Monade

[683] Monade (monas): Einheit (s. d.), metaphysische Einheit, selbständiges, individuelles Wirklichkeitselement (im weiteren Sinne auch das Atom, (s. d.), umfassend), im engeren Sinne seelenartiges, einfaches, substantielles Wesen; aus der Zusammensetzung solcher Monaden bestehen nach der Monadologie (s. d.) die Körper (s. d.) ihrem An-sich-sein nach, auch die Organismen, die aber (nach einigen) von besonderen Geistesmonaden beherrscht werden.

Der Begriff und Terminus monas als Einheit (s. d.) findet sich bei PYTHAGORAS, EKPHANTUS, ARISTOTELES, EUKLID, MODERATUS u. a. – PLATO nennt monades die Ideen (s. d.). SYNESIUS nennt Gott die »monas monadum«, so auch SABELLIUS, wie überhaupt Gott öfter als »monas« bezeichnet wird (vgl. GOCLEN, Lex. philos. p. 707).[683]

NICOLAUS CUSANUS betrachtet die Einzeldinge als Einheiten, welche die Welt verkleinert abspiegeln. G. BRUNO versteht unter der »monas« das »minimum«, das als »rerum substantia« angenommen werden muß. »Monas rationaliter in numeris, essentialiter in omnibus« (De min. I, 2). Aus unzerstörbaren, ausgedehnten und zugleich beseelten Monaden bestehen alle Dinge. Die »monas monadum« ist Gott (l.c. I, 4). Die Monas ist »substantia rei, individua rei substantia« (De monade). F. M. VAN HELMONT erklärt: »Divisio rerum numquam fit in minima mathematica, sed in minima physica; cumque materia concreta eo usque dividitur, ut in monades abeat physicas« (Princ. philos. 3, 9). »Atomus autem tam est exilis, ut nihil in se recipere queat« (l.c. 7, 4). H. MORE nennt Monaden die homogenen (beseelten) Elemente der Dinge, der Materie, »actu solutae monades, quamquam contiguae« (»spiritus naturae«) (Enchir. met. I, 9; I, 28, § 3). F. GLISSON nimmt beseelte Substanzen an (Tract. de natura substantiae energetica 1672). R. CUDWORTH schreibt den Dingen eine »vis plastica« (s. Plastisch) zu. GASSENDI nimmt empfindungsfähige Atome (s. d.) an (später auch ROBINET, DIDEROT u. a.).

Der Begründer der Monadenlehre ist aber LEIBNIZ. Er stellt sie auf im Gegensatz: 1) zu Descartes, welcher die Körperelemente für rein passiv erklärt, 2) zum Atomismus, weil nach Leibniz alles Körperliche ins unendliche teilbar ist, 3) zum Pantheismus, der nur eine Substanz (s. d.) kennt. Dagegen nimmt Leibniz an, die Welt bestehe (an sich) aus unkörperlichen, unausgedehnten, punktuellen, einfachen, seelischen, vorstellenden und strebenden Krafteinheiten (Substanzen, (s. d.)), die er (seit 1697) Monaden (»monades«) nennt. Sie sind den substantialen Formen (s. d.) der Scholastiker, den »Entelechien« (s. d.) der Peripatetiker analog, sind im Grunde nichts als die vielfach gesetzte Ichheit. Die Monaden sind die Elemente der Dinge, die wahren Atome in der Natur (Monndol. 3). »La monade... n'est autre chose, qu'une substance simple, qui entre dans les composés; simple, c'est-à-dire, sans parties« (Monadol. 1). Es muß Monaden geben, weil es zusammengesetzte Dinge, Aggregate, gibt und weil das Einfache nicht ausgedehnt sein kann (Monadol. 2 – 3). Sie können sich nicht auflösen, können nur (durch Schöpfung) mit einem Male anfangen oder enden (Monadol. 6). Sie sind gleichsam metaphysische Punkte (»points métaphysiques«), substantielle Punkte (»points de substance«) (Gerh. IV, 398; Erd. p. 126). Sie können innerlich nicht verändert werden, weil nichts in sie hineinkommen kann; sie haben »keine Fenster« (»n'ont point de fenêtre«), so daß sie keine directen Einwirkungen von außen erleiden, noch selbst auf andere Monaden direct einwirken können (Monadol. 7). Nur einer immanenten, rein innerlichen Entwicklung sind sie fähig (Monadol. 10 f.). Diese beruht auf einem inneren Princip, welches seelischer Art ist und eine Mehrheit von Zuständen bedingt, welche in Vorstellungen (»perceptions«, zugleich Empfindungen, Gefühlen) bestehen und infolge eines Strebens (»tendance«) wechseln (Monadol. 11, 13, 14, 15). Alle Monaden haben »quelque chose d'analogique au sentiment et à l'appétit«, sind »Entelechien«, »Seelen« im weitesten Sinne (Monadol. 18 – 19). »De la manière que je définis perceptions et appétit, il faut que toutes les monades en soient douées. Car perception m'est la représentation de la multitude dans le simple, et l'appétit est la tendance d'une perception à une autre; or ces deux choses sont dans toutes les monades, car autrement une monade n'aurait aucun rapport au reste de choses.« Es gibt »autant de substances véritables et pour ainsi dire de miroirs vivants de l'univers toujours subsistants ou d'univers[684] concentrés qu'il y a de monades« (Erdm. p. 720). Jede Monade folgt dem Gesetze ihrer inneren Entwicklung, der »lex continuationis seriei snarum operationum«, conform den Entwicklungsphasen der anderen Monaden (Erdm. p. 107). »Tout présent état d'une substance simple est naturellement une suite de son état précédant, tellement que le présent y est gros de l'avenir« (Monadol. 22). Alle Monaden sind verschieden, denn es gibt in der Natur nicht zwei vollkommen gleiche Dinge (Monadol. 9, vgl. Identitatis indisc.). Es besteht eine Stufenfolge höherer und niederer Monaden, deren höchste Gott ist. »Monas seu substantia simplex in genere continet perceptionem et appetilum, estque vel primitiva seu Deus, in qua est ultima ratio rerum, vel est derivativa, nempe monas creata, eaque est vel ratione praedita, mens, vel sensu praedita, nempe anima, vel inferiore quodam gradu perceptionis et appetitus praedita, seu anima analoga, quae nudo monadis nomine contenta est, quam eius varlos gradus non cognoscumus« (Erdm. p. 678). Die Körpermonaden (»monades simples«, »tout nues«) leben in einer Art dumpfen Schlafes dahin (Monadol. 24), während die höchste Monade, Gott (s. d.), alles mit höchster Klarheit vorstellt und die Beziehungen der Monaden untereinander durch die prästabilierte Harmonie (s. d.) regelt (Monadol. 51). Die Monaden sind »fulgurations continuelles« Gottes. Jede Monade spiegelt (stellt vor, stellt dar, »représente«), als »miroir vivant«, das Universum, als eine Welt für sich (»monde à part«), aber mit verschiedenem Grade der Klarheit, Bewußtheit (Monadol. 62, 83), jede von ihrem Standpunkte (»point de vue«), so daß man in jeder Monade das All erkennen könnte (Erdm. p. 714 ff.; Principe de la nature 3, 4, 13, 14). Die Monaden sind auch dadurch voneinander unterschieden, daß sie mehr oder weniger über andere herrschen (l.c. 4), wie etwa die Seele (s. d.) die herrschende Monade des Organismus ist.

CHR. WOLF schreibt den Körpermonaden keine Perception, nur eine »Kraft« (s. d.) zu (Psychol. rational. § 644, 712). Nach BAUMGARTEN sind die Monaden »simplices vires, repraesentativae sui universi, mundi in compendio, suique mundi concentrationes« (Met. § 400). Nach CRUSIUS sind die Monaden mathematisch ausgedehnt, nehmen einen Raum ein (Met. § 107). So auch nach DARJES (Elem. met. 1753). KANT nimmt (in seiner vorkritischen Periode) »monades physicae« an, welche undurchdringlich sind und elastische (abstoßende) sowie anziehende Kräfte haben. »Substantia simplex, monas dicta, est, quae non constat pluralitate partium, quarum una absque aliis separatim existere potest.« »Corpora constant partibus, quae a se invicem separatae perdurabilem habent existentiam« (Monadol. phys. I, prop. I – II). Verschiedene Arten von »Monaden« nimmt GOETHE an; er nennt sie auch »Entelechien« (Goethes Gespräche, hrsg. von Biedermann, III, 63 f.). Monaden ohne Vorstellung nimmt BOSCOVICH an (s. Materie).

Ein intelligibles »Monadenreich« als selbstbewußter göttlicher Gedanke in seinem gegliederten Inhalte nimmt SOLGER an (Erwin II, 126). – HERBART lehrt die Existenz von einfachen »Realen« (s. d.). LOTZE lehrt die Existenz von Substanzen (s. d.) seelischer Art, die in Gott ihren Einheitsgrund haben. Monaden nehmen ferner an: J. H. FICHTE (Psychol. I, 4), ULRICI, KIRCHNER, L. BUSSE, E. v. HARTMANN (s. Wille, Seele), H. WOLFF (»Bionten«, Kosm. I) (als Producte des Unbewußten, (s. d.)), BAHNSEN, M. WARTENBERG (Probl. d. Wirk. S. 134), PETERS, WUNDT (aber nicht als Substanzen, sondern als Willensactionen, (s. d.)), ferner GIOBERTI, J. DURDIK, M. PETÖCZ, CH. B. UPTON[685] LACHELIER (Rev. philos. XIX, 1885), DELBOEUF (La mat. brute), J. C. S. SCHILLER (Riddles of the Sphinx2, 1894), ASTAFJEW u.a.m. CARRIERE lehrt die Existenz von »selbstlosen« und »selbstseienden«, sich selbst bestimmenden Monaden, die in Wechselwirkung miteinander stehen. Sie sind nicht absolut isoliert, sondern »ganz Fenster, ganz Auge« (Sittl. Weltordn. S. 137), sind in einer alldurchwaltenden Einheit enthalten (ib., vgl. S. 146 ff.). Den Mittelpunkt selbstseiender Wesen bildet je eine »Centralmonade« (l.c. S. 72). Eine Vielheit nicht sinnenfälliger Wesen nimmt TEICHMÜLLER an (Neue Grundleg. S. 65). R. HAMERLING nennt Monaden Gruppen, Einheiten von (Willens-) Atomen und auch einzelne Atome (Atom. d. Will. I, 180). G. SPICKER nimmt psychische Monaden an, die untereinander in Wechselwirkung stehen, activ und passiv zugleich und auch materiell sind (K., H. u. B. S. 193 ff.). Nach DROSSBACH bestehen die Dinge aus »Kraftwesen« (Gene(s. d.) Bewußts.), so auch nach HELLENBACH (Der Individual. S. 185). RENOUVIER (mit L. PRAT) erklärt: »La monade est la substance simple, dont la donnée est impliquée par l'existence des substances composées« (Nouv. Monadol. p. 1). Sie ist »sans parties«, »n'a ni étendue ni figure« (l.c. p. 2). Die Monaden haben »le sentiment de soi, le rapport du sujet à l'objet, dans le sujet« (l.c. p. 3), »représentation« (ib.). Jede Monade ist »une unité dont la répétition forme des nombres« (l.c. p. 4). Sie hat »activité interne« »en tant quelle est un principe de son propre devenir«, hat »une force suscitative de ses états« (l.c. p. 5). Es gibt »monades servantes«, »centrales«, »dominantes« (l.c. p. 53). Monaden als psychische Kräfte nimmt DURAND DE GROOS an; sie constituieren das An-sich der Materie. Monaden gibt es nach E. BOIRAC (L'idée de phénomène 1894). Vgl. Atom, Hylozoismus, Körper, Kraft, Materie, Ding an sich, Wille, Substanz, Harmonie, Seele, Pluralismus.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 683-686.
Lizenz:
Faksimiles:
683 | 684 | 685 | 686
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

In Paris ergötzt sich am 14. Juli 1789 ein adeliges Publikum an einer primitiven Schaupielinszenierung, die ihm suggeriert, »unter dem gefährlichsten Gesindel von Paris zu sitzen«. Als der reale Aufruhr der Revolution die Straßen von Paris erfasst, verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit. Für Schnitzler ungewöhnlich montiert der Autor im »grünen Kakadu« die Ebenen von Illusion und Wiklichkeit vor einer historischen Kulisse.

38 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon