[Nun, gute Nacht! mein Leben]

[239] Nun, gute Nacht! mein Leben,

Du alter, treuer Rhein,

Deine Wellen schweben

Schon im klaren Sternenschein;

Die Welt ist rings entschlafen,

Es singt den Wolkenschafen

Der Mond ein Lied.


Der Schiffer schläft im Nachen

Und träumet von dem Meer,

Du aber, du mußt wachen[239]

Und trägst das Schiff einher.

Du führst ein freies Leben,

Durchtanzest bei den Reben

Die ernste Nacht.


Wer dich gesehn, lernt lachen;

Du bist so freudenreich,

Du labst das Herz der Schwachen

Und machst den Armen reich,

Du spiegelst hohe Schlösser,

Und füllest große Fässer

Mit edlem Wein.


Auch manchen lehrst du weinen,

Dem du sein Lieb entführt,

Gott wolle die vereinen,

Die solche Sehnsucht rührt.

Sie irren in den Hainen

Und von den Echosteinen

Erschallt ihr Weh.


Und manchen lehret beten

Dein tiefer Felsengrund,

Wer dich in Zorn betreten,

Den ziehst du in den Schlund.

Wo deine Strudel brausen,

Wo deine Wirbel sausen,

Da beten sie.


Mich aber lehrst du singen,

Wenn dich mein Aug' ersieht,

Ein freudenselig Klingen

Mir durch den Busen zieht.

Treib fromm nur meine Mühle,

Jetzt scheid' ich in der Kühle

Und schlummre ein.


Ihr lieben Sterne decket

Mir meinen Vater zu.[240]

Bis mich die Sonne wecket,

Bis dahin mahle du.

Wird's gut, will ich dich preisen,

Dann sing' in höhern Weisen

Ich dir ein Lied.


Nun werf' ich dir zum Spiele

Den Kranz in deine Flut,

Trag' ihn zu seinem Ziele,

Wo dieser Tag auch ruht.

Und nun muß ich mich wenden

Und segnend dich vollenden

Den Abendsang.


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 1, München [1963–1968], S. 239-241.
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