Energie

[265] Energie(energeia): Wirksamkeit, Betätigungskraft, Arbeitsfähigkeit, Arbeit. Die physikalische Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu leisten, die Wirkungsfähigkeit der Masse; sie ist actuelle (insbesondere kinetische) oder potentielle Energie, d.h. sichtbare, an die Bewegung geknüpfte, oder unsichtbare, analog der lebendigen Kraft gedachte Energie. Das Gesetz der Constanz und Erhaltung der Energie besagt, daß bei allen Umwandlungen der Energieformen in andere das Quantum (actueller und potentieller) Energie unverändert bleibt, daß Energie weder neu entstehen noch verloren gehen kann. Es beruht dies Gesetz auf einem durch Erfahrung wachgerufenen und auch erhärteten Postulate des auf Geschlossenheit und Einheit des Naturgeschehens ausgehenden causalen Denkens, in letzter Linie auf der Setzung der materiellen Substanz als eines permanierenden Principes. Psychische (geistige) Energie ist die Wirkungsfähigkeit, Wirksamkeit von Bewußtseinsfactoren, die Wertgröße eines psychischen Gebildes. Der Name »Energie« wird auf mechanischem Gebiet schon von TH. YOUNG (1800) gebraucht, aber erst nach 1850 von den englischen Physikern auf die gesamte Physik übertragen (MACH, Wärmelehre2, S. 256).

Der Terminus »Energie« verdankt seine Entstehung dem ARISTOTELES. Bei ihm heißt energeia (en ergô einai) die lebendige Wirklichkeit und Wirksamkeit, das Auswirken, Verwirklichen, Wirklichsein im Unterschiede von der bloßen Potenz (dynamis) (Met. IX, 6 squ.). Sehen, Erkennen, Leben u. dgl. sind Energien. Alles Geschehen ist Übergehen aus dem Zustande der dynamisin den der energeia durch die Tätigkeit einer »Form« (s. d.), die selbst energeia ist. Die Energie ist das Prius der Potenz (phaneron hoti proteron energeia dynameôs estin, Met. IX 8, 1049 b 5). Eine Energie kann wieder nur durch eine Energie ausgelöst werden (aiei gar ek tou dynamei ontos gignetai to energeia on hypo energeia ontos, hoion anthrôpos ex anthrôpou..., aiei kinountos tinos prôtou. to de kinoun energeia êdê estin, Met. IX 8, 1049 b 25). Die Energie ist zugleich Zweckursache (telos d'hê energeia, kai toutou charin hê dynamis lambanetai, Met. IX 8, 1050 a 9 squ.). Der Stoff ist bloß dynamis, Gott (s. d.) hingegen reine energeia (»actus purus«). Die Unterscheidung von »potentia« und Energie (actus, actualitas = operatio, vgl. SCOTUS ERIUGENA, Divis. natur. I, 44) spielt in der Scholastik eine große Rolle. LEIBNIZ schreibt den Monaden (s. d.) eine beständige Energie zu.

Das Gesetz der Constanz der Energie hat seine Vorläufer in dem Gesetz der Erhaltung der Materie (Bewegung) und der Kraft. ARISTOTELES spricht von einer Erhaltung des Ganzen bei Veränderung der Teile (oite aei ta auta merê diamenei, oute gês oute thalattês, alla monon ho pas onkos, Meteor. II 3 358 b 29). TELESIUS schreibt der Materie einen Erhaltungstrieb zu, vermöge dessen die Masse unverändert bleibt (vgl. LASSWITZ, Gesch. d. Atom I, 331). Nach DESCARTES bleibt die Bewegungsgröße (m v) constant (s. Bewegung). HUYGHENS lehrt in mathematischer Weise die Erhaltung der lebendigen Kraft im Universum (Horolog. oscillatorium IV, hyp. I, II). So auch LEIBNIZ: »... il se conserve non seulement la même quantité de la force mouvante, mais encore la même quantité de direction vers quel coté qu'on le prenne dans le monde« (Erdm. p. 133; vgl. p. 108, 429 f., 520, 645, 702, 711, 723) und D'ALEMBERT (Traité de dynam. 1743, p. 109). KANT erklärt: »Quantitas realitatis absolutae in mundo naturaliter non mutatur, nec augescendo nec decrescendo« (Cogn. phil. nov. diluc. sct. II, prop. X).

Wissenschaftlich exact begründet wird das Gesetz der Constanz der Energie[265] (Kraft) von JOULE, R. MAYER, HELMHOLTZ. Nach R. MAYER gibt es »nur eine Kraft. Im ewigen Wechsel kreist dieselbe in der toten wie in der lebenden Natur«. Die Kraft ist »unzerstörlich«. Eine Äquivalenz in den Wechselwirkungen der Kräfte besteht (Bemerkung. üb. die Kräfte der unbelebten Natur, in Liebigs Annalen der Chemie 1842; Die organ. Bewegung... 1845; vgl. Sigwart-Festschrift S. 159 ff.). Nach HELMHOLTZ kann lebendige Kraft eine ebenso große Menge Arbeit wiedererzeugen, wie die, aus der sie entstanden war (Vorträge u. Red. I4, S. 33 f.). Das Energieprincip besagt, daß »das Naturganze einen Vorrat wirkungsfähiger Kraft besitzt, welcher in keiner Weise weder vermehrt noch vermindert werden kann, daß also die Quantität der wirkungsfähigen Kraft in der unorganischen Natur ebenso ewig und unveränderlich ist, wie die Quantität der Materie« (l.c. S. 41). Die Quantität der Gesamtkraft in der Natur ist unveränderlich (l.c. S. 152). »Alle Veränderung in der Natur besteht darin, daß die Arbeitskraft ihre Form und ihren Ort wechselt, ohne daß ihre Quantität verändert wird. Das Weltall besitzt einfürallemal einen Schatz von Arbeitskraft, der durch keinen Wechsel der Erscheinungen verändert, vermehrt oder vermindert werden kann und der alle in ihm vorgehende Veränderung unterhält« (l.c. S. 187; vgl. I, 227, 380 ff.). Ähnlich O. LIEBMANN (Anal. d. Wirkl.2, S. 384 f.).

FECHNER betont: »Nicht die Größe der eben vorhandenen lebendigen Kraft, aber die Größe der vorhandenen lebendigen Kraft zusammen mit der... potentiellen Kraft« ist für die Welt eine constante Größe (Elem. d. Psychophys. 1889, I, 32). H. SPENCER verlegt die »persistence of force« in das Absolute selbst (First Principl. § 58 ff.). RIEHL hält das Energieprincip für eine »unmittelbare Consequenz des Causalitätsprincips«, welche eine Denkforderung und zugleich durch Erfahrung bewiesen ist (Phil. Krit. II 1, 259, 263). STALLO führt das Äquivalenzprincip auf den Satz: Aus nichts wird nichts zurück (Die Begr. u. Theor. d. mod. Phys. S. 3S; vgl. dagegen KROMANN, Unsere Naturerk. S. 296, 303, 316; ff.; SIGWART, Log. II2, S. 531, 633 f.; P. VOLKMANN, Erkenntnistheor. Grundz. d. Naturwiss. S. 48, 150, 168; E. v. HARTMANN, Weltansch. d. mod. Phys. S. 13; L. BUSSE, Geist u. Körper S. 451 ff.). Nach K. LASSWITZ ist Energie »eine Realität im Raume und unterscheidet dadurch die Natur als das Gebiet des notwendigen Geschehens von dem geistigen Gebiete, das wir erleben« (Wirkl. S. 113). Im Seelischen gibt es keine Energie (ib.). Die Constanz der Energie der Welt setzt die Geschlossenheit der Natur voraus (l.c. S. 104; vgl. S. 111). Über das Energieprincip finden sich Bemerkungen bei DUBOISREYMOND (7 Welträtsel 1891, S. 94), PAULSEN (Einl. in d. Philos. S. 90), KÜLPE (Einl. in d. Philos. S. 133), ADICKES (Kant contra Haeckel, S. 32 f.), HÖFFDING (Psychol. S. 69). EBBINGHAUS erklärt: »Bei allen Umwandlungen der körperlichen Dinge ineinander und bei allem Wechsel des Geschehens an ihnen bleibt stets ein Factor in seinem Gesamtwerte unverändert, an dem sie alle in wechselndem Maße Anteil haben, nämlich ihre Fähigkeit (unter geeigneten Umständen) mechanische Arbeit zu verrichten« (Grdz. d. Psychol. I, S. 29 f.). STUMPF sieht im Energieprincip ein »Gesetz der Transformation«; »wenn kinetische Energie (lebendige Kraft in sichtbarer Bewegung) in andere Kraftformen umgewandelt und diese schließlich in kinetische Energie zurückverwandelt werden, so kommt der nämliche Betrag zum Vorschein, der ausgegeben wurde« (Leib u. Seele S. 24). Das Energieprincip läßt eine psychophysische Wechselwirkung (s. d.) zu (l.c. S. 33). MACH erklärt: »Schätzt man jede physikalische[266] Zustandsänderung, nach der mechanischen Arbeit, welche beim Verschwinden derselben geleistet werden kann, so kann man alle physikalischen Zustandsänderungen, so verschiedenartig dieselben sein mögen, mit demselben gemeinsamen Maß messen und sagen: Die Summe aller Energien bleibt constant« (Populärwiss. Vorles. S. 182 f., 156). Das Energieprincip hat keine unbedingte Gültigkeit, es gilt nur für jene Fälle, in welchen die Processe wieder rückgängig gemacht werden können (Wärmelehre2, S. 345 f.; vgl. Die Gesch. u. die Wurzel des Satzes der Erhalt. d. Arbeit 1872). Nach OSTWALD besagt das Gesetz der Energie, »daß es in der Natur eine gewisse Größe von immaterieller Beschaffenheit gibt, die heb allen zwischen den betrachteten Objecten stattfindenden Vorgängen ihrem Wert beibehält, während ihre Erscheinungsform auf das vielfältigste wechselt« (Energet.2, S. 10). Alle Umwandlungen der Arbeit lassen ihren Betrag unverändert (Vorles. üb. Naturphilos.2, S. 155; vgl. S. 159, 247). Energie ist »Arbeit, oder alles, was aus Arbeit entsteht und sich in Arbeit umwandeln läßt« (l.c. S. 158). Die Energie ist die »allgemeinste Substanz« des Geschehens (l. e. S. 146, 152 f., 280), aus Energien besteht die sog. »Materie« (s. d.) (Überwind. d. Mater. S. 2S). Masse ist Capacität für Bewegungsenergie, Raumerfüllung ist Volumenergie. Die Energie bedarf keines Trägers, ist selbst das Wirkliche. »Alles, was wir von der Außenwelt wissen, können wir in der Gestalt von Aussagen über vorhandene Energien darstellen« (l.c. S. 103). Auch das Psychische (s. d.) kann als eine Energieform aufgefaßt werden. Qualitative Energetiker sind auch NACH und HELM. Dagegen betont WUNDT die Notwendigkeit der mechanistischen Naturauffassung. Das Energieprincip ist schon eine Folge der einfachen mechanischen Principien. Die Energetik trägt ferner dem »Postulat der Anschaulichkeit« keine Rechnung (Syst. d. Philos.2, S. 484 ff.). Das Energieprincip schließt ein das Constanz-, Äquivalenz-, und Entropieprincip. Constant ist nur die Gesamtenergie. Der Satz von der Erhaltung der Energie ist zunächst ein a priori angenommenes Princip. »Seine Geltung für die Erfahrung hat aber dieses Princip nur bewahren können, weil sich alle Beobachtungen mit demselben in Übreinstimmung bringen lassen« (Log. I2, 621 ff., II2 1, 302 ff., 453 ff.; Syst. d. Philos.2, S. 481 ff.; Phil. Stud. XIII, 375). Das Äquivalenzprincip kann auf das psychische Geschehen nicht angewandt werden. Hier besteht ein Gesetz des Wachstums der Werte, ein »Princip des Wachstums geistiger Energie«. Psychische Energie ist die »Größe eines psychischen Wertes im Hinblick auf die ihm zukommende geistige Wirkungsfähigkeit« (Phil. Stud. X, 116); »psychische Energiegröße« ist »die qualitative Wirkungsfähigkeit in der Erzeugung von Wertgraden« (Gr. d. Psychol.5, S. 396). Die Zunahme der psychischen Energie bildet die Kehrseite der physischen Constanz. Sie »gilt nur unter der Voraussetzung der Continuität der psychischen Vorgänge. Als ihr in der Erfahrung unzweifelhaft sich aufdrängendes psychologisches Correlat steht ihr darum die Tatsache des Verschwindens psychischer Werte gegenüber« (ib.). Das Constanzprincip der Naturwissenschaft erstreckt sich nur auf quantitative Beziehungen, abstrahiert vom Qualitativen, so daß kein Widerspruch zwischen diesem und dem Wachstumsprincip besteht. Die subjectiven Werte können zunehmen, ohne daß die Massen und Energien des physischen Organismus ihre Constanz einbüßen (Syst. d. Philos.2, S. 304, 307; Log. II2, S. 275 f.; Phil. Stud. X, 116; Eth.2, S. 464). LAZARUS erklärt, in der Seele bleibe alles erhalten, nicht bloß der Zusammenhang, die Resultante einer geistigen Verbindung, auch die Elemente, im Unterschiede von den physischen Processen[267] (Leb. d. Seele II2, 392 f.). Gegen das Wachstumsprincip sind die Anhänger einer associativen Parallelismuslehre, auch MÜNSTERBERG will das Constanzprincip auf das Psychische angewandt haben. JODL erkennt nur ein Wachstum der psychisch-physischen Leistungsfähigkeit des Organismus an, der infolge der Reactionen auf verschiedene Reize sich stetig verändert (Lehrb. d. Psychol. S. 88). ZIEHEN versteht unter Energie der Vorstellung die Stärke derselben (Leitfad. d. phys. Psychol.2, S. 122). – Gegen die »Energetik« im Sinne Ostwalds erklärt sich A. RIEHL, welcher bemerkt: »Es muß als irreführend bezeichnet werden, wenn von der Energie als einer einzigen Größe neben Raum und Zeit geredet wird, da jede Energieform sich vielmehr als das Product zweier Größen darstellt: eines Capacitäts- und eines Intensitätsfactors, die beide reelle Größen sind. Capacität bedeutet Aufnahmefähigkeit für Energie und ist sicher von dieser begrifflich verschieden, wenn auch sachlich mit ihr verbunden. In den Capacitäten aber, der Masse z.B. bei der kinetischen Energie, steckt der empirische Begriff der Materie, und statt diesen Begriff wirklich eliminieren zu können, hat die Energetik ihn nur anders benannt« (Zur Einf. in d. Philos. S. 148). Gegner der »qualitativen Energetik« ist auch E. v. HARTMANN, der an der mechanistischen Energetik (im Sinne von CLAUSIUS, THOMSON, MAXWELL, BOLTZMANN u. a.) festhält (Weltansch. d. mod. Phys. S. 76 ff., 190 ff.). Die Energie ist nichts Ursprüngliches, darf nicht hypostasiert werden (l.c. S. 195 ff.). L. BUSSE hält das Problem für unentschieden (Geist u. Körper S. 416). Das Energieprincip enthält: 1) das »Äquivalenzprincip«, es besagt, »daß bei allen Umwandlungen der körperlichen Dinge ineinander ein Factor, die Energie, d.h. wieder die Fähigkeit, unter Umständen mechanische Arbeit zu verrichten, sich gleich bleibt, d.h. daß für jede Energie, die irgendwo zur Erzeugung eines Zustandes aufgewandt, verbraucht wird, anderswo ein gleich großes Quantum dergleichen oder einer andern Energieform auftritt«; 2) das »Constanzprincip«; es besagt, »daß die Gesamtenergie, über, welche das physische Weltall verfügt, sich stets gleich bleibt, also keiner Vermehrung und keiner Verminderung fähig ist« (l.c. S. 405 ff.). Das Äquivalenzprincip bildet kein Hindernis für die Annahme einer psychophysischen Wechselwirkung, wohl aber das Constanzprincip (l.c. S. 407, 417 ff.), aber letzteres ist nur ein Dogma, eine petitio principii (l.c. S. 460 ff.). Mit dem Constanzprincip halten dagegen die Wechselwirkungstheorie (s. d.) für vereinbar: VON GROT (Arch. f. system. Philos. IV 257 f.), KÜLPE (Einl. in d. Philos.2, S. 144 f.), OSTWALD (Vorles. üb. Naturphilos. S. 373, 377 f., 396), STUMPF, REHMKE (Allg. Psychol. S. 110 ff.), ERHARDT (Die Wechselw. S. 85, 94), WENTSCHER (Über phys. u. psych. Causal. S. 113, Eth. I, 291 ff.), E. v. HARTMANN (Mod. Psychol. S. 415), H. SCHWARZ (Psychol. d. Will. S. 375 f.), auch HÖFLER (Psychol. S. 59), JERUSALEM (Einl. in d. Philos. S. 91). Manche bezweifeln noch die Geltung des Energieprincipes für die Organismen, z.B. LADD (Phil. of Mind S. 354 f.). Aus dem universalen Constanzprincip folgert NIETZSCHE die »ewige Wiederkunft« (s. Apokatastasis) der Dinge. Nach H. CORNELIUS sagt das Energieprincip, »daß die in einem gegebenen System vorhandene Arbeitsmenge unverändert bleibt, solange das System nicht Arbeitsmengen nach außen abgibt oder von außen aufnimmt« (Einl. in d. Philos. S. 110). Ferner geht mit allen Änderungen in der Natur eine »Zerstreuung der Energie« Hand in Hand; keine Änderung kann jemals vollständig rückgängig gemacht werden (l.c. S. 112). REINKE erklärt: »Insofern eine Kraft die Trägheit eines Körpers überwindet, wird sie zur Energie, denn sie[268] leistet dabei mechanische Arbeit« (Einl. in d. theoret. Biol. S. 144). Die Energien sind »wechselnde Formen einer zahlenmäßig auszudrückenden Grunderscheinung« (ib.). Die Energien in den Organismen werden von Kräften, »Dominanten« (s. d.) gerichtet, gelenkt, transformiert, reguliert (l.c. S. 169 ff.; vgl. LOTZE, Mikrok. I, 81). Vgl. Materie, Kraft, Parallelismus, Wechselwirkung, Gefühl, Spiel.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 265-269.
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