Lebenskraft

[584] Lebenskraft (Lebensprincip, »vis vitalis«) heißt die von einigen Philosophen angenommene specifische, innere Ursache der Lebensfunctionen, eine unbewußt wirkende organisierende und regulierende Kraft. Setzt man sie dem physikalisch-chemischen Lebensproceß dualistisch entgegen und sondert man sie von der Seele (s. d.), vom Psychischen, so vertritt man eine veraltete Ansicht. Die Lebenskraft als Inbegriff der biotischen Functionen der Seele, des Psychischen, des »Innenseins« des Organismus selbst und seiner physikalischchemischen »Außenseite« hat immer noch ihren guten Sinn, ohne daß man darum einem »Vitalismus« (s. d.), der die mechanistische Biologie schroff bekämpft, zu huldigen braucht. Der »Neo-Vitalismus« allerdings ist zum Teil von der »mechanischen Biologie« nur graduell unterschieden.

In die vegetative Seele (s. d.), threptikê, verlegt die Lebenskraft ARISTOTELES. Als Lebenskraft faßt die Seele DIKAEARCH auf (Cicer., Tusc. disp. I, 10, 21; 31; 77). – JOH. SCOTUS ERIUGENA setzt die Lebenskraft in die Seele nur in deren Beziehung auf den Körper (De div. nat. IV, 5; IV, 11; I. 6; III, 38). Ähnlich die Scholastiker. – Die Naturphilosophen der Renaissance nehmen zweckvoll wirksame Lebenskräfte an. Nach CAMPANELLA ist die »anima sensitiva« als warmer, zarter, beweglicher Geist (spiritus) die organisierende Kraft, welche mittelst einer »idea« des Körpers wirkt (De sensu rer. II, 3 ff.). PARACELSIUS[584] nennt die Lebenskraft »archeus« (s. d.), »spiritus vitae«, sie ist ein Wesen, das den Körper plastisch beeinflußt, ein Ausfluß des »spiritus mundi«. Die körperliche Lebenskraft ist die »Mumie«, das »arcanum« des Menschen. Eine Lebenskraft nehmen auch F. M. und J. B. VAN HELMONT, MARCUS MARCI u. a. an. So auch die englischen Platoniker: R. CUDWORTH (s. Plastische Natur), H. MORE, ferner GLISSON. LEIBNIZ leitet das Leben aus den psychischen Tätigkeiten der Monaden (s. d.) ab (Erdm. p. 429 f.).

Im 18. Jahrhundert nimmt die medicinische Schule von Montpellier eine »force hypermécanique«, A. V. HALLER eine Lebenskraft, BLUMENBACH einen »Bildungstrieb« (s. d.) an. G. E. STAHL begründet einen Vitalismus (s. d.), der in der »anima inscia« die Baumeisterin des Organismus erblickt (Theoria medica 1708). »Corpus hoc verum et immediatum animae organon« (Disqu. de mech. p. 44; De scopo p. 238 f.). KRUG hält »organische Kraft« und »Lebenskraft« für eins (Handb. d. Philos. I, 357). – Eine specifische Lebenskraft nehmen TREVIRANUS (Biologie 1802-1805), L. OKEN, TROXLER, ESCHEHMAYER (- nach ihm baut die Seele ihren Körper –, Psychol. S. 157 ff.; Lebensprincip nennt er das zwischen Natur und Geist allgemein Vermittelnde, die Entelechie, Gr. d. Naturphilos. S. 3), AUTENRIETH, J. J. WAGNER, H. STEFFENS, SCHUBERT u. a. an. SCHOPENHAUER führt die Lebenskraft auf den Willen zurück. »Allerdings wirken im tierischen Organismus physikalische und chemische Kräfte; aber was diese zusammenhält und lenkt, so daß ein zweckmäßiger Organismus daraus wird und besteht – das ist die Lebenskraft: sie beherrscht demnach jene Kräfte und modificiert ihre Wirkung, die also hier nur eine untergeordnete ist. Hingegen zu glauben, daß sie für sich allein einen Organismus zustande brächten, ist nicht bloß falsch, sondern... dumm. – An sich ist jene Lebenskraft Wille« (Parerg. II, § 96). HERBART betont: »Lebenskräfte... sind nichts Ursprüngliches, und es gibt nichts ihnen Ähnliches in dem Was der Wesen.« »Nur ein System von Selbsterhaltungen in einem und demselben Wesen vermag sie zu erzeugen, und sie sind anzusehen als die innere Bildung der einfachen Wesen.« »Einmal erworben, bleibt einem jeden Elemente seine Lebenskraft.« Die Lebenskräfte sind in ihren Bewegungen nicht durch chemische oder mechanische Gesetze zu verstehen. Die Lebenskräfte können qualitativ und graduell sehr verschieden sein (Lehrb. zur Psychol.3, S. 111 ff.).

Für die Lebenskraft sind (in verschiedener Weise) JOH. MÜLLER (Handb. d. Physiol.4, 1854, S. 4 ff., 17 f.), RUD. WAGNER (Lehrb. d. speciell. Physiol. 1842, S. 307; Kampf um d. Seele 1857, S. 209 f.), BISCHOFF (Wissensch. Vorträge 1858, S. 318), FLOURENS (De la vie et de l'intellig. 1858, I, préf., II, 98). M. CARRIERE erklärt, in der Vielgliedrigkeit des Organismus verwirkliche sich die Lebenskraft, organisierend, belebend, die Seele selbst (Sittl. Weltordn. S. 63, 69). ULRICI versteht unter Lebenskraft das »tätige, dein lebenden Organismus Eigentümliche«, den letzten Grund der Lebenserscheinungen (Gott u. d. Nat. S. 229). Im lebenden Körper kommt zum Physikalisch-Chemischen eine Ursache hinzu, »durch welche die Cohäsionskräfte beherrscht werden, durch welche die Elemente zu neuen Formen zusammengefügt werden, durch die sie neue Eigenschaften erlangen« (Leib u. Seele S. 43). Das Leben ist eine Betätigung der Seele (l.c. S. 364). Ähnlich HORWICZ (Psychol. Anal. I, 19 f.). – Verschiedene Forscher äußern sich im vermittelnden Sinne, indem sie zwar keine Lebenskraft als »qualitas occulta«, wohl aber ein im Organismus begründetes Lebensprincip festhalten. So LIEBIG. Er erkennt ein »formbildendes Princip[585] in und mit den chemischen und physikalischen Kräften« für das organische Leben an. Im Organismus »wirken die chemischen Kräfte unter einer nicht chemischen Ursache« (Chem. Briefe3, S. 18 ff.). CLAUDE BERNARD spricht von einer »influence vitale«, die im Organismus wirkt neben der »cause exécutive« (Revue des deux Mondes 1865, LVIII, p. 645 f.). R. VIRCHOW versteht unter der Lebenskraft eine den Elementarstoffen mitgeteilte Bewegungsrichtung, die nur in den »vitalen Einheiten« vorkommt und Ergebnis besonderer Bedingungen ist (Ges. Abhandl. zur wissensch. Med. 1856, I, 252 ff.). LOTZE bekämpft die specifische Lebenskraft (R. Wagners Handwörterb. d. Physiol. 1842), betont aber doch die auf der besondern Art der Verknüpfung der Teile im Organismus zu einem einheitlichen System beruhenden »lebendigen Kräfte« (Allgem. Physiol. 1851, S. 96 f.; Mikrok. I, 54). Organische Kräfte besonderer Art nehmen BERGMANN (Unters. üb. Hauptp. d. Philos. S. 354 ff.), ADICKES (Kant contra Haeckel S. 78 ff.) u. a. an. Nach O. LIEBMANN gibt es ein »rätselhaftes Plus«, welches zum Mechanismus und Chemismus hinzutritt. Das organische Leben ist mehr als ein ungebundenes Spiel physikalischer und chemischer Processe (Anal. d. Wirkl.2, S. 337). Ein Lebensprincip nimmt HAGEMANN an (Met. S. 85 f.). ÜBERWEG hegt die Vorstellung einer »organisierten Potenz als eines Systems wissenschaftlich erforschbarer Kräfte, die von den mechanischen specifisch verschieden sind und eine mittlere Stellung zwischen diesen und den psychischen Kräften des animalischen Bewußtseins einnehmen« (Welt- und Lebensansch. S. 50). DUBOC lehrt das Wirken eines im und am Stoffe bestehenden organisatorischen Lebensprincips als realen Trägers der Lebenserscheinung (Der Optim. 5. 125). CZOLBE betrachtet als organisches Princip »die wahrnehmbare und atomistische Structur, sowie die dadurch bedingte Form der innern Bewegung des Organismus, welches beides den chemischen Processen eine eigentümliche Richtung gibt« (Gr. u. Urspr. d. m. Erk. S. 119). Nach E. DÜHRING ist es naheliegend, daß im Organismus »außer einer bloßen Anordnung noch eine eigentümliche Tätigkeit, die nicht in den Elementen selber liegt, nötig sei, um das Leben zu begründen« (Wirklichkeitsphilos. S. 257 ff.). Die »Neovitalisten« (BUNGE, O. HAMANN, RINDFLEISCH, G. WOLFF, DRIESCH u. a.) begnügen sich nicht mit der rein mechanistischen Lebenserklärung (s. Vitalismus). Nach J. REINKE gibt es einen »vitalen« Rest innerhalb der Lebensvorgänge, der nicht energetisch erklärt werden kann (Einleit. in d. theoret. Biolog. S. 53). Reine Lebenskraft, aber ein Lebensprincip ist anzunehmen (l.c. S. 54). »Das Lebensprincip ist keine Kraft, sondern der symbolische Ausdruck für ein verwickeltes Getriebe zahlreicher. Einzelwirkungen« (l.c. S. 55). Die »besondere Form und Structur der organisierten Wesen« bildet die Grundlage des Lebens (l.c. S. 57). Das Ergebnis der Organisation sind »Dominanten« (s. d.). Dies sind Kräfte, durch welche die Umwandlung der Energieformen ineinander sowie die Veränderung der Richtung ihrer Tätigkeit bestimmt werden (l.c. S. 168 f.). Eine ähnliche Anschauung vom Lebensprincip (als unbewußt wirkende Gestaltungskraft) hat E. V. HARTMANN. Er sieht den »völligen Sieg des Vitalismus« voraus (Mech. u. Vital., Arch. f. system. Philos. IX, S. 377; vgl. Philo(s. d.) Unbew. I10, 36 ff., 377 ff., 430 ff., II10, 65 ff., 202 ff., 448 ff. III10, 33 ff., 74 ff., 238 ff.; Mod. Psychol. S. 397 ff.). Ähnlich L. BUSSE (Geist u. Körp. S. 238 ff.).

Gegner der »Lebenskraft«, des Lebensprincipes sind K. E. V. BAER, C. LUDWIG, A. FICK, HYRTL (Anatom. d. Mensch. 1881, S. 6), MOLESCHOTT,[586] K. VOGT, D. FR. STRAUSS, DU BOIS-REYMOND (Unters. üb. d. tier. Elektricit. I, S. 32 f.), G. A. SPIESS (Physiol. d. Nervensyst. 1844, S. 486 ff.), M. J. SCHLEIDEN (Grundz. d. wissensch. Botan.2, 1845 I, 55 f.), E. HAECKEL) (Gener. Morphol. I, 120 ff.), WUNDT, HÖFFDING (Psychol.2, S. 13, 44 f.), W. HAACKE (Die Schöpf. d. Mensch. 1895), WEISMANN, BÜTSCHLI (Mechan. u. Vitalism. 1901), Tu. EIMER (Entfalt. d. Arten 1888), H. E. ZIEGLER (Üb. d. derzeit. Stand d. Descendenztheor. 1902), PREYER (Naturwissensch. Tats. u. Probl. 1880), F. MACH (Religions u. Weltprobl. II, 1196 ff.), M. VERWORN (Allgem. Physiol.2, S. 48), OSTWALD (Vorles. üb. Naturphilos.2, S. 317, 319: »Der Organismus ist wesentlich ein Complex chemischer Energien«) u. a. Vgl. Vitalismus, Seele.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 584-587.
Lizenz:
Faksimiles:
584 | 585 | 586 | 587
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon