Psychologie (1)

[151] Psychologie (psychê, logos): Seelenkunde, Wissenschaft von der Seele (s. d.), von den seelischen, psychischen Tatsachen und deren Gesetzmäßigkeit. Gegenstand der (empirischen) Psychologie ist das Psychische (s. d.), d.h. die Gesamtheit der unmittelbaren Erlebnisse, der Bewußtseinsvorgänge als solcher, in ihrem causalen Zusammenhange und in ihrer Beziehung zum erlebenden Subject, in ihrer empirischen Unterschiedenheit von den physischen Phänomenen, ohne Ableitung aus einer hypothetischen Seele als unbekanntem Träger des Bewußtseins, wohl aber mit Heranziehung der Einheit des Bewußtseins als Quelle für die Erklärung des Zusammenhangs der Erlebnisse untereinander. Die Psychologie hat die complexen psychischen Gebilde (durch psychologische Analyse) in Momente, Factoren, Elemente zu zerlegen, die psychischen Verbindungen aus der Vereinigung der Elemente, das Auftreten dieser aus den Verbindungen, schließlich aus der (causal-activen) Bewußtseinseinheit zu erklären, wobei sie die Aufstellung psychologischer Gesetze versucht. Der Tatbestand des Psychischen wird durch entsprechende psychologische Methoden (s. d.) bearbeitet. Die psychologische Analyse (s. d.) abstrahiert zwar die Elemente aus dem Bewußtseinsganzen, diese Elemente haben keine selbständig-concrete Existenz, aber als Momente, Teilmöglichkeiten sind sie doch im Bewußtseinsganzen enthalten und sie werden durch die psychologische Abstraction nicht wesentlich qualitativ alteriert, nie aber eliminiert, während die physikalische Analyse gerade vom Qualitativen der Erfahrung völlig abstrahiert. Die empirische Psychologie ist eine selbständige Disciplin, kein Teil der Physiologie (der Naturwissenschaft überhaupt), auch nicht der Metaphysik. Mit ersterer steht sie durch die physiologische Psychologie und die Psychophysik (s. d.) in Verbindung. indem sie das Psychische unter erkenntnistheoretisch-metaphysischen Voraussetzungen untersucht und deduciert, wird sie philosophische Psychologie als Ergänzung, Abschluß der empirischen. Die Psychologie ist die allgemeinste Geisteswissenschaft (s. d.), zugleich eine Basis oder Hülfsquelle der übrigen Geisteswissenschaften, auch der Philosophie, ohne, wie der extreme Psychologismus (s. d.) glaubt, selbst schon Philosophie (Erkenntniskritik, Ethik u.s.w.) zu sein, da ihr das normative, werdende, kritisierende Moment fehlt und da sie, als Specialwissenschaft, einseitig ist. Die Psychologie gliedert sich in Individualpsychologie und Völkerpsychologie. Angewandte Psychologie findet sich in der Pädagogik, Ästhetik, Religionsphilosophie, Sociologie, Psychiatrie u.s.w.

Der Methode nach sind historisch zu unterscheiden: empirische, rationale oder speculative Psychologie. Dem Standpunkte der Richtung nach: intellectualistische (s. d.), voluntaristische (s. d.) Psychologie. Vermögens-, Associations-, Apperceptions- (Actions-)Psychologie. spiritualistische, materialistische, identitätsphilosophische, monistische, dualistische Psychologie. Psychologie als Seelentheorie, Psychologie »ohne Seele«. substantialistische, actualistische Psychologie. Einheits-, atomistische (s. d.) Psychologie. Psychologie des inneren Sinnes (s. d.),[151] der »inneren« Wahrnehmung, der unmittelbaren Erfahrung, der functionellen Beziehung (Abhängigkeit, s. d.).

Der Terminus »Psychologie« ist erst seit CHR. WOLF gebräuchlich. Früher sagte man dafür peri psychês, de anima u. dgl. später Pneumatologie (s. d.). »Psychologia« zuerst bei MELANCHTHON (in dessen Vorlesungen), GOCLEN (als Titel eines Buches 1590) und CASMANN (Psychol. anthropol. 1594). Vgl. J. EBERT, Vernunftlehre S. 10.

Die antike Psychologie ist metaphysisch, Lehre von der Seele (s. d.), forscht nach der Lebenskraft (s. d.), nach Seelenvermögen (s. d.), hat auch einzelne gute empirische Beobachtungen (über Empfindung, Wahrnehmung, Gedächtnis u.s.w.). Ansätze zu einer Psychologie finden sich in den Upanishads, bei HOMER, HESIOD, den ionischen Naturphilosophen, den Pythagoreern, Eleaten, Atomistikern, bei HIPPOKRATES (s. Temperament), bei SOKRATES, PLATO (Phaed., Phaedr., Tim., Republ.). Das erste System der Psychologie findet sich bei ARISTOTELES (peri psychês = de anima, peri aisthêseôs, peri mnêmês kai anamnêseôs, peri hypnou u. a.. vgl. BRENTANO, Psychol. d. Aristotel.). Bei ihm kommt die Empirie, Beobachtung schon mehr zur Geltung. Weiteres psychologisches Material bei THEOPHRAST (De sens.), den Stoikern (vgl. L. STEIN, Psychol. d. Stoa I u. II), Epikureern, Neuplatonikern (vgl. A. RICHTER, Die Psychol. d. Plotin, Neuplat. Stud.h. IV), bei GALENUS u. a.

Die patristische Psychologie hat zur Grundlehre »die Ansicht von der Ewigkeit, Übersinnlichkeit und Freiheit des menschlichen Geistes« (SIEBECK, G. d. Psychol. II 2, 360). Psychologische Bemerkungen bei CLEMENS ALEXANDRINUS, GREGOR VON NYSSA (peri psychês), NEMESIUS (peri physeôs anthrôpou), TERTULLIAN (De anima), besonders bei AUGUSTINUS (De anima, De quantitate animae, De immortal. an., De libero arbitr. u. a.). Die scholastische Psychologie leitet das Psychische aus den Operationen der Seele ab. Man vergleiche: HUGO VON ST. VICTOR (De an.), ALBERTUS MAGNUS (De natura et immortal. an.), THOMAS (Sum. theol., Opuscul., Quaest. disput.), BONAVENTURA (Itinerar. ment.), RAYMUND VON SABUNDE (Viola animae), SUAREZ (De anima) u. a.

Die Renaissancephilosophie betrachtet besonders die Seele als Lebenskraft: AGRIPPA, PARACELSUS, J. B. VAN HELMONT, SIMON PORTA (De anim. 1551) u. a. – Auf Aristoteles stützen sich teilweise ZABARELLA (De anima), MELANCHTHON (Commentar. de anima), GOCLEN Psychologia), CASMANN (Psychol. anthropol.). – Selbständiger ist L. VIVES (De an. et vita), dessen Psychologie die Beobachtung zur Grundlage hat. »Nulla est res alicuius vel praestabilior cognitio, quam de anima, vel iucundior, vel admirabilior« (1. e. praef.). – MICRAELIUS: »Psychologia est doctrina de anima« (Lex. philos. p. 930).

Eine dualistische (s. d.) Psychologie begründet DESCARTES, der zugleich das Physiologische stark heranzieht (Princ. philos., Pass. anim., De hom.) Den Identitätsstandpunkt nimmt SPINOZA ein (Eth.), dessen Affectenlehre (s. d.) von Bedeutung ist. LEIBNIZ betont die Activität des Geistes, führt den Begriff der Apperception (s. d.) und der »petites perceptions« (s. d.) ein. In England tritt eine mehr empirische, analytische Psychologie des inneren Sinnes (s. d.) auf, mit der sich teilweise eine physiologische Betrachtungsweise verbindet. F. BACON (De dignit. IV, 3) eröffnet den Reigen, ihm folgen HOBBES (De hom.), besonders aber LOCKE (s. Association), der die Empfindung (sensation) als ein Element des Bewußtseins bestimmt (Ess. conc. hum. und.), BERKELEY[152] (Princ., besond. auch Theor. of Vision), HUME, A. SMITH, HARTLEY (Observat.), der »Vater der Associationspsychologie«, PRIESTLEY, ERASMUS DARWIN, JAMES MILL u. a. – Eine analytische, teilweise stark physiologische Psychologie tritt in Frankreich auf, wo der Sensualismus (s. d.) blüht: CONDILLAC (Trait. des sensat.), LA METTRIE, HOLBACH, DIDEROT, während BONNET die active Rolle der Aufmerksamkeit (s. d.) mehr würdigt. Er betont, daß »la science de l'âme comme celle des corps, repose également sur l'observation et l'expérience« (Ess. analyt., préf. XXVI). Die Nervenfibern und deren Bewegungen betrachtet er »comme des signes naturels des idées« (1. e. p. XXXII. vgl. Ess. de psychol.). – Descriptiv (teilweise auch genetisch) und vermögenspsychologisch ist die Psychologie der Schottischen Schule (s. d.), REID (Inquir.), DUGALD STEWARD (Philos. of the active and mor. pow.), TH. BROWN (Lectur.), ferner FERGUSON u. a.

Begründer der neueren Vermögenspsychologie ist CHR. WOLF, welcher empirische und rationale Psychologie unterscheidet (schon im Discurs. praelim. logicae, § 112). »Psychologia est scientia eorum, quae per animas humanas possibilia sunt« (Philos. rational. § 58). »Psychologia empirica est scientia stabiliendi principia per experientiam, unde ratio redditur eorum, quae in anima humana fiunt« (Psychol. empir. § 1). »Principia suppeditat rationali« (1. e. § 4). »Psychologia rationalis est scientia praedicatorum eorum, quae per animam humanam possibilia sunt« (Psychol. rational. § 1). »In psychologia rationali reddenda est ratio eorum, quae animae insunt aut inesse possunt« (1. e. § 4). Diese Unterscheidung bei THÜMING, REUSCH u. a., während BAUMEISTER (Elem. philos. recens. § 177) sie fallen läßt. BAUMGARTEN definiert: »Psychologia est scientia praedicatorum animae generalium« (Met. § 501). Und BILFINGER: »Est nobis... psychologia scientia de anima humana, quatenus ea, quae per experientiam de illa cognovimus, ex conceptu aliquo generali possunt legitime deduci et intelligi« (Dilucid. § 238). Gegner Wolfs ist DE CROUSAZ (De mente humana, 1726). Vom Empirismus der Engländer und Franzosen (BONNET u. a.) beeinflußt ist die (teilweise popularisierende) Psychologie bei TETENS (s. Gefühl), MENDELSSOHN (Briefe üb. d. Empf.), GARVE, EBERHARD, TIEDEMANN (Handb. d. Psychol.), SULZER, MEINERS, CAMPE, FEDER, MORITZ (Magazin zur Erfahrungsseelenk.), IRWING, G. F. MEIER: »Die Psychologie ist die Wissenschaft von den Prädicaten der Seele, die sie mit anderen Seelen und Dingen gemein hat« (Met. III, 7), VON CREUTZ, PLATNER (Neue Anthropol.), HEMSTERHUIS (Sur les désirs 1770. Lettres sur l'homme 1772) u. a.

KANT läßt nur eine empirische, eine Psychologie des innern Sinnes, gelten, und auch dieser spricht er den exactwissenschaftlichen Charakter ab. »Die Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie« (Krit. d. r. Vern. H. 638). Die empirische Psychologie aber gehört zur »angewandten Philosophie«, ist aus der Metaphysik zu verbannen (l. c. S. 640). Aber auch von der exacten Naturwissenschaft, schon »weil Mathematik auf die Phänomene des innern Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist..., denn die reine innere Anschauung ist die Zeit, die nur eine Dimension hat«. »Aber auch nicht einmal als systematische Zergliederungskunst oder Experimentallehre kann sie der Chemie jemals nahe kommen, weil sich in ihr das Mannigfaltige der innern Beobachtung nur durch bloße Gedankenteilung voneinander absondern, nicht aber abgesondert aufbehalten und beliebig wiederum verknüpfen, noch weniger aber ein anderes denkendes Subject sich unseren Versuchen der Absicht angemessen von uns unterwerfen läßt,[153] und selbst die Beobachtung an sich schon den Zustand des beobachteten Gegenstandes alteriert und verstellt. Sie kann daher niemals etwas mehr als eine historische, und als solche, soviel möglich systematische Naturlehre des innern Sinnes, d. i. eine Naturbeschreibung der Seele, aber nicht Seelenwissenschaft, ja nicht einmal psychologische Experimentallehre werden« (Met. Anf. d. Naturwiss., Vorr. S. X f.). »Die Psychologie ist für menschliche Einsichten nichts mehr und kann auch nichts mehr werden, als Anthropologie, d. i. als Kenntnis des Menschen, nur auf die Bedingung eingeschränkt, sofern er sich als Gegenstand des innern Sinnes kennt« (Üb. d. Fortschr. d. Met. III, S. 154. vgl. Üb. Philos. überh. S. 167). – Psychologien in diesem oder ähnlichem Sinne schrieben: CHR. E. SCHMID, welcher definiert: »Unter Psychologie in weiterer Bedeutung... wird eine philosophische Wissenschaft verstanden, worin alle Arten von Erscheinungen und Begebenheiten des menschlichen Geistes gesammelt, verglichen und philosophisch geordnet, d.h. auf Gesetze zurückgeführt werden. Diese Erscheinungen werden sowohl an und für sich, als in ihrem regelmäßigen Verhältnis zu den äußeren Phänomenen betrachtet« (Empir. Psychol. S. 13 f.). Ferner ABEL (Einl. in d. Seelenlehre), HOFFBAUER, L. REINHOLD, JACOB (Gr. d. empir. Psychol.), E. REINHOLD (Log. U. Psychol.), MAASS, F. A. CARUS (Psychol.). FRIES, nach welchem die Psychologie (»psychische Anthropologie«) »die Natur des menschlichen Geistes nach der innern geistigen Selbsterkenntnis« untersucht (Psych. Anthropol. § 1). Ähnlich definiert G. E. SCHULZE (Psych. Anthropol.2, § 3). – Nach BIUNDE ist die empirische Psychologie »eine historische oder beschreibende Darstellung der Erscheinungen unseres Innern oder unserer innern zustände und Veränderungen«, eine »Geschichte unserer inneren Zustände und Veränderungen« (Empir. Psychol. I 1, 9. vgl. S. 11, 16 ff.). Die empirische Psychologie »soll die psychischen Zustände in ihrem naturgemäßen Zusammenhange darstellen, so wie sie sich einander bedingen, voraussetzen, veranlassen und verursachen« (l. c. II, 60). Den Ansatz zu einer genetischen Psychologie macht schon CHR. WEISS (Üb. d. Wes. u. Wirk. d. menschl. Seele 1811).

Eine speculative, aus dem apriorisch bestimmten Wesen des Geistes schöpfende Psychologie tritt in den Schulen Schellings und Hegels u. a. auf. So bei SCHUBERT (Gesch. d. Seele. Lehrb. d. Menschen- u. Seelenkunde S. 1 ff.), C. G. CARUS, der die genetische Methode bevorzugt (Vorles. üb. Psychol. S. 21 ff.). Nach ESCHENMAYER ist die Psychologie die Lehre von der empirischen und speculativen »Selbsterkenntnis« (»empirische« und »reine« Psychologie). Sie ist »die Elementarwissenschaft oder die Stammwurzel aller Philosophie« (Psychol. S. 2). Auch H. STEFFENS gehört hierher, der aber auch schon empirischer denkt (Üb. d. wissensch. Behandl. d. Psychol.): »Die Psychologie als Erfahrungswissenschaft ist ein Teil der Naturwissenschaft und muß schlechthin als eine solche behandelt werden« (l. c. S. 192). Die Psychologie muß »einen gesetzlichen Urtypus aller psychischen Entwicklung voraussetzen« (l. c. S. 194). Die genetische Methode ist notwendig (l. c. S. 197. vgl. S. 214). Ferner: HEINROTH (Lehrb. d. Anthropol.. Psychol. S. 4, 159), HILLEBRAND. Nach diesem enthält die Anthropologie des Geistes die Psychologie, Pragmatologie (s. d.) und Philosophie der Geschichte (Philos. d. Geist. I, S. V). Die Psychologie ist die »Theorie des Geistes in seiner subjectiven gegebenen Daseinlichkeit« (1. e. I, 84). Sie besteht aus der Metaphysik und der Physik der Seele (ib.). Nach LICHTENFELS ist die psychische Anthropologie »die gesetzrnäßige Darstellung der übersinnlichen Tätigkeit des Menschen als Bestimmungsgrundes der[154] intellectuellen und sinnlichen« (Gr. d. Psychol. S. 14). Ähnlich ENNEMOSER (Der Geist d. Mensch. in d. Nat.), NÜSSLEIN (Gr. d. allg. Psychol.). Vgl. MUSSMANN, Lehrb. d. Seelenwissensch.. F. FISCHER, Die Naturlehre d. Seele. ESSER, Psychol.. AUTENRIETH, Ansicht. üb. Nat. u. Seelenleb.. SCHLEIERMACHER, Psychol. (WW. III, 15). J. J. WAGNER, Anthropol.. SCHEVE, Vergleichende Psychol.. CHR. KRAUSE unterscheidet empirische und metaphysische Psychologie (Vorles. üb. d. Syst. S. 79 f.. vgl. Vorles. üb. d. psych. Anthropol.). Ähnlich LINDEMANN (Die Lehre vom Mensch.), AHRENS (Cours de la psychol.), TIBERGHIEN (Psychol. 1862, 3. ed. 1872). – HEGELS Psychologie ist constructiv (s. d.), betrachtet die seelischen Vorgänge als Momente, Stufen der dialektischen Entwicklung des Geistes (vgl. Encykl.. Phänomenol.). Als Desiderat wird eine »psychische Physiologie« bezeichnet (Encykl. § 401). Im Geiste Hegels DAUB (Anthropol.), MICHELET (Anthropol.), SCHALLER (Psychol. I), J. E. ERDMANN: »Der Gegenstand der Psychologie ist der subjective Geist,« die »dialektische Entwicklung des Begriffs des Geistes« (Grundr. § 1, § 5). K. ROSENKRANZ gliedert die Psychologie in Anthropologie, Phänomenologie, Pneumatologie (Psychol.3, S. 42). – Vermögenspsychologien mit teils speculativer, teils mehr empirisch-analytischer Tendenz sind die Arbeiten von: GALUPPI (Psicologia), nach welchem die Psychologie »scienza delle facoltà dello spirito« ist (Elem. di filos. I, 141). ROSMINI (Psicologia), V. COUSIN, nach welchem die Psychologie ist »l'êtude de la pensée et de l'esprit qui en est le sujet« (Du vrai p. 3), W. HAMILTON: nach welchem die Psychologie ist »the science conversant about the phenomena, or modifications, or states of the mind, or conscious-subject, or soul, or spirit, or self, or ego« (Lect. VIII, p. 129). Die Psychologie zerfällt in Phänomenologie, Nomologie, Ontologie oder Metaphysik. Vgl. ferner HICKOK, Rational Psychol. 1848. Empir. Psychol. 1854. BAILEY, Letters on philos. of hum. mind. – In Frankreich treten teils gegen den Sensualismus, teils gegen den Materialismus (vgl. CABANIS, Trait.) auf: LAROMIGUIÈRE (Leçons), DESTUTT DE TRACY (Elem. d'idéol.), MAINE DE BIRAN, ROYER-COLLARD, JOUFFROY: »La psychologie est la science des faits de science« (Préf. zu Dug. Stew. 1826), der die Selbständigkeit der Psychologie betont (vgl. Mél. philos.3: »La psychologie est la science du principe intelligent, de l'homme, du moi,« l. c. p. 191). Vgl. TAINE, De l'Intellig. – COMTE bestreitet die Möglichkeit einer subjectiven, auf innerer Beobachtung (s. d.) fußenden Psychologie (Cours de philos. pos. I2, p. 30 f.).

Gegen die Vermögenspsychologie wendet sich HERBART mit seiner metaphysisch fundierten, intellectualistischen, die Seele (s. d.) als einfaches, sich selbst erhaltendes Wesen auffassenden Psychologie, auf die er Mathematik anwendet (Statik und Mechanik der Vorstellungen, s. d.). Die Psychologie geht aus der allgemeinen Metaphysik hervor (Lehr. zur Einl.5, S. 67. Lehrb. zur Psychol. S. 1). Sie überschreitet, als »Ergänzung der innerlich wahrgenommenen Tatsachen«, notwendig die Erfahrung (Psychol. als Wiss. I, § 11, 14). »Die Psychologie hat einige Ähnlichkeit mit der Physiologie: wie diese den Leib aus Fibern, so construiert sie den Geist aus Vorstellungsreihen« (l. c. S. 180). Sie ist »die Lehre von den innern Zuständen einfacher Wesen« (Encykl. S. 240). Ähnlich lehren: STIEDENROTH (Psychol.), SCHILLING (Lehrb. d. Psychol.), nach welchem die Psychologie »das geistige Leben nach seiner Beschaffenheit und Gesetzmäßigkeit und nach seinen Gründen« zu erforschen hat (l. c. S. 3). DROBISCH (Empir. Psychol.), WAITZ, nach welchem die Aufgabe der Psychologie besteht in der »Darstellung des notwendigen Entwicklungsganges, den die[155] Weltansicht des natürlichen Menschen nimmt und nehmen muß« (Psychol. S. 12). VOLKMANN. nach ihm ist die Psychologie »jene Wissenschaft, welche sich die Aufgabe stellt, die allgemeinen Klassen der psychischen Phänomene aus den empirisch gegebenen Vorstellungen und dem speculativen Begriffe der Vorstellung nach den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslebens zu erklären« (Lehrb. d. Psychol. I4, 33). DRBAL (Empir. Psychol.), LINDNER (Empir. Psychol.) u. a. – Hier sind auch STEINTHAL (Einleit. in d. Psychol.) und LAZARUS (Leb. d. Seel. I2, S. VI ff.), die Begründer der Völkerpsychologie (s. d., vgl. A. BASTIANS Schriften) zu nennen.

An Stelle der Seelenvermögen setzt BENEKE die »Angelegtheiten« (s. d.) und »Grundprocesse« (s. Proceß). Die Psychologie ist »ganz nach der Methode der übrigen Naturwissenschaften zu behandeln« (Lehrb. d. Psychol.3, § 12). »Gegenstand der Psychologie ist alles, was wir durch die innere Wahrnehmung und Empfindung auffassen« (l. c. § 1). Noch halbspeculativ sind die Psychologien von L. GEORGE (Lehrb. d. Psychol.), ULRICI (Leib u. Seele), FORTLAGE (Syst. d. Psychol.), J. H. FICHTE (Anthropol., Psychol.). die Psychologie besteht »in der durchgeführten, bis auf den Grund des eigenen Wesens vordringenden Selbsterkenntnis des Geistes« (Psychol. I, 714). E. v. HARTMANN, der seine Psychologie auf das Unbewußte (s. d.) gründet. »Wissenschaft wird die Psychologie erst dann, wenn sie zur Feststellung gesetzmäßiger Zusammenhänge fortschreitet, also über die Erfahrung zu Hypothesen fortschreitet, durch welche die Erfahrung erklärt wird. Hier läßt die Beschreibung völlig im Stich. denn Zusammenhänge werden niemals erfahren, sondern immer nur durch Ausdeutung des Erfahrenen hinzugedacht. Erlebt u erden allerdings diese Zusammenhänge, aber nur unbewußt indem die eigene unbewußt psychische Tätigkeit es ist, die sie unbewußt setzt« (Mod. Psychol. S. 23). Die Psychologie ist diejenige Wissenschaft, »welche die gesetzmäßige Abhängigkeit der bewußt psychischen Phänomene von dem jenseits des Bewußtseins Belegenen untersucht« (l. c. S. 25). »Die Psychologie ist wesentlich die Wissenschaft, welche die Ursachen und Gesetze für die Entstehung des Bewußtseins nach Form und Inhalt und für die Veränderungen des Bewußtseinsinhalts aufsucht« (l. c. S. 30. vgl. S. 453 ff.). – In anderer Weise, empirischer, betont das Unbewußte (s. d) LIPPS, nach welchem die Psychologie »die Wissenschaft von dem Getriebe des seelischen Lebens überhaupt, seinen Elementen und allgemeinen Gesetzen« ist (Grundtats. d. Seelenleb. S. 4).

An die Traditionen des 18. Jahrhunderts knüpft die Associationspsychologie (s. d.) von BAIN u. a. an. Sie tritt teilweise in physiologischer, biologischer Form auf, ist teilweise auch genetisch. – Nach J. ST. MILL: ist die Aufgabe der Psychologie die Untersuchung des Zusammenhanges des Bewußtseins (Log. I, 6, C. 4, § 3), ihr Gegenstand sind die Uniformitäten der Successionen der Bewußtseinsvorgänge (l. c. I, 4, C. 1, § 3 ff). Nach LEWES ist die Psychologie »the science of the facts of sentience« (Probl. III, 7). »Psychology is the analysis and classification of the sentient functions and faculties, revealed to observation and induction, completed by the reduction of them to their conditions of existence, biological and sociological« (l. c. III, 6. vgl. p. 9 ff.). Die Psychologie ist »the science of psychical phenomena« (l. c. I, p. 109). Der sociale Factor der Psychologie ist zu berücksichtigen (l. c. III, 71 ff.. I, 152 ff.). Die genetische Methode betont H. SPENCER (Psychol. I, § 129). Er unterscheidet objective (biologische, physiologische) und subjective Psychologie (l. c.[156] I, § 56). Das Physiologische, Motorische berücksichtigt stark RIBOT. Nach ihm ist die Psychologie eine selbständige Wissenschaft (Psychol. Angl.2, p. 22 f.). Sie hat zum Object nur »les phénomènes, leurs lois et leurs causes immédiates«, nicht die Seele (l. c. p. 34. vgl. schon A. LANGE: »Psychologie ohne Seele«, Gesch. d. Material. S. 465). Die »psychologie descriptive« ist »l'étude des phénomenes de conscience... considérés sous leurs aspects les plus generaux« (l. c. p. 42). Associationist war früher MÜNSTERBERG (vgl. Beitr. zur exper. Psychol. H. I, S. 17 ff.), der die Abhängigkeit des Psychischen (s. d.) vom Physischen betont (s. unten). Associationistisch und physiologisch ist die Psychologie von ZIEHEN (Leitfad. d. phys. Psychol.). – E. HAECKEL betrachtet die Psychologie als Teil der Physiologie (Der Monism. S. 22). Physiologisch ist die Psychologie von MAUDSLEY, auch die von SERGI: »La psychologie s'occupe des phénomènes organiques, qui ont pour caractère prédominant la conscience de la fonction, lesquels phénomènes se produisent dans les centres de relation, et en même temps des antecédents immédiats des mêmes phénomènes conscients« (Psychol. p. 12), teilweise auch von R. ARDIGÒ (Psicologia3, 1882. Unità della conscienza, 1898). Über die »Abhängigkeits«-Psychologie s. unten.

Als Vorstufen der modernen experimentellen Psychologie sind die Arbeiten von J. MÜLLER, E. H. WEBER (Tastsinn u. Gemeingef.). Einführung des psychol. Experiments), DONDERS, DU BOIS-REYMOND, PREYER, HERING u. a. zu betrachten. Auch LOTZE (Med. Psychol.) ist hier zu nennen. Die Psychologie fragt nach ihm: »Unter welchen Bedingungen und durch welche Kräfte entstehen die einzelnen Vorgänge des geistigen Lebens, wie verbinden und modificieren sie sich untereinander und wie bringen sie durch dies Zusammenwirken das Ganze des geistigen Lebens zustande« (Gr. d. Psychol. S. 5 f.. vgl. Klein. Schrift. II. 203 f.. Met. VI, 17, 477). Physiologisch ist teilweise auch die Psychologie von HORWICZ (Psychol. Anal.), der das Gefühl (s. d.) zum psychischen Element macht (so auch TH. ZIEGLER). Begründer der Psychophysik (s. d.) ist FECHNER. Die experimentelle reine Psychologie (nicht bloß als Psychophysik) begründet systematisch WUNDT (s. unten). Vgl. die Werke von A. BINET (Introduct. à la psychol. expérim. 1894), TITCHENER (Experim. Psychol. 1900), SCRIPTURE (The new Psychol. 1897), SANFORD (Course in exper. Psychol. 1894), LADD (Elem. of physiol. Psychol. 1890), W. JAMES (Principl. of Psychol. 1891: Gegner der Associationspsychologie), CATTELL, RICHET (Essai de psychol. générale), MOSSO, CESCA, G. VILLA, MÜNSTERBERG, KÜLPE, MEUMANN, ERBINGHAUS, STUMPF, SCHUMANN, L. W. STERN, G. MARTIUS (Üb. d. Ziele u. Ergebn. d. experim. Psychol. 1888), KRAEPELIN u. a. (vgl. Philos. Stud. I ff.).

Als Gegenstand der Psychologie bezeichnen viele die innere Erfahrung bezw. die Bewußtseinsvorgänge als solche. So HAGEMANN, nach welchem die Psychologie die »Wissenschaft von den allgemeinen bewußten Seelenäußerungen« ist (Psychol.3, S. 2, Erklärung aus dem »Seelenwesen als Realprincip«. vgl. die Psychologien von ROTHENFLUE, TONGIORGI, SANSEVERINO, GRATRY, UBAGH, W. KAUTLICH, Handbuch der Psychol. 1870, GUTBERI.ET, Kampf um d. Seele, u. a.). GLOGAU: Psychologie ist »die Lehre vom subjectiven Geiste« (Gr. d. Psychol. S. 16). H. SPITTA: Psychologie ist »Phänomenologie des Bewußtseinss« (Die psychol. Forsch. S. 8, vgl. S. 20). WITTE (Wes. d. Seele), der gegen die »Psychologie ohne Seele« ist (l. c. S. 1 ff.). O. LIEBMANN (Psychol. Aphor., Zeitschr. f. Philos. Bd. 101, S. l ff.). B. ERDMANN: Aufgabe der Psychologie ist, »den gesetzmäßigen Zusammenhang der Bewußtseinsvorgänge untereinander,[157] sowie mit den unbewußten und den ihnen correlaten Bewegungsvorgängen in unserem Organismus zu untersuchen« (Log. I, 18). SCHUPPE: nach ihm ist die Psychologie die Wissenschaft vom individuellen Subject im Unterschiede von der Lehre vom »Bewußtsein überhaupt« (Zeitschr. f. imman. Philos. I, 37 ff., 50, 64 f.). SCHUBERT-SOLDERN: Die Psychologie berücksichtigt »die subjectiven Beziehungen innerhalb der Bewußtseinswelt allein« (Gr. ein. Erk. S. 45), ist »die Lehre von der Reproduction als Grundlage und Bedingung der Welt der Wahrnehmung« (I. c. S. 340). REHMKE: die Psychologie hat die Aufgabe, »die Gesetzmäßigkeit der Veränderungen, welche man das Seelenleben nennt, klar zu begreifen« (Allgem. Psychol. S. 10). das Seelenleben ist nicht anschaulich gegeben, während das Gebiet der Naturwissenschaft das anschaulich Gegebene ist (l. c. S. 11). Auch H. CORNELIUS (wie schon LIPPS) lehrt eine reine (nicht physiologische) empirische Psychologie (Psychol. S. III), als »Wissenschaft von den Tatsachen des geistigen Lebens oder den psychischen Tatsachen« (l. c. S. 1). Die Psychologie hat diese Tatsachen »vollständig und in der einfachsten Weise zu beschreiben« (l. c. S. 5). Der psychologische Atomismus (s. d.) ist abzulehnen. – Eine (auf innerer Wahrnehmung fußende) beschreibende, descriptive Psychologie, unabhängig von der Physiologie, lehrt schon F. BRENTANO (Psychol. I, 23, 84). vgl. die Arbeiten von MARTY, MEINONG, HÖFLER (Psychol.). So auch (in anderer Weise) DILTHEY (Einl. in d. Geisteswiss. I, 40 f.. Ideen üb. eine besehreib. u. zergliedernde Psychol. 1894, S. 23, 55). die Psychologie beschreibt hypothesenfrei die Gleichförmigkeiten in der Abfolge der seelischen Structur (l. c. S. 84. vgl. Sitzungsberichte d. K. Preuß. Akad. 1896, XIII. dagegen EBBINGHAUS, Zeitschr. f. Psychol. 9. Bd., 179 ff.). – Nach R. WÄHLE ist die Psychologie rein beschreibend, sie erklärt nur, soweit sie den psychischen Erscheinungen physiologische Vorgänge coordinieren kann (Gehirn u. Bewußts. 1884. Zeitschr. f. Psych. Bd. 1, 312, u. Bd. 16. s. unten MÜNSTERBERG). »Die Aufgabe der allgemeine philosophischen Psychologie ist einfach die, den phänomenalen Bestand an Ereignissen... zu ermitteln, für welche die Psychologie die Gesetze der Entstehung, Succession und Ursachen eruieren soll« (Das Ganze d. Philos. S. 157 f.). Es kann nur eine Aggregat-Psychologie geben, »nach welcher nur Qualitäten, Farben, Leibesempfindungen, Erinnerungsbilder etc. und Qualitätenreihen existieren« (l. c. S. 165 ff.). »Unser ganzes psychisches Leben ist nur ein Mosaik« (l. c. S. 171). Das geistige Leben ist nur eine »Folge von Vorstellungen« (l. c. S. 427).

Nach P. NATORP hat die Psychologie die Aufgabe, »die Zurückleitung der bis zu einem gewissen Punkte durchgeführten Construction des Gegenstandes bis auf die letzten erreichbaren subjectiven Quellen im unmittelbaren Bewußtsein, von denen sie ausgegangen war, gleichsam durch Umkehrung jenes ganzen Processes der Objectivierung« (Arch. f. system. Philos. VI, 221). Sie reconstruiert aus den Objecten die ursprüngliche subjective Erscheinung (Einl. in d. Psychol. S. 94 ff., 120). Nach H. COHEN entwirft die Psychologie »die Beschreibung des Bewußtseins aus seinen Elementen«. »Diese Elemente müssen daher hypothetische sein und bleiben, dieweil dasjenige, womit in Wahrheit das Bewußtsein beginnt und worin es entspringt, kein mit Bewußtsein Operierender auszugraben und festzustellen vermag« (Log. S. 5). Die Psychologie hat zum Gegenstand die »Einheit des Bewußtseins« (l. c. S. 16), das Subject (ib.), ihr Wert liegt im »Problem der Einheit des Culturbewußtseins, welches sie allein im Gesamtgebiet der Philosophie zu verwalten hat«. Sie gehört zum System[158] der Philosophie (l. c. S. 16). Nach HUSSERL, hat die Psychologie, descriptiv, »die Ich-Erlebnisse (oder Bewußtseinsinhalte) nach ihren wesentlichen Arten und Complexionsformen zu studieren, um dann – genetisch – ihr Entstehen und Vergehen, die causalen Formen und Gesetze ihrer Bildung oder Umbildung aufzusuchen« (Log. Unt. II, 336).

Nach STÖRRING ist die Psychologie die »Wissenschaft von den Bewußtseinsvorgängen« (Psychopathol. S. 2). Gegen die »Psychologie ohne Seele« und den Associationismus ist L. BUSSE (Geist u. Körp. S. 337, 347). – Vermittelnd lehrt HÖFFDING. Psychologie ist »die Lehre von der Seele« (Psychol. S. 1), d.h. hier vom Inbegriffe aller innern Erfahrungen (l. c. S. 15). Die subjective muß durch die objective (physiologische und sociologische) Psychologie ergänzt werden (l. c. S. 31). Den Elementen der Psyche geht der »Totalitätszusammenhang«, die Synthese, voran (Philos. Probl. S. 1). Die Psychologie ist selbständige Wissenschaft (l. c. S. 19. vgl. S. 21). »Die Aufgabe der Psychologie wird deshalb die, möglichst weit den Zusammenhang und die Verbindung der einzelnen Elemente nachzuweisen, so daß die Totalität durch die Teile und die Teile durch ihre Beziehung zur Totalität verständlicht werden« (l. c. S. 22). Das führt zu einer Antinomie, die das psychologische Problem nicht endgültig lösen läßt (ib.). Nach JODL ist die Psychologie »die Wissenschaft von den Formen und Naturgesetzen des normalen Verlaufs der Bewußtseinserscheinungen, welche im menschlich-tierischen Organismus mit den Vorgängen des Lebens und der Anpassung des Organismus an die ihn umgebenden Medien verbunden sind, und deren Gesamtheit wir als seelische (psychische) Functionen oder Processe bezeichnen« (Lehrb. d. Psychol. S. 5). Biologisch ist auch die Psychologie von W. JERUSALEM. »Psychologie ist die Wissenschaft von den Gesetzen des Seelenlebens« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 1). Die nächste Aufgabe der Psychologie besteht darin, »die Vorgänge im Seelenleben so zu beschreiben, daß die darin enthaltenen Elementarvorgänge und ihre wechselseitigen Beziehungen klar hervortreten« (l. c. S. 3). Die analytische geht in die genetische Betrachtungsweise über. Mit dieser hängt die biologische Auffassung zusammen, welche die Wichtigkeit der psychischen Phänomene für die Erhaltung des Lebens berücksichtigt (l. c. S. 3 f.). Die Psychologie »berührt sich in ihrer Methode und in einem Teile ihrer Aufgabe mit den Naturwissenschaften, bildet aber durch ihren Gegenstand die Grundlage aller Geisteswissenschaften« (l. c. S. 5. vgl. Urteilsfunct. S. 13, 19).

»Biomechanisch« ist teilweise die Methode der Psychologie des psychophysischen Materialismus (s. d.). Nach R. AVENARIUS ist Gegenstand der Psychologie nicht ein besonderes »Psychisches« (s. d.), nicht eine eigene Art Erfahrung (Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 19. Bd., S. 1). Aufgabe der Psychologie ist »die Betrachtung der Erfahrungen unter dem besondern Gesichtspunkt ihrer Abhängigkeit vom Individuum (vom System C, s. d.)« (l. c. S. 16). Ähnlich R. WILLY, CARSTANJEN, C. HAUPTMANN, J. PETZOLD (Einführ. in d. Philos. d. reinen Erfahr. I), (Met. in d. mod. Physiol. S. 317), W. HEINRICH (Mod. physiol. Psychol.), R. GOLDSCHEID (Eth. d. Gesamtwill. I, 18, 20), auch E. MACH (Analys. d. Empfind.4, S. 3 ff.), nach welchem sich Physiologie und Psychologie nur durch die Untersuchungsrichtung unterscheiden (l. c. S. 14). -- Nach EBBINGHAUS behandeln Psychologie und Physik denselben Inhalt von verschiedenen Gesichtspunkten (Gr. d. Psychol. I, 1 ff., 7). Die Psychologie »behandelt diejenigen Gebilde, Vorgänge, Beziehungen der Welt, deren Eigenart wesentlich bedingt ist durch die Beschaffenheit und die Functionen[159] eines Organismus, eines organisierten Individuums. Und nebenbei ist sie zugleich auch eine Wissenschaft von den Eigentümlichkeiten eines Individuums, die für seine Art, die Welt zu erleben, wesentlich maßgebend sind« (l. c. S. 7). Psychologie ist »die Lehre von den Dingen der Innenwelt« (l. c. S. 8). Nach O. KÜLPE ist die Psychologie eine »Wissenschaft von den Erlebnissen in deren Abhängigkeit von erlebenden Individuen« (Gr. d. Psychol. S. 3), die »Wissenschaft vom Subjectiven« (Einleit. in d. Philos.2, S. 66). »Gegenstand der Psychologie ist dasjenige in und an der vollen Erfahrung eines Individuums, das von ihm selbst abhängig ist« (l. c. S. 66). – Nach MÜNSTERBERG ist die Aufgabe der Psychologie, »die Gesamtheit der Bewußtseinsinhalte in ihre Elemente zu zerlegen, die Verbindungsgesetze und einzelnen Verbindungen dieser Elemente festzustellen und für jeden elementaren psychischen Inhalt empirisch die begleitende physiologische Erregung aufzusuchen, um aus der causal physiologischen. Coëxistenz und Succession jener physiologischen Erregungen die rein psychologisch nicht erklärbaren Verbindungsgesetze und Verbindungen der einzelnen psychischen Inhalte mittelbar zu erklären« (Üb. Aufgab. u. Methode d. Psychol. 1891, S. 12,. so auch Grdz. d. Psychol. I). Schon H. RICKERT betont, die Psychologie müsse, wie die Naturwissenschaft, die anschauliche Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit, hier der geistigen, begrifflich überwinden (Grenz. d. naturwiss. Begriffsbild. I, 183 ff.). So lehrt auch MÜNSTERBERG, das Psychische (s. d.) sei nur ein abstractes Gebilde, nicht das Geistige, nicht das stellungnehmende Subject. Der Gegenstand der Psychologie ist ein Abstractionsproduct wie der der Naturwissenschaft, er ist losgelöst vom Subject (Grdz. d. Psychol. I, 57). Die Psychologie gehört zu den »objectivierenden« Wissenschaften, während die Geisteswissenschaften »subjectivierend« sind (l. c. S. 62). Die psychischen Objecte »sind lediglich für den Begriff und niemals für das wirkliche Erlebnis gegeben« (l. c. S. 391). »Der Gegenstand der Psychologie gewann logisch seine Existenz dadurch, daß die Wirklichkeit objectiviert wurde, die Bewertungsobjecte des actuellen Ich vom. Subject also losgelöst und die Actualität selbst in erfahrbare Vorgänge umgesetzt wurde. innerhalb dieser objectivierten Welt sondern sich Naturwissenschaft und Psychologie derart, daß die letztere es nur mit den Objecten zu tun hat, welche lediglich für einen Subjectact bestehen« (l. c. S. 202). Psychische Objecte stehen in keinem directen Causalzusammenhang (l. c. S. 384). »Die Einheit des geistigen Lebens ist... gar nicht ein Zusammenhang psychologischer Objecte, sondern ein Zusammenhang von Tatsachen, aus denen psychologische Objecte abgeleitet werden können« (l. c. S. 382 f.. vgl. Psychol. and Life 1899). Münsterberg lehrt eine zwischen Associations- und Apperceptionspsychologie vermittelnde »Actionstheorie« (s. d.). L. W. STERN betont: »Psychologie ist analysierende und isolierende Betrachtung seelischer Phänomene, und dadurch steht sie in einem innern Widerstreite zu allen Gebieten, für welche seelisches Dasein als individuelles Ganzes, d.h. in der Form der Persönlichkeit, von Bedeutung ist« (Psychol. d. Aussage H. 1, S. 15). – Gegen die Trennung des Psychologischen vom Geisteswissenschaftlichen sind HÖFFDING (Philos. Probl. S. 13), G. VILLA, Monist 1902), EISLER (Zeitschr. f. Philos. Bd. 122, S. 80 ff.) u. a.

Eine voluntaristische (s. d.) »Apperceptionspsychologie« (s. d.) lehrt WUNDT, für den die Psychologie die der Naturwissenschaft coordinierte Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist. »Das unmittelbar Wahrgenommene, wie es abgesehen von seiner Beziehung auf ein gegenüberstehendes Object uns gegeben[160] ist, bildet den Inhalt der Psychologie« (Syst. d. Philos.2, S. 277). Die Psychologie »untersucht den gesamten Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subject und in den ihm von diesem unmittelbar beigelegten Eigenschaften«. Sie nimmt den Standpunkt der »unmittelbaren Erfahrung« ein (Gr. d. Psychol.5, S. 3, vgl. S. 5). Die Erkenntnisweise der Psychologie ist eine »unmittelbare oder anschauliche«, das »Concret-Wirkliche« erfassende. Da die Psychologie sich der »Abstractionen und hypothetischen Hülfsbegriffe der Naturwissenschaft« enthält, so ist sie die »strenger empirische Wissenschaft« (l. c. S. 6). Ist sie doch die »Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung«. diese anerkennt nicht eine reale Verschiedenheit innerer und äußerer Erfahrung, sieht den Unterschied »nur in der Verschiedenheit der Gesichtspunkte« (l. c. S. 10). Die Psychologie führt die psychischen Vorgänge auf Begriffe zurück, die dem Zusammenhang dieser Vorgänge direct entnommen sind, oder sie leitet zusammengesetzte Vorgänge aus einfacheren ab (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 639). Die Teilinhalte, welche die psychologische Analyse isoliert, verlieren ihre Realität nicht, wenn sie auch in Wirklichkeit nur als Verbindungselemente, nicht selbständig vorkommen (Log. II2, 2, 60 f., 166 ff.). Die Herstellung des seelischen Zusammenhanges ist übrigens die Hauptaufgabe der Psychologie (l. c. II2, 2, 197 f. Philos. Stud. X, 120. XII, 28). Ziel der psychologischen Analyse ist die Auffindung aller einfachen Qualitäten sowie deren Darstellung in der Form einer geordneten Mannigfaltigkeit (Log. II2, 2, 200. Philos. Stud. II, 299 ff.). Die Physiologie ist nur eine Hülfswissenschaft der Psychologie (Gr. d. Psychol.5, S. 13). Die »physiologische Psychologie« ist eine »Übergangsdisciplin«, die wesentlich mit der experimentellen Psychologie (s. Psychologische Methoden) eins ist (l. c. S. 31). Die allgemeine Psychologie gliedert sich in: 1) (experimentelle) Individualpsychologie (nebst Tier-, Kinderpsychologie, Charakterologie, e. d.), welche die typischen Vorgänge des individuellen Bewußtseins untersucht. 2) Völkerpsychologie (s. d.) (l. c. S. 11, 29 f.. Philos. Stud. XII, 21). Die Psychologie hat drei Sonderaufgaben. »Die erste besteht in der Analyse der zusammengesetzten Vorgänge, die zweite in der Nachweisung der Verbindungen, welche die durch diese Analyse aufgefundenen Elemente miteinander eingehen, die dritte in der Erforschung der Gesetze, die bei der Entstehung solcher Verbindungen wirksam sind« (Gr. d. Psychol.5, S. 32). Zu den. anderen Wissenschaften hat die Psychologie eine dreifache Stellung: 1) »Als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist sie gegenüber den Naturwissenschaften, die infolge der bei ihnen obwaltenden Abstraction von dem Subject überall nur den objectiven, mittelbaren Erfahrungsinhalt zum Gegenstande. haben, die ergänzende Erfahrungswissenschaft.« 2) »Als Wissenschaft von den allgemeingültigen Formen unmittelbarer menschlicher Erfahrung und ihrer gesetzmäßigen Verknüpfung ist sie die Grundlage der Geisteswissenschaften.« 3) »Da die Psychologie die beiden en fundamentalen Bedingungen, die dem theoretischen Erkennen wie dem praktischen Handeln zugrunde liegen, die subjectiven und die objectiven, gleichmäßig berücksichtigt und in ihrem Wechselverhältnis zu bestimmen sucht, so ist sie unter allen empirischen Disciplinen diejenige, deren Ergebnisse zunächst der Untersuchung der allgemeinen Probleme der Erkenntnistheorie wie der Ethik, der beiden grundlegenden Gebiete der Philosophie, zustatten kommen« So ist sie »gegenüber der Philosophie die vorbereitende empirische Wissenschaft« (l. c. S. 19 f.). Ähnlich G. VILLA (Einleit. in d. Psychol.), HELLPACH (Grenzwiss. d. Psychol.) u. a.[161]

Voluntaristisch (s. d.) ist auch die Psychologie von A. FOUILLÉE (Psychol. des idées-forces). – Einen gemäßigten Standpunkt vertreten die Psychologien von JANET (Princ, de met. et psychol. I, 132 ff.), RABIER (Psychol. p. 21 ff.), P. CARUS (The Soul of Man 1891). Nach J. DEWEY ist die Psychologie »the science of the reproduction of some universal content or existence, whether of knowledge or action, in the form of individual... consciousness« (Psychol. p. 6). Nach J. WARD hat die Psychologie den »individual mind« zum Object (Encycl. Britan. XX, 38). Nach STOUT ist die Psychologie »the positive science of mental process« (Anal. Psychol. I, 1). Nach SULLY ist sie »die Wissenschaft welche auf eine genaue und systematische Beschreibung der verschiedenen Vorgänge oder functionellen Betätigungen unseres Geistes abzielt« (Handb. d. Psychol. S. 12). Sie ist von der Naturwissenschaft durch den Stoff geschieden (l. c. S. 12 f.. vgl. Hum. Mind C. 1 f.. Outlin. of Psychol. C. 1). Nach BALDWIN ist die Psychologie »the science of the phenomena of consciousness« (Handb. of Psychol. I2, C. 1, p. 8). Vgl. CH. A. MERCIER, Psychology normal and morbid 1901, ferner die (genetischen) Arbeiten von ROMANES, BALDWIN, GALTON, CH. DARWIN (Ausdruck der Gemütsbeweg.), HUXLEY u. a. Vgl. ferner die Schriften von MORELL (Elem. of Psychol.), MURPHY, HACK-TUKE (Geist u. Körper 1888), TAINE, GARNIER (Trait. des facult.), LELUT (Physiol. da la pensée., 1862), BOUILLIÉE, WADDINGTON, DURAND DE GROS, PAULHAN, DUMONT, CH. FÉRÉ, DELBOEUF, FLOURNOY (Met. et Psychol. 1890), TH. REIN, A. LEHMANN, C. LANGE, KROMAN, VIGNOLA, MORSELLI, MASCI, BONATELLI, FERRI, LOMBROSO, N. J. GROT, BÊLKIN, OCHOROWICZ u. a. Vgl. KLENKE, Syst. d. organ. Psychol. 1842. REICHLIN-MELDEGG, Psychol. d. Mensch. 1837/38. HAGEN, Psychol. Unters. 1847. JESSEN, Vers. einer wissensch. Begründ. d. Psychol. 1855. RÖSE, Die Psychol. 1856. LEWISCH, Psychol. 1865. J. MOHR, Grundlage d. empir. Psychol. 1882. STRÜMPELL, Grundr. d. Psychol. 1884. BALLAUF, Grundlehr. d. Psychol. 1890, u. a. (KIRCHNER, HARTSEN, STOY, OSTERMANN, HESS, DITTES u. a.). vgl. auch FR. SCHULTZE, Vergleich. Psychol.

Von psychologischen Zeitschriften sind zu nennen: »Philosophische Studien«, herausgegeben von Wundt, 1883 ff.. »Zeitschr. für Psychol. u. Physiol. der Sinnesorgane« 1890 ff.. »L'année psychologique« (vgl. auch »Revue philosophique« 1878 ff.). »American journal of psychology« 1887 ff.. »Psychological Review« 1894 ff., »Mind« u. a. Psychologische Laboratorien in Leipzig, Göttingen, Heidelberg, Freiburg i. B., Berlin, München, Graz, Paris, Amerika u. a.

Zur Geschichte der Psychologie vgl.: F. A. CARUS, Gesch. d. Psychol. 1808. A. STÖCKL, Die speculat. Lehre vom Mensch. u. ihre Geschichte 1858. F. HARMS, Psychol. 1877. H. SIEBECK, Gesch. d. Psychol. I, 1 u. 2, 1880/84. B. SOMMER, Gesch. d. deutsch. Psychol 1892. DESSOIR, Gesch. d. neuern deutschen Psychol. I2, 1902. E. v. HARTMANN, Die moderne Psychologie, 1901. – Vgl. Seele, Seelenvermögen, Bewußtsein, Psychisch, Psychologische Methoden, Psychologismus, Wahrnehmung (innere), Voluntarismus, Intellectualismus, Association, Apperception, Empfindung, Gefühl, Affect, Leidenschaft, Vorstellung, Wille, Phantasie, Reproduction, Gedächtnis, Sinne, Trieb, Instinct, Evolution, Sociologie u.s.w.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 151-162.
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