Religion

[254] Religion (religio) ist objectiv ein Gebilde des Gesamtgeistes (s. d.) eines Stammes, eines Volkes, der Menschheit, subjectiv ein bestimmter Bewußtseinszustand, der der »Religiosität«. Mannigfache Gefühle und Willenstendenzen sowie Vorstellungen und Gedanken constituieren die Religion. Diese ist ein geistiges Gebilde, sie wurzelt im Wesen des menschlichen Geistes und Gemütes, hat hier ihren apriorischen Factor, ist aber in ihrer Sondergestaltung ethnologisch-historisch bedingt. Allgemein, ihrer Idee nach, ist die Religion der Ausdruck für die Beziehung, in welcher der Mensch sich zu dem ihm übergeordneten Unendlichen, Ewigen, Ganzen findet und bewußt setzt, sie ist die concret-anschauliche (nicht abstract-begriffliche, wie die Philosophie) Erfassung der Eingliederung des Menschen, des Endlichen überhaupt ins Unendliche, in den Urgrund des Seins, zugleich aber die praktische Betätigung im Dienste dieser Idee (Mythus – Cultus). Gefühle der Furcht und Ehrfurcht, der Pietät, der Hoffnung, Dankbarkeit und Liebe, des innerlichen Ergriffenseins vom Walten der übersinnlichen Macht (Mächte), der Trieb zur Ergänzung des endlichen (theoretisch-praktischen) Lebens, nach Anschluß an ein Höheres, Mächtiges, Fürsorgliches, in dem man Stärkung, Trost, Zuversicht findet, das Suchen nach Causalzusammenhängen sind die emotionellen und intellectuellen Wurzeln der Religion. Getragen ist das alles uranfänglich von der Wirksamkeit der »personificierenden Apperception« (s. d.), welche alle Wesen als analog dem eigenen Ich, als empfindend-wollende Wesen auffaßt. Vom Animismus und [254] Fetischismus (Polydämonismus in verschiedenen Formen. Zoolatrie, Sabäismus u.s.w.) geht die Religion zum Polytheismus und Henotheismus über, um endlich nach Überwindung der Zersplitterung in Local-, Stammes-, Nationalgottheiten zum Monotheismus zu führen. An Stelle der Naturmächte treten später, unter dem Einflusse der socialen Entwicklung, ethische Persönlichkeiten. Die Religion ist zunächst ein psychologisches, subjectives Phänomen, ist aber, wie das Erkennen, objectiv bedingt und kann auf eine eigene Art der objectiven Geltung ihrer Glaubenssätze Anspruch machen, wenn sie mit den Forderungen des Denkens nicht in Conflict gerät. Neben der wissenschaftlichen und sittlich-rechtlich-socialen läßt sich auch von einer religiösen Vernunft sprechen, deren Ideal niemals rein zur Objectivierung gelangt. Mit den übrigen Culturgebilden steht die Religion in innigem Zusammenhange. Die allgemeinen sociologischen (geschichtsphilosophischen) »Rhythmen« gelten auch für die Entwicklung der Religion.

Was die Theorien über den Ursprung der Religion anbelangt, so sind (nach RUNZE) zu unterscheiden: 1) rationalistische Theorien, welche die Religion aus bewußter Absicht und der Reflexion einzelner Menschen erklären: a. Euhemerismus (s. d.). b. physikalischer Rationalismus: die Religion wird auf das Bestreben, die Naturerscheinungen rationell zu deuten, zurückgeführt. c. psychologischer Rationalismus: die Göttervorstellungen gehen aus bewußter Selbstobjectivierung menschlicher Eigenschaften hervor. d. kritischer Rationalismus (LOBECK, CHR. G. HEYNE, G. HERMANN, J. H. VOSS, E. RENAN): die Mythologie ist eine dichterisch-personificierende Theorie der Welt und Menschheit. 2) Antirationalistische Theorien: a. Nativismus: die Religion ist angeboren. b. Supranaturalismus: die Religion entstammt der Offenbarung. c. Evolutionismus: die Religion ist ein Product organischer Entwicklung. 3) Neuere Theorien: a. Symbolismus (CREUZER u. a.): die Religion ist phantasievoll-sinnbildliche Erfassung des Übersinnlichen. b. Ableitung aus dem Volkstum. c. Naturismus: die Naturvergötterung ist die Urform der Religion (A. RÉVILLE, vgl. H. MÜLLER, Natural Religion 1889). d. Ahnenverehrung (TYLOR, CASPARI, E. SPENCER u. a.). e. Combination des Naturismus mit den Ergebnissen der Sprachforschung (vgl. M. MÜLLER, RUNZE, Sprache u. Religion 1889, H. USENER, Götternamen 1896, u. a.): Erklärung religiöser Erscheinungen aus dem Charakter der Sprache. f. Adaptionismus (GRUPPE): Übertragung mythischer Anschauungen und von Culten, Anpassung von Völkern an fremde Ideen und Bräuche. – Betreffs der psychischen Motive der Religion nimmt man an: 1) natürliche Willenstriebe: a. Furcht, Ehrfurcht, Pietät, Lieb. u. a.. b. Wünsche. 2) das Phantasieleben: a. Traum. b. dichtende Phantasie. 3) intellectuelle Motive: Frage nach der Weltursache, Idee des Unendlichen. 4) Motive des rechtlich-sittlichen Lebens: a. Rechtsidee und Vergeltungsbedürfnis. b. Gewissen. c. Ideal der sittlichen Vollkommenheit (vgl. über das Ganze und die hierher gehörige Litteratur G. RUNZE, Kat. d. Religionsphilos. S. 32 ff.). Verschiedene Auffassungen (objectivistische, subjectivistische) gibt es auch bezüglich der Wahrheit und des Wertes der Religion.

Im Folgenden soll vorzugsweise nur die Geschichte der in der Philosophie vorkommenden Bestimmungen des Religionsbegriffes gegeben werden.

Das Wort »religio« leitet CICERO von »relegere« (auflesen, berücksichtigen) ab. »Qui omnia, quae ad cultum deorum pertinerent, diligenter retractarent et[255] tanquam relegerent, sunt dicti religiosi, ex relegendo« (De nat. deor. II, 28, 72). Nach LACTANTIUS hingegen stammt »religio« von »religare« (anbinden, befestigen). »Vinculo pietatis obstricti Deo et religati sumus, unde ipsa religio nomen accepit« (Inst. divin. IV, 28). So auch AUGUSTINUS u. a. »Naturalis religo« zuerst bei VARRO.

HOMER bemerkt: pantes theôn chateous' anthrôpoi (Od. 3, 48). KRITIAS hält den Glauben an die Götter für die Erfindung eines Staatsmannes zur Bindung der Bürger (didagmatôn ariston eisêgêsato pseudei kalypsas tên alêtheian logô, vgl. Nauck, Fragm. trag. Graec.2, p. 771. Plat., Leg. X, 889 E). CICERO bestimmt die Religion als ehrfurchtsvolle Scheu und Verehrung. Der »consensus gentium« bestätigt ihre Wahrheit. »Ut porro firmissimum hoc afferri videtur, cur deos esse credamus, quod nulla gens tam fera, nemo omnium tam sit immanis, cuius mentem non imbuerit deorum opinio« (Tusc. disp. I, 13, 29). Nach EPIKUR enthält die Volksreligion hypolêpseis pseudeis (Diog. L. X, 123 squ.). LUCREZ erklärt den Glauben an Götter aus den Visionen des Traumes (De rer. nat. V, 1159 squ.) sowie aus der Unkenntnis der Ursachen ihr die Ordnung der Himmelsbewegung (l. c. V, 1181 squ.). Die Furcht vor den Göttern, vor den Naturgewalten schreckt den Menschen, ist verderblich (l. c. V, 1192 squ.). »Primus in orbe Deos fecit timor« erklärt PETRONIUS (bei STATIUS, Thebais III, 661). Eine speculative Interpretation des Volksmythus wird von den Neuplatonikern gepflegt.

Daß dem Guten in den Religionen der Völker die innere Offenbarung des Logos (s. d.) zugrunde liegt, wird von verschiedenen Patristikern betont. THOMAS erklärt, »sive autem religio dicatur ex frequenti relectione... sive ex iterata electione eius, quod negligenter amissum est, sive dicatur a religatione« (Sum. th. II. II, 81, 1 c).

Nach MARSIL. FICINUS ist die Religion dem Menschen ureigentümlich. ihr Wesen ist die Vereinigung der Seele mit Gott. NICOLAUS CUSANUS betrachtet als Wesen der Religion die Erkenntnis Gottes und die aus ihr entspringende Glückseligkeit in der Vereinigung mit Gott. Nach MACCHIAVELLI ist die Religion nur ein wertvolles Mittel, das Volk zu bändigen. Ähnlich später BOLINGBROKE (Philos. Works, 1751). Die Ursprünglichkeit und Natürlichkeit der Religion betont CAMPANELLA (Univ. philos. XVI, 2, 4). Vier Arten der Religion gibt es: »religio naturalis, animalis, rationalis, supernaturalis«. Alle Dinge haben Religion, streben zu Gott hin (De sensu rer. II, 26 f.). F. BACON bemerkt: »Leves gustus in philosophia movere fortasse ad atheismum, sed pleniores haustus ad religionem reducere« (De dign. I, 1. vgl. WW. I, p. 449 ff.). Eine einheitliche Grundlage aller Religionen lehren COORNHERT, BODIN, der die Ursprünglichkeit der Religion betont und den Deismus vertritt (Colloqu. heptaplom.), HERBERT VON CHERBURY, nach welchem es eine natürliche Religion gibt, die in der Vernunft der Menschen gegründet ist (De verit. 265 squ.). Diese Religion hat fünf Wahrheiten: l) »esse supremum aliquid numen«, 2) »supremum istud numen debere coli«, 3) »virtutem cum pietate coniunctam praecipuam partem cultus divini habitam esse et semper fuisse«, 4) »horrorem scelerum hominum animis semper incedisse adeoque illos non latuisse vitia et scelera quaecumque expiari debere ex poenitentia«, 5) »esse praemium vel poenam post hanc vitam« (ib.). Teilweise liegt den Religionen politische Berechnung zugrunde. Die natürliche Religion lehrt CH. BLOUNT. Nach HOBBES ist die Religion »metus potentiarum invisibillum, sire fictae illae[256] sint, sive ab historicis acceptae sint publicae« (Leviath. I, 6). »Natural« und »formed- religion« sind zu unterscheiden. Furcht und Sorge um das Leben, Unkenntnis der Ursachen dieser Furcht setzen Gottheiten. Die Religion muß Staatsreligion sein (l. c. I, 12). Nach SHAFTESBURY ist die Religion der menschlichen Natur eingepflanzt, sie entspringt dem Enthusiasmus für das Schöne und Erhabene des Alls. Nach LOCKE besteht die Religion im Gehorsam gegen Gott. Den Deismus (s. d.) vertritt auch M. TINDAL, nach welchem die wabre Religion stets die gleiche Natur hat. Nach HUME ist die Religion etwas Abgeleitetes. »The universal propensity to believe an invisible intelligent power, if not an original instinct, being at last a general attendant of human nature, may be considered as a kind of mark or stamp, which the divine workman has set upon his work« (Natur. histor. of relig., Ess. IV, p. 325, 327). Die Religion entspringt der Sorge um das Leben, der Hoffnung und der Furcht, sowie dem Anthropomorphismus (Dial. concern. nat. relig.). Nach FERGUSON ist die Religion »die Gesinnung der Seele in Verhältnis auf Gott« (Gr. d. Moralphilos. S. 205). Die Evidenz der religiösen Grundwahrheiten betont TH. OSWALD (An appeal to common sense in behalf of religion, 1766/72).

In der Liebe zu und im Gehorsam gegen Gott finden das Wesen der Religion SPINOZA, FÉNELON, PASCAL, LEIBNIZ (vgl. Theod. I) u. a. Zum nationalen Milieu setzt die Religion CHARRON in Beziehung. Die Sache der Religion ist es, »d'élever Dieu au plus haut de tout son effort et baisser l'homme du plus bas, l'abattre comme perdu et pais lui fournir des moyens de se relever« (De la sag. II, 5, 4). Die Religion besteht in der Erkenntnis Gottes und seiner selbst (ib.). Nach VOLTAIRE dient die Religion von Natur aus der Glückseligkeit (Dict. philos., Art. Rel., Théism.). Gut ist nur die natürliche Religion, lehrt DIDEROT (Pensées philos., 1748). Ähnlich ROUSSEAU, der die Wurzel der Religion im Gefühl, in unmittelbarer Gewißheit sucht (Emile IV). Nach HOLBACH entstammt die Religion der Furcht und der Unwissenheit. die Religion ist schädlich (Syst. de la nat.).

LESSING hält die religiösen Wahrheiten für ewige Wahrheiten der Vernunft (Relig. Christi. Entsteh. d. geoffenb. Relig.). H. S. REIMARUS bemerkt: »Wer ein lebendiges Erkennen von Gott hat, dem eignet man billig eine Religion zu.« Die natürliche Religion entstammt der Vernunft (Von d. vornehmst. Wahrh. d. nat. Relig. 1784). Nach BAHRDT ist die Religion praktische Erkenntnis Gottes (Kat. d. nat. Relig.). Nach HERDER ist Religion das Innewerden der göttlichen Kraft in uns, sie ist ein Product des Gemütes, des Gewissens, etwas uns Natürliches. Die Ehrfurcht vor der Natur und das staunende Forschen nach der Ursache zeitigt sie. HAMANN betont: »Der Grund der Religion liegt in unserer ganzen Existenz und außer der Sphäre unserer Erkenntniskräfte.« Unmittelbar gewiß sind wir im Glauben an das Göttliche. So auch JACOBI. Nach ihm ist Religion Erkenntnis der Gottheit und Verehrung derselben. – GOETHE bemerkt, »das jeglicher das Beste, was er kennt, er Gott, ja seinen Gott benennt«. Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion.

KANT setzt Religion und Moralität in enge Beziehung zueinander. Der Inhalt der Religion als solcher ist ein Postulat der Vernunft. Religion ist »Erkenntnis unserer Pflichten als göttlicher Gebote« (Krit. d. Urt. II, § 91, Allg. Anmerk.). Das moralische Gesetz führt durch den Begriff des höchsten Gutes (s. d.) zur Religion (Krit. d. prakt. Vern. l. Tl., 2. B., 2. Hptst.). »Religion ist derjenige Glaube, der das Wesentliche aller Verehrung Gottes in[257] der Moralität der Manschen setzt« (WW. VII, 366). »Die Moral führt unausbleiblich zur Religion« (WW. VI, 201). »Religion ist das Gesetz in uns, insofern es durch einen Gesetzgeber und Richter über uns Nachdruck erhält. Sie ist eine auf die Erkenntnis Gottes angewandte Moral« (WW. VIII, 508). »Da alle Religion darin besteht, daß wir Gott für alle unsere Pflichten als den allgemein zu verehrenden Gesetzgeber ansehen, so kommt es bei der Bestimmung der Religion in Absicht auf unser ihr gemäßes Verhalten darauf an zu wissen, wie Gott verehrt und gehorcht sein wolle. Ein göttlicher gesetzgebender Wille aber gebietet entweder durch an sich salbst bloß statutarische oder durch rein moralische Gesetze. In Ansehung der letzteren kann ein jeder aus sich selbst durch seine eigene Vernunft den Willen Gottes, dar seiner Religion zum Grunde liegt, erkennen. Denn eigentlich entspringt der Begriff von der Gottheit nur aus dem Bewußtsein dieser Gesetze und dem Vernunftbedürfnisse, eine Macht anzunehmen, welche diesen den ganzen in einer Welt möglichen, zum sittlichen Endzweck zusammenstimmenden Effect verschaffen kann. Der Begriff eines nach bloßen rein moralischen Gesetzen bestimmten göttlichen Willens läßt uns nur einen Gott, also auch nur eine Religion denken, die rein moralisch ist« (WW. VI, 201). – Nach KRUG ist das Gewissen die Grundlage der Religion. Religiosität (subjective Religion) ist »die durch Gesinnung und Handlung sich überall ankündigende Überzeugung von der Möglichkeit des höchsten Gutes« (Handb. d. Philos. II, 355 f.). Objective Religion ist ein Inbegriff von Glaubenswahrheiten (l. c. B. 357).

Nach BOUTERWEK ist die Grundlage der Religion »das Bewußtsein der menschlichen Beschränktheit« (Lehrb. d. philos. Wissensch. I, 225). Gegen Kant, an Jacobi sich anlehnend, ist CLODIUS (Gr. d. allgem. Religionslehre, 180S). Nach G. E. SCHULZE liegt der Keim zur Religion in der geistigen Natur des Menschen. Auf das Entstehen der Religion hat Einfluß »das Streben des Verstandes nach der Erkenntnis der ursachlichen Verbindung der Dinge in der Natur, ferner die Empfänglichkeit für Gefühle der Furcht, der Dankbarkeit, des Großen und Vortrefflichen, welches das in unserer Natur davon Vorkommende übertrifft, endlich das Bestreben, unser Dasein zu verbessern und zu veredeln« (Üb. d. menschl. Erk. S. 233. Psych. Anthropol. S. 366 f.). Nach BIUNDE stammen die religiösen Gefühle aus Vernunftregung (Empir. Psychol. II, 250). Sie gehen aus religiösen Gefühlen hervor, »wenn wir statt unseres Verhältnisses zu einem andern Menschen uns unser Verhältnis zu Gott denken in Beziehung auf Vollkommenheit m ihm und Unvollkommenheit in uns« (l. c. S. 260 f.).

Nach FORBERG ist Religion der praktische Glaube an eine moralische Weltordnung (Entwickl. des Begr. d. Relig., Philos. Journ. VIII, H. 1, 1798). So auch J. G. FICHTE (Üb. d. Grund uns. Glaub. an eine göttl. Weltregier., ib.). Die moralische Weltordnung (als »ordo ordinans«, s. d.) ist das Übersinnliche, ist Gott. Religion ohne Moral ist Aberglaube. Religion ist durch Moral in die Welt gekommen (WW. V, 469 ff.). Religion ist »das Hinströmen aller Tätigkeit und alles Lebens mit Bewußtsein in den einen, unmittelbar empfundenen Urquell des Lebens, die Gottheit« (WW. V, 184 ff.. vgl. Vers. ein. Krit. all. Offenbar. § 3). – Nach SCHELLING ist die Religion »die zur unmittelbaren objectiven Anschauung gewordene Speculation selbst« (WW. I 5, 108). Sie ist ein Schauen des Unendlichen im Endlichen, ein Gebundensein an das Göttliche, eine Zuversicht auf das Göttliche (l. c. I, 6, 558. vgl. S. 11 ff.). –[258] J. J. WAGNER bestimmt: »Die Sittlichkeit, von einer Seele in die Weltbetrachtung hineingelegt, heißt Religion« (Syst. d. Idealphilos. S. LVII). SUABEDISSEN erklärt »Indem und wiefern der Mensch mit dem Bewußtsein des Bedingtseins seines Wesens aus dem Unbedingten zugleich das Bewußtsein des Bedingiseins seines ursprünglichen Willens hat und ihn also als Willen und Kraft aus dem Urwillen der Urkraft erkennet und sich alles Eigenwillens gegen diesen Willen, als den Willen des Heiligen in ihm, begibt und von ihm beseelet sich besonnen und tatkräftig gegen die Außenwelt wendet: so und sofern ist Religion in seinem Wollen und Handeln« (Grdz. d. Lehre von d. Mensch. S. 161).

Einen »ästhetischen Rationalismus« lehrt FRIES. Organ der Religion ist die »Ahnung« (s. d.). Ästhetisch-symbolisch wird das Göttliche in der Erhabenheit und Schönheit der Welt erschaut (Religionsphilos., 1832). Ähnlich E. F. APELT, nach welchem die philosophische Religionslehre objective »Weltzwecklehre« ist (Religionsphilos. 1860), DE WETTE (Üb. Relig. u. Theol.2, 1821).

SCHLEIERMACHER führt die Religion subjectiv auf Anschauung und Gefühl (Red. üb. d. Rel.), später (l. c. 2. A.) insbesondere auf das Gefühl zurück, auf das »schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl« (Dogmat.3, § 3d,. vgl. Psychol. S. 195 ff., 212, 461 ff.). Mitten im Endlichen sich des Unendlichen bewußt sein, das ist Religion (Monol.). Unmittelbar offenbart sich uns in jedem Augenblick das Universum in seinen Einwirkungen auf uns, »und in diesen Einwirkungen und dem, was dadurch in uns wird, alles einzelne nicht für sich, sondern als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte nicht in seinem Gegensatze gegen anderes, sondern als eine Darstellung des Unendlichen in unser Leben aufnehmen und uns davon bewegen lassen, das ist Religion« (Red. üb. d. Relig. S. 75). Es ist »das Eins und Alles der Religion, alles im Gefühl ms Bewegende in seiner höchsten Einheit als eins und dasselbe zu fahlen und alles Einzelne und Besondere nur hierdurch vermittelt, also unser Sein und Leben als ein Sein und Leben in und durch Gott« (l. c. S. 76). – Nach CHR. KRAUSE ist die Religion die Bestimmtheit unseres Lebens, wonach es als ein Teil des Lebens Gottes bestimmt ist, ein Wesenvereinleben. Religion ist »Gottinnigkeit« (Vorles. üb. d. Grundwahrh. d. Wissensch. 1829. Urb. d. Menschh.3, S. 70). Ein »Urtrieb« zur Religion besteht (vgl. Syst. d. Sittenlehre 1810, S. 420 ff.. Absol. Religionsphilos., 1834). – Auf die »reale Abhängigkeit vom Absoluten« gründet die Religion CHALYBAEUS (Philos. u. Christent. 1853. vgl. Wissenschaftslehre S. 340 ff.).

HEGEL. erblickt in der Religion eine objective Gestaltung des absoluten Geistes, die Selbstoffenbarung desselben im Menschen in der Form der Vorstellung. »Die Religion ist die Art und Weise des Bewußtseins, wie die Wahrheit für alle Menschen, für die Menschen aller Bildung ist« (Encykl., Vorr. zur 2. A., S. 13). Die Religion ist »Wissen von Gott« (Vorles. üb. d. Philos. d. Rel. I, S. 12), die »höchste Sphäre des menschlichen Bewußtseins« (l. c. S. 30), die »Beziehung des Subjects, des subjectiven Bewußtseins auf Gott« (l. c. S. 35), das »Wissen des endlichen Geistes von seinem Wesen als absoluter Geist« (l. c. S. 37 ff.), »Selbstbewußtsein Gottes« (l. c. S. 151). Stufen der Religion sind: die Naturreligion (Einheit des Geistigen und Natürlichen, l. c. S. 185), die Religion der geistigen Individualität [1) Religion der Erhabenheit, 2) Religion der Schönheit, 3) Religion der äußeren Zweckmäßigkeit)], absolute Religion (l. c. S. 149 ff.), in welcher der absolute Geist sich selbst manifestiert (Encykl. § 564). Erst in der Religion des Geistes ist Gott als Geist auf höhere Weise gewußt (Ästhet.[259] I, 136 f.). »Daß der Mensch von Gott weiß, ist nach der wesentlichen Gemeinschaft ein gemeinschaftliches Wesen, d. t. der Mensch weiß nur von Gott, insofern Gott im Menschen von sich selbst weiß« (Religionsphilos. II, 496). Den religiösen Proceß betrachtet als subjectiven, objectiven, absoluten Proceß K. ROSENKRANZ (Syst. d. Wissensch. S. 576 ff.). – Nach HILLEBRAND ist die Religion »das Dasein des Göttlichen im Element der endlich-geistigen Wirklichkeit«, »Leben und Dasein mit dem Göttlichen«, Einheit mit Gott (Philos. d. Geist. II, 339 ff.). Nach C. SCHWARZ ist Wesen und Ziel der Religion Versöhnung des Menschen mit Gott und mit sich (Das Wes. d. Relig. 1847). – SCHOPENHAUER führt die Religion auf den metaphysischen Trieb zurück (W. a. W. u. V. XI. Bd., C.17). Es gibt keine natürliche Religion (Neue Paralipom. § 390).

Nach HERBART setzt die Religion das Ewige dem Zeitlichen entgegen. Sie entspringt der Hülfsbedürftigkeit des Menschen, beruht auf Demut und dankbarer Verehrung, ergänzt und stützt die Sittlichkeit, erhält die Gesellschaft. Ein Wissen um Gott ist unmöglich (Lehrb. zur Einl.5, S. 158 f., 277 f.). Ähnlich G. TAUTE (Religionsphilos., 1840), DROBISCH (Grundlehr. d. Religionsphilos., 1840), nach welchem die Religion ein Product der Bedürftigkeit des Menschen nach Befreiung und Erlösung von dem Drucke der Natur ist. Nach SCHILLING treiben den Menschen zur Religion »vor allem Leiden und Unglück, moralische Übertretung und Verderbnis, die Abnahme der leiblichen Kräfte und der Gedanke an den Tod samt den Betrachtungen Über die Veränderlichkeit und Zufälligkeit der wahrgenommenen Welt« (Lehrb. d. Psychol. S. 189). LINDNER erklärt: »Der Mensch bemerkt sehr bald... seine eigene Ohnmacht und Abhängigkeit von höheren Mächten. Er bemerkt, daß die Größe und Herrlichkeit der Schöpfung einen allmächtigen Herrn, die sinnvollen Einrichtungen der Natur und die nicht hinwegzuleugnende Vorsieht im Laufe der Begebenheiten einen weisen Regenten, endlich die Unabweislichkeit der sittlichen Forderungen einen höchst sittlichen (heiligen) Urheber des Sittengesetzes voraussetzen« (Lehrb. d. emp. Psychol. S. 177). Nach NAHLOWSKY ist die Grundquelle des religiösen Gefühls »das Bewußtsein der eigenen Endlichkeit, Abhängigkeit, Beschränktheit, welches den Menschen zur Vorstellung eines unbeschränkten, altwaltenden Urwesens hinführt« (Das Gefühlsleben, S. 20S ff.). VOLKMANN erklärt: »Dem religiösen Gefühle liegt zunächst allenthalben das Ergriffensein durch eine hinter der sinnlichen Erscheinung wirksame höhere, und zwar übersinnliche Macht zugrunde« (Lehrb. d. Psychol. II4, 368 f.). – Nach BENEKE ist eine der Quellen der Religion die Sehnsucht, unsere lückenhaften Vorstellungen von der Welt zu einem einheitlichen Ganzen zu vereinigen. »Die bedingenden Grundmotive der religiösen Entwicklung sind: die Formen des Vorstellens, das Bruchstückartige alles dessen, was wir durch die Erfahrung aufzufassen oder derselben unmittelbar unterzulegen vermögen. für die affectiven und praktischen Formen das Mangelhafte der Befriedigung und des Haltes, die wir im Anschluß an das Irdische finden.« Erst durch die Erhebung über das Gefühl der Beschränktheit und Abhängigkeit entsteht die Religion (Lehrb. d. Psychol.3, § 223 f.. Syst. d. Met. S. 362 ff., 548 ff.. ähnlich DITTES, Üb. Relig., 1855).

Nach L. FEUERBACH ist das Abhängigkeitsgefühl der Grund der Religion, auch die Furcht (WW. VIII, 31 f.. I, 411). Die Religion ist die Kenntnis der wahren Bedingungen der menschlichen Glückseligkeit. Die Götter sind Phantasiegeschöpfe (WW. VIII, 255). Der Trieb nach Glückseligkeit erzeugt den Glauben[260] (l. c. S. 257). Die Götter sind Wunschwesen. Was der Mensch »selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor. die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen« (l. c. S. 257). »Theologie ist Anthropologie,« in dem Gegenstande der Religion spricht sich nichts anderes aus als das Wesen des Menschen. »der Gott des Menschen ist nichts anderes als das vergötterte Wesen des Menschen« (l. c. S. 20, vgl. S. 28 ff.). Gott ist das »offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen« (WW. VII, 39), der vergöttlichte, idealisierte Mensch. Die Natur ist der erste Gegenstand der religiösen Verehrung. Sie ist das wahre Wirkliche. Pietät für das Universum fordert D. FR. STRAUSS (Der alte u. der neue Glaube). Ablösung des »Religionistischen« durch ein besseres Weltverständnis und durch eine edlere Lebensordnung verlangt E. DÜHRING (Wirklichkeitsphiloß. S. 533. Der Ersatz d. Relig. durch Vollkommneres, 1883). – Dem »Cultus der Menschheit« als des »grand être« soll die »religion de l'humanité« A. COMTES dienen. Nach J. ST. MILL ist das Wesen der Religion »die starke und concentrierte Richtung unserer inneren Regungen und Wünsche auf einen idealen Gegenstand von anerkannt höchster Vortrefflichkeit und welcher mit Recht über allen Gegenständen unserer selbstsüchtigen Wünsche steht« (Üb. Relig. III, Theismus S. 92). Sociale und sittliche Gefühle können jede richtige Function der Religion erfüllen (l. c. S. 93). Die Furcht ist erst eine Folge der ursprünglichen Beseelung der Dinge (l. c. S. 86). A. BAIN erklärt: »The religious sentiment is constituted by the tender emotion, together with fear and the sentiment of the sublime« (Ment. und mor. sc. III, ch. 5, p. 248). Nach O. CASPARI ist das Wesen der Religion »Furcht in der Liebe« (Urgesch. d. Menschheit).

Nach LOTZE beginnt die Religion mit dem »theoretisch nicht beweisbaren, dennoch aber von uns anerkannten Gefühle einer Verpflichtung oder einer Gebundenheit durch denselben unendlichen Inhalt, deren Wahrheit wir theoretisch nicht beweisen können« (Grdz. d. Religionsphilos. 1882). Nach J. H. FICHTE ist das religiöse Gefühl die unwillkürliche Anerkennung einer unentfliehbaren, in unser Leben eingreifenden, uns beherrschenden unendlichen Macht (Psychol. I, 726 ff.). Nach ULRICI liegt der Religion das Gefühl der Abhängigkeit und das Streben nach Vereinigung mit Gott zugrunde (Glaub. u. Wiss. 1868. Gott u. d. Nat.2, 1866). Nach M. CARRIERE ist die Religion »Glaube, das heißt vertrauensvolle Hingabe des Gemüts an das Göttliche«, »das gottinnige Leben der Liebe« (Sittl. Weltordn. S. 355 ff.). Der Kern aller Religionen ist der »Glaube an die sittliche Weltordnung« (l. c. S. 365 ff.). Nach PLANCK ist Religion »das vom Bewußtsein des rein praktischen Weltgesetzes durchdrungene und bestimmte Leben« (Testam. ein. Deutsch. S. 48, 373 ff.). Nach VATKE ist die Region das Gefühl der göttlichen Nähe und Gnade in der Liebe (Religionsphilos. 1888). Nach ED. ZELLER ist die Religion »Bewußtsein des Göttlichen, aber nicht des Göttlichen als solchen, in seinem An-sich, sondern nur nach seiner Beziehung aufs Subject«. Sie ist »das Leben des Subjects in Gott«, hat Seligkeit zum Ziel. Das Gottesbewußtsein hat eine apriorische Grundlage im Denken, eine empirische im Gefühle (Üb. d. Wes. d. Relig., Tüb. Theol. Jahrb. 1845, S. 26 ff., 393 ff.).

Nach A. E. BIEDERMANN ist der religiöse Proceß »Erhebung des Menschen, als endlichen Geistes, aus der eigenen endlichen Naturbedingtheit zur Freiheit über sie in einer unendlichen Abhängigkeit«. Die Religion ist »die Wechselbeziehung[261] zwischen Gott als unendlichem und dem Menschen als endlichem Geist« (Christl. Dogmat. 19, 1884). Ähnlich O. PFLEIDERER (Religionsphilos.2). Nach F. A. LANGE ist die Religion keine Erkenntnis, aber sie befriedigt das Gemüt und ist culturell notwendig (Gesch. d. Mater.). Ähnlich AL. SCHWEIZER (Die Zuk. d. Relig. 1878). Als Wurzel der Religion betrachtet LIPSIUS »das Bewußtsein des Contrastes, der zwischen der inneren Freiheit des Menschen und seiner äußeren Abhängigkeit von dem Naturzusammenhange besteht«. Die Religion ist »das Verhältnis, in welchem das Selbstbewußtsein und das Weltbewußtsein des Menschen zu seinem Gottesbewußtsein, jene beiden aber durch Vermittlung von diesem zueinander stehen«. Religion ist Erhebung zur Freiheit in Gott, zur Lebensgemeinschaft mit ihm (Lehrb. d. evangel.-protest. Dogmat.2, 1879. vgl. Philos. u. Relig. 1885). Vom Kantschen Standpunkte betont die Verschiedenheit von Glauben und Erkenntnis RITSCHL. Religion ist »Leben im heiligen Geiste« (Theol. u. Met. 1881. Die christl. Lehre von der Rechtfertig. u. Versöhn.3, 1888, S. 8, 21 ff.). Ähnlich W. HERMANN (Die Relig. im Verh. zum Welterkennen und zur Sittl. 1879) und J. KAFTAN (Das Wesen d. christl. Relig. 1881, 2. A. 1888).

AD. LASSON betrachtet die Kirche als »Organismus der Sittlichkeit« (Üb. Gegenst. u. Behandlungsart d. Religionsphilos. 1879). Religiös ist, »wer sich und alles Seinige an Gott als den absoluten Zweck und absoluten Willen anknüpft«. R. SEIDEL erklärt: »Religion ist Leben in Gott und aus Gott... auf Grund eines ursprünglich noch ungeteilten, einheitlichen, göttlichen Willenstriebes« (Religionsphilos. S. 25. vgl. Die Relig. 1872. Relig. u. Wissensch. 1887). Die ideale, vollkommene Religion ist, »die aus einem aus innerster, centralster Tiefe des Menschenwesens hervorbrechenden Zielstreben oder Triebwillen erwächst, der alles specifisch Menschliche und Selbstische überwächst, Gottes Leben im Menschenleben einwohnend zeigt und darauf geht, das Vollendete zu verwirklichen in allen denkbaren Formen« (l. c. S. 147 ff.. vgl. S. 215 ff.). Nach H. SIEBECK ist die Religion »die verstandes- und gefühlsmäßige, praktisch wirksame Überzeugung von dem Dasein Gottes und des Überweltlichen und in Verbindung hiermit von der Möglichkeit einer Erlösung« (Lehrb. d. Religionsphilos. S. 442 ff.). Nach G. THIELE entspringt die Religion einem Zuge der Seele zu Gott hin (Philos. d. Selbstbewußts. S. 457 ff.). Gott ist absolutes Selbstbewußtsein (l. c. S. 482, 487 ff.). Nach ED. V. HARTMANN ist die Religion psychisch eine »Beziehung des Menschen auf Gott«. Das mystische Gefühl ist der Urgrund aller Religiosität, doch sind an der Religion Vorstellung, Gefühl und Wille beteiligt (Rel. d. Geist. II2, 5 ff.). Der Eudämonismus in der Religion ist zu bekämpfen. Die wahre Religion besteht nur in der »Erweiterung und Erhebung von den egoistischen Zwecken des phänomenalen Individuums zu den universalen Zwecken des ihm subsistierenden absoluten Wesens« (l. c. S. 51 ff., 304 ff.). »Alle Religion beruht auf dem Gefühl des Erlösungsbedürfnisses, auf dem Verlangen nach Erlösung nicht nur von der Sünde, sondern auch von dem Übel« (Zur Gesch. u. Begrünt. d. Pessim.2, S. 23 f.). Der Pessimismus (s. d.) ist die »unerläßliche Vorbedingung der Erlösungsreligion« (l. c. S. 182). Das Verlangen nach Glückseligkeit, das Gefühl der Abhängigkeit dieser von den Naturmächten, denen er einen Willen zuschreibt, macht diese ursprünglich zu Göttern (Das rel. Bewußts. d. Menschheit, 3. 27 ff.). Nach W. BENDER ist die Religion eine »Reaction des Selbsterhaltungstriebes gegen die Erfahrungen von Ohnmacht und Abhängigkeit«. Die Erhebung zur Gottheit ist ein Mittel für den Kampf[262] ums Dasein, eine Lebensstütze. Religion besteht wahrhaft im »Glauben an das Ideal und seine Durchführbarkeit« (Das Wesen d. Relig. 1886, S. 134 ff., 238 ff., 337). In das Bewußtsein persönlicher Beziehung zu einer höheren Macht setzt die Religion RAUWENNOFF (Religionsphilos. 1889). – Aus dem (durch Gefühle bestimmten) Causalitätstriebe leitet die Religion FR. SCHULTZE ab (Philos. d. Nat. II, 388). Ein psychologisch-logischer Zwang besteht, eine Gottheit zu setzen, ohne daß ein Beweis möglich ist (l. c. S. 391 ff.). Jede Religion ist »der Inbegriff der Vorstellungen, welche sich die Bekenner derselben Über das Wesen des Menschen und der Welt und das Verhältnis beider zu dem göttlichen Urgrunde des Alls machen, samt den daraus entspringenden Gefühlen und Motiven für das menschliche Handeln« (l. c. S. 417). Die Religion ist allgemeine Weltanschauung (ib.). Nach M. MÜLLER gibt es kein abgesondertes Bewußtsein für Religion, keinen eigenen religiösen Instinct (Urspr. u. Entwickl. d. Relig. S. 24 f.). Die subjective Seite der Religion besteht »in der potentiellen Energie, das Unendliche zu erfassen« (l. c. S. 28 ff.). Nach GUYAU ist die Religion das Gefühl der Solidarität mit dem Kosmos (L'irrélig. de l'avenir, 1887). Nach EMERSON ist die Religion Zuwendung zum Allgemeinen (Essays 6, S. 169). Nach ED. CAIRD ist das religiöse Princip ein schon in der einfachsten Erfahrungstatsache eingeschlossener notwendiger Factor des Bewußtseins. Das Bewußtsein der Einheit ist überall, das Göttliche, Unendliche ist im Endlichen enthalten, es ist ein actives Princip. Objective (Mythus), subjective, christliche Religion sind Entwicklungsstufen (Evol. of Relig. 1893). Die Religion ist begründet in der »unity which binds together the self and the world« (l. c. p. 64). Sie ist »giving a kind of unity to life« (l. c. p. 81). Gott ist »unity of the object and the subject«, Religion ist Bewußtsein dieser Einheit. Nach SABATIER sind Furcht und Hoffnung die Anfänge der Religion, welche aus dem Gefühle der Not entspringt (Religionsphilos. S. 9, 15), als eine Form des Erhaltungstriebes (ib.). Dieser stützt sich auf das Gefühl der Abhängigkeit gegenüber dem Allwesen (l. c. S. 15 f.). Religion besteht »in einer bewußten und gewollten Gemeinschaft und Beziehung, in welche die Seele in ihrer Not mit der geheimnisvollen Macht eintritt, von der sie das Gefühl hat, daß sie selber und ihr Schicksal von ihr abhängt« (l. c. S. 19). Ein actives und ein passives Element zeigt die Religion (l. c. S. 20). Nach TOLSTOI ist Religion »die Erklärung der Beziehungen des Menschen zum Urquell alles Seienden und die aus dieser Stellung entspringende Bestimmung des Menschen und, aus dieser Bestimmung hervorgehend, die Richtschnur der Lebensführung« (Was ist Rel.? S. 75). »Die wahre Religion ist eine solche, welche im Einklang mit der Vernunft und mit dem Wissen des Menschen für ihn eine Beziehung mit dem ihn umgebenden Leben feststellt, die sein Leben mit dieser Unendlichkeit verbindet und seine Wirksamkeit lenkt« (l. c. S. 13). Der Glaube ist »das Bewußtsein des Menschen von seiner Stellung im Weltall« (l. c. S. 29), das »Bewußtsein des Menschen von seiner Beziehung zur unendlichen Welt« (l. c. S. 31).

Nach CARNERI ist die Religion »das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt auf der Stufe des unvermittelten Gefühls« (Sittl. u. Darwin. S. 56). Aus dem Selbsterhaltungstrieb dem Wunsche nach Hülfe, leitet die Anfänge der Religion SPICKER ab (Vers. ein. neuen Godesberg. S. 279 ff.). Auf die Furcht I gründet den Ursprung der Religion P. RÉE (Philos. S. 82). Nach DILTHEY liegt der Religion die Sehnsucht des Menschen nach dem Vollkommenen, an knüpfend an das Abhängigkeitsgefühl, an Gewissen und Schuld zugrunde[263] (Einl. in d. Geisteswiss. I, 170). Das religiöse Leben ist der »dauernde Untergrund der intellectuellen Entwicklung« (l. c. S. 171). Nach K. LASSWITZ ist Religion »das Gefühl des Vertrauens auf eine unendliche Macht, welche meinen eigenen heiligsten Idealen entspricht« (Wirklichk. S. 233). Nach P. NATORP ißt der Grund der Religion das Ewigkeits- und Unendlichkeitsgefühl (Socialpäd. S. 268 ff.). Die Humanitäts-Religion hat als Kern das Sittliche, aber keine Dogmatik (l. c. S. 333 ff.. Relig. innerh. d. Grenzen d. Humanit. 1894). Nach R. EUCKEN gehört zur Religion, »daß sie der nächsten unmittelbar vorhandenen Welt eine andere Art des Seins, eine neue überlegene Ordnung der Dinge entgegenhält, daß sie eine Zerlegung der Wirklichkeit in verschiedene Reiche und Stufen vollzieht« (Wahrheitsgeh. d. Relig. S. 155 ff.). Das religiöse Problem fordert eine noologische (s. d.) Behandlung (Gesammelte Aufsätze, S. 166 f). AD. SCHOLKMANN erklärt: »Der Glaube bezeichnet die Seite der Erfüllung des menschlichen Wesensgesetzes, durch welche der Mensch sich den überweltlichen Grund seines Wesens vorstellend, fühlend und wollend als das zu eigen macht und als das bewahrt, was er seinem Wesen nach ist, die alles bedingende, daher göttliche Voraussetzung seiner gesamten Lebensführung.« »Der Glaube... in Einheit mit den in seinem Object liegenden Voraussetzungen heißt Religion« (Grdl. ein. Philos. d. Christent. S. 85 f.). »Die Grundlage des Glaubens ist das Bewußtsein der Abhängigkeit des Menschen von mancherlei außerhalb seines Wesens liegenden, natürlich gegebenen Dingen und Verhältnissen, daß er in diesen weltbeherrschende, d.h. göttliche Mächte sah und sie als solche verehrte, ist auf einen durch die Gegenwart des Göttlichen in der seelischen Objectivität geleiteten Vorstellungsact und auf eine Bestätigung der Richtigkeit dieser Vorstellung durch das Gefühl zurückzuführen« (l. c. S. 93). Nach HÖFFDING entspringt das religiöse Gefühl (auf einer höheren Stufe) »aus der Abhängigkeit, in der sich der Mensch nicht nur mit Bezug auf seine physische Existenz, sondern auch besonders mit Bezug auf seine ethischen Zwecke und Ideale dem Dasein gegenüber fühlt, und aus dem Bedürfnisse des Menschen, das Dasein als von solchen Mächten getragen zu betrachten, die diese Ideale behaupten können« (Psychol. S. 364). Der Kern der Religion ist »der Glaube an die Erhaltung des Wertes« (Religionsphilos. S. 13). Der religiöse Glaube ist »die Überzeugung von einer Festigkeit, einer Zuverlässigkeit, einem ununterbrochenen Zusammenhange in dem Grundverhältnisse des Wertes zur Wirklichkeit« (I. c. S. 105). Die religiösen Gefühle sind durch das Schicksal der Werte im Kampf ums Dasein bestimmt (l. c. S. 96. Philos. Probl. S. 96 ff.). Im kosmischen Lebensgefühl wird uns Lust oder Unlust durch die Stellung unserer Persönlichkeit und unserer höchsten Lebenswerte in der Weltentwicklung bestimmt (Eth. S. 459 ff.). Nach WUNDT erwächst das religiöse Gefühl »aus dem Bedürfnis, zwischen den in der äußeren Erfahrung gegebenen Erscheinungen und den sittlichen Trieben oder den Gemütsbewegungen, aus denen dieselben hervorgehen, dem Selbstgefühl und dem Mitgefühl, eine Übereinstimmung herzustellen. Dieses Bedürfnis führt namentlich auf seinen ursprünglichen Stufen den unwiderstehlichen Antrieb mit sich, den Zusammenhang der Dinge und Erscheinungen durch Vorstellungsbildungen zu ergänzen, in denen die ethischen Wünsche und Forderungen ihren Ausdruck finden« (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 523). Religiös sind »alle die Vorstellungen und Gefühle, die sich auf ein ideelles den Wünschen und Forderungen des menschlichen Gemütes vollkommen entsprechendes Dasein beziehen« (Eth.2, S. 48). Natur- und ethische (Cultur-)Religionen sind zu unterscheiden (l. c.[264] S. 80). Religion ist »die concrete sinnliche Verkörperung der sittlichen Ideale. Was der Mensch von frühe an als Inhalt seines sittlichen Bewußtseins empfindet, das stellt seine Phantasie als eine objective, aber doch in fortwährenden Beziehungen zu ihm stehende Welt sich gegenüber« (l. c. S. 492). Für die Philosophie kann es nur eine Vernunftreligion geben, welche zu Ideen über alle Erfahrung hinaus fahrt (Syst. d. Philos.2, S. 663 ff.. Einl. in d. Philos. S. 23 ff.). Aber nur in der Form einer idealen sittlichen Persönlichkeit kann das religiöse Ideal als Vorbild des eigenen sittlichen Strebens vorgestellt werden (Syst. d. Philos.2, S. 668 ff.). – Nach A. DORNER ist der Ursprung der Religion das metaphysische Bedürfnis, welches im Sinnlichen Übersinnliches (Geister) setzt, das Einheitsbedürfnis des Geistes, das ihn nach einer Ausgleichung des Gegensatzes zwischen sich und der Natur suchen läßt (Gr. d. Religionsphilos. S. 67 ff.). Der Mensch kann seine Abhängigkeit von der Natur nur überwinden. »wenn es eine Macht gibt, die der Naturobjecte mächtig ist« (l. c. S. 67). Die Religion ist »die Beziehung des Ich zu einer dem Ich übergeordneten transcendenten Sphäre« (l. c. S. 83). Die Popularreligion ist Volksmetaphysik (l. c. S. 126 f.). Die Religion ist subjectiv-objectiv (l. c. S. 132). Die Erscheinungen der Gottheit sind »gesta Dei per hominem« (l. c. S. 145). Das Ideal der Religion erfordert, »daß alle Bestimmtheiten in der Welt auf Gott zurückgeführt werden können, daß alle unsere Betätigungen als gottgewollte geschehen« (l. c. S. 177). Der »Religion der Gottmenschheit« ist »die Gottheit dem Menschen als belebender, alle Kräfte steigernder Geist immanent, ohne daß sie deshalb aufhörte, der alle einzelnen Seelen überragende absolute Geist zu sein, dem immer neue Ströme des Lebens entquellen« (l. c. S. 179). G. RUNZE (Stud: zur vergl. Religionswiss. I, 1889) leitet eine der Auslösungen der religiösen Vorstellungen aus der Sprache und ihrem metaphorischen Charakter, aus dem »glottopsychischen« Proceß ab. »Namentlich das sprachliche Genus und die durch dasselbe sich mehr und mehr befestigende Eintragung persönlicher Attribute in das Naturobject wird Anlaß zur Umkleidung der geheimnisvollen Naturmächte mit menschenähnlichen Eigenschaften« (Kat. d. Rel. S. 107 ff.). Das Wesen der Religion selbst muß psychologisch begründet werden (l. c. S. 112 ff.). – Die Vertreter der »ethischen Cultur« (s. d.) führen die Religion auf Moral zurück. – Vgl. G. BIEDERMANN, Religionsphilos., 1887. OELZELT-NEVIN Die Grenzen des Glaubens, 1885. FR. ROHMER, Wissensch. u. Leben I, 1871. ULRICI, Religionsphilos., Realencykl. f. prot. Theol. XII, 1883. HEMAN, Der Urspr. d. Relig. 1881. STEINTHAL, Zeitschr. f. Völkerpsychol. VIII, 1876. STANTON COIT, Die eth. Bewegung in der Relig. 1890. SALTER, Die Religion der Moral, 1885. ZIEMSSEN, Die Relig. im Lichte d. Psychol. 1880. E. KOCH, Die Psychol. in d. Religionswissensch. 1890. J. TYNDALL, Relig. u. Wissensch. 1874. TH. ZIEGLER, Relig. u. Religionen 1893. TIELE, Einleit. in d. Religionswissensch. 1899. MARTINEAU, A Study of Religion 1889. SEELEY, Natural Religion, 1882. K. STEFFENSEN, Gesammelte Aufsätze, 1890. M. MÜLLER, Natural Relig. 1889. Physical Relig. 1890. Anthropological Relig. 1891. H. SCHWARZ, Psychol. d. Will. S. 67 f.. RIBOT, Psychol. d. sent. II, ch. 9. RAOUL DE LA GRASSERIE, Des relig. comparéees au point de vue sociologique, 1899. De la psychologie de relig. 1899. L. F. WARD, Pure Sociol. p. 134, 188f., 265, 395, 419, 501 f., 548. U. VAN ENDE, Histoire naturelle de la croyance, 1887. F. MACH, Das Religions- u. Weltproblem. GLOGAU, Vorles. üb. Religionsphilos.. CHANTEPIE DE LA SAUSSAIE, Lehrb. d. Religionsgesch.2. ACHELIS, Archiv f.[265] Religionswissensch. 1898 ff. Vgl. Religionsphilosophie, Gott, Glaube, Theismus, Deismus, Pantheismus, Panentheismus, Offenbarung, Unsterblichkeit, Schöpfung.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 254-266.
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