An Lottchen1, auf ihren Nahmenstag

Am 4. Nov. 1778.


Wohl mag am schönen Nieder-Rhein

Man jetzt in Künsten hoch erfahren,

Gelehrt in jedem Dinge seyn,

Und klüger als vor hundert Jahren,

Wo mancher Priester vom Latein

Nichts weiter als die Psalmen konnte,

Der Junker, neben altem Wein,

Sich beym gehörnten Siegfried sonnte;

Der Reichsgraf unterm Winter-Dach

Mit Weib und Kind beym Almanach

Andächtig, wie sein Pächter, saß,

Und Diebs- und Mord-Geschichten las,[125]

Und ob ihm schon, indem es schneyte,

Sein Autor Donner prophezeyte,

Den Irrthum alsobald vergaß;

Und nie zu zweifeln sich vermaß.

Wohl mag am schönen Nieder-Rhein

Zu jener Zeit vor hundert Jahren,

Ein saubres Völkchen, den Barbaren

Nicht ungleich, Herr und Meister seyn.

Jedoch behielten sie den Wein

Im Keller unverfälscht und rein;

Und so im Herzen ihren Glauben.

Man setzte jedes nicht auf Schrauben,

Wie täglich unter uns geschieht;

Und Wahrheit wurde nicht zum Lied.

Ach! aber, seit in Dorf und Stadt

Bey uns der Schwarze keine Klauen,

Der Wettermacher kein Vertrauen,

Der Grübler allen Vorrang hat,

Seitdem verlacht man Höll' und Teufel,

Geräth am Himmel selbst in Zweifel,

Kennt nichts Gewisser mehr; und ach!

Daß lauter Lücken seyn auf Erden,[126]

So müßen gar im Almanach

Die Nahmenstage streitig werden.

Der Uebel ärgstes ist dabey,

Daß unter solche Zweifeley

Fast immer sich – die Rede sey

Vom Sack-Kalender oder Tempel –

Geheime List und Schelmerey

Zu bergen pflegt; wie zum Exempel

Der Neid aus Lenchens Munde spricht,

Wenn sie, als fordert' es die Pflicht,

Behaupten will, daß Carolus

Ob seiner Endigung in us,

Von Carolinen und Charlotten,

So lange man Kalender schrieb,

Verschieden war, verschieden blieb,

Und daß im Reich der Hottentotten

Sich nur zu gleicher Zeit das Fest

Von Carl und Lottchen feyern läßt.

So redet sie, um dein zu spotten;

Allein ihr helles Stimmchen mag

Das ganze Haus zusammenrotten;

Du feyerst deinen Nahmenstag[127]

Mit unserm Fürsten Carolus,

Und jeglichen Kanonen-Schuß,

Trompeten-Klang und Pauken-Schlag,

Und jedes festliche Gelag

Kannst du, gehüllt in Weihrauch-Dunst,

Zu deiner Ehre sicher nutzen.

Damit du aber nicht auf Gunst,

Vielmehr auf Rechte mögest trutzen,

So haben wir in aller Früh,

Mit wahrlich nicht geringer Müh,

Als wär's um Gold und Ordensbänder,

Vom riesenförm'gen Staats-Kalender,

Gedruckt für Jüllich und für Berg,

Herab bis auf den kleinsten Zwerg

Von Almanach, dergleichen viel

Im alten und im neuen Styl,

Aus manchem Land, aus manchem Stift,

Mit grober und mit feiner Schrift,

Mit Reimen und mit Kupferstichen,

Genau durchblättert und verglichen,

Und draus ersehen: Daß so klar

Wie unsre Monden-Zahl im Jahr,[128]

Das, so bestimmt und ausgemacht,

Wie Sommer-Tag und Winter-Nacht,

Wie Frühlings-Anfang und Beschluß,

Am vierten dieses, Carolus,

Und Carl, im Festtag', einerley

Mit Carolin' und Lottchen sey;

Und fertigen hiermit, zur Steuer

Der Wahrheit, dieses Document,

Um dir bis an dein selig End

Zu sichern deine Nahmens-Feyer.


Der Himmel sende jedes Mahl

Sie dir auf lichtem Morgenstrahl,

Um welchen Purpurwolken scherzen:

Da muß die Freude still und rein

In deinem jungfräulichen Herzen,

Wie eine Perl' im Golde, seyn!

Fußnoten

1 Ihr Vater hatte den Verfasser gebethen, dieses Gelegenheits-Gedicht zu machen, und darin den wirklich vorgefallenen Streit der beyden Schwestern zu erzählen.


Quelle:
Johann Georg Jacobi: Sämmtliche Werke. Band 3, Zürich 1819, S. 121-122,125-129.
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