Idee

[465] Idee (idea, eidos, idea, idée) bedeutet 1) ursprünglich: Gestalt, Form, Bild; 2) Urbild, Musterbild, Typus, als reale Wesenheit; 3) schöpferischer Gedanke, Begriff, Gedanke, Grundgedanke, begriffliche Einheit, Leitmotiv, Endpunkt des begründenden Denkens; 4) Vorstellung, Bewußtseinsinhalt, Erinnerungsbild, Phantasiegebilde, Einfall. – Man unterscheidet logische, ästhetische, ethische Ideen, ontologische (metaphysische) Ideen, geschichtliche Ideen. In der Welt walten Ideen bedeutet: es gibt eine (immanente) Weltvernunft, einen zweckmäßig-logischen Proceß, der sich in der Natur, im Menschen, in der Geschichte bekundet, realisiert. Die »Idee« ist dann der Ausdruck für den Sinn, die Bedeutung,[465] die Realisationstendenz eines Seinstypus. Ideen können nur als Willensinhalte, Willensziele als wirksam gedacht werden, als (bewußte oder nicht bewußte) Motive, Antriebe des Strebens, Wollens, Handelns. Die Ideen sind das Constante, Zeitlose, Feste im Flusse des Geschehens, insofern dieses teleologisch (s. d.) betrachtet wird.

Als Form, Gestalt kommt idea vor bei ANAXAGORAS, DEMOKRIT, der die Atome (s. d.) als ideai = schêmata bezeichnet, auch bei den Pythagoreern (Sext. Empir. Pyrrh. hypot. III, 18). Den Megarikern (?) wird die Ansicht zugeschrieben, das wahre Sein bestehe in unkörperlichen »eidê«(noêta atta kai asômata eidê biazomenoi tên alêthinên ousian einai (Plat., Sophist. 246 B). – Schon SOKRATES betont die Allgemeinheit und objective Wesenheit des Begriffes. PLATO nimmt diesen (und den Eleatischen Gedanken des zeitlosen Seins) auf, um das beständige Werden der Dinge (im Sinne des HERAKLIT und des PROTAGORAS) auf feste Seinseinheiten zu gründen (vgl. ARISTOTELES, Met. I 6, 987 a 29 squ.; XIII 4, 1078b 30). So entsteht der Begriff der »Idee«, welcher das als selbständige, reale Wesenheit geschaute und gedachte Einheitlich-Typische einer Gattung von Dingen bezeichnet. Nur das Seiende kann erkannt werden, was also wahrhaft als Erkenntnis sich gibt, das ist in einem Sein gegründet. Kein echter Begriff ohne Seinsgrundlage (mê onti mên agnoian ex anankês apedomen, onti de gnôsin, ep. V, 478 C). Das Concret-Allgemeine, Anschaulich-Abstracte, das ewig Gleiche an einer Klasse von Objecten, die Norm, an der sie gleichsam gemessen werden, das Apriorische (s. d.) in unseren Werturteilen ist die »Idee« (vgl. Phaedo 102), aber zugleich ist diese eine unabhängig vom Erkennen bestehende, wirksame, unkörperliche, raum- und zeitlose Wesenheit. Die »Idee« ist der (hypostasierte) Inhalt des Gattungsbegriffes, sie beruht auf einer Vermengung ästhetischer und erkenntnistheoretischer mit mythischen und metaphysischen Bestimmungen. Die Idee soll jedenfalls nicht bloß ein subjectiver Begriff (logos) sein, sondern an und für sich und wesenhaft (auto kath' hauto meth' hautou) sein (Sympos. 211 B). Die Ideen sind »getrennt« (chôris) von den sinnlichen Dingen, sie sind in einer übersinnlichen Sphäre (en ouraniô topô). Sie sind die Ur- und Musterbilder aller Dinge, paradeigmata, die Dinge nur ihre Schattenbilder, Erscheinungen, »Nachahmungen« (mimêseis), indem sie an ihnen, den Ideen, »teilhaben«(methexis). Die Ideen sind den Dingen »gegenwärtig« (parousia), die Dinge sind in »Gemeinschaft« (koinôniamit ihnen (Phaedo 100 D): Ta men eidê tauta hôsper paradeigmata hestanai en tê physei, ta de alla toutoin eoikenai kai einai homoiômata; kai hê methexis hautê tois allois gignesthai tôn eidôn ouk allê tis ê eikasthênai autois ) (Parmen. 132 D); tên de methexin tounoma monon metebalen. hoi men gar Pythagoreioi mimêsei ta onta phasin einai tôn arithmôn, Platôn de methexei (Arist., Met. I 6, 987 b 9 squ.). Die Ideen sind ewig seiend, unveränderlich, unvergänglich, sinnlich unwahrnehmbar, nur intelligibel (sie sind nooumena; tas d' au ideas noeisthai men, horasthai d' ou Republ. VI, 507 B; pantapasin einai kath' hauta tauta anaisthêua hyph' hêmôn eidê, nooumena monon, Tim. 51 D; kata tauta eidos echon, agennêton kai anôlethron... aoraton de kai allôs anaisthêton, touto ho dê noêsis eilêchen episkopei l.c. 52 A; hê gar achrômatos te kai aschêmatistos kai anaphês ousia ontôs ousa psychês kybernêtê monô theatê nô Phaedr. 247 C). Von allem, was begrifflich bestimmt werden kann, gibt es Ideen, von Natur- und Kunstobjecten, von guten und schlechten, schönen und häßlichen Dingen: eidos gar pou ti hen hekaston eiôthamen tithesthai peri hekasta ta polla hois tauton onoma epipheromen[466] (Rep. 596 A; vgl. Parmen. 130, Theset. 186 A; dagegen Ideen nur von Naturobjecten nach Aristot., Met. I 6, 987 b 9 squ.). Den Ideen wird auch Wirksamkeit, Leben, Vernunft zugeschrieben (Theaet. 248, Phaed., Phileb.; vgl. Aristot., Met. I 9, 991b 3). Untereinander stehen die Ideen im Verhältnis der Subordination u.s.w., also in einem den logischen Verhältnissen der Begriffe analogen Zusammenhange. Alle sind sie der höchsten Idee, der Idee des Guten (s. d.), unterworfen, welche die Zweckursache (hou heneka, Phileb. 54 C), der letzte Seins- und Erkenntnisgrund ist (Republ. VI, 508 E), als Gottheit (s. d.) alles leitet und regelt. Später bestimmt Plato die Ideen als (Ideal-) Zahlen (s. d.), die aus dem hen als peras und dem apeiron (s. d.) entstanden sind. Das Pythagoreische Element, das der Ideenlehre schon von Anfang an immanent ist, kommt so für sich zur Geltung. – Bezüglich der Ideenlehre bestehen verschiedene Auffassungen: 1) Die Platonischen Ideen sind selbständige Wesenheiten außer den Dingen (ARISTOTELES u. a.). So sind nach BENDER die Ideen »ideale Wesenheiten, welche hinter, über und außer den Dingen ein selbständiges Leben führen« (Metaph. und Myth. S. 154), schöpferische Mächte, die an und für sich existieren (ib.). ÜBERWEG-HEINZE erklärt: »Die Platonische Idee..., ursprünglich logisch gedacht, ist das reine urbildliche Wesen, an welchem die miteinander unter den nämlichen Begriff fallenden oder einander gleichartigen Dinge teilhaben. Sie ist in ästhetischem und ethischem Betracht das in seiner Art Vollkommene, hinter welchem die gegebene Wirklichkeit stets zurückbleibt. In logischem und ontologischem Betracht aber ist die Idee das reale Object des Begriffs... Die Idee geht auf das Allgemeine; aber sie wird von Plato wie ein raum- und zeitloses Urbild der Individuen vorgestellt.« »Die Verselbständigung der Ideen scheint bei Plato allmählich eine immer vollere geworden zu sein« (Gr. d. Gesch. d. Philos. I9, 183 f.). – 2) Die Ideen sind in den Dingen, diesen immanent, aber Wesenheiten: TEICHMÜLLER (Stud. S. 137). Nach J. E. ERDMANN ist die Idee »das gemeinschaftliche Wesen und wahre Sein der unter ihr befaßten Einzelwesen« (Grundr. I, 99). – 3) Die Ideen sind grundlegende, normative Gedanken, allgemeingültige Setzungen in der Form von Begriffen oder Urteilen, apriorische Erkenntnisfactoren. Schon LOTZE bemerkt: »Nichts sonst wollte Plato lehren als... die Geltung von Wahrheiten, abgesehen davon, ob sie an irgend einem Gegenstande der Außenwelt, als dessen Art zu sein, sich bestätigen; die ewig sich selbst gleich bleibende Bedeutung der Ideen« (Log.2, S. 513). Nach H. COHEN sind die Platonischen Ideen nicht metaphysische Wesenheiten, sondern »Grundlegungen« (hypotheseis) zum Aufbau der Objectenwelt (Log. S. 268; vgl. Zeitschr. f. Völkerpsychol. IV, 403 ff.). So auch P. NATORP: Methoden und nicht Dinge sind die Ideen, »Denkeinheiten, reine Setzungen des Denkens und nicht äußere, wenn auch übersinnliche Gegenstände« (Platos Ideenlehre S. 73, 215), sie sind »Grundlagen zur Erforschung der Phänomene. Diese haben teil an ihnen, d.h. sie sind, wenn nicht darzustellen, doch zu denken als stufenmäßige Entwicklungen der Verfahrungsweisen, welche die Ideen bedeuten. Die Idee sagt das Ziel, den unendlich fernen Punkt, der die Richtung des Weges der Erfahrung bestimmt; denn sie sagt das Gesetz ihres Verfahrens« (l.c. S. 215 f.). Vgl. WILLMANN, Gesch. d. Idealism. III, 209), AUFFARTH, Die platon. Ideenlehre 1883, LUTOSTAWSKI, The Origin and Growth of Platons Logic.

Nach XENOKRATES ist die Idee aitia paradeigmatikê tôn kata physin aei synestôtôn (vgl. Prokl. in Plat. Parmen. 136 C). Die Ideenlehre bekämpft[467] ARISTOTELES. Die Ideen seien bloß unnütze Verdoppelungen der Sinnendinge, ferner sei das »Teilhaben« der Dinge an den Ideen nur ein Bild ohne ontologischen Wert, endlich bestehe kein verständlicher Causalzusammenhang zwischen Ideen und Dingen. Die gesonderte Existenz des Allgemeinen folgt nicht aus der Tatsache der Erkenntnis. Das Wesen und dasjenige, dessen Wesen es ist, können nicht voneinander getrennt existieren (doxeien an adynaton, einai chôris tên ousian kai hou hê ousia, Met. I 9, 991 a 11 squ., XIII bis XIV). Die Idee, als Einzelwesen gedacht, müßte mit den ihr unterstellten Einzeldingen ein gemeinsames Urbild haben, z.B. die einzelnen Menschen und die Idee des Menschen (autoanthrôpos) einen »dritten Menschen« (tritos anthrôpos, Met. I 9, 990 b 15; VII, 13; De soph. elench. 22). Das Allgemeine ist, als »Form« (s. d.) den Dingen immanent. – CICERO übersetzt idea durch »species«, »idea« (Acad. I, 8). »Nec vero ille artifex (Phidias) cum faceret Jovis formam, contemplabatur aliquem, e quo similitudinem duceret, sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam intuens, in eaque defixus, ad illius similitudinem artem et manum dirigebat. Ut igitur in formis et figuris est aliquid perfectum et excellens, cuius ad cogitatam speciem imitando referuntur ea, quae sub oculos ipsa cadunt: sic perfectae eloquentine speciem animo videmus, effigiem auribus quaerimus. Has rerum formas appellat ideas Plato, easque gigni negat, et ait semper esse ac ratione et intelligentia contineri« (Orat. C. 3). Bei den Stoikern werden die Ideen zu subjectiven Gedanken ohne eigene objective Existenz, zu ennoêmata, phantasmata psychês (Stob. Ecl. I 12, 332; Plut., Plac. I, 10, Dox. D. 309). Einige Verwandtschaft mit den Ideen und Entelechien (s. d.) haben die logoi spermatikoi (s. d.).

Unkörperliche, geistige Kräfte als active selbständige Wesen sind die Ideen bei PHILO. Gott bedient sich ihrer zur Gestaltung der Materie (tais asômatois dynamesin, hôn etymon onoma hai ideai, De sacrif. II, 126; vgl. ZELLER, Philo(s. d.) Griech. III 28, 362 f.). Die höchste Kraft ist der logos (s. d.), der Ort der Ideenwelt (ho ek tôn ideôn kosmos, De mundi opificio I, 4). Nach NIKOMACHUS sind die Idealzahlen Urbilder im göttlichen Geiste, Gedanken Gottes (Arithm. intr. I, 6). Nach PLUTARCH VON CHAERONEA gibt es Ideen als Urbilder der Dinge (Quaest. conv. VIII, 2, 4). LONGINUS nimmt die vom nous getrennte Existenz der Ideen an. Nach PLOTIN enthält der (objective) Geist (nous) die Ideenwelt (Enn. III, 9; V, 5), welche das Reich des intelligiblen, wahren Seins ist. Die Ideen sind dem nous immanent hoti ouk exô tou nou ta noêta (Enn. III, 9; V, 1,1). Als Teilinhalte des nous sind die Ideen selbst noi, noerai dynameis, geistige Potenzen in den Dingen (Enn. IV, 8, 3). Das Seiende liegt im Denken, das Denken ist Denken des Seienden: holos men ho nous ta panta eidê, hekastos eidos nous hekastos (Enn. V, 9, 8). Ideen gibt es auch von Einzeldingen als solchen (Enn. V, 9, 12).

Dem Mittelalter gelten die Ideen meist als die dem göttlichen Geiste wesenhaften Urbilder der Dinge (»formae exemplares«), nach welchen Gott alles geschaffen hat. BOËTHIUS ruft aus: »Tu cuncta superno ducis ab exemplo, pulchrum pulcherrimus ipse mundum mente gerens similique ab imagine formans« (Consol. philos. III, metr. 9). Während TERTULLIAN als Gegner der Ideenlehre auftritt (De an. 23), nennt ORIGENES den Logos (s. d.) die idea ideôn, systêma theôrêmatôn en autô (vgl. LOMMATSCH I, 127). Bei AUGUSTINUS kommt »Idee« als »forma«, »species«, »archetypon« vor. Die Ideen sind schöpferische Gedanken Gottes. »Ideae principales formae quaedam vel rationes rerum stabiles, atque incommutabiles, quae ipsae formatae non sunt..., quae in divina[468] intelligentia continentur« (De divin. qu. 46). DIONYSIUS bestimmt: »Principia, quas Graeci ideas vocant, hoc est, species vel formas aeternas et incommulabiles rationes..., secundum quas et in quibus visibilis mundus formatur et regitur« (De div. nom. c. 5). SCOTUS ERIUGENA bestimmt die Ideen (»ideae, primordiales causae, prototypa, exempla«) als »species vel formae, in quibus rerum omnium faciendarum, priusquam essent, immulabiles rationes conditae sunt« (De divis. natur. II, 2). AMALRICH VON BENE erklärt, »ideas, quae sunt in mente divina, et creare et creari« (STÖCKL I, 290). ALEXANDER VON HALES bemerkt: »Idea in Deo idem est quod divina essentia« (Sum. th. I, qu. 1, 4). ANSELM betrachtet die Universalien (s. d.) als ewige göttliche Gedanken. ABAELARD erklärt: »Ad hunc modum Plato formas exemplares in mente divina considerat, quas ideas appellat et ad quns postmodum quasi ad exemplar quoddam summi artificis providentia operata est« (Theol. Christ. IV, p. 133f;). »Hanc autem processionem, qua scilicet conceptus mentis in effectum operando prodit, dicens generales et speciales formas rerum intelligibiliter in mente divina constitisse, antequam in corpora prodirent« (l.c. II, p. 1095 f.). BERNHARD VON CHARTRES sagt: »Noys summi et exsuperantissimi Dei est intellectus et ex eius divinitate nata natura, in qua vitae viventes imagines, notiones aeternae, mundus intelligibilis, rerum cognitio praefinita« (ÜBERWEG-HEINZE, Gr. d. Gesch. d. Philos. II7, 176). Nach ALBERTUS MAGNUS sind die Ideen »in mente divina secundum quod ars est omnium creatorum.« (Sum. th. I, 55, 2). »Porismata vocantur, id est, praedestinationes« (ib.). Nach THOMAS sind die Ideen »formae exemplares« (Sum. th. I, 44, 3c), »rationes... rerum, secundum quod sunt in Deo cognoscente« (l.c. I, 14 pr.). Die »idea« ist »quaedam forma intellecta ab agente, ad cuius similitudinem exterius opus producere intendit« (Quodl. 4, 1, lc). Sie ist »forma in mente divina, ad similitudinem cuius mundus est factus« (Sum. th. I, 15, 1). »In quantum Deus cognoscit suam essentiam, ut sic imitabilem a tali creatura, cognoscit eam ut proprium rationem et ideam huius creaturae« (l.c. I, 15, 1 ad 3). BONAVENTURA bestimmt: »Idea, cum sit similitudo rei cognitae mediumque inter cognoscens et cognitum, pluripficatur in Deo secundum rationem« (In 1. sent. 1, d. 42, qu. 3, 1). »Ideae rerum ante mundi constitutionem in mente creatoris erant« (Comp. theol. I, 25). FRANCISCUS MAYRONIS bezeichnet die Ideen als »rationes incommutabiles et aeternae« (PRANTL, G. d. Log. III, 284). Nach RICHARD VON MIDDLETON sind die Ideen dasjenige, wodurch Gott die Dinge denkt (In 1. sent. l, d. 36, 2, 2). DURAND VON ST. POURÇAIN versteht unter den Ideen die Dinge, wie sie im Geiste Gottes »obiective« (s. d.) enthalten sind (In 1. sent. 1, d. 36, qu. 3, 11). »In Deo est solum una idea, plures tamen rationes ideales« (l.c. qu. 4, 5). DUNS SCOTUS bemerkt, die Idee sei »ipsum obicetum ut cognitum... in mente divina« (Report. 1, d. 36, qu. 2, 31). PIERRE D'AILLY: »Idea est aliquid cognitum a principio productivo intellectuali, ad quod ipsum aspiciens potest aliquid in esse reali producere« (STÖCKL II, 1030). WILHELM VON OCCAM betont die rein intentionale Existenz der Ideen in Gott, in dem sie als Gedankeninhalte (»obiective«), nicht als selbständige Wesenheiten (»subiective«) bestehen. »Ideae non sunt in Deo subiective et realiter, sed tantum sunt in ipso obiective, tanquam quaedam cognita ab ipso: quin ipsae ideae sunt ipsaemet res a Deo producibiles« (In 1. sent. 1, d. 35, qu. 5). Da das Allgemeine (s. d.) nichts Reales ist, so gibt es nur Ideen »singularium« (ib.). Als subjectiver Gedanke kommt Idee schon im Roman de la Rose des JEAN DE MEUNY (Ende des 13. Jahrh.)[469] vor (EUCKEN, Grundbegr. S. 231). – SUAREZ gebraucht »idea« noch im Sinne von »exemplar« (Met. disp. 25, set. l). G. BIEL erklärt: »Idea in mente divina est ipsamet cognita creatura«... »In Deo sunt ideae obiective et intellectualiter« (Collect. I, 2, 4). GOCLEN: »Idea significat speciem seu formam seu rationem rei externam.; generatim idea est forma seu exemplar rei, ad quod respiciens opifex efficit id quod animo destinarat« (Lex. philos. p. 208).

Nach NICOLAUS CUSANUS enthält der göttliche Geist die Ideen der Dinge (De coniect. II, 14). MARSILIUS FICINUS nennt die Ideen »tanquam obiecta et species viresque naturales, intellectus primi essentiam comitantes, circa quas intellectus illius versetur, intelligentia, sequens quidem illas quodammodo sed mirabilis ipsa unita« (In Plat. Parmen. C. 23). F. BACON erklärt, die »divinae mentis ideas« seien »veras signaturas atque impressiones factas in creaturis, prout inveniuntur« (Nov. Organ. I, 23). MARCUS MARCI schreibt den Ideen bildnerische Kräfte zu (Idear. operatr. idea 1634). Nach MALEBRANCHE sind mit den Dingen auch ihre Ideen in Gott enthalten, wir erkennen jene mittelst dieser (vgl. RITTER, Gesch. d. Philos. XI, 382). Nach FÉNÉLON sind in Gott die »modèles fixes de tout ce qu'il peut faire de lui, les vrais universaux« (De l'exist. de Dieu p. 146). Von Ideen als Wesenheiten der Dinge spricht N. TRESCHOW. Als wirkende Factoren betrachtet die Ideen HERDER (Id. zur Philo(s. d.) Gesch. II, 7, 4). Nach GOETHE liegt dem Naturschaffen Gottes eine Idee zugrunde, deren Manifestationen wir wahrnehmen in Form eines Symbols (WW. XIX, S. 63, 158).

Im Sinne von »Vorstellung« gebraucht »Idee« J. B. VAM HELMONT. Von DESCARTES an wird die Bedeutung von »idea« als Bewußtseinsinhalt, Vorstellung, Begriff u. dgl. üblich. Descartes bemerkt: »Ostendo me nomen ideae sumere pro omni eo, quod immediate a mente percipitur, adeo cum volo et timeo, quia simul percipio me velle et timere, ipsa volitio et timor inter a me numerentur« (Resp. III, 15). MALEBRANCHE erklärt, Idee sei, »ce qui est l'objet immédiat ou le plus proche de l'esprit, quand il aperçoit quelque objet« (Rech. II, 1). FÉNÉLON bemerkt: »Tout ce qui est vérité universelle et abstraite est une idée« (De l'exist. de Dieu p. 143 f.). Die Logik von PORT ROYAL erklärt: »Idea nomen est ex eorum numero, quae adeo clara sunt, ut ulteriuts explicari per alia non possint« (I, 1). »Lorsque nous parlons des idées, nous n'appellons point de ce nom les images qui sont peintes dans la fantaisie; mais tout ce qui est dans notre esprit, lorsque nous pouvons dire avec verité que nous concevons une chose« (ib.). SPINOZA: »Ideae nomine intelligo cuiuslibet cogitationis formam illam, per cuius immediatam perceptionem ipsius eiusdem cogitationis conscius sum« (Ren. Cartes. princ. philos. I, def. II). – Idee ist ein Gedanke, Begriff, kein sinnliches Vorstellungsbild (»imapo«). »Per ideam intelligo mentis conceptum, quem mens format, propterea quod res est cogitans. Dico potius conceptum quam perceptionem, quia perceptionis nomen indicare videtur, mentem ab obiecto pati. At conceptus actionem mentis exprimere videtur« (Eth. II, def. III). Spinoza ermahnt die Leser, »ut accurate distinguant inter ideam sine mentis conceptum, et inter imagines rerum, quas imaginamur«. Die Idee involviert schon »afirmationem aut negationem« (l.c. Il, prop. XLIX, schol.). »Non enim per ideas imagines, quales in fundo oculi et, si placet, in medio cerebro formantur, sed cogitationis conceptus intelligo« (l.c. II, prop. XLVIII, schol.). »Adäquate« (s. d.) Idee ist jene, welche »omnes verae ideae proprietates sive denominationes intrinsecas habet« (l.c. II, def. IV). In Gott ist eine Idee[470] »tam cius essentiae, quam omnium, quae ex ipsius essentia necessario sequitur« (l.c. II, prop. VII). Auch vom menschlichen Geist gibt es eine Idee in Gott (l.c. II, prop. XX, dem.). »Ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum« (l.c. Il, prop. VII). Von der einen göttlichen Idee sind alle anderen abzuleiten (De emend. intell.). LEIBNIZ definiert die Idee als »propinquom quandam cogitandi de re facultatem sive facilitatem« (Gerh. VII, 263 f.). – MICRAELIUS erklärt: »Idea... tria requirit: 1) ut sit forma intellectui obiecta, ad cuius similitudinem producatur res ad extra; 2)ut ista similitudo rei ad extra sit ex intentione ipsius operantis; 3) ut effectus productus sit intentus a particulari agente« (Lex. philos. p. 509). Nach CHAUVIN ist eine Idee »prima mentis humanae cogitatio« (Lex. philos. 1692). HOLLMANN: »Idea nihil aliud, quam vel exemplar rei in cogitante vel rei in mente repraesentatio, imago et quasi pictura est« (Log. § 23). CHR. WOLF: »Repraesentatio rei dicitur idea, quatenus rem quandam refert, seu quatenus obiective consideratur« (Psychol. empir. § 48). J. EBERT: »Begriffe oder Ideen heißen die bloßen Vorstellungen der Dinge in unserer Seele« (Vernunftl. S. 22). TETENS: »Aus den Vorstellungen werden Ideen und Gedanken... Die Idee enthält außer der Vorstellung ein Gewahrwerden und Unterscheiden« (Philos. Vers. I, 26). Sie ist eine bewußte Vorstellung (l.c. S. 96). In diesem Sinne wird »Idee« auch von MENDELSSOHN gebraucht (Morgenst. I, 2). Nach PLATNER ist Idee »alles, was die Seele wirkt« (Philos. Aphor. I, § 31), »eine geistige Tätigkeit der Seele«. Es schwebt der Seele dabei »der Gegenstand der Idee, das Ideenbild« vor (l.c. § 288). Nach LOSSIUS hat jedes Individuum eine »gewisse herrschende Idee« (Unterr. d. gesund. Vern. 1777, I, 707, 9l). WYTTENBACH: »Ideam... distinguimus a notione, quae ipsa mentis cogitantis est actio, cum idea illud sit, quod ea actione efficitur« (Praecepta philos. logic. 1794).

Als Vorstellungen, Vorstellungsinhalte, Erinnerungsbilder treten die »Ideen« bei HOBBES auf. Er bestimmt die »ideas« als »memoriam imaginationemque magnitudinum, motuum, sonorum, colorum etc. atque etiam eorum ordinis et partium: quae omnia etsi ideae tantum et phantasmata sunt, ipsi imaginanti interne accidentia, nihilominus tanquam externa et a virtute animi minime dependentia apparitura esse« (De corp. C. 7, 2). LOCKE nennt Idee (»idea«) jeden Inhalt des Bewußtseins, Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe, »whatsoever is the object of the understanding, when a man thinks« (Ess. I, ch. I, § 8). Die »simple ideas« bilden den Stoff zu aller Erkenntnis, die »mixed ideas« entspringen der Tätigkeit des Intellectes. »Real ideas« sind jene, welche eine »fondation in nature«, »a conformity with the real being and existence of things« haben (Ess. II. ch. 30, § l). Adäquat sind sie, wenn sie »perfectly represent those archetypes which the mind supposes them taken from« (ib.). BERKELEY versteht unter Ideen Vorstellungen (Princ. I), insbesondere auch Einbildungs-, Erinnerungsvorstellungen (l.c. XXXIII). Die »ideas« sind passiv, unwirksam, bloße Bewußtseinsinhalte p. c. XXXIX). Nach HUME sind die Ideen Erinnerungsbilder, »faint images« der Impressionen (s. d.), »Copien« dieser (Treat. I, sct. l). Alle einfachen Ideen stammen aus einfachen Impressionen (ib.). In der englischen Philosophie und Psychologie überhaupt bedeuten die »ideas« Vorstellungen (a d.).

CONDILLAC unterscheidet die »idée« von der »sensation« als »sentiment« in der Seele. »Si j'éprouve actuellement de la douleur, je ne dirai pas, que j'ai l'idée de la douleur, je dirai, que je la sens. – Mais si je me rappelle une douleur,[471] que j'ai eue, le souvenir et l'idée sont alors une même chose; et si je dis, que je me fais l'idée d'une douleur dont on me parle et que je n'ai jamais ressentie, c'est que j'en juge d'après une douleur, que j'ai éprouvée, ou d'apres une douleur que je souffre actuellement.« »Dans le second (cas), l'idée est le sentiment d'une douleur actuelle, modifié par les jugements, que je porte pour me représenter la douleur d'un autre... Si ces sentiments n'existent que dans la mémoire, qui les rappelle, ils deviennent des idées« (Trait. des sent., Extr. rais. p. 49). »La sensation actuelle comme passée (de solidité) est seule tout à la fois sentiment et idée. Elle est sentiment par le rapport, qu'elle a à l'âme qu'elle rnodifie: elle est idée par le rapport qu'elle a à quelque chose d'extérieur... Toutes nos sensations nous paraissent les qualités des objets qui nous environnent: elles les représentent donc, elles sont des idées« (ib.). Es gibt »idées simples«, »idées complexes« (l.c. p. 50). Nach BONNET sind die Ideen »sensations comparées«. Es gibt »idées des sens«, »idées de la réflexion« (Ess. C. 19, 21). HOLBACH nennt die Veränderungen im Gehirn Ideen, wenn dieses seine Veränderungen auf das sie bewirkende Object bezieht (Syst. de la nature I, ch. 8, p.108). – LAROMIGUIÈRE: »L'idée... consiste donc dans la distinction que nous faisons, ou que nous sommes en état de faire de tout ce qui s'offre à notre esprit... Elle est un rapport de distinction, un jugement« (Leçons de philos. II, 4. leç., p. 134 f.). GALUPPI: »L'idea e un elemento del giudizio« (Elem. di philos. II, 9). Nach SERGI ist die Idee »une pure image mentale« (Psychol. p. 144 ff.).

Einen neuen Sinn erhält »Idee« bei KANT. Sie ist hier ein letzter, abschließender, auf dem Schließen beruhender, ein Vernunftbegriff, dem kein Gegenstand in der (wirklichen oder möglichen) Erfahrung jemals entsprechen kann, der aber doch mehr ist als eine Fiction, indem er, als Unendlichkeitsbegriff, dazu dient, die Gesamtheit der (kategorial verarbeiteten) Erfahrungen abzuschließen, auf eine höchste, ideale Einheit zu beziehen. Ideen sind Begriffe von Unbedingtem, das zu allem Bedingten als letzte Bedingung gedacht wird, haben keinen »constitutiven« (s. d.), sondern nur »regulativen« (s. d.) Wert für die Erkenntnis. »Ideen sind Vernunftbegriffe, denen kein Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann. Sie sind weder Anschauungen... noch Gefühle...; sondern Begriffe von einer Vollkommenheit, der man sich zwar immer nähern, sie aber nie vollständig erreichen kann« (Anthropol. I, § 41). »Eine Idee ist nichts anderes als der Begriff von einer Vollkommenheit, die sich in der Erfahrung noch nicht vorfindet« (WW. VIII, 460). »Ideen in der allgemeinsten Bedeutung sind nach einem gewissen (subjectiven oder objectiven) Princip auf einen Gegenstand bezogene Vorstellungen, insofern sie doch nie Erkenntnis desselben werden können« (Krit. d. Urt. § 56). Die Vernunftidee ist ein »indemonstrabler« Begriff (ib.). »Die Idee ist ein Vernunftbegriff, dessen Gegenstand gar nicht in der Erfahrung kann angetroffen werden« (Log. S. 140), sie ist ein transcendenter (s. d.) Begriff. Sie »enthält das Urbild des Gebrauchs des Verstandes... als regulatives Princip zum Behuf des durchgängigen Zusammenhanges unseres empirischen Verstandesgebrauchs« (l.c. S. 141 f.). Ideen sind notwendige (Vernunft-) Begriffe, deren Gegenstand in keiner Erfahrung gegeben werden kann (Prolegom. § 40). Ihren Ursprung haben sie »in den drei Functionen der Vernunftschlüsse«. »Der formale Unterschied der Vernunftschlüsse macht die Einteilung derselben in kategorische, hypothetische und disjunctive notwendig. Die darauf gegründeten Vernunftbegriffe enthalten also erstlich die Idee des selbständigen Subjects (Substantiale), zweitens die Idee der vollständigen[472] Reihe der Bedingungen, drittens die Bestimmung aller Begriffe in der Idee eines vollständigen Begriffs des Möglichen« (l.c. § 43). »Die Form der Urteile... brachte Kategorien (s. d.) hervor, welche allen Verstandesgebrauch in der Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form der Vernunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der Anschauungen nach Maßgebung der Kategorien anwendet, den Ursprung besonderer Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine Vernunftbegriffe oder transcendentale Ideen nennen können« (Krit. d. r. Vern. S. 279). »So viele Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vernunftbegriffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subject, zweitens der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der disjunctiven Synthesis in einem System zu suchen sein« (l.c. S. 280). »Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem kein congruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann.« Die »transcendentalen Ideen« »betrachten alle Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben und beziehen sich daher notwendigerweise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich transcendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung...« (l.c. S. 283). Unter den Ideen besteht ein Zusammenhang und eine Einheit, so daß vermittelst ihrer die Vernunft alle ihre Erkenntnisse in ein System bringt (l.c. S. 290). Die drei Ideen der Metaphysik sind: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. In allen diesen Ideen wird die »absolute Totalität« gefordert (l.c. S. 342). Die vier kosmologischen Ideen sind: »1) die absolute Vollständigkeit der Zusammensetzung des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen; 2) die absolute Vollständigkeit der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Erscheinung; 3) die absolute Vollständigkeit der Entstehung einer Erscheinung überhaupt; 4) die absolute Vollständigkeit der Abhängigkeit des Daseins des Veränderlichen in der Erscheinung« (l.c. S..-346). – Die ästhetische Idee ist eine »inexponible« (s. d.) Vorstellung der Einbildungskraft (Krit. d. Urt. § 56). Denn sie ist »eine einem gegebenen Begriffe beigesellte Vorstellung der Einbildungskraft, welche mit einer solchen Mannigfaltigkeit der Teilvorstellungen in dem freien Gebrauche derselben verbunden ist, daß für sie kein Ausdruck, der einen bestimmten Begriff bezeichnet, gefunden werden kann« (l.c. § 49). Sie ist »diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d. i. Begriff adäquat sein kann« (ib.). Ästhetische »Normalidee« ist »das zwischen allen einzelnen, auf mancherlei Weise verschiedenen Anschauungen der Individuen schwebende Bild für die ganze Gattung, welche die Natur zum Urbild ihren Erzeugungen in derselben Species unterlegte, aber in keinem einzelnen völlig erreicht zu haben scheint« (l.c. § 17). Das Erhabene (s. d.) bestimmt das Gemüt, sich die Unerreichbarkeit der Natur als Darstellung von Ideen zu denken (I. c. § 29). Den Begriff der Idee teilweise im Kantischen Sinne hat SCHILLER. Nach S. MAIMON ist die Vernunftidee »die formelle Vollständigkeit eines Begriffs« (Vers. üb. d. Transcend. S. 157). KRUG nennt Ideen die Vorstellungen der Vernunft (Handb. d. Philos. I, 300 ff.). REINHOLD bestimmt die Idee als »die Vorstellung, welche durch das Verbinden des gedachten (durch Begriffe vorgestellten) Mannigfaltigen entsteht« (Vers. e. n. Theor. II, 498). Nach JACOBI sind Ideen »Vorstellungen des im Gefühle allein Gegebenen« (WW. I1, 62). G. E. SCHULZE[473] erklärt: »Betreffen die einzelnen Vorstellungen etwas, das entweder kein Gegenstand der Wahrnehmung sein kann, oder dessen Dasein in der Sinnenwelt doch noch ungewiß ist, so nennt man sie Ideen« (Allg. Log.3, S. 3). »Die Erzeugnisse der Vernunft werden Ideen genannt, wenn sie so weit ausgebildet worden sind, daß ihr Inhalt eine die Beschaffenheiten sinnlicher Dinge übertreffende Vollkommenheit ausdrückt« (Psych. Anthropol. S. 120 f.). E. REINHOLD versteht unter den Ideen »Causalbegriffe der reinen Vernunfttätigkeit, in denen wir uns das Verhältnis des Ewigen, Beharrlichen, absolut Notwendigen, Allgemeinen und Einzelnen im Causalzusammenhange der Wirklichkeit zum Entstandenen, Vergänglichen, bedingt Notwendigen, Besondern und Individuellen vergegenwärtigen« (Theor. d. meschl. Erk. II, 244). BENEKE versteht unter den Ideen oder »reinen Formenbegriffen« »Vorstellungen, in denen Gegenstände von einer Vollkommenheit, welche über alle Erfahrung hinausgeht, gedacht werden« (Lehrb. d. Psychol.3, § 297; Psychol. Skizz. II, 329 ff.). Nach TEICHMÜLLER sind die Ideen Schlüsse, logische Coordinatensysteme (N. Grdleg. S. 270). – Nach O. SCHNEIDER sind die Ideen »a priori; durch Anwendungen der apriorischen Stammbegriffe auf die apriorischen Eigenschaften unseres menschlichen Bewußtseins und Geistes... entstandene Begriffe« (Transcendentalpsychol. S. 139). Nach K. LASSWITZ ist Idee ein »Gesetz, welches die Richtung anweist, in der unsere Erfahrung sich entwickeln soll« (Wirklichkeit S. 152). Sie ist die »sicherste und höchste Realität« (l.c. S. 154). Nach H. COHEN ist die Idee »das Selbstbewußtsein des Begriffs. Sie ist der Logos des Begriffs; denn sie gibt Rechenschaft vom Begriff« (Log. S. 14). Die Ideen sind »Grundlegungen« des Seins (l.c. S. 18). Nach NATORP sind sie »reine Setzungen des Denkens«, »Methoden«, »Grundlagen zur Erforschung der Phänomene« (Platos Ideenlehre S. 215 u. ff.). A. RIEHL betont: »Ideen sind Aufgaben, Willensaufgaben, und allein als Ziele des Schaffens und Handelns müssen sie verstanden werden. Sie gelten, aber sie sind nicht« (Zur Einf. in d. Philos. S. 19). »Ideen sind Willensbegriffe, nicht Sachbegriffe« (l.c. S. 192). »Ideen sind nicht Erkenntnisbegriffe, sie fallen nicht in das Gebiet der theoretischen, sie gehören zum Bereich der praktischen Vernunft. Dort, wo die Erforschung von Objecten, die in der Erfahrung gegeben sind, unser Zweck ist, kann ihre Bedeutung nur eine regulative sein, sofern sie die Bedingungen oder Regeln angeben, unter denen Einheit oder systematische Vollständigkeit des Wissens zu erzielen ist. Für die praktische Vernunft dagegen sind sie constitutiv; sie selbst constituieren die praktische Vernunft, sie selbst sind die Vernunft, die zugleich Wille ist« (l.c. S. 193).

HERBART unterscheidet fünf »ästhetische« (s. d.) und praktische Ideen, die aus »ästhetischen« oder Geschmacksurteilen über »Willensverhältnisse« entspringen (WW. Kehrb. II, 352): 1) Idee der inneren Freiheit (l.c. IV, 118 f.); 2) Idee der Vollkommenheit (l.c. IV, 119; II, 358 f.); 13) Idee des Wohlwollens (l.c. II, 362 f.); 4) Idee des Rechts (l.c. IV, 120); 5) Idee der Billigkeit (Encyclop. d. Philos. S. 47: abgeleitete Ideen: beseelte Gesellschaft, Cultursystem, Verwaltungssystem, Rechtsgesellschaft, Lohnsystem). Nach ALLIHN sind die sittlichen Ideen »die einfachsten Musterbilder des sittlichen Wollens, nach dem jedes wirkliche Wollen seine Beurteilung nach absolutem Wert oder Unwert findet« (Gr. d. allgem. Eth. S. 211 ff.; vgl. HARTENSTEIN, Eth. Grundbegr. S. 234 ff.). Nach WAITZ sind Ideen »Vorstellungsweisen, welche dazu dienen, größeren Gedankenkreisen zu der Einheit, zu dem Abschluß und Zusammenhang zu verhelfen, die ihnen noch abgehen« (Lehrb. d. Psychol. S. 609).[474] Die Ideen sind Objecte des Glaubens, bestimmt zur Versöhnung unseres inneren Lebens mit der Wirklichkeit (l.c. S. 617). – Als »fundamental ideas« bezeichnet WHEWELL die logischen Grundanschauungen. Nach LOTZE sind die Ideen »creative Gedanken«, »allgemeine Begriffe von objectiver Gültigkeit« (Log. S. 562; s. unten). UNOLD betrachtet die sittlichen Ideen als Producte der praktischen Vernunft, indem diese »die sittlichen Gefühle und Triebe in die Sphäre des Denkens erhebt und dadurch umfassende praktische Begriffe bildet, die wegen des starken Gefühlstones und der engen Beziehung zu den Bedürfnissen des menschlichen Lebens bald unbewußt, keim- und triebartig, bald bewußt, als Imperative, zur Verwirklichung und zum Handeln drängen« (Gr. d. Eth. S. 224). Nach C. STANGE entstehen die Ideen des Sittlichen als unwillkürliche Producte der Vernunft, unabhängig vom Subject, als transsubjective Factoren (Einl. in d. Eth. II, 140 ff.). Über die ästhetische Idee bemerkt WUNDT: »Wo der Gegenstand zusammengesetzter ist, da gibt derselbe zu einer Reihe miteinander verbundener Vorstellungen Anlaß, die sich in der Form eines zusammenhängenden Gedankens aussprechen lassen. Dies ist es, was man in der geläufigen Regel auszudrücken pflegt, daß der ästhetische Gegenstand Träger einer Idee sein müsse« (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 250). Der ästhetische Gegenstand ist Wirklichkeit und Idee zugleich; die Idee liegt latent im Object und erhält im Kunstschaffenden und Genießenden lebendige Wirklichkeit. Die Ideen werden in der Form des phantasiemäßigen Denkens nachgedacht (Syst. d. Philos.2, S. 683 ff.).

Als Gedanke des Grundes, des Wesenhaften, Übersinnlichen, als Vernunftbegriff gilt die Idee bei HERMES (Phil. Einl. § 28 f.), auch bei GÜNTHER (Vorsch. I, 236; II, 541). SUABEDISSEN versteht unter der Idee den »Wesensgedanken«, »Grundbegriff« eines Dinges, einer Gattung (Grdzg. d. Lehre von d. Mensch. S. 126). Die Ideen sind zugleich die Begriffe des »ursprünglichen Strebens und Zweckes« der Dinge, die »ursprünglichen Daseinskräfte und Daseinswillen« (l.c. S. 162). HILLEBRAND versteht unter Idee das reine Denken des Seins (Philo(s. d.) Geist. I, 40), mit welchem die Objectivität des Seins zugleich mitgesetzt ist (ib.). Idee ist »der Begriff, in dem concreten Bewußtsein seiner absoluten Positivität« (l.c. I, 207). Die Ideen vergegenwärtigen »die ewige und höhere Wesenheit der natürlichen Dinge«. »In der Idee wird... die absolute Identität des Allgemeinen und seiner unendlichen concreten Bestimmtheit... gewissermaßen individualisiert« (ib.).

Eine weitere Reihe von Philosophen (und Historikern) erblickt in den Ideen hauptsächlich objective Wesenheiten, geistig wirksame Kräfte, wesenhafte, productive Gedanken der göttlichen Vernunft, die in der Welt zur Wirkung, in der Geschichte, im Menschen zum Bewußtsein gelangen. In den Ideen liegt der vernünftige Sinn, die logisch-teleologische Gesetzmäßigkeit des Alls.

Nach J. G. FICHTE tritt die eine Idee in verschiedenen Formen auf (Gr. d. gegenwärt. Zeitalt. 1806, S. 122 f.). Das apriorische, schöpferische Reich der Ideen bekundet sich besonders in der Geschichte (l.c. S. 267). Idee ist die Weise, wie das Leben der Gattung in das Bewußtsein eintritt (l.c. S. 141). Sie ist ein »selbständiger, in sich lebendiger und die Materie belebender Gedanke« (l.c. S. 11). »Alles Leben in der Materie ist Ausdruck der Idee« (l.c. S. 116). Nach SCHELLING ist die Idee der Begriff als die unendliche Bejahung von Sein. Sie ist nicht außer dem Besonderen. »In jeder Creatur und Bildung ist das eigentlich Lebende eine ewig geborene Idee, von der Anfang und Ende eines[475] jeden Dinges selbst die bloß scheinbar getrennten Momente sind« (Jahrb. d. Medic. I, H. 1, S. 34; H. 2, S. 31; II, H. 2, S. 142). Die Ideen sind »Synthesen der absoluten Identität des Allgemeinen und Besonderen« (Naturphilos. S. 75). Durch die Ideen sind die Dinge »wahrhaft und innerlich ein Wesen« (l.c. S. 76). Später betrachtet Schelling die Ideen als zwischen Gott und den Einzeldingen vermittelnde Einheiten (Vorles. üb. d. Method. d. akadem. Stud.3, S. 98). Die Ideen sind »die einzigen Mittel, wodurch die besonderen Dinge in Gott sein können«. Gleich Gott sind sie »productiv und wirken nach demselben Gesetze und auf die gleiche Weise, indem sie ihre Wesenheit in das Besondere bilden... Die Ideen verhalten sich als die Seelen der Dinge« (l.c. 11, S. 240 f.). Die Ideen sind »die Wesenheiten der Dinge als gegründet in der Ewigkeit Gottes« (WW. I 6, 183). OERSTED erklärt: »Das, uns einem Dinge seine beständige Eigentümlichkeit, sein Wesen gibt, ist nur... die Gesamtheit der Naturgesetze, wodurch es hervorgebracht ist und sich erhält; aber die Naturgesetze sind Naturgedanken; der Dinge Wesen beruht also auf den Naturgedanken, welche sich darin ausdrücken. Insoweit etwas ein in sich zusammenhaltendes Wesen sein soll, müssen alle Naturgedanken, welche darin ausgedrückt sind, in einem Wesensgedanken sich vereinigen, welche darin dessen Idee nennen. Das Wesen eines Dinges ist also dessen lebende Idee« (Das Geistige in dem Körperlichen S. 3,). Nach ESCHENMAYER sind die Ideen »keine Verstandesdinge, die wir in den einzelnen Dingen wahrnehmen und absondern, wie Allgemeinbegriffe«, sondern »Urtypen, die vor allem Einzelnen und Wirklichen bestanden haben und die das Einzelne, wirkliche beseelen und ihm ihr Wesen leihen«. »Das Urbild der Kugel hat von jeher bestanden...« (Psychol. S. 15). In den Dingen spiegelt sich die Idee ab, sie ist »das beständige Integral, was die Erscheinungen zu einem Ganzen zusammenhält; sie ist das Gesetz, dem alle weltlichen Kräfte in ihren Richtungen folgen« (l.c. 13. 400). Die Natur ist ein Reflex der Idee (l.c. S. 394). Wichtig ist die »Triplicität« der Ideen: Wahrheit, Schönheit, Tugend (l.c. S. 394). Indem die Ideen »eine verschiedene Dignität gegeneinander« behaupten, erhalten wir, da jede für sich unendlich ist, verschiedene Ordnungen des Unendlichen (l.c. S. 401 ff.). Nach WAGNER setzt die Vernunft (mit der Phantasie) Ideen da, wo sie »Totalität in einer Einzelheit« setzt (Syst. d. Idealphilos. 1804, S. 46). »Aller Zwecke Realität ist in den Ideen« (l.c. S. 109). Die Ideen sind real, treibende Kräfte (l.c. S. 48). Die »Idee der Ideen« ist Gott (l.c. S. S9). CHR. KRAUSE versteht unter Idee: 1) einen Musterbegriff, 2) die »Grundidee« im objectiven Sinne (Vorles. S. 143 ff.). Über SUABEDISSEN s. oben.

SCHOPENHAUER nennt Idee jede »bestimmte Stufe der Objectivation des Willens« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 26). Die Ideen sind »Stufen der Objectivation des Willens«, die »Musterbilder« der Individuen, die »ewigen Formen« der Dinge, »nicht selbst in Zeit und Raum, das Medium der Individuen, eintretend, sondern feststehend, keinem Wechsel unterworfen, immer seiend und geworden« (l.c. § 25). Die Ideen liegen außer der Zeit (l.c. § 28), werden vom Satze des Grundes (s. d.) nicht berührt (l.c. § 30). Die Dinge sind nur getrübte Erscheinungen der Ideen. Reine Erkenntnis würde nur Idee erfassen (l.c. § 32). Zur Idee wird das Object erhoben, indem wir zum interesselosen, überindividuellen »reinen Subject des Erkennens« werden (l.c. § 34). Die Kunst »wiederholt die durch reine Contemplation aufgefaßten ewigen Ideen, das Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt«, denn »sie reißt das Object[476] ihrer Contemplation heraus aus dem Strome des Weltlaufs und hat es isoliert vor sich: und dieses Einzelne, was in jenem Strom ein verschwindend kleiner Teil war, wird ihr ein Repräsentant des Ganzen, ein Äquivalent des in Raum und Zeit unendlich Vielen« (l.c. § 36). Die Kunst ist daher »die Betrachtsungsart der Dinge, unabhängig vom Satze des Grundes« (ib.).

HEGEL geht in der Hypostasierung des Begriffs (s. d.) so weit, daß ihm »die Idee« zum allein wahren, realen Sein, zum Weltproceß wird. Die »Idee« ist objectiver Begriff, objectiv seiende Vernunft, Logos, im Weltprocesse sich entfaltend und ihre eigenen Bestimmungen (dialektisch) setzend. Die Idee ist »der Begriff, die Realität des Begriffs und die Einheit beider«, »der in seiner Realität gegenwärtige und mit derselben in Einheit gesetzte Begriff« (Ästhet. I, 138). Sie ist der »adäquate Begriff«, das »objectiv Wahre«, das »wahrhafte Sein«, die »Einheit von Begriff und Realität« (Log. III, 236, 240). Sie ist logischer »Proceß« (der Diremtion und Synthese), »ewiges Erzeugen«, Leben, Erkennen, Wollen und Wissen (l.c. S. 242 f.). Natur und Geist sind nur verschiedene Weisen, das Dasein der »absoluten Idee«, der »sich wissenden Wahrheit«, darzustellen (l.c. S. 328). Die Idee existiert »an sich«, in ihrem »Anderssein« (als Natur), »für sich« (als Geist). Die »reine« Idee ist »die Idee im abstracten Elemente des Denkens« als Gegenstand der Logik (Encykl. § 19). Die Idee ist aber »das Denken nicht als formales, sondern als die sich entwickelnde Totalität seiner eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze, die es sich selbst gibt, nicht schon hat und in sich vorfindet« (ib.). »Die Idee ist das Wahre an und für sich, die absolute Einheit des Begriffs und der Objectivität. Ihr ideeller Inhalt ist kein anderer als der Begriff in seinen Bestimmungen; ihr reeller Inhalt ist nur seine Darstellung, die er sich in der Form äußerlichen Daseins gibt, und diese Gestalt, in seine Idealität eingeschlossen, in seine Macht, so sich in ihr erhält« (l.c. § 213). Alles Wirkliche ist die Idee, sie ist wahr nur durch sie und kraft ihrer. »Die Idee selbst ist nicht zu nehmen als eine Idee von irgend etwas... Das Absolute ist die allgemeine und eine Idee, welche als urteilend sich zum System der bestimmten Ideen besondert, die aber nur dies sind, in die eine Idee, in ihre Wahrheit zurückzugehen. Aus diesem Urteil ist es, daß die Idee, zunächst nur die eine, allgemeine Substanz ist, aber ihre entwickelte wahrhafte Wirklichkeit ist, daß sie als Subject und so als Geist ist« (ib.). Die Idee ist die Vernunft, das Subject-Object, die Einheit des Ideellen und Reellen, des Endlichen und Unendlichen, der Seele und des Leibes u. dgl. (l.c. § 214). Sie ist »die Dialektik, welche ewig das mit sich Identische von dem Differenten, das Subjective von dem Objectiven, das Endliche von dem Unendlichen, die Seele von dem Leibe ab- und unterscheidet, und nur insofern ewige Schöpfung, ewige Lebendigkeit und ewiger Geist ist« (ib.). Die Natur (s. d.) ist die »Idee in der Form des Andersseins«, der Geist (s. d.) die »zu ihrem Für-sich-sein gelangte Idee« (l.c. § 247 381). – Nach GABLER ist die (reine) Idee »das absolute, sich als alle Realität wissende Wissen der an und für sich seienden Wahrheit« (Syst. d. theoret. Philos. I, 429). Nach K. ROSENKRANZ ist die Idee »das absolute Princip, welches sich die ihm immanente Form als Methode zur Einheit aller seiner notwendigen Bestimmungen entwickelt, ein System« (Wissensch. d. log. Idee II, S. 336). Die Idee ist »die Einheit ihres Begriffs und seiner Realität« (l.c. S. 436; Syst. d. Wiss. S. 117). Sie ist sich selber Zweck, gestaltet sich als organische Totalität (Syst. d. Wiss. S. 117). »Die Idee ist selber das absolute,[477] von nichts anderem abhängige, in sich unbedingte Sein, welches, als Involution, alle seine besondern Bestimmungen zur Evolution in sich schließt« (l.c. S. 118). Nach M. J. MONRAD ist die Idee das Wirkliche, das sich in Natur und Geist offenbart. V. COUSIN erklärt: »Les idées sont la pensé sous la forme naturelle« (Cours, leç. 1, p. 20). »Les idées... ne réprésentent rien, absolument rien qu'elles-mêmes« (l.c. p. 22). Fundamental sind für den Menschen die Ideen des Nützlichen, Gerechten, Schönen, Göttlichen, Wahren (l.c. leç. 2, p. 29). CARRIERE erklärt: »Die Idee macht... das eigene Wesen der Dinge aus. Sie ist der Inbegriff und Einheitspunkt alles Lebendigen, aus welchem das Mannigfaltige entspringt und abgeleitet wird; sie ist das Allgemeine, welches das Besondere nicht ausschließt, sondern in sich und unter sich befaßt... Die Idee drückt das Wesen und die Bestimmung des Einzelnen aus, wie es in seiner Vollendung zugleich das Allgemeine abspiegelt und verwirklicht; so vereinigt sich in ihr das Anschauliche mit dem Begrifflichen« (Ästhet. I, 18). Nach GIOBERTI sind die Ideen der Dinge ewig in Gott vereinigt (vgl. Ontologismus).

Nach BACHMANN ist die Idee »die nur durch die Vernunft zu erfassende Urgestalt, als Musterform und belebende Kraft für eine Reihe von Bestrebungen und individuellen Gestalten« (Syst. d. Log. S. 283). Sie kommt nur in den einzelnen Individuen zum Bewußtsein (l.c. S. 288). Nach TRENDELENBURG ist die Idee das »erfüllte Allgemeine, das sich selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Bestimmungen darstellt und umfaßt«, das »Wesen unter der Kategorie des selbstschöpferischen Grundes« (Log. Unters. II3, 494 ff.), der »Begriff der Sache, in der organischen Bestimmung eines bedingenden Ganzen erkannt« (l.c. S. 507). Nach FROHSCHAMMER sind die Ideen ewig, sie bilden »die bestimmende Norm« für das Weltprincip, die Phantasie (s. d.), werden durch »plastische Kräfte« zu realisieren gesucht und wirken im Menschengeiste als Triebkräfte (Monad. u. Weltphantas. S. 17). Sie sind zielgebende Normen, das treibende Moment im Weltprocesse, die »unbewußte Vernunft« in der Natur (l.c. S. 18, 74 f., 77). J. H. FICHTE erklärt, dem Schönen liege stets eines der »ewigen Gemeinbilder oder Urgestalten« zugrunde (Psychol. I, 701). »Jedem Unsinnlichen, Gedankenmäßigen ist gleich ursprünglich in der göttlichen Schöpferimagination... sein Sinnbild, seine imaginative Leibesgestalt angeheftet« (l.c. S. 710). Alle Ideen sind jedem Menschengeiste immanent (l.c. S. 112, vgl. S. 135). Nach LOTZE bezieht sich der Gedanke »Idee« auf eine ursprüngliche Einheit in dem Dinge, er bedeutet das Wesen des Dinges, den Grund des Daseins einer Art, den beständigen Sinn veränderlicher Gestalten (Mikrokosm. II2, 165 ff., vgl. S. 570). Lotze teilt die Voraussetzung des Idealismus, »daß nur so viel und nur solches in der Welt existiert, als zugleich in dem Sinne einer wertvollen Idee, die ihr Wesen bildet, seine notwendige Stelle hat« (Medicin. Psychol. S. 159). E. v. HARTMANN sieht in der »Idee« das logische Attribut des »Unbewußten« (s. d.). Die Ideen sind »unbewußte Intellectualfunctionen« (Zum Begr. d. unbew. Vorstell., Philos. Monatsh. 28, 1892, S. 23 f.). G. BIEDERMANN versteht unter Idee den »im Fortschritt seiner unendlichen Entwicklung zu verwirklichenden Begriff« (Philo(s. d.) Gesch. S. XXXIV, 385). CZOLBE: »Die Welt besteht aus zahllosen Gruppen teils sich zeitlich folgender, teils räumlich nebeneinander bestehender ähnlicher Dinge, nämlich solcher, die in wesentlichen... Teilen gleich sind oder übereinstimmen... Dieses Gemeinsame... kann man objectiven Begriff oder Idee nennen und als Abbild dieser ewigen, in sich gegliederten objectiven Welt der[478] Ideen das System der subjectiven Begriffe betrachten, welche den Inhalt der Wissenschaft oder der Erkenntnis des Ewigen, Unveränderlichen und Unvergänglichen bilden« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 169). O. LIEBMANN versteht unter den unveränderlichen Ideen »Gesetzescomplicationen« (Analy(s. d.) Wirkl. S. 393). Die Idee ist »diejenige Complication von Naturgesetzen, welcher entsprechend bei einem bestimmten Zustand der Materie ein Mensch oder ein Individuum... entspringen muß« (l.c. S. 404). Im Universum besteht eine Ideenordnung (l.c. S. 407). Nach B. CARNERI ist die Idee der »concrete Begriff«. Sie entspricht einer bestimmten Art und ist »das Wirkliche an jedem einzelnen Exemplare« (Sittlichk. u. Darwinism. S. 78). »Keine bestimmte Idee verwirklicht sich... auf einem gegebenen Punkte des Raumes und der Zeit, sondern nur in der Gesamtheit und unendlichen Bewegung aller unter sie begriffenen Einzeldinge« (l.c. S. 78). Die Idee ist »das innerlich der ganzen Gattung Gemeinsame«, eine Macht (l.c. S. 137, 194). Nach LAZARUS sind die Ideen productive Kräfte, die aus der Veredlung der Ichheit entspringen (Üb. d. Urspr. d. Sitt., Zeitschr. f. Völkerpsychol. I, 462 f., 477). Die Idee ist die höchste und reinste Form der Erkenntnis alles Realen, in ihr wird das wirkliche und wirksame, volle und lebendige Wesen alles Seienden erfaßt. »Die Idee eines Dinges umfaßt sein reales Wesen in dem ganzen Wandel und als Grund seiner Erscheinung« (Zeitschr. f. Völkerpsychol. III, 452, 466). Nach STEINTHAL ist Idee alles, was das Wesen idealer Formung an sich trägt (Allgem. Eth. S. 78). Die Ideen sind sowohl objectiv als subjectiv (l.c. S. 79). Ideen sind auch »die subjectiven Kräfte des Bewußtseins, welches die geschichtlichen Taten, Gebilde und Gedanken erzeugt, insofern sie dabei von den Ideen geleitet wurden« zu nennen (l.c. S. 78). Der »objective Geist« ist der »Ort der Ideen« (l.c. S. 420, 424, 426). Nach GLOGAU üben die (aus Gott abgeleiteten) Ideen »Sollicitationen« aus, wodurch die endlichen Geister zu geistigen Bildungen veranlaßt werden. Nach SIGWART sind die »Ideen« der Geschichte die Richtungen der Gesamttätigkeit eines Volkes in einer bestimmten Zeit (Log. II2, 632). Nach O. WILLMANN bilden die Ideen »ein Mittelglied zwischen dem Einen und dem Vielen«. Sie stellen ferner das richtige Verhältnis zwischen Erkennen und Sein her. Endlich verknüpfen sie die natürliche und sittliche Welt (Gesch. d. Idealism. III, 215, 218, 221, 223).

W. V. HUMBOLDT versteht unter den Ideen »Formen« von relativer Immaterialität, welchen lebendige Wirksamkeit in der Geschichte zukommt (WW. VII, 12 ff.). Sie wirken in den Individuen. Nach L. V. RANKE. ist die Idee »göttlichen Ursprungs« (Histor.-polit. Zeitschr. II, 794). Die Idee wirkt als Kraft, Trieb (l.c. S. 805). Nach WACHSMUTH sind die Ideen außer Raum und Zeit, die constanten Formen, Principien, Gesetze der Ereignisse (Entwurf e. Theorie d. Gesch. 1820, S. 49 ff., 56). AHRENS bemerkt: »Alle die Menschheit in ihrem Leben und in ihrer Entwicklung bestimmenden Ideen, welche als höhere Lebenskräfte auf eine höchste und unbedingte Macht hinweisen, beherrschen lange Zeit die Menschen und Völker mehr unbewußt als instinctive Triebe und treten erst später immer klarer ins Bewußtsein« (Naturrecht I, 15). LAMPRECHT definiert die Ideen als »die Richtungen des psychischen Gesamtorganismus einer Zeit und eines geschichtlich abgegrenzten Teiles der Menschheit« (Was ist Culturgesch.? Dtsch. Zeitschr. f. Geschichtswiss. N. F. 1, 1896/97, S. 109). Die Ideen sind immanente Factoren, entstehend durch »Application des menschlichen Denkens und Handelns auf die bestehenden Möglichkeiten des Handelns« (Alte u.[479] neue Richtungen 1896, S. 55 f.). Ideen sind Agentien nur als psychologische Factoren (l.c. S. 40). »Die geschichtliche Entwicklung vollzieht sich unter der fortwährenden Einwirkung des menschlichen Triebes, alle Ereignisse und Vorgänge nach Gesichtspunkten höherer Einheit zu ordnen: so erwachsen aus den Dingen die Ideen, und sie beherrschen als Forderungen und Ziele des Handelns einen Teil der Zukunft« (Dtsch. Gesch. II2, 355). Nach O. FLÜGEL bedeuten die Ideen »natürlich entstandene Gedanken und Entschlüsse«, »Zwecke und Motive« der Individuen (Ideal. u. Material. S. 180, 90 ff.). TH. LINDNER nennt Ideen »Gedanken, welche auf Erreichung eines bestimmten Zieles gerichtet sind«. »Sie sind der Ausfluß jeweiliger Verhältnisse, der Ausdruck vorhandener Bestrebungen.« »Wenn das Gefühl des Bedürfnisses ins Bewußtsein tritt und auf Befriedigung drängt, wird es zur Idee« (Geschichtsphilos. S. 25 f.). Alle Ideen sind vergänglich, stehen im gegenseitigen Kampfe (l.c. S. 28 ff.). Sie entstehen »individual, verbreiten sich collectiv und werden wieder durch Individuen ausgeführt« (l.c. S. 61). »Indem die Ideen zur Befriedigung eines Bedürfnisses antreiben, werden sie Ursachen der geschichtlichen Entwicklung« (l.c. S. 88). Nach P. BARTH haben Gedanken einen directen oder indirecten Einfluß auf das Leben (Philo(s. d.) Gesch. I, S. 349). Es besteht eine Fortpflanzung der Ideen von Geschlecht zu Geschlecht (l.c. S. 557). Nach FOUILLÉE sind die Ideen treibende Kräfte des Geschehens, »idées-forces« (L'évol. des idées-forces). Nach LILIENFELD wirken in der Welt Ideen auf psychophysische Weise als leitende, herrschende, bestimmende Factoren. Sie sind psychophysische Producte und wirken auf das Ganze des socialen Organismus zurück, ja über dieses hinaus (Gedank. üb. d. Socialwiss. III, 183; II, 403 f.; I, 56, 272). SCHÄFFLE sieht in den Ideen (des Rechts, der Moral u.s.w.) nicht primäre Kräfte, sondern socialgenetische Producte (Bau u. Leb. I, 569 f.; II, 103 f.), die aber großen socialen Einfluß haben (l.c. II, 398). Nach RATZENHOFER entspringen die Ideen aus den Bedürfnissen. Sie haben einen »intellectuellen Kraftwert« (Polit. I, 27; Sociol. Erk. S. 316). Es gibt ein »Gesetz der Erhaltung der Energie der Ideen« (Sociol. Erk. S. 357). Nach GOLDFRIEDRICH wachsen die Ideen »mit unwillkürlicher und ungesuchter Notwendigkeit aus den sie veranlassenden Verhältnissen hervor. Sie entstehen nach dem Princip der Heterogonie der Zwecke«. Sie wirken »propellierend, organisierend und veredelnd«, sind »Principien der Fort- und Höherbewegung, der Reformation und Reorganisation«, wirken »organisierend, vereinheitlichend, festigend«. Sie »behaupten und breiten sich aus durch eine sociale Logik, d.h. dadurch, daß sie zuletzt der Masse conform sind; durch Propaganda, Verfolgung und Nachahmung und die Verbindung mit den eigennützigen Trieben« (Die histor. Ideenlehre in Deutschl. S. 521 ff.; daselbst Litteratur).

Nach H. SCHWARZ sind praktische Ideen »Gedankenbilder eines Besseren« (Psychol. d. Will. S. 122). Die objective Gültigkeit der metsphysischen Ideen betont A. DORNER (Gr. d. Religionsphilos. S. 14 f.). Die Empirie selbst weist uns über sich auf eine überempirische Welt hinaus (l.c. S. 15; vgl. Das menschl. Erk. S. 39 f., 150 f., 296 f., 317 f.). – Nach WUNDT sind Ideen »Vorstellungen idealer Zwecke« (Eth.2, S. 510). Wundt prägt einen neuen Ideen-Begriff. Ideen sind Producte des vernünftigen, begründenden Denkens, »ergänzende Gesichtspunkte« zu den Tatsachen der Erfahrung, die über diese hinausführen, mit einem Fortschritt ins Transcendente (s. d.), der die Richtung der Erfahrung einhält (Philos. Stud. VII, 13; Syst. d. Philos.2, S. 174 ff.). Die Vernunft[480] erzeugt (als letzte Stufen der Bearbeitung des Erfahrungsmaterials) drei Arten Ideen: kosmologische, psychologische, ontologische Ideen (s. d.). Bei jeder dieser Ideen gibt es einen zweifachen Fortschritt (Regreß): der eine führt zur Idee einer unendlichen Totalität, der andere zur Idee einer absolut unteilbaren Einheit. Die kosmologischen Ideen haben eine »reale« und »imaginäre« Transcendenz, die psychologischen und ontologischen nur »imaginäre« Transcendenz (Syst. d. Philos.2, S. 198 ff., 200 ff.). Vgl. Ästhetik, Vorstellung, Begriff, Materialismus, Sociologie.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 465-481.
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