Allegorie

[16] Allegorie, d.i. diejenige Darstellungsweise, die ein Objekt vermittelst eines ihm ähnlichen darstellt, hatte im Mittelalter eine sehr grosse Ausdehnung und Anwendung, sowohl in den bildenden Künsten als in der Poesie. Schon das Ceremoniell des christlichen Gottesdienstes, verschiedene Dogmen und besonders die Auslegungsweise der Bibel waren gesättigt von allegorischer Darstellung und Auffassung; wie man sie denn in Otfrieds Evangelienharmonie und in den Predigten und Traktaten der Mystiker überall zerstreut findet. Schon im 2. Jahrh. war die sinnbildliche Schrifterklärung Gegenstand eines ausführlichen systematischen Werkes, des ursprünglich griechisch geschriebenen, jetzt nur in lateinischer Version vorhandenen Clavis des hl. Melito, Bischof von Saides unter Mark Aurel; es ist die Grundlage der mystischen Naturgeschichte des Mittelalters. – Die höfische Poesie ist der Allegorie nicht besonders günstig; doch gehört Wolframs Parzifal in diese Richtung, da die ganze Erzählung ein Bild davon geben soll, wie der Mensch von der tumpheit durch den zwîfel zur saelde, aus der Unerfahrenheit durch den Zweifel zur Versöhnung gelange. Ganz allegorisch ist auch der französische Roman de la Rose von [16] Guillaume de Lorris, fortgesetzt von Jean de Meung, Mitte des 13. Jahrh., lange ein Lieblingsbuch der Franzosen. In den folgenden Zeiten wächst mit der Abnahme rein darstellender Kunst die Freude an der Allegorie, man erfindet die Blumensprache; die Liebeslust wird in unzähligen Formen verallegorisiert; das Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen (1337) ist eine durch das Schachspiel versinnbildlichte Darstellung des Lebens; ebenso die Jagd des Hademar von Laber. – Noch stärker zeigt sich der Gebrauch der Allegorie in der italienischen Renaissance und in denjenigen nationalen Künsten, die von ihr aus gepflanzt worden sind. Besonders die Beliebtheit der antiken Mythologie bei den italienischen Künstlern und Dichtern brachte eine Unzahl alter und neuerfundener allegorischer Darstellungen und Personen auf; Dantes göttliche Komödie war selber eine grosse Allegorie und enthielt zahlreiche allegorische Einzeldarstellungen; die Malerei und die plastische Darstellung durch lebende Personen bei Festaufzügen u. dergl. brachte mit Vorliebe Allegorisches. Vergl. Burckhardt, Kultur der Renaissance, 322 ff. Der Einfluss der italienischen Allegorie zeigt sich nun doppelt stark in der deutschen Kunst; Maximilians Theuerdank ist rein allegorisch, Hans Sachs hat fast alle Tugenden und Laster, Zustände und Begebenheiten des menschlichen Lebens allegorisch behandelt; ebenso die Malerei, die Glasmalerei u.a.; vieles darunter mit Geist. Die Opitzische Zeit macht es nicht anders, nur dass es ihr meist an erfinderischem Geist gebricht. Erst das frischere Leben der Aufklärungsperiode und besonders die Blüte des Dramas drängen allmählich die Allegorie zurück, wobei zumal Lessings darauf bezügliche Untersuchungen im Laokoon wirksam sind. Die antikisierende Richtung Goethes und der Geist der Romantik werden der Allegorie von neuem günstiger, wovon der zweite Teil des Faust das beste Exempel sein dürfte.

Im engeren Sinne ist Allegorie der Name eines Tropus, wodurch ein Gegenstand nebst den Eigenschaften, die ihm anhangen, und den Wirkungen, die er ausübt, in einem einheitlichen, zusammenhängenden Bilde ausgemalt wird. Auch das Gedicht, dem ein solcher Tropus zu Grunde liegt, z.B. Schillers Mädchen aus der Fremde, Pegasus im Joche, trägt den Namen der Allegorie.

Über Allegorie in der bildenden Kunst vgl. Otte, Handbuch der kirchl. Kunst-Archäologie. 882. 890.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 16-17.
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