Optimismus

[58] Optimismus (von optimus, Bester) bedeutet: 1) die Ansicht, die Welt sei die beste aller möglichen, sei durchaus vollkommen oder so vollkommen als möglich. 2) die Ansicht, daß trotz aller empirisch vorkommenden, nicht zu leugnenden, notwendigen Übel (s. d.) die Welt, das Dasein einer Vielheit von Wesen, gut, zweckmäßig, wertvoll sei, daß also das Sein der Welt ihrem Nichtsein vorzuziehen, das (endliche) Leben zwar »der Güter höchstes nicht«, nicht von absolut-ewigem Werte (der nur dem Allsein zukommt), aber doch (als Mittel zur Förderung der Allwesenheit in uns und in den andern) zu bejahen sei. 3) die Gemütsdisposition, welche die Welt, das Leben, den Menschen von der guten, besten Seite auffaßt, vertrauensvoll den guten Ausgang der Dinge, den Fortschritt im kleinen wie im großen erwartet.

Schon im Alten Testament ist der Optimismus ausgesprochen: Panta kala – alles von Gott Geschaffene ist gut. Optimisten sind auch die meisten griechischen Philosophen. So PLATO, nach welchem der Demiurg (s. d.) als der Beste nur das Schönste schaffen konnte (themis de out' ên out' esti tô aristô dran allo plên to kalliston Tim. 30 A). Die Welt ist ein zôon empsychon, teleon (Tim. 30A, 32D), ein seliger Gott (eudaimona theon auton egennêsato, Tim. 34 B). Thnêta gar kai athanata zôa labôn kai xymplêrôtheis hode ho kosmos, houtô zôon horaton ta horata periechon, eikôn tou poiêtou, theos aisthêtos, megistos kai aristos kallistos te kai teleôtatos gegonen, heis ouranos hode monogenês ôn (Tim. 92B). Auch ARISTOTELES ist mit seiner Teleologie (s. d.) zu den Optimisten zu rechnen. So auch die Stoiker. Nach KLEANTHES wendet Gott alles zum Guten: Oude ti gignetai ergon epi chthoni sou dicha, daimon, houte kat' aitherion theion polon out' epi pontô, plên hoposa rhezousi kakoi spheterêsin anoiais. 'Alla sy kai ta perissa epistasai artia theinai, kai kosmeis ta akosma, kai ou phila soi phila estin (Hymn. auf Zeus, Stob. Ecl. I, 30). Alles ist nach CHRYSIPP durch die heimarmenê geordnet (s. Schicksal). »Neque enim est quicquam aliud praeter mundum, cui nihil absit quodque undique atque perfectum expletum sit omnibus suis numeris et partibus« (CICERO, De nat. deor. II, 37. gegen solche Auffassung EPIKUR, bei Lactant., De ira Dei 13, 19 u. KARNEADES, bei Cicer., Acad. II, 38, 120. De nat. deor. III, 32, 80). Nach PLOTIN ist alles Böse (s. d.) negativer Art, führt meist zum Guten (Enn. III, 2, 5). Nach BOËTHIUS regiert ein guter Lenker die Welt, in der alles gut und gerecht ist. jedes Ding hat sein festes Gesetz, das es beherrscht und zum Guten führt (Consol. philos. IV).

Den endgültigen Sieg des Guten über das Böse betonen (im Sinne des Parsismus) die Manichäer. Nach TERTULLIAN ist die Welt durch die Güte Gottes geschaffen, ist gut (De spect. 2. Adv. Marc. II, 17). Alles ist vernünftig geordnet (De an. 43. Apol. 17). Die Harmonie und Schönheit der Welt, in der alles zum Guten verknüpft wird, betont GREGOR VON NYSSA (De hom. opif. 1. De an. et resurr. p. 229). – AUGUSTINUS erklärt alles Sein[58] als solches für gut. »In quantum est, quidquid est, bonum est« (De vera relig. 21. Confess. VII, 12). »Cum omnino natura nulla sit malum, nomenque hoc non sit nisi privationis boni« (De civ. Dei XI, 22). So auch THOMAS (In lib. sent. 1, d. 44) u. a.

Die Vollkommenheit und Schönheit der Welt behaupten NICOLAUS CUSANUS (De ludo globi I, f. 154), G. BRUNO (De la causa), SHAFTESBURY (Charact. II, p. 4), POPE (»Whatever is, is right«, Essay on man I, 294). Eine Theorie des Optimismus gibt LEIBNIZ. Die Welt ist von allen (im Geiste Gottes) möglichen die beste, denn Gott, der Vollkommenste, kann nur das möglichst Beste gewählt haben (Princip. de la nat. 10. Theod. I B, §116). Wäre die Welt nicht die bestmögliche, so hätte Gott eine vollkommenere nicht gekannt, nicht schaffen können oder wollen, was der Weisheit, Allmacht oder Allgüte Gottes widerspricht (ib.). Gott hat die Dinge so geschaffen, daß sie durch ihre eigene Natur zum Guten führen (Gerh. VI, 605). »Il y a autant de vertu et de bonheur qu'il est possible« (ib.). Das Unzweckmäßige, Üble dient höheren Zwecken (Monadol. 90). Gegen Leibniz erklärt sich VOLTAIRE (im »Candide«), auch HUME. CHR. WOLF erklärt: »Die gegenwärtige Welt ist die beste. Wäre eine bessere als diese möglich gewesen, so hätte es nicht geschehen können, daß er (Gott) die unvollkommenere ihr vorgezogen hätte« (Vern. Ged. I, § 982). Optimisten sind die deutschen Popularphilosophen, so z.B. MENDELSSOHN: »Alle Gedanken Gottes, insoweit sie das Beste zum Vorwurf haben, gelangen zur Wirklichkeit« (Morgenst. I, 12, S. 205. vgl. dagegen »Jerusal.« II, S. 44 ff.). Zum Optimismus bekennt sich auch GOETHE (W. II, 390).

KANT wendet sich zwar gegen den eudämonologischen (das Überwiegen der Lust behauptenden) Optimismus (WW. Rosenkr. VII 2, 144, 274, 277, 318), vertritt aber einen evolutionistischen Optimismus des Fortschritts der Menschheit (l. c. VII, S. 330. VIII 2, 271). Nach J. G. FICHTE hat das All das Gepräge des Geistes, »stetes Fortschreiten zum Vollkommenen in einer geraden Linie, die in die Unendlichkeit geht« (Anweis. zum sel. Leben, WW. V, 408). Nach HEGEL ist »alles Wirkliche vernünftig« (s. Panlogismus). CHR. KRAUSE erklärt: »Die Welt mit allen ihren inneren Wesen und Harmonien ist göttlich, ein würdiges Werk und Ebenbild Gottes. Aus der Fülle der ewigen Macht und Weisheit und Güte stammt alles, was ist« (Urb. d. Menschh. S. 6). Optimistisch ist die Philosophie NIETZSCHEs, LOTZEs, FECHNERs, WUNDTs, ÖLZELT-NEVINs (Kosmodicee) u. a. E. DÜHRING bemerkt: »Die erforderliche Zutrauensfähigkeit hängt von der Gutartigkeit des Gemüts ab. nur der, welcher im innersten Kern seines Wesens selber das Gute will, wird auch das Gute als entscheidenden Charakterzug in der Gesamtanlage der Dinge voraussetzen« (Wirklichkeitsphilos. S. 87). GIZYCKI hält weder den Pessimismus noch den Optimismus, sondern nur den »Meliorismus« (G. ELIOT) für haltbar, den Glauben an den Wert des Lebens und an die Fähigkeit, diesen zu erhöhen (Moralphilos. S. 90). Ähnlich P. CARUS (Fundamental Problems2, 1894). DUBOC bezeichnet als charakteristisches Merkmal der (von ihm vertretenen) optimistischen Weltanschauung die »Überzeugung von einem Fortschreiten in der innerlichen Weltbewegung zu einem höheren vollkommeneren Lebensinhalt« (Der Optim S. 132). Einen »teleologischen« Optimismus verbindet mit dem »eudämonologischen« Pessimismus (s. d.) ED. VON HARTMANN. H. LORM kommt auf Grund eines erkenntnistheoretischen »Pessimismus« (s. d.) zu einem »grundlosen Optimismus«, der in dem »Gefühle[59] der Unendlichkeit« besteht (Der grundlose Optim. S. 247 ff., 260). Vgl. Pessimismus, Theodicee, Böses, Übel.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 58-60.
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