Erscheinung

[304] Erscheinung (Phänomen): 1) im weiteren Sinne so viel wie Apparenz, Vorkommen im Bewußtsein, Auftreten eines Etwas für das Ich; 2) im engeren Sinne (als Gegensatz zur Wirklichkeit »An-sich«, (s. d.)): d.h. das vorgestellte, vom Subject abhängige Sein der Dinge, die subjectiv-relative Seinsweise, die Manifestation, Äußerung, Sichtbarwerdung, Objectivation der Dinge. Die Erscheinung unterscheidet sich vom Scheine (s. d.), insofern sie auf einen Factor außerhalb des Einzelbewußtseins, auf ein »An-sich« irgend welcher Art hinweist. Insofern die Erscheinungen von allen erkennenden Subjecten unter Umständen müssen wahrgenommen werden, haben sie objectiven Charakter, wenn sie auch nicht das Für-sich-sein, sondern das Sein der Dinge für andere bedeuten. Die Dinge der Außenwelt (Körper) sind als solche Erscheinungen, denen »transcendente Factoren« (s. d.) zugrunde liegen; das eigene (reine) Ich, das wollend-denkende Subject ist nicht Erscheinung, sondern Wirklichkeit an und für sich. Die Erscheinungen sind die Dinge, in den Formen der Empfindung, der Anschauung, des Denkens aufgefaßt. Sie sind nicht identisch mit Wahrnehmungen oder (Einzel-)Vorstellungen, sondern ein Gewebe solcher mit begrifflich-allgemeingültigen Bestimmungen. Sie sind Object des »Bewustseins überhaupt«, des denkenden, wissenschaftlichen Bewußtseins, des die sinnlich gegebene Wirklichkeit (sinnliche Erscheinung) zur Objectivität verarbeitet.

In der Philosophie sind ein mehr objectiver und ein mehr subjectiver Begriff der Erscheinung zu unterscheiden.

DEMOKRIT sieht in den sinnlichen Eigenschaften der Dinge (Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke, Wärme) Erscheinungen, Wirkungen der Atomeigenschaften auf die Seele (s. Atom, Qualität). Aus den phainomena ist auf die adêla (die verborgenen Factoren) zu schließen (Sext. Empir. adv. Math. VII, 140; so auch ANAXAGORAS). In einigen Eigenschaften (Ausdehnung u.s.w.) gleichen die Dinge an sich (Atome) den Erscheinungen. Nach PROTAGORAS erkennen wir die Dinge stets nur so, wie sie uns gerade erscheinen (vgl. Plat., Theaet. 157 A). ARISTIPP lehrt, wir wüßten nur um Bewußtseinserscheinungen: ta pathê kai tas phantasias en hautois tithentes ouk ôonto tên apo toutôn pistin einai diarkê pros tas hyper tôn pragmatôn katabebaiôseis (Plut. Adv. Colot. 24); mona ta pathê katalêpta (Sext. Empir. Pyrrh. hypot. I, 215; Diog. L. II, 92). »Praeter permotiones intimas nihil putant esse indicii« (CICERO, Acad. II, 46, 142) PLATO sieht in den Sinnesobjecten Erscheinungen der wahren, seienden Welt von Ideen (s. d.) (Theaet. 13). ARISTOTELES versteht unter phainomenon das sinnenfällig Gegebene (Met. IV 5, 1010b 1). Nicht alles Erscheinende ist wirklich (Met. IV 6, 1011 a 19). Im Traume z.B. erscheint etwas, ohne wirklich zu sein (De an. III 3, 428 a 7, III 3, 428 b 1 squ.). CHRYSIPP unterscheidet die[304] Erscheinung vom Ding an sich (Sext. Empir. adv. Math. VIII, 11; Pyrrhon. hypot. II, 7). Nach PLOTIN ist die sinnliche Welt die Erscheinung der intelligiblen (s. d.), geistigen Welt, des Reiches der Ideen und deren Einheit, des nous (S. Geist).

Ähnlich auch die Gnostiker (s. d.). AUGUSTINUS nennt die Offenbarungen »Dei apparitiones« (De trin. III, p. 867 f.). SCOTUS ERIUGENA erklärt: »Deum... intellectuali creaturae mirabili modo apparere« (Div. nat. I, 10, p. 450 A). Die Sinnenwelt ist nur Erscheinung einer geistigen Wirklichkeit (»iste mundus sensibus apparens«, l.c. I, 30). »Omne enim, quod intelligitur et sentitur, nihil aliud est, nisi apparentis apparitio, occulti manifestatio« (l.c. III, 4). »Omnia siquidem, quae locis temporibusque variantur, corporeis sensibus succumbunt, non ipsae res substantiales vereque existentes, sed ipsarum rerum vere existentium quaedam transitoriae imagines et resultationes intelligenda sunt« (l.c. V, 25). Bei Scholastikern, z.B. PETRUS AUREOLUS, heißt »esse apparens« des Dinges, das Sein des Dinges im Bewußtsein, im »mentis conceptus sive notitia obiectiva« (vgl. PRANTL, G. d. Log. III, 323). Nach WILHELM VON OCCAM sind die Qualitäten (s. d.) der Dinge nur Zeichen der Wirklichkeit. G. BIEL nennt »apparentia« jede »veram speciem seu ostensionem« (IV dist. 1, 1). GOCLENIUS unterscheidet: »apparentia vera – inanis (phantastikê)«, »interior – exterior«. »Apparentia seu dokêsis veritati opponitur« (Lex. phil. p. 110 f.).

Nach G. BRUNO ist die Vielheit (s. d.) der Dinge Erscheinung des Einen, Ewigen (De la causa V). Nach GASSENDI sind »apparentiae« die »phantasiae« (Exerc. II, 6). »Secundam naturam – secundam apparentiam« wird unterschieden. HOBBES versteht unter Erscheinungen (»phaenomena«) Bewußtseinstatsachen, Principien des Erkennens (De corp. 25, 1). Erscheinungen sind die Empfindungen (s. d.), die als »phantasmata« (s. d.) bezeichnet werden, die Sinnesqualitäten (ausgenommen Bewegung und Größe, die auch real sind), auch der Raum (s. d.). Es sind Bilder, die sich auf Objecte beziehen (l.c. 10). Als ein Äußeres erscheint jedes Bild infolge eines »conatus« des Empfindenden (l.c. 2). Die Subjectivität der Sinnesqualitäten betont DESCARTES, ferner LOCKE, welcher bemerkt, bei anderer Organisation der Sinne würde uns die Welt anders erscheinen (Ess. II, ch. 23, § 12). Nach COLLIER und BERKELEY sind die Körper nur Vorstellungen, Erscheinungen (»appearances in the soul or mind«), die von Gott uns aufgenötigt werden, so daß sie uns als wirkliche Dinge (s. d.) gelten (Princ. XXXIII). Alles Sein ist Vorgestelltsein, »esse = percipi« (l.c. XXXIV). Nach HUME kennen wir nur die Wirkungen der Körper auf die Sinne, die Impressionen (Treat. II, sct. 5). Raum und Zeit sind Arten, wie die »impressions« erscheinen (»appear to the mind«), Ordnungen derselben (l.c. sct. 3). CONDILLAC und BONNET unterscheiden Erscheinung und »Ding an sich« (s. d.).

LEIBNIZ prägt den Begriff der objectiven, »wohlbegründeten Erscheinung« (»phaenomenon bene fundatum«). Die »phaenomena realia« sind von den »ph. imaginaria« wohl zu unterscheiden. Die Körper mit ihren Qualitäten (s. d.) und mit dem Raum (s. d.) sind Erscheinungen einer geistigen Welt von Monaden (s. d.). Dem Materiellen, Räumlichen entspricht etwas (Kraft, Ordnung) in den Dingen an sich. CHR. WOLF bestimmt: »Phaenomenon dicitur quicquid sensui obvium confuse percipitur« (Cosmol. § 225). Und BAUMGARTEN: »Das Wahrzunehmende[305] (phaenomenon, observabile) ist dasjenige, was wir durch unsere Sinne (verworrener) erkennen können« (Met. § 307).

KANT lehrt erst die Existenz objectiver Erscheinungen, später neigt er sich dem Begriffe eines Phänomens zu, das nur seine Existenz dem Ding an sich (s. d.) verdankt, im übrigen rein subjectiv, d.h. Product des Intellectes, ist. »Phaenomenon« ist das Wahrnehmbare (»sensibile«, De mund. sens. sct. II, § 3). »Sensitive cogitata esse rerum repraesentationes, uti apparent, intellectualia autem, sicuti sunt« (l.c. § 4). »In sensualibus autem et phaenomenis id, quod antecedit usum intellectus logicum, dicitur apparentia« (l.c. § 5). »Quaecunque ad sensus nostros referuntur ut obiecta, sunt phaenomena« (l.c. §12). »Quamquam autem phaenomena proprie sint rerum species, non ideae, neque internam et absolutam obiectorum qualitatem exprimant, nihilo tamen minus illorum cognitio est verissima« (l.c. § 11). Die Erscheinungen sind als solche den geistigen Gesetzen unterworfen. »Res non possunt sub ulla specie sensibus apparere, nisi mediante vi animi, omnes sensationes secundum stabilem et naturae suae insitam legem coordinante« (l.c. sct. III, § 15). – Auf dem Standpunkte der Kritik (s. d.) ist Erscheinung die subjective Form der Existenz der Wirklichkeit, zu der das Ding an sich das Correlat bildet, das Ding, »sofern es Object der sinnlichen Anschauung ist« (Krit. d. r. Vern. S. 23). Die Gegenstände »erscheinen« uns, d.h. sie sind »Gegenstände der Sinnlichkeit« (l.c. S. 55). Aber auch die Objecte des Verstandes sind nur Phänomene. »Was gar nicht am Objecte an sich selbst, jederzeit aber im Verhältnisse desselben zum Subject anzutreffen und von Vorstellung des ersteren unzertrennlich ist, ist Erscheinung« (l.c. S. 73). Erscheinungen sind »bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen zusammenhängen«, sie haben »selbst noch Gründe, die nicht Erscheinungen sind« (l.c. S. 431). Die Erscheinungen haben empirische Realität (s. d.), sind objectiv (s. d.), nicht Schein (s. d.). »Wenn ich sage: um Raum und der Zeit stellt die Anschauung, sowohl der äußeren Objecte, als auch die Selbstanschauung des Gemütes, beides vor, so wie es unsere Sinne afficiert, d. i. wie es erscheint, so will das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn in der Erscheinung werden jederzeit die Objecte, ja selbst die Beschaffenheiten, die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen, nur daß sofern diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart des Subjects in der Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt, dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber als Object an sich unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer mir zu sein, oder meine Seele scheint nur meinem Selbstbewußtsein gegeben zu sein, wenn ich behaupte, daß die Qualität des Raums und der Zeit, welcher, als Bedingungen ihres Daseins, gemäß ich beide setze, in meiner Anschauungsart und nicht in diesen Objecten an sich liege« (l.c. S. 73). Erscheinung ist »empirische Anschauung, die durch Reflexion und die daraus entspringenden Verstandsbegriffe zur inneren Erfahrung und hiermit Wahrheit wird« (Anthrop. I, §7). Von den Dingen kennen, wir nur die Art, sie wahrzunehmen; anderen Wesen mögen sie anders erscheinen (Krit. d. r. Vern. S. 66). Auch das Ich (s. d.) wird nur als Erscheinung erkannt. Die Materie (s. d.), die Bewegung (s. d.) sind nur Erscheinungen. Die »nach der Einheit der Kategorien« gedachte Erscheinung ist »Phaenomenon« (l.c. S. 231). Die Dinge der Erfahrung sind »Erscheinungen, deren Möglichkeit auf dem Verhältnisse gewisser an sich unbekannter Dinge zu etwas anderem, nämlich unserer Sinnlichkeit, beruht« (Prolegom. §13). Alles in [306] Raum und Zeit Befindliche ist als solches Erscheinung (l.c. § 13, Anm. I). Erscheinungen sind die Vorstellungen, welche die Dinge (an sich) »in uns wirken, indem sie unsere Sinne afficieren« (l.c. Anm. II). Erscheinung, solange als sie in der Erfahrung gebraucht wird, bringt Wahrheit, sonst aber Schein hervor (l.c. Anm. III). Die Gesetze (s. d.) der Erscheinungen entstammen dem Verstande.

Nach BECK sind Erscheinungen »die Objecte unserer Erkenntnis, die auf uns wirken und Empfindungen in uns hervorbringen« (Erl. Ausz. III, 159). Was nach Wegfall aller Intelligenzen von der Außenwelt noch bliebe, ist unerfindlich (l.c. S. 399). Bei J. G. FICHTE wird die Erscheinung ganz subjectiv, zum Producte der Tätigkeit des Ich (s. d.). – Bei den extremen Neukantianern sind die Erscheinungen nichts als kategorial (s. d.) verknüpfte Erfahrungsinhalte (NATORP, H. COHEN u. a.). Der subjective Idealismus (s. d.) kennt nichts als Erscheinungen im Bewußtsein. So z.B. BRADLEY. Nach HODGSON gibt es kein Ding an sich, »because there is no existence beyond consciousness« (Phil. of Refl. I, 219). »Our actual phenomenal world is a part of a larger, but still phenomenal world which we must conceive as possible, possible in our view, but actual to other modes of consciousness than ours« (l.c. I, 213). Ähnlich J. ST. MILL, B. BAIN u. a. Keinen Gegensatz von Erscheinung und Ding an sich kennt der Empiriokriticismus (s. d.), ferner die Immanenzphilosophie (s. d.). SCHUPPE Z.B. nennt die »Elemente des Gegebenen« auch »Erscheinungselemente«, dabei ist aber »Erscheinung nicht im Gegensatze zu dem wirklich Gegebenen, sondern eben im, Sinne desselben gemeint, in welchem das Wort sehr oft gebraucht wird«, als das »Sinnfällige« (Log. S. 79). Ähnlich E. MACH. Nach H CORNELIUS sind die Erscheinungen eins mit den Sinnesobjecten, sie sind von den Noumena (s. d.) nur relativ unterschieden: »Die Erscheinungen sind die einzelnen Fälle der in dem nooumenon gegebenen allgemeinen Regel« (Einl. in d. Philos. S. 263). Die Einzelerscheinung der Sinneswahrnehmung ist von der begrifflich fixierten, objectiven Erscheinung zu unterscheiden (Psychol. S. 246 ff.).

In mehr oder weniger bestimmter Weise wird die Erscheinung auf etwas in den Dingen an sich bezogen von verschiedenen Philosophen. BARDILI sieht in der Vorstellungswelt eine »Spiegelung« der »Wirklichkeitsverhältnisse« (Gr. d. erst. Log. S. 92). SCHELLING nennt Erscheinung das »relative Nichtsein des Besondern in Bezug auf das All« (WW. I 6, 187). Für HEGEL ist die »Erscheinung« nur ein Moment (s. d.) im dialektischen Processe der Wirklichkeit, deren Wesen durch den Begriff erfaßt wird. Erscheinung ist »das Wesen in seiner Existenz« (Log. II, 144). »Das Wesen muß erscheinen. Sein Scheinen in ihm ist das Aufheben seiner zur Unmittelbarkeit, welche als Reflexion-in-sich so Bestehen (Materie) ist, als sie Form, Reflexion-in-anderes, sich aufhebendes Bestehen ist. Das Scheinen ist die Bestimmung, wodurch das Wesen nicht Sein, sondern Wesen ist, und das entwickelte Scheinen ist die Erscheinung. Das Wesen ist daher nicht hinter oder jenseits der Erscheinung, sondern dadurch, daß das Wesen es ist, welches existiert, ist die Existenz Erscheinung« (Encykl. § 131). »Erscheinung... heißt nichts anderes, als daß eine Realität existiert, jedoch nicht unmittelbar ihr Sein an ihr selbst hat, sondern in ihrem Dasein zugleich negativ gesetzt ist« (Ästh. I, 157). K. ROSENKRANZ erklärt: »Das Wesen setzt sich als Existenz; die Existenz setzt sich als ein Existierendes; das Existierende führt sich aber durch die Auflösung seiner Existenz in seinen [307] Grund, in das gegen seine Existenz freie Wesen zurück. So ist die Existenz zur Erscheinung des Wesens geworden.« »Das Wesen ist es, welches erscheint« (Syst. d. Wiss. S. 64 ff.). HERBART nennt »objectiven Schein« den »Schein, der von jedem. einzelnen Objecte ein getreues Bild, wenn auch kein vollständiges, so doch ohne alle Täuschung dem Subjecte darstellt, daß bloß die Verbindung der mehreren Gegenstände eine Form annimmt, welche das zusammenfassende Subject sich muß gefallen lassen« (Met. II, S. 320). »Wie viel Schein, so viel Hindeutung aufs Sein« (l.c. S. 351). Ähnlich CASPARI (Zusammenh. d. Dinge S. 428). Nach BENEKE ist die Außenwelt Erscheinung einer geistigen Wirklichkeit (Log. II, 288). So auch nach SCHOPENHAUER der in den Dingen »Objectiäten« (Sichtbarwerdungen) des Ding an sich, des Willen (s. d.) sieht. »Object-sein und Erscheinung sind synonyme Begriffe« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 22). »Erscheinung heißt Vorstellung und weiter nichts: alle Vorstellung, welcher Art sie auch sei, alles Object ist Erscheinung« (l.c. § 2), ein subjectiver »Spiegel« des »An-sich« (l.c. § 29). Der »Wille« als Ding an sich »ist von seiner Erscheinung gänzlich verschieden und völlig frei von allen Formen derselben, in welche er erst eingeht, indem er erscheint« (l.c. § 23). Der Leib (s. d.) ist unmittelbare Erscheinung des Ding an sich. Auch J. H. FICHTE, FECHNER und PAULSEN betrachten die Außenwelt als (unmittelbare oder mittelbare) Erscheinung (»Selbsterscheinung«= Ich, ff. d.) einer geistigen Wirklichkeit, eines »Innenseins«. Erscheinung ist nach FECHNER nicht bloßer Schein, sondern objectiv durch die Welt ausgebreitet und schließt sich in einem einheitlichen Bewußtsein zusammen (Tagesans. S. 13). In der Erscheinung gibt sich das Ding selbst kund (vgl. Zend-Av.). A. LANGE bemerkt: »Je mehr sich das Ding an sich zu einer bloßen Vorstellung verflüchtigt, desto mehr gewinnt die Welt der Erscheinungen an Realität. Sie umfaßt überhaupt alles, was wir wirklich nennen können« (Gesch. d. Mat. II3, 49). Nach LOTZE, auch nach RENOUVIER spiegelt die Außenwelt bestimmte Verhältnisse im An-sich der Dinge subjectiv ab. Ähnlich (aber subjectiver) A. LANGE (Gesch. d. Material. II3, 49), HELMHOLTZ (Tatsach. in d. Wahrn. S. 39), H. SPENCER, der im Materiellen ein »Symbol« des Absoluten erblickt. RIEHL erklärt: »Die mechanische Natur ist nicht die Natur an sich, sondern die Erscheinung der Natur für die äußeren Sinne« (Phil. Krit. II 2, 194). Die Erscheinungen sind abhängig von Wirklichkeiten, denen alle ihre Bestandteile der Empfindung wie die besonderen Formen der »Existenz und Succession entsprechen« (l.c. II 1, 22). »Das Subject und das Object in der Wahrnehmung ist Erscheinung, nicht bloße Vorstellung, und zwar Erscheinung in dem einzig verständlichen Sinne des Wortes, wonach dasselbe die Beziehung auf das, was erscheint, in seiner Bedeutung einschließt. Ich erkenne mich selbst, wie ich im Gegenverhältnis zu den Objecten meines Bewußtseins erscheine« (l.c. S. 152). Die Erscheinung bedeutet für uns mehr als das unbekannte Ding an sich, das ein bloßer »Grenzbegriff« ist (l.c. S. 29). Nach WUNDT sind die Objecte der Außenwelt, da sie nur »mittelbare Realität« haben, in begrifflichen Symbolen erkannt werden, Erscheinungen, das denkende Subject aber ist nicht Erscheinung (Log. I2, S. 549, 552, 555; Syst. d. Philos.2, S. 143 ff.). Raum und Zeit haben ein Correlat im Ding an sich, das geistiger Art, Wille (s. d.) ist. Im Gegensatz zum Materialismus (s. d.) betont BERGMANN, das Bewußtsein könne nicht Erscheinung sein, »denn wenn es nicht wirklich da wäre, so könnte ihn auch nicht ein Bewußtseinsvorgang als Ton[308] oder als Farbe oder als Wärme oder als Bewußtsein erscheinen« (Unters. üb. Hauptp. d. Philos. S. 336). So auch L. BUSSE (Geist u. Körp. S. 28 ff.).

Nach CZOLBE erkennen wir die Dinge an sich durch hypothetische Schlüsse aus ihren Wahrnehmungen als »vielfach bewegte Atomcomplexe« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 107). ULRICI bestimmt »Erscheinung« als das »unmittelbare Für-anderes-sein, welches zugleich das eigene Äußere, die eigene Form und Teilheit des Dinges ist, in welchem es aber zugleich unmittelbar auf anderes einwirkt und damit sein Dasein kundgibt« (Log. S. 333). ÜBERWEG erklärt: »Unsere Vorstellung von räumlichen Dingen und ihren Bewegungen ist das Resultat einer solchen Organisation unserer Empfindungsanlagen, welche die Harmonie) nicht Discordanz zwischen dem An-sich und der Erscheinung in mathematisch-physikalischem Betracht ergibt« (Log.4, S. 87). E. v. HARTMANN unterscheidet die »Existenzformen« der Wirklichkeit von deren »Subsistenzform« (Krit. Grundleg. S. 159). Von den subjectiven sind die »objectiv-realen Erscheinungen« zu unterscheiden, in denen sich das Wesen der Dinge durch eine bestimmte Tätigkeit oder Kraftäußerung unmittelbar manifestiert (Mod. Psychol. S. 332, s. Realismus). R. STEINER nennt Erscheinung »die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der Empfindung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich zusammengesetzten Wesenheit« (Philo(s. d.) Freih. S. 108). BRENTANO, UPHUES, H. SCHWARZ u. a. halten die Dinge der Außenwelt für objectiv fundierte Erscheinungen, so auch W. JERUSALEM. HUSSERL macht auf die verschiedene Bedeutung von »Erscheinung« aufmerksam (Log. Unt. II, 706 ff., vgl. 705, 328 f.). Vgl. Object, Realität, Phänomenalismus, Ding an sich, Tagesansicht, Wirklichkeit.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 304-309.
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