Erhaben

[281] Erhaben ist alles Große, Kraftvolle, Mächtige, sofern wir uns ihm gegenüber klein dünken, wenn wir uns unmittelbar damit vergleichen. Das Gefühl des Erhabenen entsteht aber erst, wenn unser ich gegenüber der Depression, die es durch das Große erleidet, mit einer Erhebung über das Sinnliche, mit einem Bewußtsein der eigenen Größe, die selbst das Große der Natur, des Nicht-Ich, im Bewußtsein zu umspannen vermag, reagiert. Erhaben ist, was uns zur Idee des Großen schlechthin erhebt. Nach BURKE ist erhaben, was die Vorstellung von Schmerz und Gefahr für uns zu erwecken vermag; es wirkt angenehm, wenn wir uns sicher fühlen. »Whatever is fitted in any sort to excite the ideas of pain and danger, that is to say, whatever is in any sort terrible, or disconversant about terrible objects... is a source of the sublime« (Enquir. I, 7). Nach KANT gefällt das Erhabene, wie das Schöne für sich selbst. Aber »das Schöne der Natur betrifft die Form des Gegenstandes, die in der Begrenzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen Gegenstande zu finden, sofern Unbegrenztheit an ihm, oder durch dessen Veranlassung, vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht wird«. Das eigentlich Erhabene »kann in keiner sinnlichen Form enthalten sein, sondern trifft nur Ideen der Vernunft« (Krit. d. Urt. § 23). Das Gefühl des Erhabenen führt mit sich »eine mit der Beurteilung des Gegenstandes verbundene Bewegung des Gemüts« (l.c. § 24). Erhaben ist »das, was schlechthin groß ist«, d.h. »was über alle Vergleichung groß ist«. Es besteht hier ein Wohlgefallen »an der Erweiterung der Einbildungskraft an sich selbst«. »Erhaben ist das, mit welchem in Vergleichung alles andere klein ist.« Diese »Unangemessenheit unseres Vermögens der Größenschätzung« erweckt gerade das »Gefühl eines[281] übersinnlichen Vermögens in uns«, die erhabene Geistesstimmung. »Erhaben ist, was auch nur denken zu können ein Vermögen des Gemütes beweiset, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft« (l.c. § 25). Das Vermögen, das Unendliche denken zu können, ist über alle Vergleichung groß; erhaben ist die Natur »in denjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt«, die »den Begriff der Natur auf ein übersinnliches Substrat... führen, welches über allen Maßstab der Sinne groß ist und daher nicht sowohl den Gegenstand, als vielmehr die Gemütsstimmung, in Schätzung desselben, als erhaben beurteilen läßt«. Beim Erhabenen bezieht die ästhetische Urteilskraft die Einbildungskraft auf die Vernunft; in seiner eigenen Beurteilung fühlt sich hier das Gemüt erhaben (l.c. § 26). Das Gefühl des Erhabenen in der Natur ist »Achtung für unsere eigene Bestimmung, die wir einem Objecte der Natur durch eine gewisse Subreption... beweisen, welches uns die Überlegenheit der Vernunftbestimmung unserer Erkenntnisvermögen über das größte Vermögen der Sinnlichkeit gleichsam anschaulich macht«. »Das Gefühl der Erhabenheit ist also ein Gefühl der Unlust, aus der Unangemessenheit der Einbildungskraft in der Größenschätzung für die durch die Vernunft, und eine dabei zugleich erweckte Lust, aus der Übereinstimmung eben dieses Urteils der Unangemessenheit des größten sinnlichen Vermögens zu Vernunftideen, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz ist« (l.c. § 27). »Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.« Das Erhabene ist »ein Gegenstand (der Natur, dessen Vorstellung das Gemüt bestimmt, sich die Unerreichbarkeit der Natur als Vorstellungen von Ideen zu denken«. Ohne »eine Stimmung des Gemüts, die der zum moralischen ähnlich ist«, läßt sich das Gefühl des Erhabenen nicht denken. Das Wohlgefallen am Erhabenen der Natur ist »nur negativ«, »nämlich ein Gefühl der Beraubung der Freiheit der Einbildungskraft« (l.c. § 29). Es gibt ein »mathematisch Erhabenes«, das auf das Erkenntnisvermögen bezogen wird, das Große der Anschauung, und ein »dynamisch Erhabenes«, das auf das Begehrungsvermögen bezogen wird (l.c. § 24). »Die Natur im ästhetischen Urteile als Macht, die über uns keine Gewalt hat, betrachtet, ist dynamisch– erhaben« (l.c. § 28). – »Das Erhabene (sublime) ist die ehrfurchterregende Großheit (magnitudo reverenda), dem Umfange oder dem Grade nach, zu dem die Annäherung (um ihm mit seinen Kräften angemessen zu sein) einladend, die Furcht aber, in der Vergleichung mit demselben in seiner eigenen Schätzung zu verschwinden, zugleich abschreckend ist« (Anthropol. II, § 66; vgl. WW. II, 229 ff.). Nach SCHILLER besteht das Gefühl des Erhabenen »einerseits aus dem Gefühl unserer Ohnmacht und Begrenzung, einen Gegenstand zu umfassen, anderseits aus dein Gefühle unserer Übermacht, welche vor keinen Grenzen erschrickt und dasjenige sich geistig unterwirft, dem unsere sinnlichen Kräfte unterliegen« (WW. XI, 287). Beim Erhabenen fühlen wir uns frei, »weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen anderen als seinen eigenen Gesetzen stünde«. »Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein... und von Frohsein...« (Üb. d. Erhab. Sch., Phil. Schr. S. 192). »Der erhabene Gegenstand ist von doppelter Art. Wir beziehen ihn entweder auf unsere Fassungskraft und erliegen bei dem Versuch, uns ein Bild oder einen Begriff von ihm zu bilden: oder wir beziehen ihn auf unsere Lebenskraft und betrachten ihn als eine Macht, gegen welche die unsrige[282] in nichts verschwindet« (l.c. S. 193). Das Erhabene »verschafft uns einen Ausgang aus der sinnlichen Welt« (l. c S. 196). Über das Erhabene handelt HERDER in seiner »Kalligone«. Nach J. PAUL, ist das Erhabene »das angewandte Unendliche«, das unendlich Große, das Bewunderung erweckt (Vorsch. d. Ästhet.). Nach BOUTERWEK ist es eine »ästhetische Modification des Großen« (Ästh. I, 154 ff.). Nach HEGEL, ist das Erhabene »der Versuch, das Unendliche auszudrücken, ohne in dem Bereich der Erscheinungen einen Gegenstand zu finden, welcher sich für diese Darstellung passend erwiese« (Ästh. I, 467; vgl. VISCHER, Üb. d. Erhabene u. Kom. 1837). SCHOPENHAUER erklärt: »Beim Schönen hat das reine Erkennen ohne Kampf die Oberhand gewonnen... hingegen bei dem Erhabenen ist jener Zustand des reinen Erkennens allererst gewonnen durch ein bewußtes und gewaltsames Losreißen von den als ungünstig erkannten Beziehungen desselben Objects zum Willen, durch ein freies, vom Bewußtsein begleitetes Erheben über den Willen und die auf ihn sich beziehende Erkenntnis« (W. a. W. u. V. I. Bd., § 39). Das Erhabene ist »das Extrem des Schönen, wo sich die theoretische Negation der zeitlichen Welt und Affirmation der ewigen, welche durchaus das Wesen aller Schönheit ist..., auf die unmittelbarste, ja fast handgreifliche Weise ausspricht« (Anmerk. S. 78). HERBART bestimmt: »Wenn in dem Schönen die Größe vorwiegt, so entsteht das Erhabene« (Lehrb. zur Psychol.3, S. 73). RUGE: »Die asthetische Idee wird in der Gestalt betrachtet, wo sie noch nicht die Befriedigung des Sich-findens ist, also als die sich suchende Idee, und als solcher kann es ihr zuerst begegnen, daß sie gewinnt, was sie erstrebt. In dem Erfolge ist dann das Gefühl des Suchens enthalten, und diese Befriedigung des Strebens mit dem Gefühl der Erhebung aus dem Mangel ist die Erhabenheit, welche also die Unruhe des Sich-herauswindens aus der Bedürftigkeit noch an sich hat« (Vorsch. d. Ästh. S. 58). Nach CARRIERE ist das Erhabene »dasjenige Schöne, welches nicht sowohl durch die Anmut als durch die Größe der Form auf uns wirkt« (Ästh. I, 118). SIEBECK erklärt: »Das Erhabene ist diejenige Art der Schönheit, in welcher das Moment der Begrenzung zurücktritt« (We(s. d.) ästh. Ansch. S. 166). GROOS meint: »Das Erhabene ist ein Gewaltiges in einfacher Form.« Der Gedanke des Unendlichen ist dafür nicht wesentlich (Einl. in d. Ästh. S. 318 ff.). L. DUMONT erklärt das Vergnügen am Erhabenen daher, »daß der Gegenstand durch seine Unerschöpflichkeit uns die Möglichkeit gewährt, alle unsere disponible Kraft... für den Gedanken anzuwenden« (Vergn. u. Schm. S. 201). Als ein gemischtes Gefühl bestimmt das Erhabene A. LEHMANN (Gefühlsleb. S. 350).

Quelle:
Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. Berlin 1904, S. 281-283.
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