Religion

[507] Religion, (lat. religio) aus dem Lat. seit dem 16. Jahrhundert entlehnt, abgeleitet von relegere (Cic. de nat. deor. 2, 28, 72 Qui – omnia, quae ad cultum deorum pertinerent, diligenter retractarent et tamquam relegerent, sunt dicti religiosi ex relegendo, ut elegantes ex eligendo, itemque ex diligendo diligentes, ex intelligendo intelligentes), nicht von religare (wie Lactantius, Institut. IV, 28 annimmt: Vinculo pietatis obstricti deo et religati sumus), heißt das Verhalten des Menschen zur Gottheit. Die Religion besteht weder allein in einem Fühlen, noch in einem bloßen Wissen, noch im bloßen Handeln des Menschen; sie beruht vielmehr auf einem Zusammenwirken aller geistigen Funktionen des Menschen. Der Mensch fühlt sich von einer höheren Macht abhängig, erkennt dieselbe als seinen Lebensgrund und bemüht sich durch sein sittliches Leben, die Sammlung seines Gemütes und den Kultus, sich mit ihr zu vereinigen. Wo die Religion dagegen nur als Wirkung des einen oder des anderen Seelenvermögens angesehen wird, entsteht eine Einseitigkeit[507] der Auffassung. So legten die Gnosis, der Dogmatismus und Hegel mehr oder weniger einseitig den Schwerpunkt auf die Lehre; das Judentum, der Katholizismus und der Rationalismus auf die Werke; der Mystizismus, Quietismus und Pietismus auf das Gefühl.

Einseitig und darum nicht haltbar sind auch viele der älteren Definitionen der Religion. So nennt Platon (427 bis 347) die Frömmigkeit hosiotês das Gerechtsein gegen die Götter, Locke (1632-1704) definiert die Religion als Gehorsam gegen Gott, Spinoza (1632-1677) als Gehorsam gegen die durch Verheißung und Drohung verpflichtende Autorität, Kant (1724-1804) als Ehrfurcht gegen den Urheber der Sittengesetze oder als Anerkennung unserer Pflichten als göttlicher Gebote. Fichte (1762-1814) identifizierte ursprünglich Moral und Religion (als glaubendtätiges Ergreifen des Übersinnlichen); die Religion ist ihm der Glaube an eine moralische Weltordnung oder der Glaube an das Gelingen der guten Sache. Später definiert er sie als den konzentrierenden Gesamtbesitz der Gesetze des Heiligen, Guten und Schönen in harmonischer Grundstimmung des Gemüts. Schopenhauer nannte die Religion die Metaphysik des Volkes. Schelling (1775-1864) dagegen charakterisiert sie als das von einem seligen Gefühle begleitete Anschauen des Unendlichen in seinen endlichen Erscheinungen oder die Vereinigung des Endlichen mit dem Unendlichen. Aber erst Schleiermacher (1768-1834) hat das Verdienst, ihr Wesen in das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit von Gott gesetzt zu haben. Hegel (1770-1831) dagegen setzte es einseitig intellektualistisch in die Erhebung des subjektiven Bewußtseins aus seiner natürlichen Gebundenheit zur Selbstbeziehung auf sein wahres Wesen als absoluten Geist. Je nach der Individualität wird man jenes Moment der Abhängigkeit oder dieses der Freiheit betonen. Nach Pfleiderer (geb. 1839) ist die Religion das Suchen und Finden einer dem Menschen überlegenen und ihm zugleich verwandten Geistesmacht in der Welt.

Daß in den Anfängen der Entwicklung der Religion bei den Menschen weder allgemein der Fetischismus (s. d.) noch der vollkommene Monotheismus (s. d.) gestanden habe, ist wahrscheinlich. Der Bildungsstand der früheren Menschen verbietet jene Annahme, das Gesetz der Entwicklung diese. Vielmehr war wohl Henotheismus (s. d.) vielfach die Urreligion. Schwer ist es überhaupt, ihren Ursprung zu bestimmen. Die[508] Versuche, diesen bloß aus äußeren Einflüssen abzuleiten, sind mißlungen, so a) der Euhemerismus (Euhemeros, Philon v. Byblos, Porphyrius), der geschichtliche Vorgänge und Personen in transscendente Ideale umgesetzt werden läßt; b) der soziale Pragmatismus (Hobbes, Bolingbroke), der die Religionen aus der egoistischen Berechnung pfiffiger Priester oder Tyrannen erklärt; c) der anthropomorphistische Naturalismus (Epikur, Hume, v. Hellwald), welcher annimmt, die Menschen hätten gesetzmäßige und außerordentliche Naturvorgänge personifiziert; d) der ethnologische Utilitarismus (Dühring), der die Religion als die phantasiemäßige Verkörperung der Institutionen eines Volkes betrachtet; e) die linguistisch-mythologische Theorie (Max Müller), die die religiösen Vorstellungen aus der Wandelbarkeit der Sprache ableitet. (Andere Entstehungstheorien siehe z.B. bei Runze Katechismus der Dogmatik. 1893. § 16.)

Man muß bei der Untersuchung des Ursprungs der Religion zunächst ihren subjektiven Ursprung aufsuchen, und hierbei zeigt sich, daß die Motive, die zur religiösen Auffassung der Welt führen, mannigfaltige sind. Im Gemüt entsteht das Gefühl der Abhängigkeit von der gewaltigen Natur, der Eindruck, den die Harmonie des Weltganzen auf uns macht, die Sehnsucht nach Vollkommenheit, die Verehrung der Abgeschiedenen und Helden (Seelen- und Ahnenkult). Zu diesen Motiven kommen moralische Motive: Die Liebe zum Mitmenschen läßt einen alle liebenden Vater ahnen, das Gewissen führt zur Annahme einer sittlichen Weltordnung, der Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Lebenswandel und Schicksal, zwischen Streben und Erfolg lassen einen Ausgleich durch ein Göttliches fordern. Auch die Phantasie, durch die Natur angeregt, betätigt sich symbolisierend und mythenbildend, sie legt den Naturvorgängen menschliche Eigenschaften bei und hypostasiert die Erfahrungen des eigenen Bewußtseins, sie betrachtet den Naturverlauf als Abbild eines übernatürlichen Vorganges, mag derselbe ein übergeschichtlicher oder ein in der Vorzeit geschehener sein. Endlich tritt auch der Verstand in Wirksamkeit, indem er eine letzte Ursache der Dinge sucht und hierdurch auf das Göttliche schließt. Er macht den Schluß vom Vorhandenen auf einen Urheber, von Glück und Unglück auf den Geber desselben, von der Persönlichkeit des Menschen auf diejenige Gottes; er abstrahiert von den Einzeldingen die Substanz, von der Vielheit des Bedingten das [509] Absolute, von der eigenen Vernünftigkeit die objektive Vernunft; er erhebt sich durch die eigene Art nach Zwecken zu fragen und zu handeln zur realen Zweckmäßigkeit. Die so erworbene subjektive Religion (Religiosität) wird zur objektiven, indem z.B. die Religiosität des Familienhauptes von seinen Angehörigen angenommen wurde und sich allmählich zur Stammes- und Volksreligion erweiterte. Die Verschiedenheit der geschichtlichen Religionen erklärt sich aus den Einflüssen des Klimas, der Bodenbeschaffenheit und der Nationalität sowie aus dem Charakter der Religionsstifter und Reformatoren.

Religion bestimmt sich hiernach zusammenfassend als die Hingabe des Menschen an die Gottheit: sie entspringt aus dem Gefühl der Abhängigkeit, stützt sich auf die Erfahrung und Wissenschaft und betätigt sich in einem vernunftgemäßen, d.h. sittlichen Leben und besonderen Formen. Sie beseligt den Menschen in der Überzeugung, mit Gott im Verkehr zu stehen, demütigt ihn im Glück, erhebt ihn im Unglück, gibt dem Streben des Menschen ein Ziel und seiner Arbeit eine Zukunft.

Eingeteilt werden die Religionen I. nach dem Gegenstande der Gottesverehrung, und zwar a) quantitativ in heno-, poly- und monotheistische; b) qualitativ in natürliche (Natur- und Geschichtsreligionen) und positive. II. Nach dem Standpunkte des Subjekts, und zwar a) nach dem Gefühl der Freiheit oder Abhängigkeit in fatalistische und teleologische; b) nach dem Verhältnis zu Gottes Sein: Immanenz– und Transscendenzreligionen; c) nach der Selbstbetätigung: in asketische und soziale, kontemplative und praktische, esoterische und exoterische. Vgl. Offenbarung, Frömmigkeit, Gott, Polytheismus usw. – C. Schwarz, d. Wesen d. Rel. 1847. Schleiermacher, Reden ü. d. Rel. 1799. Fichte, Kritik aller Offenbarung 1792. Pfleiderer, das Wesen d. Rel. 1869. Seydel, d. Rel. und die Religionen 1872.

Quelle:
Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. Leipzig 51907, S. 507-510.
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