Leben

[580] Leben (zôê, vita) heißt, mit irgend einem Grade von Bewußtsein, psychischer Activität, Innerlichkeit, Erregbarkeit, triebhafter Reactionsfähigkeit sich in seinem Dasein einheitlich-dynamisch und teleologisch (s. d.) erhalten, (stoff-) aneignende Functionen ausüben, Fremdes dem eigenen Verbande einverleiben (assimilieren), sich selbst individuell und generell vermehren (Wachstum, Zeugung), sich differenzieren und wieder integrieren, sich von »innen« aus (»centrifugal«), zielstrebig entwickeln. Das Lebendige im engeren Sinn ist das Organische (s. d.); absolut Lebloses dürfte es nicht geben (s. Panpsychismus, Hylozoismus). Das Lebendige, Organische bewahrt im Wechsel seines Stoffes (im labilen Gleichgewichte) die (innere) Form, die specifische Einheit des Wirkens. Der Lebensproceß läßt sich, abstract, physikalisch-chemisch betrachten und darstellen; zugleich ist er aber schon ein psychischer Proceß, dem Triebe, Strebungen, Willenstendenzen zugrunde liegen. So ist er causal-mechanisch und teleologisch zugleich. Die Lehre vom Leben, die Biologie (s. d.) muß die verschiedenen Betrachtungsweisen des Lebens und des Lebendigen reinlich voneinander sondern (Biomechanik, Biochemie, Biopsychik). Die universale Auffassung des Lebens begründet die organische Naturphilosophie (s. d.). Die Ewigkeit des (potentiellen) Lebens ist anzunehmen (s. Urzeugung).

Mit der vitalistischen (s. d.) und psychistischen Auffassung des Lebens streitet die rein mechanistische Lebenstheorie, nicht ohne daß Vermittlungen stattfinden. Vgl. Lebenskraft.

Die ionischen Naturphilosophen (s. d.) betrachten das Leben als eine dem Stoffe immanente Zuständlichkeit (s. Hylozoismus). Nach ARISTOTELES ist Leben: spontane Ernährung, Wachstum und Abnahme: zôên de legomen di' autou trophên te kai auxêsin kai phthisin (De an. II 1, 412 a 14). Das Leben begründet den Unterschied des Beseelten vom Unbeseelten, denn das Leben ist[580] seelische Betätigung (diôristhai to empsychon tou apsychou tô zên, De an. II 2 413a 21). Lebensprocesse sind nous, aisthêsis, kinêsis kai stasis hê kata topon eti kinêsis hê kata trophên kai phthisis te kai auxêsis. Auch die Pflanzen haben Leben (De an. II 2, 413a 22 squ.). Nach PLOTIN ist das Leben eine Energie (energeia), die um so geistiger ist, je vollkommener sie ist (Enn. III, 6, 6). Alles Leben ist ein geistiger Proceß (l.c. III, 8, 8). – Nach VALENTINUS emaniert die zôê (mit dem logos) aus dem nous (bei Iren. I, l, 1).

THOMAS erklärt: »Illud proprie vivere dicimus, quod in se ipso habet motus vel operationes quascumque« (De verit. 4, 8): »nomen vitae er hoc sumptum videtur, quod aliquid a seipso potest moveri« (3 sent. 35, 1, 1 c; vgl. Sum. th. I 18, 1; I, 18, 3).

Die mechanistische Auffassung des Lebens vertreten DESCARTES (De hom.) und HOBBES. Nach letzterem ist das Leben »nihil aliud... quam artuum motus, cuius principium est internum in parte aliqua corporis principali« (Leviath., introd.). – SPINOZA erklärt das Leben als »vim, per quam res in suo esse perseverant« (Cogit. met. II, 6). LEIBNIZ bestimmt es als »principium perceptivum« (Erdm. p. 466). Alles lebt (s. Monaden). Nach CRUIUS ist das Leben »diejenige Fähigkeit einer Substanz, vermöge deren sie aus einem innern Grunde auf mannigfaltige Art tätig sein kann« (Vernunftwahrh. § 458). FERGUSON erklärt: »Leben, im weitesten Verstande, ist das Dasein aller vegetabilischen, tierischen oder denkenden Naturen« (Grd(s. d.) Moralphilos. S. 127).

KANT erklärt: »Leben heißt das Vermögen einer Substanz, sich aus einem innern Princip zum Handeln, einer endlichen Substanz, sich zur Bewegung oder Ruhe als Veränderung ihres Zustandes zu bestimmen« (WW. IV, 439). »Alles Leben beruht auf dem innern Vermögen, sich selbst nach Willkür zu bestimmen« (WW. VII, 45). »Leben ist das Vermögen eines Wesens nach Gesetzen des Begehrungsvermögens zu handeln« (Krit. d. prakt. Vern., Vorr. S. 8). Nach SCHELLING besteht das Wesen des Lebens »in einem freien Spiel von Kräften, das durch irgend einen äußeren Einfluß continuierlich unterhalten wird« (WW. I 2, 566). »Die Lebendigkeit besteht... in der Freiheit, sein eigenes Sein als ein unmittelbar, unabhängig von ihm selbst gesetztes aufheben und es in ein selbst-gesetztes verwandeln zu können« (WW. I 10, 22). STEFFENS bemerkt: »Ein nie ruhender Assimilationsproceß setzt alles erscheinende Leben dem Leben der Erde gleich; ein Verschlingungsproceß, der nur das allgemeine Leben duldet, dessen Centralpunkt in der Unendlichkeit des Universums liegt« (Anthropol. I, 126). ESCHENMAYER: »Das Leben ist der mittlere Exponent von Tod und Unsterblichkeit« (Psychol. S. 21). Nach HILLEBRAND besteht die Lebendigkeit im »substantiellen Selbstbestimmen« (Philo(s. d.) Geist. I, 56 f.). Das Leben ist ewig (l.c. I, 48). Nicht alles ist lebendig, aber alles ist für das Leben da (l.c. I, 47). F. BAADER spricht von einem »Bildungstrieb des Lebens« (WW. II, 99). W. ROSENKRANTZ bemerkt: »Alles dasjenige, was ist ohne das Vermögen, etwas Weiteres zu werden, ist tot, nur das, was das Vermögen hat, mehr zu sein, als es noch in Wiriklichkeit ist, kann sich entwickeln, und die Entwicklung ist sein Leben« (Wissensch. d. Wiss. I, 8). – Nach HEGEL stellt das Leben die Selbsterhaltung eines Allgemeinen in seinen Teilen dar (Naturphilos. S. 465 ff.). Nach HANUSCH ist das Leben ein »Selbstäußern seines Innern«, ein »Entwickeln des seienden Unentwickelten aus sich selbst« (Handb. d. Erfahrungs-Seelenl. S. 1 ff.). K. ROSENKRANZ betont: »Man darf... die mechanische und dynamische (oder physikalische) Natur als tote oder[581] unorganische der lebendigen als der organischen nicht abstract entgegensetzen, sondern hat beide als ein Ganzes aufzufassen, das erst im Leben die Form vollkommener Subjectivität erreicht, die sich selbst in ihre Unterschiede auseinander legt, um sie wieder zur Einheit in sich zurückzunehmen und stets von neuem zu erzeugen. Der qualitative Unterschied aber des Lebendigen vom sogenannten Unorganischen ist die sich durch immanente Virtualität articulierende Automorphie. Nicht in unbestimmt begrenzten Massen, nicht in unbestimmt ausgedehnten Processen existiert das Leben, sondern nur in Individuen, welche sich selbst in sich gliedern und mit solch innerer Gliederung zugleich nach außen als erscheinende Gestalt sich abschließen« (Syst. d. Wissensch. S. 277). CHR. KRAUSE bemerkt: »Alles Leben ist ein Leben, das Leben des einen Gottes, als des ganzen Urwesens; das ist, das Ganzleben Gottes steht dem Leben aller einzelnen und vereinten Welten in ihm entgegen und vereint sich, wesentlich vollständig und ewig gleich, mit dem Leben aller Welten« (Urb. d. Menschh.3, S. 274). Alle Wesen beginnen und vollenden ihr Leben in Gott (l.c. S. 275). Nach M. CARRIERE ist das Leben »der ewige Selbstverwirklichungsproceß der Wesen« (Ästhet. I, 36). Nach BOSTRÖM ist alles Leben Selbstbewußtsein. FECHNER betrachtet das Einzelleben als einen »Wellenschlag im ewigen Leben« (Üb. d. Seelenfr. S. 115). – Nach SCHOPENHAUER liegt den Lebensprocessen der metaphysische »Wille zum Leben« (s. d.) zugrunde. NIETZSCHE betrachtet als Urgrund alles Lebens den »Willen zur Macht« (s. d.). Das Leben ist »Wille zur Accumulation der Kraft«, es »strebt nach einem Maximalgefühl von Macht«. Auf Überwältigung, Einverleibung, Aneignung geht jede Lebensfunction aus (WW. XV, 296, 303, 314 ff., 317, 319). Das Leben ist um jeden Preis zu bejahen, zu verherrlichen (s. Optimismus). Nach E. V. HARTMANN liegt den Lebensfunctionen das »Unbewußte« (s. d.) zugrunde. Nach R. HAMERLING ist das Lebendige ein »Triebwesen«, »verkörperter Lebenswille« (Atomist. d. Will. I, 131). Das Sein ist Leben. »Leben ist das unendliche Sein in der Form der Endlichkeit« (l.c. I, 138). Alles Leben ist Bewegung (l.c. II, 58), Spontaneität (l.c. I, 278). Nach RENOUVIER ist das Leben für eine Monade (s. d.) »la suite et l'ensemble des actions et des réactions qu'elle exerce ou qu'elle subit dans un organisme dont elle fait partie« (Nouv. Monadol. p. 47). Für den Organismus ist das Leben »l'évolution des organes liés, la suite et l'ensemble des fonctions qu'ils remplissent conformément à la loi constitutive de cet organisme« (ib.). Nach WUNDT ist die Anlage zum Leben schon dem Anorganischen eigen (Syst. d. Philos.2, S. 503 ff.; Log. II2 1, 576 ff.). Jede Lebenserscheinung läßt sich als chemischer, als physikalisch-physiologischer und als psychologischer Proceß zugleich interpretieren (Syst. d. Philos.2, S. 513 ff., 517; Log. II2 1, 569 ff.; Philos. Stud. V, 327 ff.). Trieb und Wille liegt dem Leben zugrunde; Leben und Beseeltheit hängen innig zusammen. Nach H. SPENCER ist Leben »correspondence of inner and outer relations«, beständige Anpassung innerer an äußere Beziehungen (Princ. d. Biolog. IV, § 30; Psychol. I, § 131). Nach HÖFFDING besteht das Leben in einem Wechsel von Stoffaufnahme (Assimilation) und Stoffverbrauch (Desassimilation), von Vegetieren und Fungieren (Psychol.2, S. 162). Nach E. DÜHRING ist das Leben »das Ergebnis einer Arbeit der Naturkräfte, und seine Hervorbringung wird in der Richtung auf Steigerung und reicheren Gehalt fortgesetzt« (Wert d. Leb.3, S. 65). Das Leben ist der Zweck der Natur (ib.). Mit VIRCHOW u. a. nennt CZOLBE »Leben« »die Störung der Reizbarkeit oder des stabilen Gleichgewichts der Organismen, nebst[582] allen daraus folgenden Bewegungen oder Tätigkeiten« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 114). MOLESCHOTT betrachtet das Leben als einen rein causalen, physikalischchemischen Proceß (Kreislauf d. Leb.5, 1886); so überhaupt der Materialismus (s. d.). KASSOWITZ stellt eine »metabolische Theorie« des Lebens auf, nach welcher alle Lebensprocesse in einem Abbau und Wiederaufbau lebender Substanz bestehen (Allgem. Biolog. 1892). OSTWALD erklärt: »Für alle Lebewesen ist ein nie fehlendes Kennzeichen der Energiestrom« (Vorles. üb. Naturphilos.2, S. 313). Der Stoffwechsel ist nur die Begleiterscheinung des Energiestromes (l.c. S. 314). Die Lebensvorgänge sind nur Energievorgänge (ib.). Die Lebewesen haben »die Fähigkeit, einen gewissen Zustand zu behaupten, auch wenn die Einflüsse der Umgebung sich ändern« (ib.). Eine selbsttätige Aneignung der Energievorräte ist dem Leben wesentlich (l.c. S. 316). Vgl. LOTZE, Mikrokosm. I2, 57 ff., 84 ff., CLAUDE BERNARD, Leçons sur les phénomènes de la vie; BOUILLIER, Du principe vital; PANUM, Einleit. zur Physiol. 2. A., 1883. Vgl. Lebenskraft, Psychologie, Vitalismus, Organismus.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 580-583.
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