Weihnachten

[99] Weihnachten, ach Weihnachten,

Du warst der Kinder Trost,

Die noch im Schlafe lachten,

Du Schlaf mir bald entflohst,

Die Stunden hell mir schlagen,

Wem sagen

Sie an den Tag so schnell,

Mein Wächter ist da drüben,

Er sagt mir an den Tag,

In Schmerzen vorzuüben,

Was hohe Lust vermag.

Zur Kirch bin ich gegangen,

Vergangen

War mit Verzweiflung schnell,

Es bleibt zurück

Ein sinnend Glück,

Und in dem Traum ein tiefer Blick,

Wie in der Kinder Aug' entzückt,

Wie ich sie halb noch schlafend drück,

Süß springt der Augen Quell.[99]


Des Traumes deutend Summen

Ich nun ermessen kann:

Soll alle Lust verstummen,

Erstirbt ein hoher Mann?

Die Thränenfluthen brausen

Mit Grausen,

Der Menschen Haus versinkt!

Der Alte steigt als Taube

Verjünget aus der Fluth

Mit einem grünen Laube

Im Schnäblein sorgsam gut,

Auf einem Buch sie sitzet,

Das blitzet,

Und schwimmt und nicht ertrinkt,

Mit Perlen ist

Beschlagen, wißt,

Das war's, was da der Alte liest,

Als er die arme Neugier grüßt;

Dies Buch such auf, du frommer Christ,

Das dir den Frieden bringt.


Die Schmerzensfluthen weichen,

Der Berg bleibt unverletzt,

Die neuen Menschen gleichen

Den Stämmen, die versetzt,

Es treibt sie edler Leben,

Sie geben

Nun edle Früchte nur.

Es wird aus Erdenschlünden

Das Buch der Vorzeit mein,

Und ihre schweren Sünden

Sind abgewaschen rein,

O wollt das Trauren stillen,

Will füllen[100]

Mosaisch jede Spur,

Am Boden hell

Der Himmelsquell

Ist eingelegt, so Well auf Well,

Die Taube bleibet mein Gesell

Und trinkt des Buches ew'gen Quell,

Gott's Wort in der Natur.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 99-101.
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