Erscheinung

[452] Erscheinung – Das Wort gehört unserer philosophischen Sprache dauernd erst seit Kant an, der damit das griech. phainomenon übersetzte, die idealistische Vorstellung von Berkeley entlehnend, das deutsche Wort von Baumgarten; vorher dachte man bei Erscheinung zunächst an ungewöhnliche Wahrnehmungen, wie denn ein Phänomen heute noch in allen unsern Kultursprachen auch ungewöhnliche Erscheinungen, vom Genie bis zum Monstrum, bedeuten kann. Noch Walch (1740) versteht unter Erscheinungen im engeren Sinne die Erscheinung von Geistern; mit protestantischer Selbstgerechtigkeit verhöhnt er die heidnischen Poeten und die päpstlichen Skribenten: derjenige müßte seine Vernunft ganz an den Nagel gehängt haben, der solche Geschichten glaubte; aber kein vernünftiger Mensch dürfte an den Erscheinungen der guten Engel zweifeln, wenn er der Heil. Schrift nicht offenbar widersprechen wollte; und auch den sichtbaren Erscheinungen der Teufel stünde nichts im Wege.

Nur wenige Jahre trennen ein so wüstes theologisches Gewäsch eines ganz ordentlichen Kopfes von der Grundanschauung Kants, nach der unsre gesamte Sinnenwelt eine Welt von Erscheinungen ist. Erscheinungen wovon? Gibt es nichts als die Erscheinungen, gibt es keine Dinge-an-sich hinter der Sinnenwelt, dann hat der metaphysische Idealismus recht, und die neue Frage meldet sich, wie sich Erscheinung von Schein[452] unterscheiden möge. Stimmen aber die Erscheinungen mit den Dingen-an-sich überein, dann hat der krasseste Realismus recht, und wir setzen die Welt nur törichterweise zweimal, sobald wir von Dingen-an-sich und von ihren Erscheinungen reden. Krasser Idealismus und krasser Realismus würden also, was uns nicht überraschen darf, eigentlich zu dem gleichen Ergebnisse führen: für den metaphysischen Idealismus wird die Erscheinung zu einem leeren Schein, für den metaphysischen Realismus zu einem leeren Wort. So erscheint der Sprachkritik das Verhältnis zwischen Erscheinung und Wirklichkeit; darum muß vor allem andern die Frage beantwortet werden, wovon, von welcher Wirklichkeit Etwas (die gegebene Wahrnehmung) Erscheinung sei.

Ich glaube darum, daß es keine glückliche Wahl war, als Kant den griechischen Begriff phainomenon in Baumgartens Lehnübersetzung wieder in die Philosophie einführte. Die Griechen dachten eben bei ihrem Worte zumeist an den bloßen Schein; wenigstens die alten Sophisten (Protagoras) und die eigensinnigen griechischen Skeptiker lehrten immer wieder, daß wir an der Wirklichkeit nur den Schein erkennen: mona ta pathê katalêpta. Und gerade darum blieb der antike Skeptizismus so oft in spielerischen Paradoxien stecken, weil das eine griechische Wort ungetrennt ausdrückte, was wir durch Erscheinung und Schein mühsam auseinander zu halten versuchen; darum erhob sich der antike Skeptizismus nur selten zu einem kritischen oder sprachkritischen Skeptizismus.

Man wird mir einwenden, daß Kant über das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Erscheinung gar nichts habe aussagen wollen; daß der Fortschritt seines kritischen Idealismus gerade in der neuen Fragestellung bestehe: was ist an unsrer Erscheinungswelt, d.h. an unsrer sinnlichen Welt, der noch hinzukommende geistige, subjektive Faktor? Gewiß ist, daß nur durch diese Frage aus dem Sensualismus herauszukommen war, ohne in den instinktwidrigen Phänomenalismus zu verfallen; aber man kann doch nicht leugnen, daß das Subjektive, das Geistige, das Kant an den Erscheinungen erkannte, ohne[453] die Korrelatbegriffe des Objektiven, des Körperlichen, nacht zu denken und nicht auszusprechen war, daß darum die Frage nach dem Verhältnisse zwischen Wirklichkeit und Erscheinung, die Kant zu beantworten abgelehnt hatte, sich immerfort wider Willen an die Stelle seiner eigentlichen Frage einschlich. Allzu oft ist Kant, und nicht ganz ohne seine Schuld, so mißverstanden worden, als ob er Phänomenalismus gelehrt hätte.

Durch Kant ist Schopenhauer verführt worden, Erscheinung und Vorstellung für gleichbedeutende Begriffe zu erklären. Sein Hauptwerk, das im ersten Buche nur Kants Anschauung von der Welt als Ding-an-sich und als Erscheinung vortragen will, nennt sich: Die Welt als Wille und Vorstellung; Wille ist das Wort, das das Rätsel des Ding-an-sich lösen soll; Vorstellung soll nur ein Synonym für Erscheinung sein. Wir werden noch sehen, wie arg Schopenhauer mit seinem Willensbegriff die Sprache mißbraucht hat (vgl. Art. Schopenhauers Wille); als er aber Erscheinung durch Vorstellung ersetzte, handelte er mit fast ebensolcher Willkür. Das eben war ja die neue Frage gewesen, was an einer Wahrnehmung gegebene Erscheinung sei und was hinzutretende psychische Tätigkeit; war Erscheinung mit der Vorstellung identisch, war die Wahrnehmung (nicht der Wahrnehmungsakt) nur psychische Tätigkeit, dann predigte ja Schopenhauer unverfälschten Phänomenalismus. Und ein moderner Psychologe hätte ihm überdies entgegenhalten können, daß auch der Wille (das Summenwort für alle Willensakte) zu den Erscheinungen gehöre. Wir können heute den Unterschied im Sprachgebrauche Kants und Schopenhauers etwa so ausdrücken: Kant lehrte eine Mittätigkeit des menschlichen Gehirns, der Zentrale, bei jedem Erscheinungsakte; aber diese Mittätigkeit war in allen Fällen der unmittelbaren Sinneswahrnehmungen unbewußt, eigentlich noch physiologisch, weshalb denn auch die Neukantianer unter unseren Physiologen sich Kants Lehre vom Ding-an-sich und seiner Erscheinung aneignen konnten; als nun Schopenhauer diese Erscheinungswelt zu einer Welt der Vorstellung machte, wurde fälschlich das bewußte Denken zur [454] Bedingung der Sinnenwelt gemacht. Recht konsequent, da bei Schopenhauer überhaupt das Ding-an-sich, der Wille also, im Denken sich objektivierte. Aber das war nicht mehr Kants Lehre.

Stumpf hat einmal (»Erscheinungen und psychische Funktionen« S. 13) auf die Analogie hingewiesen, die zwischen dem Verhältnisse von Erscheinung und Seelentätigkeit einerseits und dem Verhältnisse von Farbe und Ausdehnung andrerseits besteht; nur durch Abstraktion können die beiden Glieder aneinandergehalten werden. Und Stumpf hat schon darauf hingewiesen, wie richtig Spinoza sah, als er lehrte, daß jedes der beiden Attribute der einen Substanz (Ausdehnung und Denken) für sich erfaßt werden müßte. Auch Spinoza hat da den Begriff Denken ungebührlich ausgedehnt, auf alle psychischen Funktionen; aber in der allzu logischen Darstellung Spinozas stört die Erweiterung des Begriffs lange nicht so, wie wenn Schopenhauer in seiner realistischen Sprache die Erscheinungswelt mit der Vorstellungswelt gleichsetzt.

Die arge Schwierigkeit, mit Kant den Sensualismus ganz zu überwinden, und dennoch nicht dem Phänomenalismus zu verfallen, wird vielleicht klarer gemacht, wenn wir uns jetzt noch einmal der Wortgeschichte erinnern. Die Tat Kants, der an der Erscheinung die Analyse vornahm, die unmittelbare Leistung der Sinne und die Leistung der Zentrale unterschied, überwand zum ersten Male den sensualistischen Instinkt des Menschen, der von jeher adjektivische Empfindungen, einzeln oder vereinigt, als Dinge in eine substantivische Welt hinausprojiziert hatte. Wahrscheinlich aber ist diese Doppelsetzung der Welt weniger ein Instinkt des Menschen als eine Gewohnheit der Sprache, insbesondre der griechischen Sprache, deren Ausdrücke unser philosophisches Denken entscheidend beeinflußt haben. Es ist eine griechische Eigentümlichkeit, von Adjektiven und von Verben sehr leicht Substantive zu bilden. Auch das griech. phainomenon ist so ein substantiviertes Adjektivum; es bedeutet, je nach der Richtung unsrer Aufmerksamkeit: was mir erscheint, was mir erscheint,[455] was mir erscheint. Die deutsche Übersetzung hat nun die Eigentümlichkeit, daß die Endsilbe ung, nach Analogie ähnlicher Wörter, fast ununterscheidbar den Erscheinungsakt und das Agens der Erscheinung bezeichnet, den Wahrnehmungsakt und das Objekt der Wahrnehmung. Und – wie man deutlich hören kann – bei der Erscheinung mehr eine Tätigkeit des unbekannten und unerforschlichen Agens, bei der Wahrnehmung mehr eine Tätigkeit des Subjekts. Es ist also recht gut möglich, daß die Sprache nur ihr Spiel mit uns treibt, auch mit einem Kant, wenn wir, die wir unmittelbar nur von einer adjektivischen Welt Nachrichten erhalten uns unsägliche Mühe geben, die sprachlichen Hypothesen einer substantivischen und einer verbalen Welt in der Wirklichkeit wiederzufinden.

Quelle:
Mauthner, Fritz: Wörterbuch der Philosophie. Leipzig 21923, Band 1, S. 452-456.
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