Sitte

[577] Sitte heißt 1. die zur Gewohnheit gewordene Art und Weise der Lebensführung von Gemeinschaften. Die Sitten eines Volkes hängen von seiner Naturumgebung, seiner Geschichte und seiner psychischen Eigenart ab. Jede Änderung darin deutet auf eine Umwandlung des Volkscharakters hin. 2. Sitte bedeutet ferner Gesittung, d.h. feine Lebensart von Gemeinschaften, also die Form eines zivilisierten Lebens. Die Gesittung hängt vom Handel und Verkehr, vom Reichtum und Luxus, auch von »zufälligen« Ereignissen und von der Mode ab. Doch zeigt sich die fortschreitende Gesittung auch in immer richtigeren Vorstellungen über Recht, Religion, Familienleben usf. 3. Sitte heißt endlich Sittlichkeit (s. d.). Die Sitte in der ersten Bedeutung ist ein Produkt der Natur, die feinen Sitten dagegen sind von der Konvenienz, die guten vom Sittengesetz abhängig. Bezüglich der Sitte ist der Mensch unfrei, die Gesittung ist zum Teil willkürlich, die Sittlichkeit beruht auf praktischer Willensfreiheit. Die Sitte ist herkömmlich, die Gesittung umfaßt das Schickliche, die Sittlichkeit die Moral. Alle drei können zusammentreffen; bisweilen ist eine Volkssitte auch von der feineren Lebensart beibehalten und keine Verletzung des Sittengesetzes; oft freilich steht sie zu beiden im Gegensatz. Ebenso sind feine Sitten noch lange nicht gute Sitten.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 577.
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