Am zehnten Sonntage nach Pfingsten

[656] Ev.: Vom ungerechtem Haushalter.

»Darum sage ich euch, machet euch Freunde mit dem ungetreuen Mammon, damit, wenn ihr Mangel leidet, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.«


Warum den eitlen Mammon mir

Hast du gesellt nach deinem Willen?

Nicht daß er, eine blanke Zier,

Soll eingefreßne Schäden hüllen;

Auch nicht die flücht'gen Stunden hier

Mit frischem Erdenreiz zu füllen,

Nein, anders wohl;

O was du gibst ist nicht so leer und hohl!


Ich soll mit seinem bunten Strahl

In deinem Segen Wucher treiben;

Für meinen Hunger soll ein Mahl

Ich in die ew'ge Rechnung schreiben;

Und meiner Blöße, matt und fahl,

Soll er ein warmer Mantel bleiben,

Wenn bricht herein

Die Zeit, wo stäubt und rostet, was nicht mein.


Dann bin ich krank und ganz verarmt,

Dann wird der bittre Mangel kommen,

Wo starrt, woran mein Herz erwarmt,

Zerstäubt, woher ich Trost genommen;

Wenn deine Hand sich nicht erbarmt

Und zeichnet noch zu meinem Frommen

In Mildigkeit

Den Heller heimgelegt für jene Zeit.


Laß, Herr, in jener Stunde Macht

Mich nicht so hülfeweinend fallen![656]

Die vor mir steht wie Chaos' Nacht,

Wie Dunkel über Dunkel wallen.

Weh mir, ich hab' es nicht bedacht!

So laß es mir fortan vor allen

Gewärtig sein;

O rege mich durch Milde oder Pein!


Laß mich hinfort der Worte Gold

Ausgeben mit des Wuchrers Sorgen,

Daß, wenn das Heute nun entrollt,

Mir nicht verloren ist das Morgen;

Laß mich bedenken, daß der Sold,

Den eitlem Ruhm ich mußte borgen,

Genommen ward

Dem goldnen Hort für einst und Gegenwart!


Und eine Feder laß mich nur

Betrachten mit geheimem Beben,

Bedenkend, daß der schwarzen Spur

Folgt leise schleichend Tod und Leben.

Den Pfunden, so mir gab Natur,

O Herr laß Zinsen mich entheben;

Ich bin so arm,

So nur in dem geborgten Pelze warm!


Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer,

Gepreßt vom dämmernden Verstande!

Ob es gelingt die Gaben hehr

Zu legen mir auf edle Pfande?

O nur aus deiner Weisheit Meer

Ein einzig Tröpflein mir vom Rande!

Durch des Genuß

Die Galle selbst zu Honig werden muß!
[657]

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 656-658.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon