Die Sitte des Tabakrauchens

[35] Die Sitte des Tabakrauchens, dessen Urheber, die Amerikaner, es blos in gewissen krankhaften Zufällen als Heilmittel gebrauchten, hat sich auf eine höchst auffallende Weise in Europa mit solcher Allgewalt verbreitet, daß auch alle und jede Versuche, ihm entgegen zu arbeiten,1 fruchtlos gewesen sind. Nach und nach ist dieß Bedürfniß bei den rohsten, wie bei den gebildetsten Völkern so groß und so allgemein geworden, daß durch den Handel damit nicht nur die Einkünfte sehr vieler Regenten sich aufs ansehnlichste vermehrt,2 sondern auch der Bau, die Bearbeitung und das ganze Gewerbe einen so bedeutenden Einfluß in die Geschichte und Verhältnisse des menschlichen Lebens erlangt haben, daß viele Millionen Menschen dadurch ihren Unterhalt finden. Es ist bekannt, wie viele Hände sich mit der Cultur jener Pflanze beschäftigen. Nicht blos in Amerika – freilich hier am stärksten – und in Ostindien, sondern auch in Europa wird der Bau sehr eifrig betrieben: außer Ungarn und Slavonien, der Europ. Türkei, Holland, Schweden [35] haben auch viele Provinzen Deutschlands sich mit vielem Erfolge darauf gelegt – schon 1681 fing man in der Mark Brandenburg an, ihn zu bauen – obgleich auch freilich die Güte des Tabaks nach den Ländern sehr verschieden ist. Der beste ist unstreitig der Amerikanische: aus Havanna (von diesen Blättern wird der feine Kanaster und der feine Spanische Schnupftabak gefertiget), St. Vincent, Portoriko, aus Brasilien, Virginien, Maryland (aus den beiden letztern werden jährlich auf 100,000 Fässer verfahren). Nächstdem ist der Morgenländische, ferner der Ungarʼsche Tabak der vorzüglichere. In Deutschland wird auch, besonders um Nürnberg, Hanau, Speier, in der Pfalz etc. viel, mit unter auch ziemlich guter Tabak gebaut.3 Wie bedeutend aber dieser Tabaks-Handel, besonders für die Holländer, Bremer und Hamburger Kaufleute, sei, davon überzeugt uns der blühende Wohlstand so vieler, die damit handeln. Daß aber auch bei diesem Waren- und Mode-Artikel sehr viel auf die Kunst des Verfertigers ankommt, ist eben so ausgemacht: jede Tabaksfabrik hat ihre eigne, gemeiniglich sehr geheim gehaltene Art, die Blätter durch gewisse Zurichtungen u. Beitzen (Saucen), so wie auch durch gute Combination der einzelnen Blättersorten schmackhaft und annehmlich zu machen; und eben dieß ist die Quelle des Reichthums für so viel Tabakhändler. Gern würde man ihnen auch diesen gönnen, wenn nur nicht so manche gewissenlose Fabrikanten ihr tiefstes Geheimniß darin suchten, durch schädliche, der menschlichen Gesundheit höchst nachtheilige Substanzen ihren Brühen ein heimliches Gist mit beizumischen. Es verdiente in der That wohl die Aufmerksamkeit aller guten Deutschen Polizeieinrichtungen, auf diese subtilen Mörder das wachsamste Auge zu haben!! –

Einer besondern Art des Tabakrauchens muß hier noch Erwähnung gethan werden, nehmlich der Cigarros: es sind dieß Blätter, welche man zu fingerdicken hohlen Cylindern zusammenrollt, und dann [36] an dem einen Ende angezündet, mit dem andern in den Mund genommen und so geraucht werden. Diese Art, deren man sich statt der Pfeifen im Spanischen Amerika bedient, fängt an, auch in unsern Gegenden sehr gemein zu werden; ob aber dadurch den Rauchern der Geschmak veredelt oder verbessert werde, ist wohl nicht gut zu bestimmen, eben weil es – Sache des Geschmacks ist.

Daß übrigens dieser zu einem so ausgebreiteten Gegenstande des Luxus gediehene Artikel auch noch die Veranlassung zu einem fast eben so ausgebreiteten Industrie-Zweige geworden ist, verdient hier zum Belege für den allmächtigen Einfluß jener Staude nur noch mit wenigen Worten angeführt zu werden: ich meine die Pfeifen-Köpfe und Schnupftabaks-Dosen. Welche ungeheure Preise die Liebhaberei an jenen, und die Prachtliebe und Verschwendungssucht bei diesen aufwendet, ist eine mehr als zu bekannte Sache. In welcher unzählbaren Menge die Pfeifenköpfe aus Meerschaum gefertiget werden, ist bei dem Art. Meerschaum (Th. III. S. 108.) erwähnt worden; und die Schnupftabaks-Dosen – welch ein wichtiger Artikel für so viele Fabriken nur in der gemeinen Gattung; aber wie höchst bedeutend und reichhaltig auch für Juwelier und Modehändler! Wie so manches – wahre und Scheinverdienst hat nicht schon in einer solchen Dose seine Belohnung finden müssen, oder auch – wirklich gefunden!


Fußnoten

1 Anfangs suchte man auf alle Weise dasselbe zu verbieten, oder doch zu erschweren. In England wurde unter Jakob den Ersten (1604) eine sehr starke Auflage darauf gemacht; in der Türkei, namentlich in Constantinopel, wurde eben auch zu Anfange des 17. Jahrhunderts, jeder beim Rauchen ertappte Türke mit einer durch die Nase gestoßenen Pfeife in der Stadt herumgeführt; 1634 verbot man in Rußland bei Verlust der Rase das Rauchen des Tabaks; und in der Berner Polizeiordnung von 1661, die nach den zehen Gehoten abgefaßt ist, findet man das Verbot des Tabakrauchens gar unter dem Artikel: Du sollst nicht ehebrechen. Wie viel ist nicht von den Kanzeln herab – besonders zu Ende des 17. Jahrhunderts – dagegen geeifert worden!


2 Schon 1753 wurde von Portugal der Tabakshandel für zwei und eine halbe Million Thaler verpachtet; der König von Spanien bezog um diese Zeit über 7 Millionen Thaler, und Frankreichs Einkommen von diesem Artikel betrug 1780 auf 29 Millionen Livres.


3 Von Schnupftabak sind noch besonders gangbare Sorten: Rappe oder St. Omer, der Holländische und Spanische, der Brasilientabak, ingleichen der granirte (granulirte), ein schwarzer, gekörnter, besonders in Italien gangbarer Tabak.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 6. Amsterdam 1809, S. 35-37.
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