Des Kaisers Bildsäule

[252] Laßt mich herab von dieser hohen Stelle,

Auf die ihr mich gesetzt zu Prunk und Schau,

Prunk, mir verhaßt, als noch die Lebenswelle

Durch diese Adern floß balsamisch lau.


Längst ist ja doch mein irdscher Leib verwesen,

Und nun durch euch mein Geist getötet auch.

Soll hören ich mein Urteil hier verlesen

Von hoher Bühne, wies bei Sündern Brauch?


Was ich geschaffen, habt ihr ausgereutet,

Was ich getan, es liegt durch euch in Staub.

Die Zeit wird lehren, was ihr ausgebeutet,

Mich wählt zum Hehler nicht für euren Raub!


Mir war der Mensch nicht Zutat seiner Röcke,

Als Kinder, Brüder liebt ich alle gleich:

Ihr teilt die Schar in Schafe und in Böcke,

Und mit den Böcken nur erfreut ihr euch.


Gerechtigkeit hielt ihre Wage mitten,

Ihr Arm traf Hoch und Niedrig gleicher Kraft:

Ihr fragt: wer ritt? nicht: wer ward überritten?1

Der Schade bleibt, als Schade schon bestraft.


Und über meine Völker, vieler Zungen,

Flog hin des deutschen Adlers Sonnenflug,[252]

Er hielt, was fremd, mit leisem Band umschlungen,

Vereinend, was sich töricht selbst genug.


Den Spiegel deutscher Lehr in Kunst und Wirken

Trug er, von keinem Unterschied gehemmt,

Bis zu den letzten dämmernden Bezirken,

Wo noch der Mensch sich selbst und andern fremd.


Nun aber tönts in wildverworrnen Lauten,

Wie Trotz und Roheit sie der Menge beut,

Dem Turme gleich, den sie bei Babel bauten,

In Folge des die Menschen sich zerstreut.


Noch eines war, das habt ihr noch gehalten,

Bis diesen Tag, aus Trägheit, Furcht, zum Spott:

Der Glaube fand sich längst in sich gespalten,

Mir war er eins, wie Recht, wie Mensch, wie Gott.


Und in der Brust, dem innerlichsten Leben,

Vergönnt ich jedem seinen Weihaltar,

Der Lüge ist die äußre Welt gegeben,

Im Innern sei der Mensch sich selber wahr.


Greift noch an dies! Die heilge Überzeugung,

Macht wieder sie zum leeren Formenspiel,

Der überirdisch unerklärten Neigung,

Setzt ihr ein selbstgemachtes, rohes Ziel.


Entfaltet wieder sie die schwarze Fahne,

Die meine fromme Mutter schon verhüllt,

Den guten Enkel macht ihn gleich dem Ahne,

Der, frommgetäuscht, die Welt mit Mord erfüllt.


Tuts, denn ihr wollts! – Mich aber laßt von hinnen,

Treibt nicht mit meinem heilgen Namen Scherz!

Man ehrt den Mann, verehrend sein Beginnen,

Bracht ihr mein Werk, zerbrecht auch dieses Erz.


Doch brächet ihrs in noch so kleine Trümmer,

Es kommt der Tag, der wieder sie vereint,

Und einst bei frühen Morgens erstem Schimmer,

Eh noch ein Strahl die Kaiserburg bescheint,
[253]

Wenn ihr euch wälzt in schlummerlosen Träumen,

Weil Boten brachten blutgen Krieges Wort,

Getäuschte Freunde mit der Hilfe säumen

Und Stürme herziehn vom beeisten Nord;


Wenn Art und Stamm das eigne Volk entzweien,

Getrennter Zweck sie scheidet hin und dar,

Streitsüchtge Pfaffen ihre Gläubgen reihen

Um ihren, nicht des Vaterlands Altar;


In Scham sich eurer Heere Stirnen malen

Ob ihres Führers, den die Gunst berief,

Der Schatz nur reich an Ziffern und an Zahlen,

Der Schuldbrief aufgelöst in Schuld und Brief –


Hört ihr es dann in gleichgemeßnen Tönen

Durch Straßen, schweigend noch von Volkes-Ruf,

Auf funkensprühendem Granit erdröhnen,

Wie eines ehrnen Rosses Wechselhuf.


Dann denkt, ich kam zum jüngsten eurer Tage,

Was feig verdunkelt, kehrt zurück ans Licht,

Und mit der Weltgeschichte Demantwage

Geh ich ob meinen Enkeln zu Gericht.

Fußnoten

1 Der Prozeß gegen Graf Esterhazy, der absichtlich eine Schutzwache überritten und beschädigt, ward eben damals niedergeschlagen.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 252-254.
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