Empfindung

[252] Empfindung (aisthêsis, pathos, sensio, sensatio; sensation, impression, feeling (engl.); sensation (fr.): 1) im weiteren Sinne = unmittelbares Erleben, Fühlen, Gewahrwerden; 2) im engeren, wissenschaftlichen Sinne = das durch psychologische Analyse zu gewinnende Element der Vorstellung, ein qualitativ einfacher Inhalt (Zustand) des Bewußtseins, der auf der Erregung des Organismus (des Nervensystems) durch (äußere oder innere, peripherische oder centrale) »Reize« (s. d.) beruht. Die Empfindungen sind Reactionen des lebenden Organismus auf die Einwirkungen der Außenwelt, zugleich Zeichen (Symbole) für die Beschaffenheiten der »Dinge an sich«, die sie zwar nicht, »abbilden«, wohl aber in subjectiver Form »darstellen«, »vertreten«. Im concreten Erleben kommt die isolierte Empfindung nicht vor, stets bildet sie einen Teil von Empfindungscomplexen, von Wahrnehmungen (s. d.). Die Bestimmungen jeder Empfindung sind Qualität (s. d.) und Intensität (s. d.), im weiteren Sinne auch der »Gefühlston« (s. d.). Die »Extensität« (s. d.) ergibt sich erst aus dem Zusammen von Empfindungen. Das »Empfinden« ist das Statthaben, Auftreten, Präsentsein, Actuellsein eines Inhaltes (Farben, Ton etc.) Es sind organische (Gemein-) und Sinnesempfindungen zu unterscheiden.

Die Trennung des »Empfindens« vom »Fühlen«, der »Empfindung« vom Gefühle der Lust und Unlust erfolgt erst bei TETENS und KANT (s. unten).

In der antiken Philosophie besteht noch keine scharfe Unterscheidung zwischen Empfindung und (Sinnes-)Wahrnehmung (s. d.).

Nach AUGUSTINUS ist die Empfindung »passio corporis per se ipsam non latens animam« (De quant. an. 25). In der Empfindung ist die Seele selbst tätig (Mus. VI, 5). Die Scholastiker verarbeiten die Aristotelische Theorie von der »Formung« der Seele im Empfinden durch die Objecte zur (der Demo[252] kritischen »eidôla« – Theorie ähnlichen) Lehre von den »species sensibiles« (s. d.). WILHELM VON CONCHES definiert die Empfindung als »animati corporis applicatione exteriorum non levis mutatio« (bei SIEBECK, Gesch. d. Psychol. I 2, 432). Nach WILHELM VON OCCAM sind die Empfindungen »subiective in anima sensitiva mediate vel immediate« (Quodl. 2, 10). Bei mittelalterlichen Mystikern findet sich die Auffassung der Empfindung als »confusa conceptio«. Die Lehre von den »species« tritt bei SCALIGER (Exerc. 298, sct. 15), SUAREZ u. a. auf (vgl. GOCLEN, Lex. phil. p. 1023).

NICOLAUS CUSANUS bemerkt: »Ascendit... sensibile per organa corporalia usque ad ipsam rationem, quae tenuissimo et spiritualissimo spiritu cerebro adhaeret« (De conicet. II, 16). CASMANN erklärt: »Ut sensio fiat cum facultate tria concurrunt: 1) sensile seu causa movens sensum, 2) organum recipiens seu patiens, in quod subiectum movens agit, 3) affectio... quae fit in organo a facultate rem sensibilem in illud agentem apprehendente« (Psychol. p. 289). CAMPANELLA sieht in der Empfindung einen seelischen Zustand (»sentire est pati«), welcher aus dem Zusammenwirken des Subjects und Objects entspringt (Univ. phil. I, 4, 2). »Sensus... videtur esse passio, per quam scimus, quod est, quod agit in nos, quoniam similem entitatem in nobis facit« (l.c. I, 4, 1). Die Empfindung ist als psychischer Act nicht selbst »passio«, sondern »perceptio« der Affection (l.c. I, 51; VI, 8, 1, 4). TELESIUS lehrt: »Superest..., ut rerum actionum aërisque impulsionum et propriarum passionum propriarumque immutationem et propriorum motuum perceptio sensus sit.... Propterea enim illas percipit, quod ab illis pati se immutarique et commoveri percipit« (De rer. nat. VII, 2). Nach L. VIVES ist die Empfindung (sensio) »cognitio animae, per externum corporis instrumentum« (De an. I, p. 14). »Oportet... sive analogiam sive proportionem esse aliquam inter vim sentientem et suum sensile« (l.c. p. 15)

DESCARTES sieht in der Empfindung einen »verworrenen Denkact« (»confusus cogitandi modus«, Medit. VI), dessen Inhalt dem Objecte nicht gleicht (l.c. III u. VI). Die Seele empfindet, indem sie vermittelst der »Lebensgeister« und Nervenerregungen afficiert wird. »Motus autem qui sic in cerebro a nervis excitantur, animam, sive mentem intime cerebro coniunctam, diversimode afficiunt, prout ipsi sunt diversi. Atque hae diversae mentis affectiones, sive cogitationes ex istis motibus immediate consequentes, sensuum perceptiones, sive, ut vulgo loquimur, sensus appellantur« (Princ. philos. IV, 189). Die Seele empfindet, insofern sie mit dem Gehirn geeint ist: »Probatur autem evidenter, animam non quatenus est in singulis membris, sed tantum quatenus est in cerebro, ea quae corpori accidunt in singulis membris nervorum ope sentire« (l.c. 196). Im Empfinden glauben wir die Objecte, die Ursachen der Empfindungszustände, selbst zu erfassen (Pass. anim. I, 23). Nach SPINOZA empfindet der Organismus zugleich mit der Natur des Außenreizes den eigenen Zustand. »Idea cuiuscumque modi, quo corpus humanum a corporis externis afficitur, involvere debet naturam corporis humani et simul naturam corporis externi« (Eth. II, prop. XVI). »Sequitur..., quod ideae, quas corporum externorum habemus, magis nostri corporis constitutionem, quam corporum externorum naturam indicant« (l.c. Corr. 2). Nach GEULINCX enthalten unsere Empfindungen eine Beziehung aufs Objective. »Perceptionem sensus soleamus referre ad res externas, tamquam inde provenientes, et plerumque cum existimatione, quod eae res similiter affectae sint, similemque habeant modum aliquem,[253] qualem nobis ingerant« (Eth. IV, p. 104). Nach MALEBRANCHE entstehen die Empfindungen durch »images intermédiaires« (Rech. III, 2, 2). Es gibt »sensations fortes et vives« (douleur, chatouillement, grand froid), bei denen das Gehirn durch die Lebensgeister (s. d.) stark erregt ist, »sensatioins faibles et languissantes« (lumière médiocre, couleur), »sensations moyennes« (grande lumière) (l.c. I, 12)

HOBBES bestimmt die Empfindung als Bewegung der empfindenden Organe, bezw. als Reaction und Ergebnis des Organismus auf die von außen erlittene Einwirkung. »Sensio est ab organi sensorii conatu ad extra qui generatur a conatu ab obiecto versus interna, eoque aliquamdiu manente per reactionem factum phantasma« (Elem. phil. 25, 2; Leviath. I, 1). Alle Erkenntnis führt auf die Empfindungen zurück. Nach LOCKE beruht die Empfindung (»sensation«) auf der Empfänglichkeit der Seele für Eindrücke (Ess. II, ch. 1, § 24). Durch Stoß und Druck der Körper auf die Sinnesorgane wird sie ausgelöst (l.c. ch. 8, § 11), indem die Körperteilchen dem Gehirne eine gewisse Bewegung zuführen (l.c. § 12, 13). Die Empfindungen sind als solche seelische, subjective Zustände, denen bestimmte Qualitäten (s. d.) und Kräfte in den Dingen entsprechen (l.c. § 14). HARTLEY erklärt die Empfindung aus einer »Berührung der Nerven«, wodurch in diesen eine Vibration hervorgerufen wird, die sich bis in das Gehirn fortpflanzt (Observat. on man I). HUME rechnet die Empfindung zu den unmittelbaren Eindrücken (»impressions«, (s. d.)), die der Geist von der Außenwelt empfängt. »Original impressions or impressions of sensations are such as without any antecedent perception arise in the soul, from the constitution of the body, from the animal spirits, or from the applications of objects to the external organs« (Of the Pass. sct. I, p. 175). Aus Empfindungen bestehen (wie nach BERKELEY) die Sinnesobjecte. REID sieht in den Empfindungen Zeichen für äußere, objective Vorgänge (Inquir. C. 2, sct. 9).

Die Passivität der Empfindung betont CONDILLAC, der sensualistisch (s. d.) das ganze Bewußtsein auf Empfindungen zurückführt. Die Seele ist »passive au moment qu'elle éprouve une sensation, parceque la cause qui la produit est hors d'elle« (Trait. d. sens. I, ch. 2, § 11). Die Seele selbst empfindet mittelst der Sinne, »c'est l'âme seule qui sent à l'occasion des organes« (l.c. Extr. rais.). HELVETIUS betrachtet das Empfinden als ein ursprüngliches Seelenvermögen (De l'espr. I, ch. 1). HOLBACH bestimmt die Empfindung als eine Gehirnerregung. »Ce sentiment est une façon d'être ou un changement marqué produit dans notre cerveau à l'occasion des impulsions que nos organes reçoivent« (Syst. de la nat. I, ch. 8, p. 107). »'Toute sensation n'est... qu'une secousse donnée à nos organes« (l.c. p. 108). ROBINET erklärt: »La sensation, dans les fibres sensitives, est l'impression reçue des objets extérieur: dans l'âme, c'est ce qu'elle sent par l'impression faite sur l'organe« (De la nat. I, p. 280).

Nach LEIBNIZ ist die Empfindung (sensio) eine verworrene Verstellung (Monadol. 13 f., 25), ein innerer Zustand der Seele, dem ein objectives Geschehen entspricht. »Les âmes sentent ce qui se passe hors d'elles par ce qui se passe en elles, répondant aux choses de dehors« (Erdm. p. 733 b). Die Empfindung ist die Darstellung des Zusammengesetzten im Einfachen. So auch CHR. WOLF (Psychol. rat. § 83; Vern. Ged. I, § 749). Die Empfindungen entstehen durch »ideae materiales« (s. d.). »Die Gedanken, welche den Grund in den Veränderungen an den Gliedmaßen unseres Leibes haben und von den körperlichen Dingen außer uns veranlaßt werden, pflegen wir Empfindungen[254] und das Vermögen zu empfinden die Sinnen.... zu nennen« (Vern. Ged. I, § 220). »Empfinden« setzt WOLF für »percipere«. »Ich sage aber, daß wir etwas empfinden, wenn wir uns desselben als uns gegenwärtig bewußt sind. So empfinden wir den Schmerz, den Schall, das Licht und unsere eigenen Gedanken.« Die »Empfindungen« sind »Gedanken von uns gegenwärtigen Dingen« (Vern. Ged. von d. Kr. d. m. Verst.9, S. 11). Nach BAUMGARTEN ist die Empfindung eine »repraesentatio non distincta sensitiva«, »repraesentatio status mei praesentis« (Met. § 521, 531). BILFINGER erklärt: »Repraesentationes rerum a mente distinctarum eae, quibus hae res videntur in certis corporis organis mutationes aliquas producere, dicuntur sensationes« (Diluc. § 246). CRUSIUS bemerkt: »Wir nehmen in uns Gedanken wahr. In einigen derselben sind wir bei wachendem Zustande genötiget, Dinge unmittelbar uns als wirklich und gegenwärtig vorzustellen, und dieser Zustand heißt Empfindung« (Vernunftwahrh. § 426). RÜDIGER versteht unter »sensio« besonders die Wahrnehmung der Erregungen des eigenen Leibes. Bei MENDELSSOHN bedeutet Empfindung auch das Gefühl (s. d.), bei ABBT wird es für »sensation« (»Empfindnis« für »sentiment«) gebraucht, auch bei EBERHARD und TIEDEMANN (vgl. DESSOIR, Gesch. d. neuer. Psychol. I2, S. 353). Bei TETENS bekommt der Terminus »Empfindung« seine Ausprägung im Unterschiede vom Gefühle als »Empfindnis« (Philos. Vers. I, 13). Empfindung ist, »was wir nicht sowohl für eine Beschaffenheit von uns selbst ansehen, als vielmehr für eine Abbildung eines Objects, das wir dadurch zu empfinden glauben« (l.c. I, 214). In der Empfindung entsteht »eine Veränderung unseres Zustandes, eine neue Modification der Seele«, »die gefühlte Veränderung ist die Empfindung« (l.c. S. 166). Es gibt »äußere«, auch »innere« Empfindungen (l.c. S. 29). PLATNER bestimmt die Empfindungen als »Vorstellungen von den Beziehungen der Sache auf den selbsteigenen Zustand« (Phil. Aphor. I, § 67), als die »bewußten Ideen der Sinnen..., insofern sie verbunden sind mit einem Bewußtsein des gegenwärtigen Zustandes« (l.c. II, § 32). »Empfindnisse« sind die »bewußten Ideen der Phantasie..., insofern sie verbunden sind mit dem Bewußtsein des gegenwärtigen Zustandes« (l.c. § 33). Die Empfindung ist eine »undeutliche Idee« (l.c. § 37). M. HERZ erklärt: »Vorstellung von dem Widerstand haben, welcher der Lebenskraft entgegengesetzt wird, heißt empfinden« (Briefe, 2. Samml. 1784, S. 280).

Nach KANT ist die Empfindung »die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern wir von demselben afficiert werden« (Kr. d. r. Vern. S. 48). »Eine Perception, die sich lediglich auf das Subject als die Modification seines Zustandes bezieht, ist Empfindung« (l.c. S. 2.8). Sie setzt die »wirkliche Gegenwart des Gegenstandes« voraus (l.c. S. 76). Ihr »correspondiert« die »Materie« (s. d.) der Erscheinung. Empfindung hat einen subjectiven und, vorzugsweise, einen objectiven Sinn. »Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust Empfindung genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck etwas ganz anderes, als wenn ich eine Vorstellung einer Sache (durch Sinne, als eine zum Erkenntnis gehörige Receptivität) Empfindung nenne. Denn im letzteren Falle wird die Vorstellung auf das Object, im erstern aber lediglich auf das Subject bezogen...« K. will daher die subjective Empfindung »Gefühl« (s. d.) nennen. »Die grüne Farbe der Wiesen gehört zur objectiven Empfindung, als Wahrnehmung eines Gegenstandes des Sinnes« (Kr. d. Urt. § 3).

S. MAIMON erblickt in der Empfindung eine »Modification des Erkenntnisvermögens«, ein »Leiden«, eine »bloße Idee, zu der wir uns durch Verminderung[255] des Bewußtseins immer nähern« (Vers. S. 168). Nach J. G. FICHTE ist die Empfindung eine (unbewußte) geistige Function, »eine Handlung des Ich, durch welche dasselbe etwas in sich aufgefundenes Fremdartiges auf sich bezieht, sich zueignet, in sich setzt« (Gr. d. g. Wiss. S. 351). »Die aufgehobene, vernichtete Tätigkeit des Ich ist das Empfundene« (l.c. S. 349). (Diese active Auffassung der Empfindung steht im Gegensatz zur passiven Natur der Empfindung bei KANT.) Ähnlich lehrt SCHELLING, indem er die Empfindung aus einer Selbstbegrenzung des Ich ableitet (Syst. d. tr. Ideal. S. 102). Empfinden ist »Selbstanschauen in der Begrenztheit« (l.c. S. 108, 111). »Wenn wir empfinden, empfinden wir nie das Object; keine Empfindung gibt uns einen Begriff von einem Object, sie ist das schlechthin Entgegengesetzte des Begriffs (der Handlung), also Negation von Tätigkeit« (l.c. S. 110). Das Ich empfindet, »wenn es in sich findet etwas ihm Entgegengesetztes, d.h. weil das Ich nur Tätigkeit ist, eine reelle Negation der Tätigkeit, ein Afficiertsein« (l.c. S. 123). »Alle Realität der Erkenntnis haftet an der Empfindung« (l.c. S. 114). L. OKEN bestimmt die Empfindung als »unendliche, centrifugale Tätigkeit«, HEGEL als ein »Sich-selbst-in-sich-finden« (Naturphilos. S. 429). Sie ist die unterste Stufe des Zu-sich-kommens der »Idee« (s. d.), nämlich die »Form des dumpfen Webens des Geistes in seiner bewußt- und verstandlosen Individualität, in der alle Bestimmtheit noch unmittelbar ist« (Encykl. § 400). Empfinden ist ein »Verinnerlichen und zugleich Verleiblichen« der ursprünglichen Bestimmtheit, das »gesunde Mitleben des individuellen Geistes in seiner Leiblichkeit« (l.c. § 401). Nach J. E. ERDMANN ist Empfinden ein »In-sich-finden« der Leibeszustände (Psychol. Br.4, S. 162 ff.). Empfindung ist ein Zustand, der durch das Zusammentreffen eines Afficierenden und eines Empfindenden entsteht (Gr. d. Psychol. § 69). K. ROSENKRANZ erklärt: »Das Empfinden setzt immer: 1) ein Subject voraus, das empfinden, 2) einen Inhalt, der von demselben empfunden werden kann. Beide sind an sich als Möglichkeiten voneinander getrennte Existenzen. Das Empfinden selbst ist der Proceß, in welchem die Möglichkeit der Einheit des Empfindbaren und des Empfindenden sich verwirklicht« (Psychol.3, S. 126). Das Empfinden ist »Vergeistigung der von außen kommenden organischen Erregungen, welche sich durch die Vermittelung der sensitiven Nerven individualisieren« und »Verleiblichung der von innen... entstehenden Erregungen« (l.c. S. 127). »Die Empfindung ist das unmittelbare Dasein des Geistes in seiner, unmittelbaren Identität mit der Natur, worin er sich ebensosehr durch sie als durch sich bestimmt findet.« »Die Empfindung ist zunächst die durch die Affection des Organismus gesetzte Bewegung: die äußere Empfindung; sodann aber umgekehrt die durch die Spontaneität des Geistes gesetzte Bewegung: die innere Empfindung« (l.c. S. 129). Nach HILLEBRAND hat sich die Seele in der Empfindung »als beziehungslose, unmittelbare, endlich-bestimmte Einheit mit der Natur« (Phil. d. Geist. I, 143). Die Empfindung ist ein Act der Seele (l.c. S. 144). Alle besonderen Empfindungen sind »Modificationen einer Ur- und Centralempfindung«, d.h. der Individual- oder Selbstempfindung (l.c. S. 148). Die Empfindungen sind »das Resultat des Wechselwirkens mehrerer Substanzen,« beruhen auf objectiver Action und subjectiver Reaction (l.c. S. 154). Es gibt Existentialempfindungen (Vital-, Virtualempfindungen) und Actualempfindungen (l.c. S. 148 ff.). Nach SCHLEIERMACHER liegt der Empfindung ein Aufnehmenwollen des Reizes seitens der Seele zugrunde (Dial. S. 420). Die Empfindung ist eine Action des Geistes selbst; durch dessen »Geöffnetsein« nach außen entsteht mittelst der »organischen [256] Function« die Mannigfaltigkeit der Empfindungen (l.c. S. 386 ff.). BENEKE: betont, die Empfindungen enthielten schon eine »Selbstbetätigung des Geistes« (Log. II, 24, 28); es gehen ihnen Aneignungskräfte in der Seele voraus (s. Wahrnehm.). GEORGE unterscheidet Empfindung und Vorstellung (s. d.). Erstere ist »der Eindruck, welchen die sensiblen Nerven durch die Reize der Außenwelt erfahren« (Lehrb. d. Psychol. S. 44). FORTLAGE findet in jeder Empfindung schon einen Trieb (s. d.) enthalten. Nach J. H. FICHTE ist die Empfindung ein Product des Geistes, das auf Trieben beruht (Psychol. I, S. 195 ff.). Sie ist ein »Innewerden des unwillkürlichen Gebundenseins durch einen unmittelbar sich aufdrängenden Inhalt« (l.c. S. 260). Nach ULRICI ist die Empfindung ein Product und zugleich ein Leiden der Seele (Leib u. Seele S. 282). LOTZE versteht unter einfacher Empfindung das »bewußte Empfinden einer einfachen Sinnesqualität« (Med. Psychol. § 16, S. 180). Die Empfindungen sind »Erscheinungen in uns, welche zwar die Folge von äußeren Reizen, aber nicht die Abbilder derselben sind« (Gr. d. Psychol. § 13). FECHNER bemerkt, die einfache Empfindung sei an zusammengesetzte physische Vorgänge gebunden (Elem. d. Psychophys. II, C. 37, Üb. d. Seelenfr. S. 212). Nach FROHSCHAMMER ist die Empfindung »das Sich-inne-finden als Subject und das Innewerden des eigenen teleologisch organisierten Wesens«, ein »Formbilden, ein Sich-gestalten nach innen zu« (Monad. u. Weltphant. S. 36 f.).

Nach HERBART enthält jede Empfindung eine »absolute Position« (s. d.), einen Hinweis auf das Seiende (Met. II, S. 90). Die Empfindung ist eine einfache Vorstellung (s. d.). Sie ist eine »Selbsterhaltung der Seele, die sich selbst nicht sieht und nichts davon weiß, daß sie in allen ihren Empfindungen sich selbst gleich ist, und vollends nichts davon, daß diese ihre Zustände abhängen vom Geschehen in zusammentreffenden Wesen außer ihr, deren eigene Selbsterhaltungen ihr in keiner Weise bekannt werden können« (Met. II, S. 340). Zwar ist die Empfindung nur Ausdruck der inneren Qualitäten der Seele, aber »die Ordnung und Folge der Empfindungen verrät das Zusammen und Nichtzusammen der Dinge« (l.c. S. 341). NAHLOWSKY unterscheidet scharf zwischen Empfindung und Gefühl. Empfindungen sind »alle jene Zustände, die auf der bloßen Perception organischer Reize beruhen« (Das Gefühlsleb. S. 27). Sie sind »ursprüngliche« Zustände »primitiver« Art (l.c. S. 28). Die Empfindung ist als solche subjectiver Natur, ist sie ja doch »eine Innen-Findung, ein Aufgestörtwerden, ein Eben-nur-sich- (und-nicht-anderes-) finden; – ein Selbsterhaltungs-Act, und zwar der einfachste und ursprünglichste«. »Das Subjective der Empfindung wird erst abgestreift durch Beihülfe der Association und Reproduction, durch ihre Ausgestaltung zu Bild und Begriff« (l.c. S. 20 f.). Die Empfindung, diese »Antwort der Seele auf die ihr zugeleiteten organischen Reize«, ist »der erste Ansatz zu einen Bewußtsein«, sie »repräsentiert ein psychisches Element« (l.c. S. 28). Es gibt: Innen- oder Körperempfindung und Außen- oder Sinnesempfindung (l.c. S. 35). »Empfindungsinhalt« ist »das specifisch Eigentümliche des isoliert fortgeleiteten Reizes«, »Ton der Empfindung« ist »der Störungswert dieser bestimmten Reizung..., d.h. das besondere Verhältnis, in welches sich dieser Reiz, teils zu der im Moment vorhandenen Stimmung des Nerven und der Centralorgane, teils mitunter selbst zu den Processen des vegetativen Lebens setzt« (l.c. S. 13). Nach VOLKMANN ist die Empfindung der »Zustand, welcher von der Seele bei Veranlassung des ihr entgegengebrachten Nervenreizes entwickelt ist« (Lehrb. d. Psychol. I4, 212),[257] ein »In-sich-finden der Seele«, ein »Zustand, den die Seele, von außen dazu veranlaßt, aus sich selbst entwickelt« (l.c. S. 214). Nach STEINTHAL bedeutet Empfinden »vermittelst der Sinne Erregungen seitens der Elemente empfangen und bewußt werden lassen« (Einl. in d. Psychol. S. 318). LIPPS unterscheidet objective und subjective Empfindungen (Gefühle) (Gr. d. Seelenleb. S. 298).

Nach MAINE DE BIRAN enthält die Empfindung zwei Factoren: »affection simple« und »élément personnel« (einfaches Ichbewußtsein, Oeuvr. II, 115). Nach W. HAMILTON ist die Empfindung von der Wahrnehmung zu unterscheiden: je lebhafter jene, desto schwächer diese. H. SPENCER sieht auch in den Empfindungen (subjective) Wahrnehmungen (Psychol. II § 353). Die Empfindungen sind die geistigen Atome (l.c. I, C. 2), die »subjectiven Seiten solcher Nervenveränderungen..., welche nach dem allgemeinen Centrum der Nervenverbindungen übertragen worden sind« (l.c. § 43). Jede Empfindung ist schon eine Widerstandsempfindung. So auch HÖFFDING (Psychol. S. 283), nach dem, durch das »Beziehungsgesetz«, die Empfindungen zur Einheit des Bewußtseins verbunden sind (l.c. S. 149 ff.; ähnlich LADD, Psychol. p. 659 ff.; JAMES, Princ. of Psychol. I, 224 ff., 449 ff., 483 ff.). Nach A. BAIN ist die Empfindung (»mental impression«) ein »state of consciousness«, der durch »external causes« veranlaßt wird (Sens. and Int.3, C. 2). Nach SULLY ist die Empfindung ein »einfacher geistiger Zustand, der sich aus der Reizung des äußeren Endes eines zuführenden Nerven ergipt, wenn diese Reizung auf die höheren Gehirncentren oder psychischen Centren übertragen wird« (Handb. d. Psychol. S. 82). Vollkommen einfache Empfindungen erleben wir niemals (ib.). Die Empfindungen haben eine intellectuelle und emotionelle Seite (l.c. S. 82; vgl. Hum. Mind I, 94: zu den Eigenschaften der Empfindung gehören Qualität, Intensität, »massiveness or extensity«). Ähnlich JAMES (»element of voluminousness«, Princ. of Psychol. II, 134 f.), WARD (Encycl. Britann.9, Art. »Psychology«, p 46, 53), TITCHENER (Outl. of Psychol. p. 76 ff.), STUMPF (Tonpsychol. I, 207 ff.), JODL (Lehrb. d. Psychol. S. 203). BALDWIN bestimmt als Eigenschaften der Empfindung »quantity« (Qualität und Intensität), »duration«, »tone« (Gefühlston) (Handb. of Psychol. I, 85). – SERGI erklärt: »La sensation, est... un phénomène qui se produit alors que la force psychique est provoquée à agir par la force extérieure de la nature, d'une façon qui lui est propre, par une manifestation, qui est commune et constante« (Psychol. p. 17).

HELMHOLTZ unterscheidet »Modalität« und »Qualität« (s. d.) der Empfindung, die ihm als Perception eines Nervenzustandes gilt. Die Empfindungen sind subjective Symbole für objective Vorgänge, »nur Zeichen für die äußeren Objecte«, nicht Abbilder (Vortr. u. Red. I4, 393), »eine durch unsere Organisation uns mitgegebene Sprache, in der die Außendinge zu uns reden« (ib.). So auch A. LANGE (Gesch. d. Mat.), ÜBERWEG (Logik), A. FICK (Vers. üb. Urs. u. Wirk.2), B. ERDMANN (Ax. d. Geom. S. 83 f.). Nach E. DÜHRING hat jede Empfindung eine objective Bedeutung (Wirklichkeitsph. S. 276 f.). – CZOLBE führt die Empfindung auf Projection der von den Dingen sich ablösenden Qualitäten, die zur Seele gelangen, durch diese in den Raum, also auf eine Kreisbewegung zurück (N. Darstell. d. Sensual. S. 27 ff.). Später betont er die Ursprünglichkeit der Empfindungen; diese sind nebst den Gefühlen die Elemente alles Seelischen (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 198). Empfindungen und Gefühle sind latent immer vorhanden, sie werden »aus dem die Körperwelt, mithin auch das Gehirn der Menschen und Tiere durchdringenden unbegrenzten [258] Raume, in welchem sie als sein ruhender Inhalt, als tote, unsichtbare Spannkraft überall verborgen sind, durch ganz bestimmte Gehirnbewegungen als lebendige, zum Bewußtsein kommende Kräfte frei gemacht oder ausgelöst« (l.c. S. 200; s. Weltseele). Nach E. HAECKEL, L. NOIRÉ, HERING, B. WILLE u. a. ist die Empfindung eine Ureigenschaft aller Körperelemente. Vgl. PREYER, Elemente d. reinen Empfindungslehre.

HORWICZ betrachtet die Empfindung als Entwicklungsproduct des Gefühles. Jede Empfindung enthält eine Bewegung, einen Trieb der Annäherung oder Abwehr (Psychol. Anal. I, 306, 308, III, 46, 48). Als das Primäre der Empfindung betrachtet das Gefühl (s. d.) auch TH. ZIEGLER. SO auch E. V. HARTMANN, nach welchem die Empfindung ein »Product activer synthetischer Intellectualfunctionen« ist (Kategor. S. 55). Die Empfindung ist »eine für das Bewußtsein des zusammengesetzten Individuums überschwellige Synthese aus unterschwelligen Empfindungen und Gefühlen der umspannten Individuen nächsttieferer Stufe, letzten Endes aber eine indirecte Synthese aus qualitätslosen Lust- und Unlust-Gefühlen der Uratome« (Mod. Psychol. S. 195 f.).

Nach O. SCHNEIDER ist Empfindung der rein subjective »Zustand des durch Sinnesreize erregten Innewerdens« (Transcendentalpsychol. S. 39). BERGMANN sieht in der Empfindung das »letzte Element, welches die Analyse im wahrnehmenden Bewußtsein findet, insofern dasselbe auf die Außenwelt bezogen ist« (Grundlin. e. Theor. d. Bewußts. S. 38). »Während die Empfindung an sich ein subjectiver Zustand, eine Daseinsweise des empfindenden Subjects ist, findet durch das Bewußtsein gleichsam eine Zersetzung dieses Zustandes statt; der Inhalt der Empfindung oder das Empfundene wird aus dem Zustande als solchem ausgeschieden und als ein selbständiges Wesen dem empfindenden Subject gegenübergestellt« (l.c. S. 34). Nach UPHUES ist die Empfindung »die Auffassung der Sinneseindrücke... als Bewußtseinsinhalte« (Wahrn. u. Empfd. S. 3, 9, 14). Empfindungen sind »die einfachen Bewußtseinsvorgänge, die als erste Begleiterscheinungen der Einwirkungen auf unsern Körper... auftreten« (Psychol. d. Erk. I, 158). Zu unterscheiden sind »ursprüngliche« und »wiederauflebende« Empfindungen (ib.). Empfinden ist nach HUSSERL »die bloße Tatsache, daß ein Sinnesinhalt... in der Erlebniscomplexion präsent ist« (Log. Unt. II, 714). Die Empfindungen sind Componenten des Vorstellungserlebnisses, nicht dessen Gegenstände (l.c. S. 75). Nach RIEHL ist Empfindung »das Bewußtwerden des Unterschiedes zweier Erregungen« (Phil. Krit. II 1, 47). Der Empfindungsvorgang enthält außer der »Reception des Bewußtseins« eine psychische Tätigkeit, einen »Act des Urteilens« (l.c. S. 34). Jede Empfindung hat eine Gefühlsseite (l.c. S. 36); ihr Inhalt selbst ist objectiv (l.c. S 38) Die Empfindung ist »etwas, das nicht wir sind« (l.c. S. 42). »Durch das Gefühl, womit sie das Bewußtsein erregt, gibt sich die Empfindung als etwas kund, das nicht ausschließlich aus uns stammt« (l.c. II 2, 40). Sie »enthält das ganze Bewußtsein im Keime«. »Sie ist das Gefühl, durch einen Reiz afficiert zu sein, Reaction gegen einen Reiz und Vorstellung der Beschaffenheit desselben« (l.c. II 2, 197). Sie ist das bewußte Correlat des Stoffwechsels im Nervensysteme (l.c. S. 207). Nach HODGSON gibt es keine reinen Empfindungen, da alle Bewußtseinsinhalte in den Formen von Raum oder Zeit gegeben sind (Phil. of Reflect. I, 260 f.). – Nach WITTE sind die Empfindungen nichts Ursprüngliches, sondern Schöpfungen des vorempirischen Bewußtseins (We(s. d.) Seele S. 127, 141). Nach REHMKE ist die Empfindung nichts »Concretes«[259] (s. d.), sondern ein »Abstractes« (s. d.), eine Bestimmtheit des Bewußtseins (Allg. Psychol. S. 192 ff., 166 f.). WUNDT bestimmt die Empfindungen als »diejenigen Zustände unseres Bewußtseins, welche sich nicht in einfachere Bestandteile zerlegen lassen« (Grdz. d. phys. Psychol. I4, 2S1). Sie sind Producte der psychologischen Analyse. »Die Elemente des objectiven Erfahrungsinhaltes bezeichnen wir als Empfindungselemente oder schlechthin als Empfindungen« (Gr. d. Psychol.5, S. 36). Diese sind Teile von Vorstellungen, »reine« Empfindungen sind Abstractionsproducte; sie bilden eine Reihe disparater Qualitätensysteme (l.c. S. 16). Die speciellen Empfindungssysteme dürften aus den Empfindungssystemen des »allgemeinen Sinnes« (s. d.) durch allmähliche Differenzierung entstanden sein (l.c. S. 47 f.). Jede Empfindung wird durch einen (äußeren oder inneren) Reiz ausgelöst. Die Empfindung selbst kann nur »als ein intensives Quale betrachtet werden, dessen Verbindung mit anderen ähnlichen Empfindungen zwar durch gewisse regelmäßig coexistierende oder einander folgende Reizeinwirkungen äußerlich veranlaßt, nicht aber im eigentlichen Sinne verursacht werden kann« (Phil. Stud. X, S1). Gemäß dem Princip des psychophysischen Parallelismus (s. d.) muß angenommen werden, daß »nicht der physische Sinnesreiz die Empfindung erzeugt, sondern daß diese aus irgend welchen psychischen Elementarvorgängen entspringt, die unter der Schwelle unsres Bewußtseins liegen, und in denen unser Seelenleben mit einem allgemeinen Zusammenhang psychischer Elementarvorgänge in Verbindung steht« (Vorl. üb. d. Mensch.2, S. 490, ähnlich FECHNER und PAULSEN). Qualität und Intensität sind die Bestimmungsstücke jeder Empfindung (Gr. d. Psychol.5, S. 37; Grdz. d. phys. Psychol. I4, 282). An Wundt schließt sich an G. VILLA (Einl. in d. Psychol. S. 295 u. a.). KÜLPE erklärt: Die erste Klasse der psychischen Elemente »ist dadurch ausgezeichnet, daß das Auftreten der in sie hineinzurechnenden Qualitäten von der Erregung ganz bestimmter peripherischer und wahrscheinlich auch centraler nervöser Organe abhängig ist. Wir nennen die hierher gehörigen elementaren Inhalte des Bewußtseins Empfindungen. Dieser Name bezeichnet also nicht eine allgemeine Fähigkeit der Seele, auf äußere Eindrücke zu reagieren... sondern ist Repräsentant eines Gattungsbegriffs, unter den als reale Vorgänge einzig die besonderen durch das hervorgehobene Merkmal specificierten Elemente fallen« (Gr. d. Psychol. S. 21). »Die Empfindung ist also nichts außer ihren Eigenschaften« (l.c. S. 30); diese sind: Qualität, Intensität, Dauer, Ausdehnung (l.c. S. 30 f.), aber nicht jede Empfindung hat alle diese Eigenschaften (l.c. S. 31). Es gibt »peripherisch erregte« und »central erregte« Empfindungen (l.c. S. 37). ZIEHEN versteht unter Empfindung das »erste psychische Element«, welches einem durch einen Reiz veranlaßten Nervenprocesse entspricht (Leitfad. d. phys. Psychol.2, S. 15). Aus Empfindungen baut sich nach ihm wie nach anderen Associations-psychologen (s. d.) das Seelenleben auf. BRENTANO rechnet die Empfindungen zu den physischen Erscheinungen (Psychol. I, S. 103 ff.). JODL bestimmt die Empfindung als einen »im Centralorgan auf Veranlassung eines ihm von den peripherischen Organen zugeführten Nervenreizes entwickelten Bewußtseinszustand, in welchem ein qualitativ und quantitativ bestimmtes Etwas (Inhalt, aliquid) zur innerlichen Erscheinung kommt« (Lehrb. d. Psychol. S. 169). Die Eigenschaften der Empfindung sind Modalität, Qualität, Intensität, Extensität (bezw. Protensität) (l.c. S. 194). EBBINGHAUS betont, nirgends gebe es isolierte Empfindungen, stets nur Empfindungsverbände (Gr. d. Psychol. I, 10; so auch H. CORNELIUS, Lehrb. d. Psychol. S. 182). Die Empfindung ist »das psychische[260] Äquivalent der Einwirkung eines und desselben real ungeteilt ablaufenden Vorgangs« (Gr. d. Psychol. I, 421). Zu den Eigenschaften der Empfindung gehört räumliche oder (und) zeitliche Ausdehnung (ib.). Jede Empfindung ist ursprünglich von bestimmten Bewegungen gefolgt, entladet sich gleichsam in ihnen (l.c. S. 688). Vgl. A. MEINONG, Üb. Begr. u. Eigensch. der Empfind., Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. XII; WITASEK, Zeitschr. i. Psychol. XIV.

MÜNSTERBERG führt in der Psychologie das ganze geistige Leben auf Empfindungen zurück. Diese sind jedoch Abstractionsproducte. bei denen vom Subject (s. d.) abgesehen wird (Psychol. and Life p. 44 ff.; ähnlich H. RICKERT, Grenz. d. naturwiss. Begriffsbild. I, S. 147 ff.), Die Empfindung ist »derjenige einfachste Bestandteil der Wahrnehmung, der noch in noetischem Verhältnis zu Bestandteilen des Wahrnehmungsobjectes besteht« (Grundz. d. Psychol. I, 310). Nach der »Actionstheorie« (s. d.) ist jede Empfindung an einen motorischen Proceß gebunden, »dem Übergang von Erregung zur Entladung im Rindengebiet zugeordnet«, und zwar derart, »daß die Qualität der Empfindung von der räumlichen Lage der Erregungsbahn, die Intensität der Empfindung von der Stärke der Erregung, die Wertnuance der Empfindung von der räumlichen Lage der Entladungsbahn und die Lebhaftigkeit der Empfindung von der Stärke der Entladung abhängt« (l.c. S. 549, 531).

Als Bestandteile der Wirklichkeit selbst, als Realitäten betrachtet die Empfindungen J. ST. MILL (Examin. p. 225 f.). So auch die Immanenzphilosophie (s. d.). SCHUPPE z.B. bemerkt: »Sind die Empfindungen nicht als subjectiver Zustand oder Tätigkeit, sondern als der Empfindungsinhalt, selbstverständlich mit aller räumlichen und zeitlichen Bestimmtheit, ohne welche er keine concrete Existenz sein könnte, zum Bewußtseinsinhalt gemacht, so ist es diese ganze räumlich-zeitliche Welt, welche ja aus solchen Empfindungsinhalten oder Wahrnehmungen sich aufbaut, nicht also etwa. als innerseelisches Gebilde, sondern ganz so und ganz dieselbe, wie wir sie aus der unmittelbaren Anschauung kennen« (Log. S. 24). Empfindung ist »Bewußtsein mit den und dem Inhalt oder Object«. »Was außerdem eine von dem Empfindungsinhalt wohl zu unterscheidende subjective Tätigkeit des Empfindens sein mag, ist absolut unerfindlich« (1. G. S. 22). Empfinden heißt »einen Bewußtseinsinhalt haben« (l.c. S. 23). CLIFFORD betont: »Die Schlüsse der Physik sind sämtlich Schlüsse, die sich auf meine wirklichen oder möglichen Empfindungen beziehen« (Von d. Nat. d. Dinge an sich S. 27). Die Empfindungen (feelings) bedürfen keines »Trägers«, sie haben selbständige Existenz, sind »Dinge an sich«, bilden den »Seelenstoff« (»mind-stuff«), aus dem das An-sich der Dinge besteht erst bestimmte Complexe von Empfindungen bringen ein Bewußtsein mit sich (l.c. S. 33, 42 ff., 44, 46 ff.). E. MACH erblickt in den Empfindungen (»Elementen«) die Bestandteile der Dinge selbst. Alle Elemente, sofern wir sie als »abhängig« von unserem Organismus bezeichnen, sind insofern »Empfindungen« (Populärwiss. Vorles. S. 226; Analy(s. d.) Empfd.4, S. V, S. 14, 17). Nicht die Körper (s. d.) erzeugen Empfindungen, sondern Elementencomplexe bilden die Körper (l.c. S. 23). Nach R AVENARIUS sind die Empfindungen »Setzungscharaktere« der »Sachen«, d.h. die Elemente der Wirklichkeit, insofern sie »abhängig« sind vom »System C« (s. d.), vom Organismus (Kr. d. rein. Erf. II, S. 78 f.; vgl. KODIS, Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 21, S. 428). Nach OSTWALD empfinden wir nur Unterschiede der Energiezustände gegen unsere Sinnesapparate (vgl. Energie). Vgl. Qualität, Intensität, Wahrnehmung, Sinn, Sensualismus, Impression.[261]

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 252-262.
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