Zweiundzwanzigstes Kapitel

[515] Durchreise durch Fantaisie – Wiederfund auf dem Bindlocher Berg – Berneck, Menschen-Verdoppeln – Gefrees, Kleiderwechsel – Münchberg, Pfeifstück – Hof, der fröhliche Stein und Doppel-Abschied samt Töpen


Heinrich bewegte jetzo mehre Flügel als ein Seraphim, um seinem Freunde früher nachzufliegen. Eilig packt' er die Schreibereien desselben ein und überschrieb sie nach Vaduz – das zu gesiegelte Testament des Landschreibers wurde der Orts-Obrigkeit übergeben – von dieser wurden die Totenscheine ausgestellt, damit die preußische Witwenkasse sähe, daß man sie nicht betröge[515] – und dann stieß er ab und stellete noch einige wichtige Trostgründe und einige wichtige Dukaten der gebeugten Strohwitwe zu, die in ihrem grillierten Kattun so trauerte, wie sichs gehört.

Lasset uns jetzt früher als er seinen Verstorbenen einholen und begleiten. In der ersten Stunde des Nachtganges kämpften in Firmians Herzen noch verworrene Bilder der Vergangenheit und der Zukunft durcheinander, und ihm war, als gäb' es für ihn gar keine Gegenwart, sondern zwischen Vergangen und Zukünftig sei Ode. Aber bald gab der frische reiche Erntemonat August ihm das weggespielte Leben zurück, und als der glänzende Morgen kam: so lag die Erde vor ihm sanft erhellet mit einem niedergefallenen Donnerwetter, das nur noch schönere Blitze aus Tropfen der Ähren warf, wie von einem Monde überschienen – es war eine neue Erde, er ein neuer Mensch, der durch die Eierschale des Sarges mit reifen Flügeln durchgebrochen war – o eine breite, sumpfige, überschattete Wüste, in der ihn ein langer, schwerer Traum herum getrieben, war mit dem Traum zersprungen, und er blickte weit und wach ins Eden – lang, lang hatte besonders die letzte Woche die Krümmungen des Leidens ausgedehnet, die unserem kleinen Leben eine Überlänge anlügen, wie man den kurzen Gängen eines Gartens durch Krümmungen derselben eine täuschende Ausdehnung zuteilt. Auf der andern Seite wurde seine leichtere, von alten Lasten entladene Brust durch einen großen Seufzer halb bang, halb froh geschwellet – er war nämlich zu weit in die Trophonius-Höhle des Grabes gegangen und hatte den Tod zu nahe gesehen – daher kam es ihm vor, als lägen um den Vulkan des Grabhügels mit seinem Krater die Landhäuser und unsere Lustschlösser und Weingärten angebauet, und die nächste Nacht verschütte sie. Er schien sich allein, ausgehoben und ein verstorbner Wiederkömmling zu sein, und daher glänzte ihn jedes Menschengesicht an wie das eines wiedergefundenen Bruders: »es sind meine auf der Erde zurückgelassenen Geschwister«, sagte sein Herz, und eine frühlingwarme, fruchtbare Liebe dehnte darin alle Fibern und Adern aus, und es wuchs um jedes fremde mit weichen festen Efeutrieben verstrickend herum,[516] aber das teuerste fehlte ihm noch zu lange; er zog daher recht langsam weiter, damit ihn Leibgeber, vor welchem er Weg und Zeit voraushatte, früher einholen könnte als in der Stadt Hof. Hundertmal wandt' und sah er sich unterwegs fast unwillkürlich nach dessen Nachschreiten und Einholen um, als wäre dieses schon jetzo zu sehen.

Endlich langte er in der Baireuther Fantaisie an einem Morgen an, wo die Welt glänzte von den Tautröpfchen an bis zu den Silberwölkchen hinauf; aber still war es überall; alle Lüftchen schwiegen, und der August hatte in seinen Büschen und in seinen Lüften keine Sänger mehr. Ihm war, als durchwandle er als Abgeschiedner von den Sterblichen eine zweite verklärte Welt, wo die Gestalt seiner Natalie mit Augen der Liebe, mit Worten des Herzens frei ohne Erdenfesseln neben ihm gehen und ihm sagen durfte: »Hier hast du dankbar zur Sternennacht aufgeblickt hier hab' ich dir mein wundes Herz gegeben – hier sprachen wir die irdische Trennung aus – und hier war ich oft allein und dachte mir das kurze Erscheinen.« – »Aber hier«, sagte er zu sich, als er vor dem schönen Schlosse stand, »hat sie zuletzt geweint im schönen Tale, weil sie von ihrer Freundin schied.«

Jetzo war allein sie die Verklärte; er war sich bloß der Zurückgebliebene, der zu ihr hinübersah. Er fühlt' es, daß er sie nicht mehr sehe auf der Welt; aber die Menschen, sagt' er sich, müssen sich lieben können, ohne sich zu sehen. Seine ganze karge Zukunft wird bloß von verklärten Traumbildern erleuchtet. Aber wie der Baum (nach Bonnet) so gut in die Luft oder den Himmel gepflanzt ist als in die Erde und sich aus beiden nährt: so der rechte Mensch überhaupt; und so lebte Firmian noch mehr künftig als bisher nur mit wenigen Wurzelästen seines Selbst in der sichtbaren Erde; der ganze Baum mit Zweigen und Gipfel stand im Freien und sog mit seinen Blüten an der Himmelluft, wo ihn eine bloß unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten.

Endlich verdickte sich der schöne Duft des Träumens zu einem Nebel. Nataliens Trauer über sein Sterben schwebte ihm vor, und sein Einsamsein drückte auf das Herz, und die von[517] Liebe wundgepreßte Brust schmachtete unsäglich nach einem lebendigen Wesen, das da stände und ihn herzlich liebte; aber dieses Wesen lief erst hinter seinem Rücken und suchte ihn zu erreichen, sein Heinrich.

– »Herr Leibgeber«, rief plötzlich eine nachlaufende Stimme, »so stehen Sie doch! Ich bring' Ihnen Ihr Schnupftüchlein wieder, ich hab' es drunten gefunden.«

Er blickte sich um, und dasselbe Mädchen, das Natalie aus dem Wasser gezogen, lief ihm mit einem weißen Schnupftuch entgegen. Da er nun seines noch hatte und die Kleine ihn verwundert überschauete und sagte, es sei ihm vor einer Stunde unten am Bassin herausgefallen, aber er habe keinen so langen Rock angehabt: so stürzte ein Freudenguß in sein Herz – Leibgeber war nachgekommen und unten gewesen.

Im Sturme und mit dem Schnupftuche lief er nach Baireuth. Das Tuch war feucht, als wären die weinenden Augen seines Freundes darin gewesen; er drückte es auf seine eignen heißen, aber er konnte sie nicht mehr damit trocknen; denn er malte sich aus, wie Heinrich in der Einsamkeit lebe und seinen eignen Ausspruch bewähre: wer das Gefühl schont und verpanzert, der er hält es am empfindlichsten, wie unter dem Fingernagel die wundeste Gefühlhaut liegt. – Im Gasthofe zur Sonne vernahm er vom Kellner Johann, Leibgeber sei wirklich angekommen und vor einer halben Stunde abgegangen. Rechts und links blind und taub rannte Firmian ihm nach auf der Höfer Straße und mit einem solchen stürmischen Verfolgen des Freundes, daß ihn nicht einmal das feuchte Tuch mehr beschäftigte.

Spät erblickte er ihn auf der hinter dem Dorfe Bindloch aufsteigenden langen Anhöhe, einer Bergstraße im eigentlichen Sinne, auf der weder ab- noch aufwärts zu eilen war. Nach Vermögen schnell watete Leibgeber hinauf, um den Advokaten unerwartet einzuholen schon vor Hof, etwan in Münchberg oder in Gefrees, wenn nicht gar in Berneck, das wenige Post-Stunden von Baireuth abliegt.

Aber sollte alles nicht noch zehnmal besser gehen? Erblickte nicht Siebenkäs am Fuße des Berges ihn endlich oben unweit der[518] Gipfelebene und rief seinen Namen, und er hörte es nicht? Lief er nicht außerordentlich mit dem Schnupftuch in der Hand dem langsamen bergmüden Freunde nach, und kehrte dieser sich oben nicht zufällig und zum Überschauen der sonnigen Landschaft um und sah ganz Baireuth, ja zuletzt gar den – laufenden Freund? – Und stießen endlich nicht beide, der eine bergab, der andere bergauf eilend, aneinander, aber nicht wie zwei feindliche Heere, sondern wie zwei bekränzte schäumende Becher der Freude und der Freundschaft? –

Heinrich nahm bald wahr, daß in der Brust seines Freundes viel Gewaltsames und Auflösendes, vergangene und künftige Zeit, durcheinander arbeite; er suchte daher alle »Najaden der Tränenwellen« zu versöhnen und zu besänftigen. »Alles ging göttlich, und jedermann war gesund«, sagte er, »jetzo bist du frei wie ich – die Ketten sind abgetan – die Welt ist aufgemacht – da fahre nur recht frisch hinein wie ich und hebe dein Leben ordentlich erst an.« – »Du hast recht«, sagte Firmian, »ich habe ein Wiedersehen wie nach dem Tode, heiter und still und warm steht der Himmel über uns.« Er hatte deshalb auch nicht den Mut, nach seinen Hinterbliebenen, besonders nach der Witwe zu fragen. Leibgeber äußerte viele Freude, daß er ihn schon vier Poststationen vor Hof eingeholt und jagdbar gemacht; und es sei ihm dies um so lieber, da er sich auf diese Weise noch recht lange von ihm könne begleiten lassen, bevor sie in Hof auseinander müßten; welches letzte eigentlich das war, was er sagen und einschärfen wollte.

Jetzo fingen nun – um jeder wechselseitigen Rührung vorzubauen – seine Scherze über das Sterben an, die ordentlich wie Meilenzeiger oder Steinbänke auf der Kunststraße bis Hof fortgingen und die wir alle auf dieser Reise mitnehmen müssen, wenn wir nicht umkehren wollen. Er fragte ihn, ob die Diäten zugelangt, die er ihm, wie die alten Deutschen und Römer und Ägypter ihren andern Toten, mitgegeben – er gestand, Firmian müsse sehr fromm sein, da er, als er kaum das Sterbliche ausgezogen, schon wieder von Toten auferstanden sei; und er bestätigte Lavaters Lehre, daß es zwei Auferstehungen gebe, die frühere[519] für die Frommen, die spätere für die Gottlosen. Er brachte ferner bei: »Du hättest nach deinem tödlichen Hintritt keinen besseren Archimimus159 haben können als mich; und jede Fliege, die ich auf deiner Hand weglaufen sah, war in meinen Augen ein Schirmvogt der Römer, die es wohl einsahen, daß der Vogt nichts auf der Hand zu machen habe, und daher einen Knaben mit einem Fliegenwedel vor jeden Toten postierten, was ich sündlich unterlassen habe.« – Leibgebers Geist und Körper sprangen mehr als sie gingen: »Ich bin fröhlich und frei«, sagt' er, »solang' ich im Freien bin – unter den Wolken hab' ich keine Wolken. – In der Jugend pfeifet einem der rauhe Nordwind des Lebens nur auf den Rücken; und beim Himmel, ich bin jünger als ein Rezensent.«

In Berneck übernachteten sie zwischen den hohen Brückenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden überzogen haben. Die Zeit und die Natur ruhten groß und allmächtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche – zwischen steilen, hohen Gedächtnissäulen der Schöpfung, zwischen festen Bergen zerbröckelten die leeren Bergschlösser, und um runde grünende Hügel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.

Beim Eintritt sagte Heinrich: »Die Pfarrer von hier bis Vaduz müssen nicht wissen, daß du das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hast: sonst würden sie dir die Stolgebüren abfodern, die jede Leiche in jedem Pfarrort entrichten muß, wodurch sie geht. – Wären wir im alten Rom und nicht in Berneck«, sagte er vor dem Wirtshaus, »so ließe dich der Wirt nirgends ins Haus als durch den Rauchfang; – und wärs in Athen: so brauchtest du, gerade als wenn du in ein geistliches Amt wolltest, bloß durch einen Reifrock zu kriechen160.« – Er konnte in einem solchen Fall voll Witz nie aufhören – welches ihn zu seinem Nachteil von mir unterscheidet – und sagte, es sei mit Gleichnissen und Ähnlichkeiten[520] wie mit Goldstücken, von denen Rousseau sagt, das erste sei schwerer zu erhalten als das nächste Tausend.

Daher stand es nicht in seinem Vermögen, abends keinen Einfall zu haben, als er den Advokaten die Nägel beschneiden sah: »Ich begreife nicht, da ichs an dir sehe, warum sichs Katharina Vicri, der man 50 Jahre nach ihrem Tode die Nägel sauber abkneipen müssen, nicht so gut selber getan hat wie du jetzt nach deinem Geistaufgeben.« Und als er ihn im Bette sich auf die linke Seite kehren sah: bemerkte er bloß, der Armenadvokat lasse gerade sein Oberbette so auf- und niedersteigen wie der Evangelist Johannes seines161 aus Erde, das Grab, noch bis auf diese Stunde.

Am Morgen regnete es ein wenig in diese Blumen des Scherzes. Der Advokat hatte, als Leibgeber seine löwenhaarige Brust kalt wusch, einen kleinen Schlüssel zurückschieben sehen und gefragt, was er sperre. – »Auf– nichts«, sagte er, »aber zu – hat er das plombierte Cenotaphium162 gesperrt.« Firmian mußte sich mit den Augen über das Fenster herauslehnen und sie ungesehen trocknen; dann sagte er, mit dem Kopfe draußen: »Gib mir den Schlüssel – es ist der in Wachs gedrückte eines künftigen – ich will ihn zum Musikschlüssel meiner innern Töne machen und will ihn hinhängen und täglich ansehen, und wenn mein Vorsatz, besser zu werden, etwan abgelaufen ist, will ich ihn mit diesem Uhrschlüssel wieder aufziehen.« Er bekam ihn. Da sah Leibgeber zufällig in den Spiegel: »Fast sollt' ich mich doppelt sehen, wenn nicht dreifach«, sagt' er; »einer von mir muß gestorben sein, der drinnen oder der draußen. Wer ist hier in der Stube denn eigentlich gestorben und erscheint nachher dem andern? Oder erscheinen wir bloß uns selber? – – He, ihr meine drei Ich, was sagt ihr zum vierten?« fragte er und wandte sich an ihre beiden Spiegelbilder und dann an Firmian und sagte: »Hier bin ich auch«! – Es lag etwas Schauerliches für seine Zukunft in diesen Reden, und Firmian, welchen mitten in seinem bewegten Herzen der kühlere Verstand den gefährlichen Wachstum dieser metamorphotischen[521] Selberspiegelung durch die Einsamkeit des Reisens befürchten ließ, äußerte zärtlich besorgt: »Lieber Heinrich, wenn du auf deinen ewigen Reisen künftig immer so einsam bliebest: ich fürchte, es schadet dir. Ist doch Gott selber nicht einsam, sondern sieht sein All.«

»Ich kann in der größten Einsamkeit immer zu dritt sein, das All nicht einmal gerechnet«, antwortete Leibgeber, durch den Sargschlüssel seltsam aufgerührt, und trat vor den Spiegel und drückte mit dem Zeigfinger den Augapfel seitwärts, so daß er in jenem sein Bild zweimal sehen mußte; »aber du kannst freilich die dritte Person darin nicht sehen.« – Doch fuhr er etwas aufgeweckter fort, um den damit wenig erheiterten Freund zu entwölken, und sagte, ihn ans Fenster führend: »Drunten auf der Gasse hab' ichs freilich besser und viel größere Gesellschaft; ich setze meinen Zeigfinger am Augapfel an: sofort liefer' ich von jedem, wer er auch sei, den Zwilling und habe jeden Wirt so gut doppelt wie seine Kreide. Da geht kein Präsident in die Sitzung, der seinesgleichen sucht, dem ich nicht seinen Urang-Utang gäbe, und beide gehen vor mir tête à tête. – Will ein Genie einen Nachahmer, ich nehme meinen Schreib- und Zeigfinger, und ein lebendiges Fac-simile ist auf der Stelle gezeugt. – Neben jedem gelehrten Mitarbeiter arbeitet ein Mitarbeiter mit, Adjunkten werden Adjunkte adjungiert, einzige Söhne in Duplikaten ausgefertigt; denn, wie du siehst, ich trage meine plastische Natur, meinen Staubfaden, meinen Bossiergriffel bei mir, den Finger. – Und selten lass' ich einen Solotänzer anders als mit vier Beinen springen, und er muß als ein Paar in der Luft hangen; was ich aber durch solches Gruppieren eines einzigen Kerls und seiner Gliedmaßen gewinne, solltest du schätzen. – Schlage endlich die gewonnene Volkmenge an, wenn ich gar ganze Leichen- und andere Prozessionen zu Doppelgängern verdopple, jedes Regiment um ein ganzes Regiment Flügelmänner verstärke, die alles vor- und nachmachen; denn, wie gesagt, ich habe wie eine Heuschrecke den Legestachel bei mir, den Finger. – Aus allem schöpfest du, Firmian, wenigstens die Beruhigung, daß ich mehr Menschen genieße als ihr alle, nämlich gerade noch einmal soviel, und[522] noch dazu lauter Personen, die als ihre Selberaffen in jeder Bewegung durch etwas wahrhaft Lächerliches so leicht ergötzen!«

Darauf sahen beide einander ins Gesicht, aber voll freudiger Zuneigung und ohne ein böses Nachgefühl des vorigen wilden Scherzes. Ein Dritter hätte in dieser Stunde sich vor ihrer Ähnlichkeit gefürchtet, da jeder der Gipsabguß des andern war, aber die Liebe machte beiden ihre Gesichter unähnlich; jeder sah im andern nur das, was er außer sich liebte; und es war mit ihren Zügen wie mit schönen Handlungen, die uns wohl an andern, aber nicht an uns selber in Rührung oder gar in Bewunderung versetzen.

Als sie wieder im Freien und auf der Straße nach Gefrees zogen, und der Sargdieterich samt den vorigen Gesprächen ihnen immer den Abschied vor die Seele brachte, dessen Todes-Sense mit jedem Meilenzeiger sich näher auf sie hereinbog: so suchte Heinrich einige rosenfarbene Strahlen in Firmians Nebel dadurch einzubeugen, daß er ihm ein genaues Protokoll alles dessen, was er an jedem Tage mit dem Grafen von Vaduz abgetan und abgeredet hatte, in die Hände gab: »Der Graf (sagt' er) dächte zwar, du hättest die Diskurse nur vergessen – aber so ists doch besser du hast dich wie ein Negersklave umgebracht, um in die Freiheit und auf die Goldküste deiner Silberküste zu kommen – und da wär's verdammt, wenn du noch verdammt würdest nach deinem Verscheiden.« – »Ich kann dir nie genug danken, du Bester«, sagte Firmian, »aber du solltest mirs nicht noch mehr erschweren und wie eine Hand aus den Wolken zurückfahren, wenn du deine ausgeleeret hast. Warum soll ich dich nach unserem Abschied nicht mehr sehen, sage?« – »Erstlich«, antwortete er gelassen, »könnten die Leute, der Graf, die Witwenkasse, deine Witwe darhinter kommen, daß ich in zwei Ausgaben dawäre, welches in einer Welt ein verdammtes Unglück wäre, wo man kaum in der ersten, im Originalexemplar, einsitzig, einschläferig gelitten wird. Zweitens hab' ich vor, mir auf dem Narrenschiff der Erde eine und die andere Rüpels-Rolle auszulesen, deren ich mich so lange nicht schäme, als kein Teufel mich kennt. – Ach ich wüßte mehr Gründe von Belang! – Auch tuts mir wohl, mich so unbekannt,[523] abgerissen, ungefesselt, als ein Naturspiel, als ein diabolus ex machina, als ein blutfremdes Mond-Lithopädium unter die Menschen und auf die Erde zu stürzen vom Mond herunter. Firmian, es bleibt dabei. Ich schicke dir vielleicht nach Jahren einen und den andern Brief, um so mehr da die Galater163 an die Verstorbnen Briefe auf den Scheiterhaufen wie auf eine Postaufgaben. – Aber anjetzo bleibts dabei, wahrlich.« – »Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen«, sagte Siebenkäs, »wenn mir nicht doch ahnete, daß ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!«

Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloß: »Man muß sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloß die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen.«

In Gefrees tat Leitgeber ihm den Vorschlag, im Gasthofe bei so schöner Muße, da in und außer der eingassigen Stadt nichts zu sehen sei, die Kleider gegeneinander auszuwechseln, besonders deswegen – führte er als triftigen Grund an –, damit der Graf von Vaduz, der ihn seit Jahren nicht anders als in gegenwärtigem Anzuge gesehen, sich bei dem Advokaten an nichts zu stoßen brauche, sondern alles genau so wie sonst antreffe, sogar bis auf den Schuhabsatz mit Nägeln herab. Das fiel ordentlich wie ein breiter Streif warmer Februarsonne auf des Advokaten Brust, der Gedanke, künftig von Heinrichs Ärmeln gleichsam umarmt und von allen seinen äußern Reliquien umfaßt und erwärmt zu werden. – Leibgeber ging ins Nebenzimmer und warf zuerst seine kurze grüne Jacke durch die halboffne Thür hindurch und rief: »Schanzlooper herein« – dann nach der Halsbinde und Weste lange Beinkleider mit Lederstreifen, sagend: »kurze herein!« – und endlich gar sein Hemde mit den Worten: »das Totenhemd her!«[524]

Das hereingeworfne Hemd wurde dem Advokaten auf einmal der Zeichendeuter Leibgebers, er erriet, daß dieser mit der Körperwanderung in Kleider auf etwas Höheres ausgelaufen als auf einen Rollenanzug für Vaduz; nämlich auf das Bewohnen des Gehäuses oder der Hülle, die seinen Freund umschlossen hatte. In einem ganzen Band von Gellertischen oder Klopstockischen Briefen voll Freundschaft, in einer ganzen Woche voll Leibgeberscher Opfertage lag für den Advokaten nicht so viel Liebes und Süßes als in diesem Kleider-Beerben. Er wollte seine beglückende Ahnung nicht durch Aussprechen entheiligen; aber bestärkt wurd' er darin, als nun Leibgeber, zu einem Siebenkäs umgekleidet, heraustrat und sich mit sanften Blicken im Spiegel ansah und darauf seine drei Finger stumm auf Firmians Stirn auflegte, was das größte Zeichen seiner Liebe war; daher ich zu meiner und Firmians Freude berichte, daß er das Zeichen unter dem Mittagessen (das Gespräch drehte sich um die gleichgültigsten Sachen) über dreimal wiederholte. Welche andere und lange Scherze würde über das Mausern Leibgeber zu anderer Zeit, bei andern Gefühlen getrieben haben! Wie würde er, um nur einiges zu mutmaßen, das wechselseitige Umbinden ihrer zwei Foliobände nicht benützt haben, um den Herrn Lochmüller (den Gastwirt in Gefrees) in die größten und lustigsten Verlegenheiten zu verstricken, aus denen der höfliche Mann sich keine Minute früher gewickelt hätte, als bis ihm dieser vierte Band zu Hülfe gekommen wäre, der erst gegenwärtig in Baireuth und nicht einmal unter der Presse ist! – Doch Leibgeber tat von allem nichts; und auch von Einfällen bracht' er nur die wenigen schwachen vor über beide als Wechselkinder und deren Wechselkinderei – über schnellen französischen Übergang der Leute en longue robe in die en robe courte; – und auch sagte er etwa noch, er nenne nun Siebenkäs nicht mehr einen seligen Verklärten in Stiefeln, sondern einen in Schuhen, was sich eher schicke und etwas erhabener klinge.

Mit besonderem Erfreuen sah er zu, wie sein Hund, der Saufinder, zwischen den alten Körpern und den neuen Kleidern, gleichsam zwischen zwei Feuern der Liebe, sich in nichts recht[525] finden konnte und mehrmals mit langer Nase abzog von dem einen zum andern; das Konkordat zwischen beiden, die Verkürzungen der einen Partei, die Vergrößerungen der andern machten das Vieh stutzig, aber nicht klug. »Ich schätze ihn wegen seines Betragens gegen dich noch einmal so hoch«, sagte Leibgeber; »glaube mir, er wird mir gar nicht untreu, wenn er dir treu ist.« Etwas Verbindlicheres konnt' er dem Advokaten schwerlich sagen.

Auf dem ganzen kahlen Wege von Gefrees nach Münchberg gab sich der Advokat aus Dankbarkeit die größte Mühe, das Sonnenlicht der Heiterkeit, in das ihn Heinrich immer zu führen suchte, auf ihn zurückzuwerfen. Es wurd' ihm nicht leicht, besonders wenn er seinem Schreiten im langen Rock nachsah. Am meisten strengt' er sich in Münchberg an, der letzten Poststation vor Hof, wo ihnen die körperlichen Arme, womit sie sich aneinander schlossen, gleichsam abgenommen werden sollten durch ein langes Entfernen.

Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Höfer Landstraße und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewöhnliches Reisepfeifen an, frohe und trübe Melodieen des Volkes, die meisten in Molltönen. Er sagte selber, er halte sich nicht für den schlechtesten Stadt- und Straßenpfeifer und er führe, glaub' er, das angeborne Fußbotenposthorn mit Ehren. Aber für Firmian waren, so kurz vor dem Abschiede, diese Klänge, die gleichsam aus Heinrichs langen vorigen Reisen wiederzukommen und aus seinen künftigen einsamen entgegenzutönen schienen, eine Art von Schweizer Kuhreigen, die ihm ins Herz rissen; und er konnte, zum Glücke hinter ihm gehend, sich mit aller Gewalt nicht des Weinens enthalten. – O bringt die Töne weg, wenn das Herz voll ist und doch nicht überfließen soll!

Endlich brachte er so viel Ruhe in der Stimme zusammen, daß er ganz unbefangen fragen konnte: »Pfeifst du gern und oft unterwegs?« Im Fragtone lag aber so etwas, als mach' ihm das Flöten nicht so viele Freude als dem Musiker selber. »Stets«, versetzte Leibgeber, – »ich pfeife das Leben aus, das Welttheater und was[526] so darauf ist und dergleichen – vielerlei aus dem Vergangenen auch pfeif' ich wie ein Karlsbader Türmer die Zukunft an. Mißfällts dir etwa? – Fugier' ich falsch, oder pfeif' ich gegen den reinen Satz?« – »O nur zu schön«, sagte Siebenkäs.

Darauf fing Leibgeber von neuem an, aber zehnmal kräftiger und trug ein so schönes schmelzendes Mundorgelstück vor, daß Siebenkäs ihm vier weite Schritte nachtat und – indem er zu gleicher Zeit mit der Linken das Tuch über seine nassen Augen deckte und die Rechte sanft auf Heinrichs Lippen legte – zu ihm fast stotternd sagte: »Heinrich, schone mich! Ich weiß nicht wie; aber heute ergreift mich jeder Ton gar zu stark.« Der Musiker sah ihn an – Leibgebers ganze innere Welt war im Augapfel dann nickte er stark und schritt schweigend heftig voraus, ohne sich umzuschauen oder angeschauet zu werden. Doch setzten die Hände, vielleicht unwillkürlich, in kleinen Taktregungen einiges von den Melodieen fort.

Endlich erreichten sie beklommen das Grubstreet oder die Münz-Stadt, wo ich gegenwärtige Assignate für halbe Welten kütte und färbe164Hof nämlich. Es ist freilich mein Vorteil nicht, daß ich damals von allem nichts erfuhr, was nun halb Europa erfährt durch mich – ich war damals noch jünger und saß einsam zu Hause als Kopfsalat, willens, mich zu einem Kopf zu schließen, welches Schließen, sowohl beim Menschen als beim Salat, durch nichts mehr gehindert wird als durch nachbarliches Berühren des Nebensalats. Es ist für einen Jüngling leichter, süßer und vorteilhafter, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft überzutreten (aus dem Gewächshause in den Garten), als umgekehrt aus dem Markte in den Winkel. Ausschließende Einsamkeit und ausschließende Geselligkeit sind schädlich, und, ihre Rangordnung ausgenommen, ist nichts so wichtig als ihr Tausch.

In Hof bestellte Siebenkäs zwei Zimmer bei dem Gastwirte, weil er glaubte, erst am Morgen trenne sich Leibgeber von ihm. Aber dieser – welchen sein eignes Vorausbestimmen des Scheidens und das Fürchten vor demselben längst geärgert – hatte sich innerlich geschworen, noch heute den Riß zu tun zwischen zwei[527] Geistern und nachher davon zu laufen ins Sächsische, wär's auch in der Nacht um 11 3/4 Uhr, aber in jedem Falle doch heute. Gefällig bezog er sein Zimmer, riegelte die Scheidetüre am Siebenkäsischen auf und dachte an die Pfeifmelodien, die ihm wie dem Advokaten noch im Kopfe steckten, wenn nicht im Herzen; aber bald lockte er ihn aus dem ausgeleerten taubstummen Zimmer in den zerstreuenden Wirrwarr der Wirtstube; verharrte auch da nicht lange, sondern bat ihn, als das erste Viertel des Monds gerade als brennende Lampe über einem Laternenpfahl auf dem Markt stand, die Stadt mit ihm zu umschiffen. Beide gingen und kletterten die Allee hinauf und sahen in die Höfer Gärten im Stadtgraben hinab, die vielleicht verdienen, die künstlichen Wiesen zu verdrängen, da sie mehr als andere Wiesen für das Vieh besäet sind. Daraus leit' ichs ab, daß Leibgeber, der in der Schweiz gewesen, nachts so spät die Bemerkung machte – denn die von der Natur geschmückte und adoptierte und von der Kunst enterbte Gegend dehnte sich vor ihm hin-, daß die Höfer den Schweizern glichen, deren ganzes Land ein englischer Garten wäre, ausgenommen die wenigen Gärten darin.

Beide zogen immer weitere Parallelen um die Stadt. Sie kamen über eine Brücke, von der sie einen bloß mit Gras besetzten Rabenstein erblickten, der sie an jene andere Eisregion mit ihrem Krater erinnerte, wo sie gerade vor einem Jahre in der Nacht voneinander geschieden waren; aber mit der schönern Hoffnung eines frühern Wiedersehens. Zwei solche Freunde wie diese haben in ähnlichen Lagen immer gleiche Gedanken; jeder ist, wenn nicht das Unisono, doch die Oktave, die Quinte, die Quarte des andern. Heinrich suchte im dunkeln Klag- und Trauerhaus seines Freundes wieder einiges Licht durch die Vogelstange anzustecken, die, wie ein Kommandostab und Brandpfahl, nicht weit von der Stelle des Königsbannes stand, und merkte an: »Ein Schützenkönig hat hier neben dem Springstab und Hebebaum, woran du dich zum großen Negus und großen Mogul von Kuhschnappel aufschwangest, auf eine schöne Art seinen Rabenstein, seinen malefizischen Sinai an der Hand, auf dem er seine Gesetze sowohl geben als rächen kann... Buffons[528] Naturgesetz, daß jedem Hügel allemal ein zweiter von gleicher Höhe und Materie gegenüberstehe, fasset viele korrespondierende Höhen unter sich, z.B. hier Rabenstein und Thron – in großen Städten große Häuser und petites maisons – die beiden Chöre in den Kirchen – das fünfte Stockwerk und den Pindus – Schaubühnen und außerordentliche Lehrstühle.«

Als Firmian, in trübere Ähnlichkeiten eingesunken, schwieg: so schwieg er auch. Er führte ihn nun – denn er war in der ganzen Gegend bewandert – einem andern Stein mit einem schönern Namen entgegen, auf den»fröhlichen Stein«. Firmian tat endlich, indem sie sich dazu den Berg hinaufarbeiteten, an ihn die mutige Frage: »Sage mirs, ich bin gefasset, geradezu und auf deine Ehre: wann gehest du auf immer von mir?« – »Jetzt«, antwortete Heinrich. Unter dem Vorwand, den blühenden, in duftende Bergkräuter gekleideten Bergrücken leichter zu ersteigen, hielt sich jeder an die Hand des andern an, und unter dem Hinaufarbeiten wurde jede aus scheinbar-mechanischem Zufall gedrückt. Aber der Schmerz durchzog Firmians Herz mit wachsenden größern Wurzeln und spaltete es weiter, wie Wurzeln Felsen. Firmian legte sich auf dem grauen Felsen-Vorsprung nieder, der abgetrennt in die grünende Anhöhe, wie ein Grenzstein, eingeschlagen war; aber er zog auch seinen scheidenden Liebling an seine Brust herab: »Setze dich noch einmal recht nahe an mich«, sagt' er. Sie zeigten, wie Freunde tun, alles einander, was jeder sah. Heinrich zeigte ihm das um den Fuß des Berges aufgeschlagene Lager der Stadt, die wie eingeschlummert zusammengesunken schien, und in der nichts rege war als die flimmenden Lichter. Der Strom ringelte sich unter dem Monde mit einem schillernden Rücken wie eine Riesenschlange um die Stadt und streckte sich durch zwei Brücken aus. Der halbe Schimmer des Mondes und die weißen durchsichtigen Nebel der Nacht hoben die Berge und die Wälder und die Erde in den Himmel, und die Wasser auf der Erde waren gestirnt, wie die blaue Nacht darüber, und die Erde führte, wie der Uranus, einen doppelten Mond, gleichsam an jeder Hand ein Kind.

»Im Grunde«, fing Leibgeber an, »können wir uns alle beide[529] immer sehen, wir dürfen nur in einen gemeinen Spiegel schauen, das ist unser Mondspiegel165.« – »Nein«, sagte Firmian, »wir wollen eine Zeit ausmachen, wo wir zugleich aneinander denken – an unsern Geburttagen und an meinem pantomimischen Sterbetag und am jetzigen.« – »Gut, das sollen unsere vier Quatember sein«, sagte Leibgeber.

Auf einmal drückte des letzten Hand auf eine wahr scheinlich von Schloßen erlegte Lerche. Er fassete plötzlich Firmians Achsel und sagte, ihn aufziehend: »Steh auf, wir sind Männer – was soll das alles? – Lebe wohl! – Gott soll mich mit tausend Donnerkeilen zerknirschen, wenn du mir je aus dem Kopfe und aus dem Herzen kommst. Du sitzest mir ewig so warm in der Brust wie ein lebendiges Herz. Und so gehab dich denn wohl, und auf dem Berghemschen Seestück deines Lebens sei keine Welle so groß wie eine Träne. Fahre wohl!« – Sie wuchsen ineinander und weinten herzlich, und Firmian antwortete noch nicht: seine Finger streichelten und drückten das Haar seines Heinrichs. Endlich lehnt' er bloß sein Halbgesicht an die geliebten Augen; vor seinen schimmerte das weite Geklüft der Nacht, und seine vom Kusse abgewandten Lippen sagten, aber ohne allen Tonfall: »Lebe wohl, sagst du zu mir? Ach, das kann ich ja nicht, wenn ich meinen treuesten, meinen ältesten Freund verloren habe. Die Erde bleibt mir nun so verschattet, wie sie jetzt um uns steht. Es wird mir einmal hart fallen im Tode, wenn ich in meiner Finsternis mit der Hand herumgreife nach dir und im Fieber denke, das Sterben sei wieder verstellet wie dasmal, und wenn ich sage ›Heinrich, drücke mir wieder die Augen zu, ich kann ohne dich nicht sterben.‹« – Sie schwiegen in einem krampfhaften Umschlingen. Heinrich lispelte in seine Brust herab: »Frage mich, was ich dir noch sagen soll, dann soll mich Gott strafen, wenn ich nicht verstumme.« Firmian stotterte: »Wirst du mich fortlieben, und seh' ich dich bald wieder?« – »Spät«, antwortete er;[530] »– und ohne Aufhören lieb' ich dich.« Unter dem Abreißen hielt und bat ihn Firmian: »Wir wollen uns nur noch einmal ansehen.« Und sie bogen sich mit den von den Strömen der Rührung zerrissenen Angesichtern auseinander und blickten sich zum letztenmal an, als der Nachtwind, wie der Arm eines Stroms, sich mit dem tiefen Flusse vereinigte und beide in größern Wellen fortbrausten, und als das weite Gebirge der Schöpfung sich unter dem trüben Schimmer gebrochner Augen erschütterte. Aber Heinrich entriß sich, machte eine Bewegung mit der Hand, gleichsam als »alles sei aus«, und nahm seine Flucht an der Anhöhe hinunter.

Firmian wurd' ihm nach einiger Zeit, ohne es zu wissen, vom Stachelrad des Schmerzes nachgestoßen, und der von Blutschrauben taub gequetschte innere Mensch fühlte jetzo die Abnahme seines Gliedes nicht. Beide eilten, obwohl von Tälern und Bergen auseinandergeworfen, denselben Weg. Sooft Heinrich einmal stand und zurücksah, so tat Firmian beides auch. Ach nach einem solchen schwülen Sturm erstarren alle Wogen zu Eisspitzen, und das Herz liegt durchstochen auf ihnen. Klang es nicht unserem Firmian, da er mit diesem zerbrochenen Herzen über unkenntliche, dämmernde Pfade lief, klang es ihm nicht, als läuteten hinter ihm alle Totenglocken – als flöge vor ihm das entrinnende Leben dahin – und da er den blauen Himmel durchschnitten sah von einem schwarzen Wetterbaum166, der auf den Sternen wie eine Bahre für die Zukunft stand, mußt' es da nicht um ihn rufen: mit diesem Maßstab aus Dunst nimmt das Schicksal von euch und euerer Erde und euerer Liebe das Maß zum letzten Sarge? –

Heinrich wurd' endlich aus der Fortdauer desselben Zwischenraums zwischen ihm und der abgekehrten Gestalt gewahr, daß sie ihm folge, und daß sie nur stocke, wenn er halte. Er nahm sich daher vor, im nächsten Dorfe, das seinen Stillestand verdeckte, der nachschleichenden Gestalt zu stehen. Im nächsten, in ein Tal versenkten Dorfe – Töpen – wartete er die Ankunft des nachfolgenden unkenntlichen Wesens im breiten Schatten einer blinkenden[531] Kirche ab. Firmian eilte über die weiße, breite Straße, trunken vom Schmerz, blinder im Mond, und erstarrete nahe vor dem Abgetrennten. Sie waren einander gegenüber, wie zwei Geister über ihren Leichen, und hielten sich, wie der Aberglaube das Getöse der lebendig Begrabnen, für Erscheinungen. Firmian zitterte, aus Furcht, daß sein Liebling zürne, und machte von ferne die bebenden Arme auf und stotterte: »ich bins, Heinrich« und ging ihm entgegen. Heinrich tat einen Schrei des Schmerzens und warf sich an die treue Brust, aber der Schwur hielt seine Zunge und so drückten die zwei Elenden oder Seligen, stumm und blind und weinend, ihre zwei schlagenden Herzen noch einmal recht nahe aneinander. – Und als die sprachlose, qualenvolle, wonnevolle Minute vorüber war: so riß sie eine eiserne, kalte auseinander, und das Schicksal ergriff sie mit zwei allmächtigen Armen und schleuderte das eine blutige Herz nach Süden, und das andere nach Norden – und die gebückten, stillen Leichname gingen langsam und allein den wachsenden Scheideweg weiter in der Nacht.... Und warum bricht denn mir mein Herz so gewaltsam entzwei, warum konnt' ich schon lange, eh' ich an diese Trennung kam, meine Augen nicht mehr stillen? O es ist nicht, mein guter Christian, darum, weil in dieser Kirche die ruhen und zerfallen, die an deinem und meinem Herzen gewesen waren. – Nein, nein, ich hab' es schon gewohnt, daß in der schwarzen Magie unsers Lebens an der Stelle der Freunde plötzlich Gerippe aufspringen – daß einer davon sterben muß, wenn sich zwei umarmen167 – daß ein unbekannter Hauch das dünne Glas, das wir eine Menschenbrust nennen, bläset, und daß ein unbekannter Schrei das Glas wieder zertreibt. – Es tut mir jetzo nicht mehr so weh wie sonst, ihr zwei schlafenden Brüder in der Kirche, daß die harte, kalte Todeshand euch so früh vom Honigtau des Lebensweg schlug, und daß euere Flügel aufgingen, und daß ihr verschwunden seid – o ihr habt entweder einen festern Schlaf als unsern oder freundlichere Träume als unsere oder ein helleres Wachen als unseres. Aber was uns an jedem Hügel quält, das ist[532] der Gedanke: »Ach wie wollt' ich dich gutes Herz geliebet haben, hätt' ich dein Versinken vorausgewußt.« Aber da keiner von uns die Hand eines Leichnams fassen und sagen kann: »du Blasser, ich habe dir doch dein fliegendes Leben versüßet, ich habe doch deinem zusammengefallenen Herzen nichts gegeben als lauter Liebe, lauter Freude« – da wir alle, wenn endlich die Zeit, die Trauer, der Lebens-Winter ohne Liebe unser Herz verschönert haben, mit unnützen Seufzern desselben an die umgeworfenen Gestalten, die unter dem Erdfall des Grabes liegen, treten und sagen müssen: »O daß ich nun, da ich besser bin und sanfter, euch nicht mehr habe und nicht mehr lieben kann – o daß schon die gute Brust durchsichtig und eingebrochen ist und kein Herz mehr hat, die ich jetzt schöner lieben und mehr erfreuen würde als sonst« – was bleibt uns noch übrig als ein vergeblicher Schmerz, als eine stumme Reue und unaufhörliche bittere Tränen? – Nein, mein Christian, etwas Bessers bleibt uns übrig, eine wärmere, treuere, schönere Liebe gegen jede Seele, die wir noch nicht verloren haben.

159

Es war bei den Römern der Schauspieler, der bei dem Leichenbegängnis den Toten mit seinem ganzen Mienenspiel nachmachte. Pers. Sat. 3.

160

Beides mußten sich die gefallen lassen, die man für tot gehalten und als solche eines Leichenbegängnisses gewürdigt hatte. Potters Archäol. von Rambach übersetzt. S. 530f.

161

Augustin. commentar. ad Johan. XXI. 23.

162

So oder auch tumulus honorarius hieß das leere Grabmal, das Freunde einem Toten baueten, dessen Körper nicht zu finden war.

163

Alexand. ab Alex. III. 7.

164

Es ist von 1796 die Rede.

165

Pythagoras machte, daß alles, was er mit Bohnensaft auf einen Spiegel schrieb, im Mond zu lesen war. Cael. Rhodogin IX. 13. – Als Karl V. und Franz I. sich über Mailand bekriegten, konnte man durch einen solchen Spiegel alles, was in Mailand am Tage vorging, ohne Mühe zu Paris zu nachts am Monde lesen. Agrippa de occ. philos. c. 6.

166

Eine lange Wolke mit Streifen wie Äste, die Sturmwetter verkündigt.

167

Der Aberglaube wähnt, daß von zwei Kindern, die sich küssen, ohne reden zu können, eines sterben muß.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 515-533.
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