Die Seevölker und die ethnographischen Probleme. Tyrsener und Achaeer

[555] Die bisher behandelten Probleme werden noch verwickelter durch Angaben, die wir aus Ägypten erhalten. Unter Merneptaḥ hat sich eine Koalition von Völkern »aus den Ländern des Meeres« oder von »aus allen Ländern gekommenen Nordleuten« mit libyschen Stämmen zu einem Angriff auf Ägypten verbunden1066. Genannt werden Aqaiwaša, Tur(u)ša, Luka, Šerdana. Šakaruša (Šakalša). Drei von ihnen,[555] die Turša, Šerdana und Šakaruša, erscheinen nachher wieder bei der großen Völkerwanderung unter Ramses III. neben den Philistern und Zakkari, den Danauna »von ihren Inseln« und den Uašeš »von der See«. Die Aqaiwaša und die Luka kommen nur bei Merneptaḥ vor, und zwar haben jene, wie die Liste der Erschlagenen zeigt, damals bei weitem das größte Kontingent gestellt; die Luka dagegen werden in dieser Liste überhaupt nicht erwähnt, waren also offenbar nur mit wenigen Leuten beteiligt.

Daß die Heimat dieser Stämme im Bereich des Ägaeischen Meeres zu suchen ist, kann nicht zweifelhaft sein. Die Luka (Lykier) haben wir schon kennen gelernt, ebenso die Šerdana und ihre alten Beziehungen zu Ägypten, dem sie auch jetzt ein starkes Söldnerkontingent stellen. Die Turša »vom Meere«1067 können nur die Tyrsener sein, die eine griechische Sage (im homerischen Dionysoshymnus) als Seeräuber im Ägaeischen Meer kennt und die hier auf Lemnos und Imbros noch im 6. Jahrhundert gesessen haben, während der Hauptteil des Volkes nach Italien hinüber gezogen ist und hier der Landschaft Etrurien den Namen gegeben hat1068. In den Šakaruša [556] (Šakalša) hat man auf Grund des Namensanklangs die Sikeler zu erkennen geglaubt, die damals noch in Unteritalien saßen. Möglich ist das gewiß, so gut wie die Ableitung der Šerdana aus Sardinien, da die große Völkerbewegung dieser Epoche in der Tat nach Italien hinübergegriffen hat; aber als gesichert kann es nicht betrachtet werden.

In den Aqaiwaša endlich hat man allgemein die Achaeer erkannt, deren Namen Ἀχαιοί, abgesehn von dem Suffix1069, sehr korrekt wiedergegeben sein würde.

[557] Nun erfahren wir aus Merneptaḥs Angaben aber noch, daß die Šakaruša, Turša, Šerdana und Aqaiwaša – die Luka werden hier nicht erwähnt – beschnitten waren. Bei den Ägyptern besteht seit alters der Brauch, den Gefallenen eine Hand abzuschneiden und danach ihre Zahl zu ermitteln und zugleich die Belohnungen zu verteilen1070. Unter Merneptaḥ aber wurden den Libyern die Phalli abgeschnitten, weil sie unbeschnitten waren – ein Brauch, der ebenso bei den Israeliten in der Geschichte Davids im Kampfe mit den Philistern vorkommt (Sam. I 18, 25ff.); unbeschnitten zu sein gilt eben als Schande, und so zeigt man noch an den Leichen die Verachtung gegen die Unreinen. Bei den Seevölkern dagegen werden nicht die Phalli, sondern die Hände abgeschnitten, »weil sie keine Vorhaut hatten«1071. Über die [558] anderen bei Ramses III. vorkommenden Völker haben wir keine Angaben; aber von den Philistern wissen wir sicher, daß sie unbeschnitten waren, und das wird auch von ihren übrigen Genossen gelten.

Es ist sehr überraschend, die Beschneidung hier in der Seewelt zu treffen. In Ägypten ist sie seit ältester Zeit heimisch und von hier aus haben sie die Israeliten und die Phoeniker übernommen1072; daß die Šerdana und die mit ihnen in Berührung stehenden Stämme die Sitte gleichfalls von den Ägyptern entlehnt haben, ist denkbar. Später freilich finden wir sie in diesen Gebieten nirgends mehr – die Kolcher, die nach Herodot beschnitten waren, liegen viel zu weit ab –, auch nicht bei den Etruskern. Soll man nun annehmen, daß auch die Achaeer sie wenigstens im Kolonialgebiet zeitweilig mitgemacht haben? Oder sind die Aqaiwaša doch ein ganz anderes Volk und dann etwa identisch mit den Achchijawa und diese keine Achaeer? Es ist peinlich, hier wie in vielen anderen Fragen, daß unser Material so dürftig und wortkarg ist; aber die Gesamtlage spricht doch stark dafür, daß auch die Achaeer, die eben damals sich im östlichen Mittelmeer ausbreiteten, an diesen Bewegungen beteiligt gewesen sind, so gut wie nachher die Danaer (Danauna).

Von den unter Ramses III. hinzukommenden Völkerschaften läßt sich über die Uašeš »von der See« nichts weiter ermitteln. In den Danauna (im Amarnabrief 151 Danuna, o. S. 224) »von ihren Inseln« werden wir den Namen der [559] Danaer von Argos erkennen dürfen. Das Hauptkontingent der Seevölker aber, die Ramses III. in großen Schlachten zu Land und zur See besiegt, bilden die beiden engverbundenen Stämme, deren Namen Pursta (auch Puirsta) und Zakkari geschrieben werden. Die Konsonanten des ersteren (Prst) sind die korrekte Wiedergabe von עוים, Philister. Aus der israelitischen Überlieferung wissen wir, daß diese in die Küstenebene des dann nach ihnen Palaestina benannten Landes von der Insel Kaptor her eingewandert sind und die alten hier liegenden Städte wie Gaza und Askalon besetzt haben1073; weiter nördlich, in Dor, haben nach einem ägyptischen Bericht1074 die Zakkari sich festgesetzt. Nach Ausweis der Funde haben sie Gefäße der spätmykenischen Zeit mitgebracht und in ihrer neuen Heimat diesen Stil beibehalten und weitergebildet1075. Daß die Insel Kaptor Kreta ist, kann nicht zweifelhaft sein, wenn der Name auch in umfassenderem Sinn die weitere ägaeische Inselwelt mit einschließen mag. Auf nahe Beziehungen zu den Kafti weist hin, daß in einer Liste von Kaftunamen, die ein ägyptischer Schreiber auf einer Holztafel verzeichnet hat, ein Name 'Akašan vorkommt, der dem des Philisterkönigs Akiš (LXX Αγχους) von Gat (Sam. I 21, 11) zur Zeit Davids und dem des Ikausu von Aqqaron zur Zeit Assarhaddodons und Assurbanipals entspricht1076.

Aber auch der Volksname Kreter כרת hat sich bei den Philistern neben diesem immer lebendig erhalten1077. Außerdem [560] erscheinen die Philister oder vielmehr die gesamten Seevölker in der Sage unter dem Namen Japhet, dem verkündet wird, daß Gott ihm weiten Raum schaffen und daß er auch in den Zelten Šems (d.i. der Israeliten) wohnen, aber Kana'an beider Knecht sein soll1078; darin lebt der Name der Kafti fort. So werden wir auch in der Angabe, daß Gaza von Minos als Minoia gegründet sei und der dort verehrte Hauptgott, den seine Verehrer einfach Marna »unser Herr« nennen, identisch sei mit dem Zeus Κρηταγενής oder Κρηταῖος1079, ein Fortleben einer richtigen Tradition erblicken dürfen.

Über die Herkunft der Zakkari läßt sich weiter nichts ermitteln, als daß sie wie die Philister ein Seevolk sind. Die ägyptischen Darstellungen geben beiden und ebenso den einmal neben ihnen dargestellten Danauna1080 gleiche Gestalt und Tracht. Charakteristisch ist vor allem die Kopfbedeckung, ein breiter, meist mit Buckeln oder zackigen Streifen geschmückter Reif, offenbar von Metall, mit gefälteltem Nackenschutz von Zeug oder Filz und einem unter dem Kinn verknoteten Sturmband; auf ihm sitzt auf einer Kappe ein nach allen Seiten ausladender Aufsatz aus dicht aneinander liegenden Federn1081. Schon früher ist erwähnt (o. S. 217), daß diese Federkrone sich ebenso auf dem kahlen und bartlosen Kopf findet, der auf dem Diskus von Phaistos als Schriftzeichen am Anfang [561] zahlreicher Wörter (wohl Eigennamen) steht. Somit werden die Philister und Zakkari dasjenige Volk sein, das diese Stempelschrift erfunden hat und aus dessen – bisher nicht aufgefundenen – Wohnsitzen der Diskus nach der kretischen Stadt gelangt ist. Auch die Möglichkeit, daß der Philistername mit dem der Pelasger identisch ist, kann nicht ganz abgelehnt werden.

Unter der Kappe ist das Haupthaar niemals angedeutet, also entweder kurz geschnitten oder rasiert, wie bei den Köpfen und den übrigen Figuren auf dem Diskus. Die Krieger sind durchweg bartlos, wie die Šerdana, nur ältere Häuptlinge tragen mehrfach einen Bart1082. Die Gesichtszüge sind von denen der Semiten und der Chetiter durchaus verschieden, das Profil verläuft geradlinig wie bei den Griechen. Mit diesen stimmen die Waffen überein, längere Lanzen und kürzere Speere, kurze spitze Schwerter und runde Schilde. Der Oberkörper ist in den sorgfältiger gearbeiteten Bildern von einem bis zum Gürtel reichenden Panzerhemd bekleidet, das auch die Schultern umschließt, während Hals und Arme freibleiben. Auf der Brust sind Linien eingezeichnet, die der Krümmung der Rippen entsprechen und am Brustbein spitz zulaufen. So ist es wohl eher ein festes Wams mit Besatz von Metall oder starkem Zeug zum Schutz der Brust, als ein Metallpanzer1083. Unter ihm sitzt ein bis zu den Knien reichender Lendenschurz, der ebenso wie der Gürtel mit Troddeln verziert ist. Die Beine sind nackt.

Die Šerdana tragen im übrigen dieselben Waffen und [562] dieselbe Kleidung1084 bis auf den für sie charakteristischen ehernen Helm mit Hörnern (Mondsichel)1085.

Auf einer Vase jungmykenischer Zeit, aus einem kyklopischen Haus in Mykene1086, ist der Auszug von Kriegern ins Feld – hinter ihnen steht die Frau, die mit Trauergestus von ihnen Abschied nimmt – und weiter eine Schar in die Schlacht rückender Kämpfer dargestellt. Jene tragen lange Lanzen, an denen der Brotbeutel hängt; diese schwingen Speere zum Kampf. Beide Gruppen haben runde Schilde; um den Rumpf sitzt ein ornamentiertes Wams (oder Panzer?), das auch die Schultern umschließt, während der Hals freibleibt; darunter verdeckt ein Untergewand mit Troddeln die Scham. Im allgemeinen entspricht diese Tracht der eben geschilderten; abweichend ist, daß auch der Arm mit einem Ärmel umschlossen ist, und daß sie Gamaschen (κνημῖδες) und Schuhe tragen. Außerdem haben sie Backen- und Kinnbart; aber der Schnurrbart ist abrasiert und ebenso fehlt jede Andeutung des Haupthaars. Fast völlig übereinstimmend mit den Philistern, Zakkari und Danauna ist bei der zweiten Gruppe die Kopfbedeckung, eine bunte Kappe auf einem Reif, nach beiden Seiten überladend, mit einem Aufsatz paralleler Striche darauf, die den Federn entsprechen; nur der Nackenschirm fehlt. Man wird damit verbinden dürfen, daß nach Herodot die Lykier »rings mit Federn besetzte Filzmützen« trugen1087. Bei der anderen Gruppe könnten die beiden Hörner am Helm der Mondsichel auf dem Helm der Šerdana entsprechen, wenngleich hier eher eine rein griechische Entwicklung vorliegt, die Sicherung des Helmes [563] gegen Hiebe durch daran angesetzte Haken (φάλοι), vgl. oben S. 234, 1.

So wenig man an eine direkte Gleichsetzung dieser mykenischen Kriegerscharen mit den von den Ägyptern dargestellten wird denken dürfen, so zeigen die Übereinstimmungen doch, daß sie alle demselben Kulturkreis angehören, in dem die Völkerschaften sich gegenseitig beeinflußten und in Bewaffnung und Tracht sich angeähnelt haben.

Andersartig ist die Kopftracht in dem stark zerstörten Bild eines Turšahäuptlings in Medinet Habu (Phot. 498): über der Stirn hält ein breites Band (oder Reif?) das Haar zusammen, das lockenartig endend über der Stirn liegt, aber ziemlich kurz gehalten ist und daher nicht auf die Schultern herabfällt. Gleichartige Gestalten, in denen wir daher Turša erkennen dürfen, finden wir neben Ägyptern, Šerdana und Philistern oder Zakkari sowie Negern in der Garde Ramses' III.1088 und ebenso unter den Söldnern in der Libyerschlacht1089. Einer von diesen trägt über der Brust, an einer Schnur vom Hals herabhängend, eine runde Scheibe, wie wir sie mehrfach auch bei Semiten finden, wohl zugleich als Schmuckstück und als Amulett.

Unter den Bildern gefesselter Feinde auf glasierten Fayencekacheln, mit denen Ramses III. seinen Palast in Medinet Habu geschmückt hat1090, finden sich neben Libyern, Syrern, Chetitern und Negern auch einige, die an diese Gestalten [564] erinnern. Alle diese Figuren tragen nicht die Kriegsrüstung, sondern reich mit Stickerei geschmückte Gewänder, ähnlich wie die Šerdana in der Galatracht, in der sie in dem Bilde der Schlacht bei Qadeš als Leibwache Ramses' III. dargestellt sind. Einer, in buntem Obergewand und langem Unterrock (Phot. 9 b), mit Backen- und Schnurrbart, trägt über der Stirn das breite Band und dahinter das Haar in Strähnen zurückgekämmt und gleichmäßig abgeschnitten; das scheint also ein Turša zu sein. Auf der Brust hängt ihm unter der Halskette ein Ring. Ein anderer (Phot. 11) trägt statt dessen die volle Scheibe. Auch er hat einen kurzen Vollbart. Die Gesichtszüge sind ganz europäisch. Über der Stirn scheint auch bei ihm ein Band zu liegen; das Haar ist zerstört. Der Leib ist unter der Brust mit einem horizontal gestreiften Tuch umwickelt, von der Schürze hängen Troddeln über den Leibrock herab. Die gleiche Kleidung findet sich bei Phot. 5 a; hier ist das Stirnband mit Steinen geschmückt, das Haar liegt in Strähnen auf dem Kopf und ist geradlinig abgeschnitten1091.

Besonders bedeutsam ist weiter, daß sich in einem Grab von Enkomi (Salamis) auf Cypern ein Kasten aus Elfenbein gefunden hat, dessen Schnitzereien in mykenischem, aber asiatisch beeinflußtem Stil eine Jagd darstellen; und in dieser tragen zwei Krieger im Gefolge der wie die ägyptischen und mykenischen Fürsten auf dem Wagen stehenden Hauptfigur ganz deutlich denselben mit Buckeln geschmückten Stirnreifen mit Nackenschutz und mit dem überhängenden Federaufsatz wie die Philister1092. Das Grab, in dem sich ein paar Eisenmesser mit Elfenbeingriff gefunden haben, gehört der [565] Zeit um 1200 an. So wird hier die Mischung der verschiedenen Volkstümer anschaulich, welche die Insel besiedelt haben; mehrere Elfenbeinschnitzereien aus anderen Gräbern zeigen statt dessen bartlose Köpfe mit dem mykenischen, mit Eberzähnen besetzten Helm1093.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/1, S. 555-566.
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