsmänner und der großen Zeit Athens voll kommen beherrscht, ebenso aber z.B. ein so verbissener Aristokrat und Athenerfeind wie Theopomp, der in den Exkursen seines großen Werks über Philipp von Makedonien, vor allem im zehnten Buch (περὶ δημαγωγῶν) über sie alle moralisch und politisch den Stab brach. Selbst Aristoteles, wenn er auch den Versuch macht, den realen Faktoren Rechnung zu tragen, und im Gegensatz gegen seine Theorie für tatkräftige Persönlichkeiten, speziell für die Tyrannen, eine lebhafte Sympathie zeigt, hat sich doch über diese Schranken nicht zu erheben vermocht. Für die Demokratie hat er nur Verachtung, und für die große Zeit Athens gar kein Verständnis. In seiner Schrift vom Staat der Athener folgt er für das 5. Jahrhundert einer von extrem oligarchischem Standpunkt geschriebenen Schrift, die zwar einiges wertvolle Material mitteilt (namentlich Aktenstücke zur Geschichte der Jahre 411 und 404/3, die indes historisch nicht richtig verwertet sind), aber von der wahren Entwicklung und den handelnden Persönlichkeiten lediglich ein Zerrbild gibt und sich auch über die Chronologie mit größter Nonchalance hinwegsetzt. – Die Folgezeit, namentlich die populäre Schriftstellerei der Peripatetiker, hat dann die Staatsmänner der Vergangenheit wesentlich zur Illustration ihrer politischen und ethischen Ideen benutzt und zahlreiche Anekdoten über sie verwertet oder neu in Umlauf gesetzt, die in der Regel ein völlig verfälschtes Bild geben; ein wirkliches Verständnis der Vergangenheit und der sie bewegenden Anschauungen und Mächte lag dieser Zeit bereits völlig fern. – Geschichtlich steht trotz all seiner Gebrechen Isokrates' Urteil doch weit höher; er war eben ein wirklicher Politiker und wußte, worauf es bei den Machtfragen der Gegenwart ankam, wandte sich auch unbedenklich an jede positive Macht, um die Verwirklichung seiner Ideale durchzusetzen – nur daß er, wie so viele Schriftsteller unseres Jahrhunderts, die Bedeutung des Wortes und einer geschickt geschriebenen politischen Broschüre arg überschätzte298.

[239] Diesen Schriften zur Seite geht die stets anwachsende Spezialgeschichte, die an die älteren Horographen und Mythenhistoriker und speziell an Hellanikos anschließt, dem z.B. der älteste athenische Atthidograph Kleidemos299 noch sehr nahesteht: daher hat sie auch immer eine rationalistische Färbung bewahrt. Zum Teil verfolgt sie zugleich praktische, politische Zwecke; mehr und mehr tritt aber die wissenschaftliche, antiquarische Forschung bei ihr in den Vordergrund. In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts dürfte es bereits kaum mehr ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung gegeben haben, das nicht eine derartige Literatur aufzuweisen gehabt hätte, wie denn überhaupt damals bereits jedes Thema, das irgendwie Interesse beanspruchen konnte, mehr als einmal behandelt ist – wir dürfen uns dadurch nicht irremachen lassen, daß nur von einem Bruchteil dieser Literatur Namen und Büchertitel auf uns gekommen sind. Einen Niederschlag der geschichtlichen Spezialliteratur bildete das große Sammelwerk des Aristoteles über die Verfassungsgeschichte der einzelnen Staaten. Von späteren Chroniken kommen vor allem die Annalen von Samos (ὧροι Σαμίων) des Peripatetikers Duris in Betracht, aus denen uns für die Geschichte des Samischen und Peloponnesischen Kriegs wie der folgenden Zeit manche Angaben erhalten sind; sie waren durchweg in rhetorisch überladenem Stile geschrieben, mit starkem Aufputz sensationeller Geschichten und unhistorischer Effekthascherei, und dürfen daher nur mit äußerster Vorsicht benutzt werden. Andere Zweige der historischen Forschung, Literatur- und Musikgeschichte, Sammlung der Gesetze (Theophrast), allgemeine Kulturgeschichte schlossen sich an, vor allem in den Arbeiten der [240] Peripatetischen Schule. Was davon auf uns gekommen ist, bezieht sich meist auf die Anfänge und die Sagenzeit; aber wir dürfen nicht außer acht lassen, daß diese außerordentlich umfangreiche Literatur auch für die geschichtliche Überlieferung von Bedeutung gewesen ist. Sie setzt sich in allen ihren Verzweigungen, von streng wissenschaftlicher Arbeit bis zur populärsten und oberflächlichsten Schriftstellerei, fort in der hellenistischen Zeit. Etwas genauer bekannt sind uns nur die Arbeiten über Athen, die Atthis des Androtion aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, die Aristoteles benutzt hat, die des Philochoros aus der Zeit des Antigonos Gonatas, an die sich zahlreiche ähnliche Arbeiten anschlossen, die höchst wichtige attische Urkundensammlung des Makedoniers Krateros300 usw. Philochoros und auch Androtion geben höchst wertvolles zuverlässiges Material, namentlich über Geschichte und Institutionen der Verfassung; andere Werke, wie die Atthis des Phanodemos301, aus der uns phantastische populäre Erzählungen über Kimon erhalten sind, hatten weit geringere Bedeutung.

Der Niederschlag dieser gesamten Literatur, der historischen und anekdotischen Überlieferung wie der gelehrten Forschung liegt uns vor in der Biographie, namentlich bei Plutarch und Nepos, in den Sammelwerken, vor allem Athenäos, ferner Älian, daneben die Strategeme Polyäns, die Apophthegmen Plutarchs u.ä., und in den Kommentaren (Scholien) zu Dichtern und Rednern und den ihre Ergänzung bildenden rhetorischen Lexiken. Die erhaltenen Schriftsteller dieser Kategorien kommen für uns sämtlich nur als das letzte Glied der Kette der Überlieferung in Betracht, weil uns ihre Vorlagen nicht mehr erhalten sind, so verschiedenartig im übrigen ihr literarischer Wert und ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte ihrer Zeit ist. Mit Ausnahme des Athenäos, der in ziemlich weitem Umfang sein Material selbst zusammengetragen hat, geben sie im wesentlichen wieder, was sie schon in größeren Biographien, Kommentaren, Sammelwerken fanden. Das gilt namentlich auch von der für uns wichtigsten Quelle, der Biographie. [241] Dieselbe geht zurück auf die großen, teils gelehrten, teils, wie die des Hermippos, populären Arbeiten der alexandrinischen Zeit; von hier aus hat sich das Material in mannigfachen Verzweigungen und Brechungen, bei denen vielfach weitere Notizen hinzukamen oder eine andere Auffassung der Persönlichkeit an Stelle der alten trat, fortgepflanzt bis auf Nepos und Plutarch und die formlosen Biographien bei Diogenes Laërtius und Suidas und in den Einleitungen zu den Handschriften der Schriftsteller. Nepos gibt meist einen kurzen Auszug aus der Vulgatbiographie, dem er einzelne Zusätze aus seiner Lektüre, namentlich aus Thukydides und Timäos, hinzugefügt hat; Plutarch hat das große Verdienst, den reichen Strom der Überlieferung mit all seinen Variationen nach Kräften bewahrt und in anmutiger Form zusammengefaßt zu haben. Von Eigenem hat er freilich, abgesehen von einzelnen Zitaten, nicht viel mehr hinzugetan als das ethische Urteil, das für ihn die Hauptsache ist, und die lebendige stilistische Behandlung, auf der seine große Wirkung auf Mit- und Nachwelt beruht. Zu einem tieferen historischen Verständnis der großen Persönlichkeiten ist er nicht gelangt. Aber das haben auch seine Vorgänger nicht zu erreichen vermocht; die Fähigkeit, sich in die Vergangenheit wirklich hineinzuleben, ging ihnen allen und ihrer ganzen Zeit ab. Daher stellen sie vielfach die verschiedensten Auffassungen und Berichte nebeneinander und vermögen die sachlichen und individuellen Probleme, die sie aufwerfen, nur in den seltensten Fällen zu lösen; wo es auf Erkenntnis größerer politischer Zusammenhänge ankommt und vor allem, wo nur eine genaue Beobachtung der Chronologie auf die richtige Lösung hätte führen können, versagen ihre Kräfte meist völlig. Für uns ist das nur ein Vorteil, da infolgedessen die Biographie das reiche Material, das sie gesammelt hat, meist in ungetrübter Gestalt weitergibt; und hier verdient ihr Fleiß und ihre Gewissenhaftigkeit die höchste Anerkennung. Nicht nur die äußerst umfangreiche Literatur, wie sie sich in den großen Bibliotheken der hellenistischen Zeit zusammenfand, ist sorgfältig ausgeschöpft worden, sondern in weitem Umfange auch das urkundliche Material in den Archiven, Inschriften, Denkmälern und Weihgeschenken. Bei der Ausnutzung [242] der Schriftsteller freilich fehlte die wahre Kritik, und so steht hier Wertvollstes und völlig Wertloses, wie die Anekdoten der späteren Zeit und die abgeleiteten Angaben sekundärer Schriftsteller, nebeneinander. Viele Notizen sind uns gewiß verloren; im allgemeinen aber dürfen wir annehmen, daß uns, soweit die Biographien reichen, das Material, welches in der älteren, für uns verlorenen Literatur zu finden war, der Hauptsache nach erhalten ist und auch die älteren Werke nicht wesentlich mehr geben würden302. – Die kurzen Notizen der Chroniken kommen für unsere Zeit dem sonstigen Material gegenüber kaum in Betracht.

Durch die angestrengte Arbeit eines Jahrhunderts und das gewaltig vermehrte Material, das wir vor allem den Inschriftenfunden verdanken, sind wir in der Erkenntnis der Geschichte des 5. Jahrhunderts weit über das hinausgekommen, was die antike Gelehrsamkeit und die älteren Forscher der Neuzeit zu geben vermochten303. In weitem Umfang steht uns jetzt diese Zeit [243] und namentlich die Geschichte Athens, seine Institutionen und sein Reich, lebendig vor Augen. Dank der Arbeit der Philologie und dem gewaltig geförderten Verständnis der Schriftsteller ist[244] uns auch das geistige Leben dieser Epoche in ganz anderer Weise verständlich geworden als früher. Große Lücken bleiben freilich, vor allem in der Geschichte des Peloponnes, für die unsere Quellen fast völlig versagen und wo von dem Wichtigsten oft nur durch eine versprengte Notiz, z.B. bei Herodot, dunkle Kunde auf uns gekommen ist. Aber auch die innere Geschichte Athens liegt namentlich für die ersten Jahrzehnte nach den Perserkriegen auf weite Strecken völlig im Dunkeln und läßt sich nur durch einen besonnenen Rekonstruktionsversuch, der von den wenigen sicher überlieferten Tatsachen ausgeht, einigermaßen erhellen. Es ist kaum zu hoffen, daß uns hier noch viel neues Material erschlossen werden wird. Aber je weiter wir hinabgehen, desto reicher wird das Material, desto sicherer die Erkenntnis. So viele Lücken wir schmerzlich empfinden, so kann doch niemand, der sich in das Material wirklich hineingearbeitet hat, bestreiten, daß eine Rekonstruktion der Perikleischen Zeit eine Aufgabe ist, welche mit den Mitteln der historischen Wissenschaft sehr wohl gelöst werden kann.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 231-245.
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