Activität

[11] Activität (activitas) = activer Charakter, Wirkungsfähigkeit (»vis agendi«, GOCLEN, Lex. phil. p. 59). Dem Bewußtsein kommt eine Activität zu, die es im Denken und Wollen betätigt und die, als »Reactivität«, schon dem Wahrnehmen und Empfinden zugrunde liegt. Der höchste Grad dieser Activität ist die Selbsttätigkeit, die Spontaneität (s. d.) des Ichs.

DESCARTES stellt den activen Geist der passiven Materie (s. d.) gegenüber. Unter den »actiones animi« versteht er »omnes nostrae voluntates, quia experimur eas directe venire ab anima nostra, et videntur ab illa sola pendere« (Pass. an. I, 17, p. 10). SPINOZA verlegt die Action der Seele in das genaue Erkennen; sie leidet, wenn sie unadäquate Vorstellungen hat. »Mens nostra quaedam. agit, quaedam vero patitur; nempe quatenus adaequatas habet ideas, eatenus quaedam necessario agit, et quatenus ideas habet inaduequatas, eatenus necessario quaedam patitur« (Eh. III, prop. I). »Mentis actiones ex solis ideis adaequatis oriuntur; passiones autem a solis inaduequatis pendent« (l.c. prop. III). Ähnlich meint LEIBNIZ: »Il n'y a de l'action dans les véritables sÜbstances, que lorsque leur perception... se développe et devient plus distincte, comme il n'y a de passion que lorsqu'elle devient plus confuse« (Nouv. Ess. II, ch. 21, § 72). GEULINCX verlegt alle, auch die geistige Activität in Gott. Sein Grundsatz lautet: »Quod nescis quomodo fiat, id non facis« (Eth. I, c. 3, sct. 2, § 2, p. 32). Daher »Übi nihil vales, ibi nihil velis« (l.c. Annot. p. 164). Ich bin nur ein Zuschauer (spectator) in dieser Welt, in der alles von Gott bewirkt wird (l.c. p. 35 f., s. Occasionalismus). MALEBRANCHE schreibt nur dem Wollen Activität zu, der Verstand verhält sich passiv, insofern er alles in und durch Gott erkennt (Rech. II, 7). Nach LOCKE ist die Seele nur activ, insofern sie fähig ist, Vorstellungen zu verknüpfen und zu ordnen (s. Empirismus). Nach BERKELEY sind die geistigen Substanzen activ, die Dinge = Vorstellungen aber durchaus passiv. Die Activität des Geistes liegt in seinem Vermögen, Ideen zu producieren (bewußt zu machen) und zu verändern (Princ. XXVIII). Der Sensualismus (s. d.) leugnet eine schöpferische, originäre Activität des Geistes. Doch betont CONDILLAC das Vorhandensein einer tätigen Kraft in der Seele, vermöge deren wir activ sind, nämlich in allem, was wir in oder außer uns erzeugen. in unserem Nachdenken wie in unseren Willkürhandlungen (Tr. d. sens. I, ch. 2, § 11). Die active Seite des Bewußtseins berücksichtigt DUGALD STEWART (Philos. of the active and moral powers), auch HAMILTON.

KANT stellt der »Receptivität« (s. d.) der Sinne die »Spontaneïtät« des Denkens (s. d.) gegenüber. Seitdem berücksichtigen die meisten Erkenntniskritiker und auch viele Psychologen den activen Charakter des Bewußtseins. Eine Ausnahme machen die Associationspsychologen (s. d.) und E. V. HARTMANN, nach welchem das Bewußtsein (s. d.) rein passiv ist; activ ist nur das[11] »Unbewußte« (s. d.). – Nach MAINE DE BIRAN ist die Activität des Bewußtseins eine Tatsache, die im »effort voulu« (s. WOLLEN) zum Ausdruck gelangt. FRIES erklärt die Passivität des Geistes für bloß relativ als Nötigung, die Tätigkeit auf eine bestimmte Weise zu äußern (Neue Kr. I, 75). Die Activität des Bewußtseins betont GALUPPI (Filosofia della volontà). So auch LOTZE, WUNDT, PAULHAN (L'activité mentale...), HÖFFDING, WITTE (We(s. d.) Seele S. 144). REHMKE, der das »Tätig-sein« der Seele als »Bedingung« für das Auftreten eines einzelnen Bewußtseinsvorgangs auffaßt (Allg. Psychol. S. 482, 464) u. a. Die Activität der Seele schon in der Sinnesempfindung behaupten u. a. FORTLAGE (Psych. II, § 80), A. BAIN (Sens. and Int.), HÖFFDING, der betont, die Activität des Geistes käme nur in ihren Resultaten zum Bewußtsein (Vierteljahrsschr. f. w. Phil. Bd. 14, S. 308), JODL (Lehrb. d. Psych. S. 96, 105), STOUT (Anal. Psychol.). Vgl. Apperception.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 11-12.
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