Stimmung

[434] Stimmung ist (psychologisch) die besondere, von äußeren und inneren Umständen abhängige Gemütslage, Gemütsverfassung, gemütliche Resonanz eines Individuums, die Gefühlsdisposition zu einer bestimmten Zeit im Gefolge von Organempfindungen, Vorstellungen, Reflexionen, Erlebnissen heiterer oder trauriger Art.

Nach BIUNDE ist Stimmung »diejenige Verfassung des Subjects, welche die Entstehung eines Gefühls oder einer Begierde fördert, dazu Disposition ist« (Empir. Psychol. II, 116). Vorübergehende und bleibende Stimmungen des Begehrens sind die Neigungen, des Willens die Gesinnungen (Empir. Psychol. II, 116 ff.). BENEKE versteht unter affectiven oder Stimmungs-Gebilden die nicht-intellectuellen seelischen Zustände (Lehrb. d. Psychol.3, § 59). »Durch die auch von den Gefühlen zurückbleibenden Spuren oder Angelegtheiten werden mehr oder weniger bleibende Gemütsstimmungen begründet, vermöge deren Glücklichsein und Unglücklichsein, in den mannigfachsten Modificationen, gewissermaßen zu Eigenschaften werden können« (l. c. § 288. vgl. § 372). NAHLOWSKY versteht unter Stimmung »jenen durch seinen Grundton charakterisierten Collectivzustand des Gemüts, welcher (in der Regel) weder das Hervortreten bestimmter Sondergefühle noch das klare Bewußtsein seiner veranlassenden Ursachen gestattet« (Gefühlsleb. § 24). VOLKMANN nennt »Stimmungsempfindungen« solche Empfindungen, die dem trophischen Zustande der Nervenfaser entsprechen (Lehrb. d. Psychol. I4, 224 f.). Nach LOTZE sind Stimmungen »dauernde Färbungen des Gemütszustandes«[434] (Med. Psychol. S. 514 ff.). Nach REHMKE ist die Stimmung nicht Gefühl. es liegt unklares Gegenständliches in ihr (Zur Lehre vom Gem. S. 85 ff., 120). Nach ZIEHEN ist Stimmung die Abstraction »aus den gleichartigen Gefühlstönen der Vorstellungen und Empfindungen eines bestimmten Zeitabschnitts« (Leitfad. d. physiol Psych.2, S. 125). Nach STUMPF sind Stimmungen »Gefühlszustände von längerer Dauer, die teils in bestimmten, mit Bewußtsein erlebten, aber bald wieder vergessenen Anlässen, teils in den Empfindungen der vegetativen Organe wurzeln« (Zeitschr. f. Psychol. 21. Bd., S. 49). Nach A. LEHMANN (Gefühlsleb. S. 62) und KÜLPE (Gr. d. Psychol. S. 334) gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Stimmung und Affect. Nach W. JERUSALEM ist die Stimmung »die Summe der mit den Functionsbedürfnissen zusammenhängenden Gefühle..., die einzeln zu schwach sind, um zum Bewußtsein zu kommen« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 162). R. WAHLE bemerkt: »Stimmungen sind Gefühle ohne Gegenstand des Gefühles« (Das Ganze d. Philos. S. 392).

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 434-435.
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