Selbstbewußtsein

[344] Selbstbewußtsein ist, als Correlat des Außenweltsbewußtseins (s. d.), das Bewußtsein des eigenen Selbst, des Ich (s. d.) als des einheitlichen, permanenten, mit sich identischen, actionsfähigen Subjects (s. d.) individueller Erlebnisse. Das Selbstbewußtsein entwickelt, expliciert sich parallel mit dem Außenweltsbewußtsein durch immer weiter gehende Unterscheidung des ursprünglich noch wenig differenzierten Bewußtseinsinhaltes und durch Selbstbesinnung, Reflexion (s d.) des Denkens auf sich selbst. Zunächst erfaßt das Subject sich als Object unter Objecten, als Leib (s. d.), gegeben in einem bestimmten festen Zusammenhange von Empfindungen, Gefühlen, Strebungen. Die Tatsache der größeren Constanz des Leib-Complexes, ferner die Erscheinung[344] des Schmerzes, der »doppelten Tastempfindung« beim Berühren des eigenen Leibes, die größere Herrschaft über den Leib bezüglich der Bewegung u.s.w., ferner das sociale Moment des Verkehrs mit andern Subjecten lassen das (im Ichgefühl ursprünglich wurzelnde) Selbstbewußtsein zu einem immer deutlicher werdenden Wissen um ein Selbst sich entwickeln. Der Unterscheidungsproceß geht allmählich dahin, das Selbst immer mehr zu centralisieren, immer mehr aus der Vielheit in die Einheit zu ziehen, immer formaler werden zu lassen. Gilt zuerst der lebendige, beseelte Leib als das Selbst, so wird später das Selbst durch einen einheitlichen Complex von Bewußtseinsinhalten, Vorstellungen vertreten, um schließlich auf das wollend-denkende Subject, auf den vorstellenden Willen sich zu concentrieren, der nun bewußt alles andere sich als Object gegenüberzustellen vermag. Das Selbstbewußtsein ist nicht Spiegelung eines hinter dem Bewußtsein steckenden unbekannten Wesens, sondern es ist ein sich in sich als Selbständiges setzendes, seiner unmittelbar als Realität Gewisses, nur aber niemals in seiner absoluten Totalität und Reinheit empirisch Gegebenes, Erkanntes, sondern über alles Gegebene stets hinausragend, lebendige Actuosität, Actualität, die sich selbst immer wieder fixiert (s. Ich, Subject). Selbstbewußtsein ist auch das Bewußtsein eines Erlebnisses, Tuns als Zustand, Betätigung des Ich, also (urteilende) Beziehung eines Erlebnisses auf das Ich, auf das Subject, (reflexives) Bewußtsein des (functionellen) Bewußtseins.

Historisch wird das Selbstbewußtsein bald als ursprünglich, bald als Entwicklungsproduct, als unmittelbar oder als vermittelt angesehen. es gilt bald als Erfassung eines Transcendenten (s. d.), bald als Selbstrealität, bald als substantiale oder actuale Realität, bald als Erscheinung, Schein. bald als absolute Einheit, bald als gegliederte Vielheit (vgl. Ich).

Den Wert der Selbsterkenntnis (s. d.) betonen SOKRATES und PLATO. Nach diesem ist ein Wissen vom Wissen nützlich (Charm. 167 B bis 172 C. vgl. Alcib. I, 133 B). Die Erkenntnis des Geistes, Denkens (nous) durch sich selbst (noêsis noêseôs) lehrt ARISTOTELES: hauton de noei ho nous kata metalêpsin tou noêtou, noêtos gar ginetai thinganôn kai noôn. hôste tauton nous kai noêton. to gar dektikon tou noêtou kai tês ousias nous. energei de echôn(Met.XII 7, 1072b 20 squ.). auton ara noei, eiper esti kratiston, kai estin hê noêsis noêseôs noêsis (Met. XII 9, 1074 b 34). epi men gar tôn aneu hylês to auto esti to nooun kai to nooumenon (De an. III 4, 430 a 2). Eine Ursache ohne Gegensatz erfaßt sich selbst: ei de tini mê estin enantion tôn aitiôn, auto heauto ginôskei kai energeia esti kai chôriston (l. c. III. 6, 430 b 25). Nach EPIKTET vermag die dynamis logikê sich selbst zu erkennen (Diss. I, 1, 4). CICERO erklärt: »Est illua quidem vel maximum, animo ipso animum videre« (Tusc. disp. I, 22, 52). »Sentit igitur animus se moveri: quod cum sentit, illud una sentit, se vi sua, non aliena moveri« (l. c. I, 23, 55). Klar ausgesprochen ist der Begriff des Selbstbewußtseins (synaisthêsis hautês) als Hinwendung (metabolê) des Geistes zu sich selbst bei PLOTIN. Der Denkende erfaßt durch das Erfassen der Dinge sich selbst mit und umgekehrt, denn der Geist ist alles (Enn. IV, 4, 2). Damit es ein Denkendes und Gedachtes gibt, ist ein Anderssein erforderlich (l. c. V, 1 4). PORPHYR bemerkt: nô nous esti noêton (Sent. 44. vgl. Stob. Ecl. I 40, 784).

Nach AUGUSTINUS erkennt sich der Geist durch sich selbst, weil er unkörperlich ist: »Mens se ipsam novit per se ipsam, quoniam est incorporea« (De trin. IX, 3). Die Seele erkennt sich sowohl durch ihren Begriff als auch[345] durch den innern Sinn (s. d.) (De quant. an. 14. De an. IV, 20 f.. De trin. X, 10). »Nihil enim tam novit mens, quam id, quod sibi praesto est, nec menti magis quidquam praesto est, quam ipsa sibi« (De trin. XIV, 7). Der Geist setzt sich selbst denkend: »Tanta est tamen cogitationis vis, ut nec ipsa mens quodam modo se in conspectu suo ponat, nisi quando se cogitat« (De trin. XIV, 6). Ähnlich betont SCOTUS ERTUGENA: »Scio... me esse, nec tamen me praecedit scientia mei, quia non aliud sam et aliud scientia qua me scio, et si nescirem me esse, non nescirem ignorare me esse« (De div. nat. IV, D. vgl. IV, 7). Der menschliche Geist erkennt sich »quia est, non autem novit quid est« (l. c. IV, 7). Nach ANSELM ist das Selbstbewußtsein eine Nachbildung des eigenen Wesens in der Vernunft. »Nulla ratione negari potest, cum mens rationalis seipsam cogitando intelligit, imaginem ipsius nasci in sua cogitatione, immo ipsam cogitationem sui esse suam imaginem ad sui similitudinem tanquam ex eius impressione formatam« (Monol. 33). THOMAS betont, der Geist erkenne sich nicht durch seine Wesenheit (»per suam essentiam«), sondern reflexiv durch sein Denken, »per actum, quo intellectus agens abstrahit a sensibilibus species intelligibiles« (Sum. th. I, 81, l). »mens nostra non potest seipsam intelligere, ita quod seipsam immediate apprehendat, sed ex hoc quod apprehendit alia, devenit in suam cognitionem« (De verit. X, 8). Nur seine Existenz, nicht sein Wesen erkennt der Geist unmittelbar: »mens nostra per seipsam novit seipsam., in quadantum de se cognoscit quod est. ex hoc enim ipso quod percipit se agere, percipit se esse« (Contr. gent. III, 46). »Nullius corporis actio reflectitur super agentem. Intellectus autem supra se ipsam agendo refectitur: intelligit enim se ipsum non solum secundum partem, sed secundum totum« (l. c. II, 49). Nach DUNS SCOTUS erkennt sich die Seele nur durch ein Bild von ihr (De rer. princ. 15). Nach WILHELM VON OCCAM aber haben wir eine intuitive Erkenntnis unserer selbst (In IV libr. sent. I, 1). Nach ECKHART haben wir kein Bild von der Seele (Deutsche Myst. II, 5). Sie »weiz, sich selber niht« (ib.).

Den reflexen Charakter des Selbstbewußtseins betont CASMANN: »Si mens posset a se ipsa intelligi, idem esset id, quod intelligit et quod intelligitur, at hoc inconveniens videtur.« »Dicimus intelleclum se ipsam intelligere non quidem primo et directe, sed indirecte ex alterius externi cognitione h. e. mens non convertitur in se ipsam, ut primum et proximum obiectum, sed ex actione sua se cognoscit et actionem suam ex obiecto. cognitio igitur talis reflexa dicitur et indirecta, quia oritur ab obiecto externo et inde per reflexionem dirigitur in mentem« (Psychol. p. 112). Nach J. B. VAN HELMONT ist das Bewußtsein des Geistes von sich selbst kein sinnliches, sondern unmittelbar intuitive Überzeugung (Imeg. ment. p. 72). Ähnlich CAMPANELLA (Univ. philos. VI, 8, 1).

Die Evidenz des Selbstbewußtseins betont auch DESCARTES (s. Cogito, Ich). »Nihil facilius et evidentius mea mente posse a me percipi« (Med. II). Ähnlich MALEBRANCHE, welcher die unmittelbare (nicht durch Ideen vermittelte) Erfassung des Selbst (vielleicht nur in einem Teile) betont (Rech. III, 2, 7). Dagegen erklärt SPINOZA, der Geist erfasse sich nur an seinem Leibes-Bewußtsein. »Mens se ipsam non cognoscit, nisi quatenus corporis affectionum ideas percipit« (Eth. II, prop. XXIII). Vom menschlichen Geiste gibt es eine Idee in Gott, und diese ist »eodem unita... menti, ac ipsa mens unita est corpori« (l. c. II, prop. XXI). »Mentis idea et ipsa mens una eademque est res« (l. c. schol.). Die »idea mentis« d.h. »idea ideae« ist nichts ab die »forma ideae, quatenus haec ut modus cogitandi absque relatione ad obiecstum consideratur.[346] Simulac enim quis aliquid seit, eo ipso scit se id scire, et simul scit se scire quod scit, et sic in infinitum« (l. c. schol.). Intuitiv und evident ist das Selbstbewußsein nach LOCKE (Ess. IV, ch. 9, § 3. ch. 27, § 16). Nach BERKELEY haben wir von unserer Seele keine Vorstellung (idea), sondern nur eine »notion«, ein Wissen um dieselbe (Princ. XXVII). Die Ursprünglichkeit und Gewißheit des Selbstbewußtseins lehrt TSCHIRNHAUSEN (Med. ment.). LEIBNIZ erklärt: »Ipsi nobis innati sumus, et veritates menti inscriptae oimnes ex hac nostri perceptione fluunt.« – Nach MEINERS ist das »Gefühl unseres Ich oder der Persönlichkeit« »das gleichzeitige Gefühl mehrerer in demselben Augenblicke entweder in den äußern Sinnen oder den innersten Organen des Gehirns vorgehenden Veränderungen« (Verm. philos. Schr. II, 23 ff.). Die Existenz einer einfachen Seelensubstanz folgt nur daraus noch nicht (l. c. S. 25 ff.). Das Ichgefühl ist auch »das aus der Vergleichung unseres gegenwärtigen und vergangenen Zustandes entstehende Gefühl, daß wir, die wir jetzt sind, auch ehemals waren« (l. c. S. 27 ff.).

Nach KANT erkennt sich das Ich nur (vermittelst des inneren Sinnes, s. d.) als Erscheinung (s. d.), appercipiert, denkt sich aber als Subject, formale Einheit des Bewußtseins, active Tätigkeit, ohne freilich vom reinen Ich eine »Erkenntnis« haben zu können. Wir schauen uns selbst nur so an, »wie wir innerlich von uns selbst afficiert werden« (Krit. d. rein. Vern. S. 675). »Dagegen bin ich meiner selbst in der transcendentalen Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der synthetischen ursprünglichen Einheit der Apperception, bewußt, nicht wie ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur, daß ich bin. Diese Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da nun zum Erkenntnis unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die das Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur Einheit der Apperception bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses Mannigfaltige gegeben wird, erforderlich ist, so ist zwar mein eigenes Denken nicht Erscheinung (viel weniger bloßer Schein), aber die Bestimmung meines Daseins kann nur der Form des innern Sinnes gemäß nach der besondern Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, in der innern Anschauung gegeben wird, geschehen, und ich habe also demnach keine Erkenntnis von mir wie ich bin, sondern bloß wie ich mir selbst erscheine. Das Bewußtsein seiner selbst ist also noch lange nicht ein Erkenntnis seiner selbst« (l. c. S. 676. vgl. die Anmerk. daselbst. Anthropol. I, §1). »Der Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt, erkennt sich selbst auch durch bloße Apperception, und zwar in Handlungen und innern Bestimmungen, die er gar nicht zum Eidrucke der Sinne zählen kann, und ist sich selbst freilich einesteils Phänomen, andernteils aber, nämlich in Ansehung gewisser Vermögen, ein bloß intelligbler Gegenstand, weil die Handlung desselben gar nicht zur Receptivität der Sinnlichkeit gezählt werden kann« (l. c. S. 437 f.). Das Bewußtsein »ich bin« (s. Ich), das »reine Selbstbewußtsein« (s. Apperception), ist eine formale Bedingung des Erkennens.

Nach REINHOLD ist das Selbstbewußtsein das Bewußtsein des Vorstellenden als solchen (Vers. ein. neuen Theor. III, 317 ff.). Es ist Identität des Vorstellenden mit dem Vorgestellten (l. c. S. 334 ff.). Nach KRUG sind im Ich Sein und Wissen synthetisch geeint (Fundamentalphilos. S. 88 ff.). PLATNER erklärt: »Das allgemeine Bewußtsein der Existenz zeigt sich darin, daß die Seele alle Vorstellungen ihres ganzen Lebens, sofern sie dieselben rückwärts überschaut,[347] auf sich beziehet, als auf das Subject, dem sie alle zugehören.« »Der Inhalt dieses allgemeinen Bewußtseins ist das Gefühl: Ich bin... Es ist kein Abstract, sondern a priori das Bedingnis alles Vorstellens, Denkens und geistigen Daseins« (Log. u. Met. S. 23 f.). FRIES versteht unter Bewußtsein das »Vermögen der Selbsterkenntnis«, Wissen um das Haben einer Vorstellung. Es liegt diesem Vermögen das »reine Selbstbewußtsein« zugrunde, welches mir sagt, daß, nicht was ich bin. »Soll aber dieses reine Selbstbewußtsein eine qualificierte Selbsterkenntnis zeigen, so müssen erst innere Sinnesanschauungen durch den angeregten innern Sinn hinzugebracht werden« (Syst. d. Log. S. 50 f.. Neue Krit. I, 120 f.: das Selbstbewußtsein als unbestimmtes Gefühl. vgl. Psych. Anthropol. § 25. vgl. CALKER, Denklehre S. 210). Nach G. E. SCHULZE enthält »das Bewußtsein unseres Ich als des Mittelpunktes unseres geistigen Lebens« »ein Wissen erstens des Daseins dieses Ich, zweitens seiner Einfachheit und numerischen Einheit, drittens seiner Selbständigkeit..., endlich viertens seiner Beharrlichkeit« (Psych. Anthr. S. 20 f.). Das Selbstbewußtsein ist »nicht der Grund oder die Quelle unseres geistigen Lebens, sondern selbst auch ein Erzeugnis dieses Grundes oder eine Offenbarung desselben.« Es ist »kein Anschauen, Vorstellen oder Denken des Ich« im eigentlichen Sinne, sondern »ein Wissen, woraus das Sein auch selbst mit besteht« (l. c. S. 21 f.). »Auf welche Art der Grund unseres geistigen Lebens das Bewußtsein des Ich erzeuge, läßt sich nicht beobachten. Wir haben es, ohne zu wissen, wie wir dazu gekommen sind. Zwar wird dasselbe immer begleitet von dem bald stärkern, bald schwächern Bewußtsein eines (innern oder äußern) Etwas, das nicht das Ich selbst ist, welches Bewußtsein mithin ein Unterscheiden beider enthält. Aber dieses Unterscheiden darf nicht einmal für den Anfang des Innewerdens unseres Ich gehalten werden..., sondern ist nur eine besondere Bestimmung und Einschränkung, womit das Bewußtsein des Ich stattfindet und vermöge welcher es nie aus einem bloßen oder reinen Wissen von dem Ich besteht« (l. c. S. 22 ff.. Üb. d. menschl. Erk. S. 14 ff.). – Nach BIUNDE entsteht das Denken der Innenwelt gleichzeitig mit dem der Außenwelt. Wir denken zu den innern Zuständen ein Selbständiges im Wechsel derselben hinzu (Empir. Psychol. I, 2, 39 ff., 44). Dieses Selbstbewußtsein ist mittelbar gebildet, wird erst durch ein Denken erzeugt (l. c. S. 46 f.). Das Gebundensein des Selbst- an das Außenweltsbewußtsein betont ANCILLON (Mél. de littér. et philos. I, p. 5. II, 85).

Aus der Reflexion der Ich- (s. d.) Tätigkeit auf sich selbst leitet das Selbstbewußtsein J. G. FICHTE ab. Das Ich ist »das sich selbst Bestimmende und durch sich selbst Bestimmte.« Alles, wovon ich abstrahieren kann, ist nicht mein Ich (Gr. d. g. Wiss. S. 216 f.. WW. I, 247, 488 ff.). Die Identität von Sein und Wissen im Ich (s. d.) betont SCHELLING (Syst. d. tr. Ideal. S. 28 ff., 43). »Das Selbstbewußtsein ist der Act, wodurch sich das Denkende unmittelbar zum Object wird,« durch eine »absolut freie Handlung« (l. c. S. 44). Der Satz: Ich bin ist »ein unendlicher Satz, weil es ein Satz ist, der kein wirkliches Prädicat hat, der aber deswegen die Position einer Unendlichkeit möglicher Prädicate ist« (l. c. S. 47). »Die Quelle des Selbstbewußtseins ist das Wollen. Im absoluten Wollen aber wird der Geist seiner selbst unmittelbar inne, oder er hat eine intellectuelle Anschauung seiner selbst«(WW.I 1, 401). Das Selbstbewußtsein bildet sich am fremden Willen, fremden Ich. Das lehrt auch BAADER, so auch ESCHENMAYER (Psychol. S. 29). ferner auch L. FEUERBACH (WW. VII, 29), E. v. HARTMANN (Rel. d. Geist. S. 151) u.a. Die unmittelbare [348] Gewißheit des Ich lehrt CHR. KRAUSE (Vorles. S. 39). Das Ich ist ein »Selbstwesen« (l. c. S. 83), eine Kraft (l. c. S. 130). Zu unterscheiden sind urwesentliches und zeitliches Ich (l. c. S. 176). – Als Wahrheit und Grund des Bewußtseins bestimmt das Selbstbewußtsein HEGEL. Selbstbewußtsein besteht im Urteilen des Ich über sich selbst (Encykl. § 423). In der Existenz alles Bewußtseins eines Objectes ist Selbstbewußtsein enthalten. Der Ausdruck des Selbstbewußtseins ist Ich=Ich, »abstracte Freiheit, reine Idealität« (l. c. § 424). Das Selbstbewußtsein tritt in verschiedenen Entwicklungsformen auf, bis zum objectiven Selbstbewußtsein (l. c. § 426 ff., 436 f.. vgl. MICHELET, Anthropol. S. 270 ff.. J. E. ERDMANN, Gr. d. Psychol. § 82 ff.. G. BIEDERMANN, Wissenschaftslehre I, 1856, S. 279. Philos. als Begriffswiss. I, 29 ff.). Nach K. ROSENKRANZ ist das Selbstbewußtsein »die sich unaufhörlich erneuernde Tat des Geistes, wodurch er, sich in sich selbst unterscheidend, das Unterscheiden von anderem, was er nicht ist, erst möglich macht« (Psychol. S. 289). Object des Selbstbewußtseins ist die »abstracte Freiheit des Geistes« (ib.). »An sich ist das Selbst schon in allen Acten des Bewußtseins da, aber es muß auch in seiner Einheit mit der gegenständlichen Welt sich für sich setzen« (l. c. S. 290 ff.). Nach SCHALLER ist das Selbstgefühl das in jeder Empfindung gegenwärtige Allgemeine (Psychol. I, 210). Nach HILLEBRAND ist das Selbstbewußtsein »das Bewußtsein der subjectiven Allgemeinheit gegenüber der gegenwärtigen Unmittelbarkeit des Objectiv-Wirklichen« (Philos. d. Geist. I, 179). Zu unterscheiden sind reales, formales, substantielles Selbstbewußtsein (l. c. S. 180 ff.). – Nach SCHLEIERMACHER ist das Selbstbewußtsein der Punkt, in welchem Denken und Sein identisch sind (Dial. § 101). Es ist ursprünglicher Natur (Psychol. S. 9, 159 f.). So auch GEORGE (Lehrb. d. Psychol. S. 233).

Den secundären Charakter des Selbstbewußtseins lehrt SCHOPENHAUER. Es ist »durch das Gehirn und seine Functionen bedingt«. »Indem der Wille, zum Zweck der Auffassung seiner Beziehungen zur Außenwelt, im tierischen Individuo ein Gehirn hervorbringt, entsteht erst in diesem das Bewußtsein des eigenen Selbst, mittelst des Subjects des Erkennens, welches die Dinge als daseiend, das Ich als wollend auffaßt. Nämlich die im Gehirn aufs höchste gesteigerte, jedoch in die verschiedenen Teile desselben ausgebreitete Sensibilität muß zuvörderst alle Strahlen ihrer Tätigkeit zusammenbringen, sie gleichsam in einen Brennpunkt concentrieren... Dieser Brennpunkt der gesamten Gehirntätigkeit ist das, was Kant die synthetische Einheit der Apperception nannte: erst mittelst desselben wird der Wille sich seiner bewußt, indem dieser Focus der Gehirntätigkeit, oder das Erkennende, sich mit seiner eigenen Basis, daraus er entsprungen, dem Wollenden, als identisch auffaßt und so das Ich entsteht« (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 22). Sich selbst kann das erkennende Subject als solches nicht erkennen, wohl erkennt es aber den Willen als Basis seines Wesens. dieser ist das einzige Erkannte im Selbstbewußtsein (l. c. II. C. 19. Parerg. II, § 32). Das Ich erkennt sich nur in seinem Intellect, »Vorstellungsapparat«, »durch den äußern Sinn als organische Gestalt, durch den innern als Willen« (Parerg. II, § 65). Das Subject (s. d.) erkennt sich »nur als ein Wollendes, nicht aber als ein Erkennendes. Denn das vorstellende Ich, das Subject des Erkennens, kann, da es als notwendiges Correlat aller Vorstellungen Bedingung derselben ist, nie selbst Vorstellung oder Object werden«. Es gibt kein Erkennen des Erkennens (Vierf. Wurz. § 41). Das Erkannte in uns ist nicht das Erkennende, sondern das Wollende. »Wenn wir in unser Inneres blicken, finden[349] wir uns immer als wollend,« wobei zu betonen ist, daß auch die Gefühle Zustände des Wollens sind. Die Identität des Subjects des Wollens mit dem erkennenden Subject »ist der Weltknoten und daher unerklärlich« (l. c. § 42). Das Ich entsteht »erst durch den Verein von Wille und Erkenntnis« als ein »Centrum des Egoismus« (Neue Paralipom. § 360).

Auf »Widersprüche«, die sich aus dem Begriff der Reflexion des Ich (s. d.) auf sich ergeben, macht HERBART aufmerksam. »Das Ich stellt vor sich, d.h. sein Ich., d.h. sein Sich-vorstellen, d.h. sein Sich-als-sich-vorstellend-vorstellen u.s.w. Dies läuft ins Unendliche« (Lehrb. zur Einl.5, S. 189 ff., 193). Das Ich ist so, als Vorstellen ohne Vorgestelltes, ein Widerspruch (ib,. Psychol. als Wiss. § 132 ff.. Encykl. S. 236. vgl. SCHELLING, Lehrb. d. Psychol, S. 165 ff.). Das Ich (s. d.) ist als solches Resultat des Vorstellungsprocesses. Nach VOLKMANN ist das Selbstbewußtsein »die innere Wahrnehmung innerhalb des Ich«. »Das Ich wird zum Ich-selbst, indem es sich erst differenziert, dann aus dieser Differenzierung wieder integriert« (Lehrb. d. Psychol. II4, 217). Auch R. ZIMMERMANN betont, die Vorstellung des Ich sei Entwicklungsproduct. Ich ist zuerst der Leib, dann das Vorstellende, dann die Einheit von Vorstellen, Fühlen, Begehren (Philos. Propäd.1867, S. 302, 305, 307 ff.). Nach WAITZ ist der Wille der Kern des Selbstbewußtseins: Inhalt desselben ist, »daß man sich vorstellt als ein einziges und unteilbares Subject zu einer großen Menge von verschiedenen wirklichen und möglichen Prädicaten« (Lehrb. d. Psychol. S. 679). Nach A. SPIR ist das Ich ein Complex, welcher sich ab Einheit, Substanz setzt, was eine notwendige Täuschung ist. Vorstellendes und Vorgestelltes sind nicht identisch (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 6. Bd., f3, 368 ff.. 376 f.. vgl. Denk. u. Wirkl. II, 55). – Nach BENEKE ist die Vorstellung von uns selbst nicht angeboren, sondern bildet sich als ein Aggregat, sich langsam zur Klarheit entwickelnd (Lehrb d. Psychol.3, § 150). Vorstellendes und Vorgestelltes, d.h. die Begriffe, durch welche die Vorstellung geschieht, und die vorgestellten Seelenzustände sind nicht eins Angeboren ist nur die »allgemeine Einheit des Seelenseins« (l. c. § 151. vgl. Psychol. Skizz. II, 258 ff.. Syst. d. Met. S. 171 ff.. Pragmat. Psychol. II, 1 ff.. Psychol. Skizz. II, 616 ff.. Die neue Psychol. S. 198 ff.). Auch nach ULRICI ist das Selbstbewußtsein nicht angeboren. es ist Product der unterscheidenden Denktätigkeit (Leib und Seele S. 67 ff.).

LOTZE erklärt, nicht in dem Zusammenfallen des Denkens mit dem Gedachten, sondern als »Ausdeutung eines Selbstgefühls« besteht das Selbstbewußtsein (Mikrok. I2, 280 f.. vgl. Med. Psychol. S. 493 ff.). Auf das Selbstgefühl führt das Selbstbewußtsein TH. ZIEGLER zurück. G. THIELE bemerkt: »Im Fühlen weiß die Seele ursprünglich, unmittelbar von sich, das Ich ist Selbstgefühl« (Philos. d. Selbstbew. S. 303 ff.). In diesem Seelengefühl muß die Seele »ihr umwandelbares, beharrliches stets mit sich identisches Selbst gesichert wissen« (l. c. S. 311). G. GERBER unterscheidet »Ichbewußtsein«, als Folge eines Actes der Selbstbestimmung. und »Ichgefühl« (Das Ich, S. 213). Die Ichheit ist das »Sein des Universums« (l. c. S. 425). Keine Welt ohne Selbstbewußtsein (l. c. 9. 41). Nach R. HAMERLING ist das Kind sich seiner Existenz vom ersten Augenblicke an bewußt, nur fehlt ihm das rechte Wort dafür (Atom. d. Will. I, 238 ff.). – J. H. FICHTE erklärt: »Selbstempfindung mit stets wechselndem Gehalte ist der unterste, aber schlechthin unabstrahierbare, in alle höheren Zustände mit hineinscheinende Ausgangspunkt des Bewußtseins« (Psychol. I, 212). Allmählich findet das »Zu-sich-selbst-kommen«[350] des Geistes statt (l. c. S. 213 f.). »Der Geist selbst ist ursprünglich das eine Wesen, welches zufolge des Bewußtseinsactes genötigt ist, sich (sein Ich) zu unterscheiden von einem andern in ihm« (ib.). Auch nach M. CARIERE ist das Selbst nicht als fertiger Geist geboren, sondern kommt nur durch eigene. Denken und Wollen zu sich (Sittl. Weltordn. S. 158). »Das Selbst kommt zum Bewußtsein, indem es sich als die einwohnende und bleibende Einheit der mannigfaltigen und wechselnden Gedanken, als die reale Macht und hervorbringende Ursache von ihnen als den Erzeugnissen und Äußerungen der Denktätigkeit unterscheidet« (Ästhet. I, 37). »Das Selbst ist... ein ursprünglich Reales, das fähig ist, für sich zu werden, sich selbst zu erfassen. das Ich, das Selbstbewußtsein ist als solches nicht das Wirkliche, Seiende, sondern die Selbstbespiegelung, Selbstverdoppelung eines solchen. es ist das Sein, das seiner bewußt wird« (Sittl. Weltordn. S. 98). W. ROSENKRANTZ betont: »Der Geist kann sich... nicht seiner bewußt werden, ohne sich selbst ins Sein zu versetzen« (Wissensch. d. Wiss. I, 252. vgl. S. 242 ff.).

Als Fähigkeit, die Beziehungen der Dinge zu uns zu empfinden, bestimmt das Selbstbewußtsein MOLESCHOTT (Kreislauf d. Leb. S. 144). ÜBERWEG unterscheidet drei Momente in der Entwicklung des Selbstbewußtseins: 1) die Einheit eines bewußtseinsfähigen Individuums, 2) das Bewußtsein des einzelnen von sich als einem Individuum, 3) die Wahrnehmung, daß das vorgestellte und das vorstellende Wesen ein Wesen ist (Log. S. 74. vgl. Welt- u. Lebensansch. S. 30 f.). Nach L. KNAPP ist das Ich der Leib als Träger der Empfindungen (Syst. d. Rechtsphilos. S. 49 f.). Das Selbstbewußtsein ist »der logische, d.h. abstrahierend und associierend tätige Bezug des Ich mit einer andern Vorstellung« (l. c. S. 52 ff.). Nach C. GÖRING ist Selbstbewußtsein Wahrnehmung der Person, nicht der Identität (Syst. d. krit. Philos. L, 162 ff.. s. Ich). F. A. LANGE bemerkt gleichfalls: »Selbsterkenntnis kann niemals etwas anderes sein als Erkenntnis seiner Person, wie sie als leibhaftes Ich den übrigen Gegenständen der Außenwelt handelnd und duldend gegenübersteht« (Log. Stud. S. 138). Nach CARNERI ist das Selbstbewußtsein »die gefühlte Centralisierung der mannigfaltigsten Vorstellungen« (Sittl. u. Darwin. S. 160).

Nach GUTBERLET schließt jedes Bewußtsein »die Wahrnehmung des eigenen Selbst ein«, denn Bewußtsein ist »jene ursprüngliche Fähigkeit des Geistes, durch die er das, was in ihm selbst vorgeht, wahrnimmt, erfährt« (Log. u. Erk.2, S. 170 f.). Aber Selbstbewußtsein ist erst dann da, »wenn ich mein Ich für sich auffasse und es dem Zustande in ihm entgegenstelle« durch Urteil und Unterscheidung der Vernunft (l. c. S. 171. Psychol. S. 162 ff., 168 ff.). Auf der niedrigsten Stufe »weiß die Seele bloß von ihrem Acte. höher steht das Selbstbewußtsein, in welchem sie sich als Träger ihres Actes, als Ich erfaßt. Die Selbsterkenntnis endlich dringt auch in das Wesen der Seele, ihre Beschaffenheit ein« (Psychol. S. 167). W. JERUSALEM erklärt: »Die psychischen Vorgänge gelangen zum Bewußtsein dadurch, daß sie bloß erlebt, zum Selbstbewußtsein dadurch, daß sie beurteilt werden« (Urteilsf. S. 167). O. SCHNEIDER meint: »Erst mit der Bildung von Gemeinvorstellungen und gemeinwertigen Sprachzeichen stellt sich ein wirkliches Ichbewußtsein ein« (Trancendentalpsychol. S. 119). Das naive Ichbewußtsein ist da, weiß aber noch nicht um sich selbst (l. c. S. 123). DESSOIR erklärt: »Wodurch ein sog. selbstbewußter Act sich von dein bloß bewußten unterscheidet, ist neben einer Intensitätserhöhung[351] vornehmlich das Hinzutreten interpretativer Empfindungen zu der Hauptempfindung« (Doppel-Ich, S. 75 ff.).

Nach J. BERGMANN denken wir unser Ich als daseiend dadurch, »daß wir es, das die Welt und Dinge in der Welt Denkende, identificieren mit dem a selbst Denkenden« (Begr. d. Daseins S. 295. vgl. Grdl. ein. Theor. d. Bewußts. S. 77, 80, 85 ff.). Nach NATORP gibt es kein Selbstbewußtsein ohne Entgegensetzung und positive Beziehung zu anderem Bewußtsein (Socilialpäd. S. 75). – SIGWART erklärt: »In unserer unmittelbaren Selbstauffassung werden... alle unsere einzelnen Vorgänge auf ein einheitliches Subject bezogen« (Log. II3, 203). Das Ich können wir nie vollständig zum Object machen (l. c. S. 203 f.. vgl. I2, 90, 231, 243, 310, 391). Nach HUSSERL liegt das Ich in der eigenen »Verknüpfungseinheit« der Erlebnisse, es ist »einheitliche Inhaltsgesamtheit« (ib.). – Nach ILARIU-SOCOLIU ist das Ich eine psychische Synthese. Der »Ich- Wahn« besteht darin, »daß das Individuum (das in Wirklichkeit nur relative Individualität besitzt) sich seiner selbst als eines aus eigener Initiative handelnden, wollenden, zu seiner Umgebung in einem schroffen Gegensatz stehenden, in sich selbst abgeschlossenen Ich bewußt ist« (Grundprobl. d. Philos. S. XIV). Auch nach HELLENBACH u.a. (s. Ich) ist das Ich eine »Illusion« (Das Individ. S. 156). Dagegen lehrt AD. STEUDEL, das Ich sei das Etwas, das denkt u.s.w., sich aber nur in seinen Äußerungen zu erkennen gibt (Philos. I 1, 85). Alles, was im Ich vorgeht, ist von selbst Object des Bewußtseins, ohne Reflexion (l. c. S. 100). »Das Selbstbewußtsein ist wesentlich nichts anderes, als daß die Daseins- und Lebensäußerungen des Ich in dessen ungeteilter empirischer Totalität ein Gegenstand des Bewußtseins werden« (l. c. S. 102)

Während viele Psychologen das Selbstbewußtsein auf Association (s. d. u. Ich) zurückführen, setzt es WUNDT in Beziehung zur Apperception (s. d.) und zum Willen. Von Anfang an ist das Selbstbewußtsein das »Product meherer Componenten, die zur einen Hälfte den Vorstellungen, zur andern dem Fühlen und Wollen angehören«. Ein lückenhaftes Selbstbewußtsein tritt schon sehr früh auf, aber es entwickelt sich erst allmählich, parallel mit dem Objectbewußtsein. Selbstbewußtsein nennen wir den »aus dem gesamten Bewußtseinsinhalt sich aussondernden, mit dem Ichgefühl verschmelzenden Gefühls- und Vorstellungsinhalt«. Es ist der einheitliche Zusammenhang von Bewußtseinsvorgängen selbst (Gr. d. Psychol.5, 6. 264). Die erste Entstehung des Selbstbewußtseins beim Kinde kann dem Gebrauche des Fürwortes vorausgehen. Auch die Unterscheidung des eigenen Leibes von andern Gegenständen ist nur ein Symptom eines schon bestehenden Selbstbewußtseins (l. c. S. 348 f.). Das Selbstbewußtsein ruht auf einer Reihe psychischer Processe, es ist ein Erzeugnis, nicht die Grundlage dieser Processe (l. c. 6. 265). Die Continuität dieser ist die Grundbedingung des Selbstbewußtseins. Zunächst ist das Ich ein Mischproduct äußerer Wahrnehmung und innerer Erlebnisse, später ein Vorstellungscomplex samt Gefühlen und Affecten, endlich zieht sich das Selbstbewußtsein völlig auf den Willen (die Apperception) zurück, der schon undifferenziert den Keim des Selbstbewußtseins ausmacht, aber erst durch apperceptive Zerlegungen für sich zur Geltung kommt (Grdz. d. phys. Psychol. II4, 302 ff.. Vorles.3, S. 269 ff.. Eth.2, S. 448. Log. II2 2, 246 f.. Syst. d. Philos.2, S. 40, 565). Nach KÜLPE ist »die Erfahrung, daß man nicht widerstandslos den Einflüssen und Eindrücken von außen her preisgegeben ist, sondern sich wählend und[352] handelnd ihnen gegenüber verhalten kann, also die Tatsache der Apperception oder des Willens... eines der wichtigsten Motive für die Sonderung des Ich und Nicht-Ich« (Gr. der Psychol. S. 465. vgl. STÖRRING, Psychopath. S. 280 ff.).

Nach GALUPPI ist das Selbstbewußtsein ein Innewerden dessen, was in der Seele vorgeht, zugleich das Gefühl seiner selbst als Substanz. Es ist die Quelle aller Erkenntnisse. – Nach CESCA ist das Selbstbewußtsein Product einer psychischen Entwicklung, der Unterscheidung des wollenden Ich vom Nicht-Ich (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. XI, 409 ff.). Das Ich ißt erst der Leib, dann die psychische Innerlichkeit. die Einheit des Ich ist Product der verschmelzenden Function der Apperception (l. c. S. 413). Die Identität des Ich wird durch das Gedächtnis festgehalten (ib.. so auch FERRI, Filos. delle scuole ital. XI, 277, XVI, 167 ff., nach welchem das Ich die Seele ist und der sonst ähnlich wie M. de Biran lehrt). Nach G. VILLA ist das Selbstbewußtsein »ein Complex mehr oder minder miteinander vereinigter psychischer Elemente« (Einl in die Psychol. S. 374).

Ahnlich wie M. DE BIRAN (s. Ich) lehrt u.a. DEILBOEUF (La psychol. comme une science nat. 1876, p. 14 f., 18). Die Unmittelbarkeit des Selbstbewußtseins im Denken betont ROYER-COLLARD. Phänomenalen Charakter hat das Ich nach BOUILLIER (Du princ. vital. p. 321 ff.), LELUT (Physiol. de la pensée I, 91) u.a. Wie nach Biran, Jouffroy u.a., ist auch nach WADDINGTON das Selbstbewußtsein die Quelle der Kategorien (Seele d. Mensch. S. 250). Nach RABIER ist das primäre Ich »le corps anime par la pensée, la sensibilité et la volonté« (Psychol. p. 421, 438 ff.). Die Vorstellung des Ich ist nicht ursprünglich (l. c. p. 439). »L'idée du moi est une synthèse: l'association des idées fournit les éléments de la synthèse. et la synthèse s'opère par l'unité d'aperception« (l. c. p. 446). Eine sichere Tatsache ist nur die »identité morale« (l. c. p. 447 ff.). Nach FOUILLÉE ist das Ich »une idée dominatrice et un fait dominateur« (Sc. soc. p. 223 f.). Dem Ich entspricht die Permanenz des Organismus und des Cerebralsystems (Psychol. des id.-forc. II, 67). Das Ich ist eine »idée-force« (l. c. p. 69 ff.). »le moi, le sujet, dès qu'il devient par l'idée un objet de conscience distincte, devient du même coup un motif« (l. c. p. 70). »La conscience de soi enveloppe: 1) la conscience de la totalité de nos activités. 2) la consciense de l'unité de cette totalité. 3) la vue anticipée d'une continuation de ce tout-un pendant un avenir plus ou moins incertain« (l. c. p. 70). Zu unterscheiden ist zwischen »moi individuelle« und »moi sociale«, letzteres ist »la partie sociale de notre moi« (l. c. p. 72). Als Gruppe von psychischen Vorgängen faßt (wie J. ST. MILL, s. Ich) das Ich auf TAINE (De l'intell. I, 211, 215, 230), LITTRÉ (Fragm. de philos. posit. 1876, P. 578 ff.). Nach BEAUSSIRE ist Selbstbewußtsein in jedem Bewußtsein enthalten (Rev. des deux Mond. 1883, P. 318, 320, 324). Als actuale Einheit bestimmt das Ich PAULHAN (La Personnalité, Rev. philos. X, 50, 63. vgl. RICHET l. c. XV, 227 ff.. RIBOT l. c. XV u. XVIII, 426, 430, 442 ff.. Psychol. d. sent. p. 236 ff.. vgl. RAVAISSON, Franz. Philos. S. 255).

Die Correlation von Selbst- und Objectsbewußtsein lehrt u.a. J. F. FERRIER (Inst. of Met.2, 1856). Die Ewigkeit des Selbstbewußtseins lehrt GREEN (Prolegom. to Ethics, p. 119). W. JAMES versteht unter denn »spiritual self« »a man's inner or subjective being, his psychical faculties or dispositions, taken concretely« (Princ. of Psychol. I, 296 ff., 329 ff.). »Ressemblance among the parts of a continuum of feelings... thus constitutes the real and verifiable personal identity which we feel« (l. c. p. 336). Nach LADD liegt im Für-sich-sein[353] die Realität der Seele (Philos. of Mind 1896, p. 147 ff.). SULLY bemerkt: »Das Kind hat zweifellos ein rudimentäres Selbstbewußtsein, wenn es von sich selbst als von einem andern Gegenstand spricht. der Gebrauch der Formen ich, mir mag aber die größere Bestimmtheit der Vorstellung vom Ich bezeichnen, mund zwar nicht bloß, als körperliches Object und gerade so nennbar wie andere wahrnehmbare Dinge, sondern auch als etwas, das von allen Objecten der Sinne verschieden und diesem entgegengesetzt ist, als das, was wir Subject oder Ich nennen« (Unt. üb. d. Kindh. S. 168. vgl. Illus. 1880, p. 285). ROMANES versteht unter receptivem Selbstbewußtsein die praktische Erkennung des Ich als eines activen und empfindenden Agens, während die introspective Erkenntnis daß Ich als Object und Subject der Erkenntnis auffaßt (Entwickl. S. 195 ff.). Vgl. J. WARD, Encycl. Brit. XX, 83 f.. BALDWIN, Handb. of Psychol. I2, p. 143 f.. Mental devel. ch. 11, § 3, und andere unter »Psychologie« verzeichnete Autoren. – Nach BOSTRÖM ist alles Leben Selbstbewußtsein. – Aus rotierenden Bewegungen leitet das Selbstbewußtsein materialistisch ab CZOLBE (Entsteh. d. Selbstbew. S. 11 ff.). Vgl. Ich, Bewußtsein, Identität, Person, Apperception, Reflexion, Erkenntnis, Kategorien, Sein, Substanz, Causalität.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 344-354.
Lizenz:
Faksimiles:
344 | 345 | 346 | 347 | 348 | 349 | 350 | 351 | 352 | 353 | 354
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon