Die Wahrsagerin

[295] Vater von allen,

Was soll ich flehen?

Klagen erschallen,

Müde Seufzer ergehen;

Woher der Wind mag wehen,

Wohin die Fahnen stehen,

Fürchten und Hoffen,

Donnernd steht der Himmel offen.


Was soll ich beten,

Bittend abwenden?

Über dem Beten

Schon mit uns kann es enden.

Woher die Boten kommen,

Sind alle schon beklommen,

Fürchten nicht Hoffen

Lebet in der Erd' verschlossen.


Löse entbinde

Meine Geschwinden

Über dem Winde,

Ahndend Schicksal zu künden![295]

Bin meines Schicksals müde,

Der Zauberkessel siede,

Fürchten und Hoffen,

Brause zu der Erde offen.


Lasse die Karten

Friedlicher fallen,

Menschlich wir warten,

Halten's zürnend mit allen;

Wer kann Vernichten künden,

Es weht in allen Winden,

Läßt sich nicht bannen,

Thränen von dem Himmel rannen.


Blaugrüne Reihen

Drängen wie Wellen,

Fürchterlich dräuen,

An der Küste zerschellen!

Ich kann nicht Sieger finden!

Ein Geist will sich verkünden!

Alle betroffen!

Schrecken scheidet Streit und Hoffen!


Keiner geht weiter,

Alle beklommen;

Wer ist der Streiter,

Der für uns kommen?

Um den wir all' noch weinen,

Er führet an die Reinen,

Über den Höhen

Könnt ihr ihn als Stern schon sehen.


Reißen im Eise

Drohende Spalten,[296]

Endet die Reise,

Laßt gewarnet euch halten!

Es stürzt ein Sturm die Wälder

Und trennt die blut'gen Felder;

Nein ich vergehe,

Über'm Sehn vergeht das Sehen.


Vater von allen,

Was soll ich flehen?

Klagen erschallen,

Schmerzensseufzer ergehen,

Woher der Wind mag wehen,

Wohin die Fahnen stehen,

Fürchten und Hoffen,

Donnernd steht der Himmel offen.


Nächtliche Feuer,

Feindegetümmel,

Stören die Feier,

Stürmten gern den Himmel.

Er läßt sich nicht erstürmen,

Die Fahnen stehn auf Thürmen.

Gott wird sie halten,

Wird der Feinde Wuth erkalten.


Löse in Ruhe

Menschlich Geschäfte,

Winter umthue

All' sünd'gende Kräfte,

Mit kalter weißer Decke,

Daß Unglück sich verstecke,

Augen voll Thränen

Mögen sie in Unschuld wähnen.[297]


Fliehen die Feinde,

Brennen mit Lachen

Tobende Freunde

Hirtenhäuser zum Wachen;

Vom Heerd ist nichts geblieben,

Die Heerden sind vertrieben.

Lieber Gott! schreiend,

Flieht der Hirt dem Himmel dräuend.


Lämmlein, von allen

Einzig ihm blieben,

Wölfe anfallen,

Kommend witternd von drüben,

Sie sind vom Wind geladen,

Die Todten zu begraben,

Heldenlied schweiget,

Heulend sie der Wolf umreiget.


Schon ist vergessen

Eigenes Leiden,

Nimmer vermessen

Stör' ich ahndend die Freuden.

Und sollt' es auch geschehen,

Ich will's voraus nicht sehen,

Fürchten und Hoffen,

Wie mir steht die Zukunft offen.


Wisset es glühet

Heilig im Sitze,

Über mir ziehet

Kühlung labend im Blitze,

Die Thränen fallen alle

Im Becher ein mit Schalle,

Trink' sie du Rächer,

Schrecklich ist ein Thränenzecher.[298]


Lächelnd verzweifeln

Ist ein Entsetzen

Nicht in den Zweifeln

Ist des Zaubers Ergötzen,

Die Sterne stehen feste,

Es geht noch all auf's beste,

Glaubet dem Hoffen,

Bläulich steht der Himmel offen.


Auge der Liebe

Über den Schlachten,

Nimmermehr trübe,

Laß dich wieder betrachten,

Wie von Erinnerungen

Von Sternen so durchdrungen,

Glauben und Hoffen

Hält dich segnend für uns offen.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 295-299.
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