An **

[118] Pempelfort bey Düsseldorf, den 4. Nov. 1777.


Hier, du liebe kleine Wilde!

Ruf' ich dir bey deinem Bilde.

Gingst von hinnen: Ach! warum?

Dieses Kämmerchen, wie stumm!

Alles öde rings herum!

Mag ich spähen, mag ich lauschen;

Nirgend hör' ich, Rehen gleich,

Durch das bebende Gesträuch

Unsrer Düßel froh dich rauschen;

Kann, wenn aus dem Buchengang

Früh schon deiner Stimme Klang,

Heller als der Schlag des Finken,

Und an Jubel nur gewöhnt,

Auf zu meinem Fenster tönt,

Keine Grüße mehr dir winken. –

Ach! zurück, weil diese Flur[119]

Um dich trauert, kleine Wilde!

Komm, und drücke deine Spur

Tanzend in die Herbstgefilde.

Komm ans Ufer, gutes Kind,

Wo im rauhen Morgenwind

Unsre Weidenbüsche wallen,

Und die welken Blätter fallen;

Daß vom Ufer, gutes Kind,

Mir der rauhe Morgenwind

Deinen Sang herüber wehe,

Bis ich plötzlich aus dem Flor

Grauer Nebel dich hervor

Mir entgegen schimmern sehe.

Bringe mit dein frisches Blut,

Deiner Augen rasches Feuer,

Deines Herzens volle Glut,

Und den sorgenlosen Muth

Wider manches Abentheuer,

Das in unsern Weg sich stellt,

Wider manches Ungeheuer,

Das am Rosen-Pfade bellt,

Und aufs erste Lächeln fällt.[120]

Eile, frohes Mädchen, eile!

Misch' ein wenig Schelmerey

In des Lebens Einerley;

Scherz' hinweg die lange Weile,

Die des Geistes Mark verzehrt,

Und den leichten Flug ihm wehrt.

Fern von Mode-Ziererey,

Komm, und red' und lache frey

Hier am Ufer; Mädchen, eile!

Uns sind nicht die Büsche todt,

Die uns, grünend, einst gefielen;

Sieh die Blätter, gelb und roth,

Wie sie durch einander spielen,

Und das Bächlein hier, so klar

Als zur Blüthenzeit es war!

Deinen Jubel will ich hören,

Deinen Jubel, wenn das Haar

Wind und Nebel dir zerstören,

Und wenn deine Hand, bereift,

Nach der letzten Blume greift.

Quelle:
Johann Georg Jacobi: Sämmtliche Werke. Band 3, Zürich 1819, S. 118-121.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon