10.

[242] Und immer weiter

Dreht sich die Welt,

Ihr Pfad wird breiter,

Ihr Triebrad schnellt;

Die Stunden rollen,

Die Sonne scheint,

Ich bin verschollen

Und niemand weint!

In Kraut und Kressen

Auf hohem Stein

Lieg ich vergessen

Und ganz allein;

Nur eine Linde

Schwingt über mir

Im Abendwinde

Ihr grün Panier,

Und leis nur zittert

Mir ums Gesicht,

Goldrothumwittert,

Das Abendlicht.[242]


Die Welt ging unter,

Die Gott erschuf,

Nur noch mitunter

Ein Vogelruf;

Nur noch zuweilen

Ein irrer Schrei –

Die Wolken eilen

Vorbei, vorbei!


Was wie ein Stern mir

Die Brust durchzieht,

Singt nun von fern mir

Sein Alphornlied.

Erinnrung hält mich

In ihrem Bann

Und plötzlich fällt mich

Die Sehnsucht an.


O Lust von weiland,

Wie liegst du weit!

O selig Eiland

Der Jugendzeit!

Die Blumen blühten,

Die Quelle sprang,

Die Sterne glühten,

Die Amsel sang;[243]


Und mir gab Küsse

Zu jeder Stund,

Als ob er's müsse,

Ein Mädchenmund!

Noch stockt der Schmerz mir

In seinem Lauf –

Wie ging das Herz mir

In Liedern auf!

Doch wer beschriebe

Die goldne Zeit,

Die erste Liebe,

Das erste Leid?

Wie dort die Sonne

Versinkt in Nacht,

Stirbt Weh und Wonne,

Eh wir's gedacht.

Schon deckt ihr Schleier

Den Fluss, das Ried –

Die alte Leier,

Das alte Lied![244]


Quelle:
Arno Holz: Buch der Zeit. Berlin 21892, S. 242-245.
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