Vierzehnte Fahrt
Letzte –

[1004] Der Wind geht so frisch und gerade, daß ich abends sehr gut auf einer Alpe aussteigen kann, wenn ich den ganzen Tag nur hier oben schreibe und speise. Ich tue das, mein Schiff ist ein ordentliches schweres Proviantschiff. Speis und Trank hebt indes sogar mit der Zeit den Menschen und sein Schiff.

In meinem Innern ist aber noch schwüles Wetter von den peinlichen Träumen zurück, an denen ich die ganze Nacht wie auf heißer, schlüpfriger, zurückrieselnder Vesuvsasche mich vergeblich zu einer festen, ebenen Stelle hinaufarbeitete. So träumte mir, ein kohlenschwarzer Hahn stehe und kratze auf meiner blutigen Brust, um sich mein Herz auszuscharren. – Ferner, mein Posthörnchen schrie durch vier Träume hindurch wie lebendig und gepeinigt in den höchsten, schärfsten Tönen und glühte hellrot von einem heißen Atem, den ein Traum ganz leise »das stille Ding« nannte. Sogar du, mein lieber Graul, wurdest unter diese Manen des Wachens geschickt; ich lief dir entgegen, aber du konntest dich durchaus nicht umwenden, du mußtest mir bloß[1004] wie eine Gliedergruppe die herumgedrehten Arme rückwärts entgegenrecken und drücktest mich sehr warm an deinen Rücken und Zopf und sprachst die Worte ohne vielen Nexus: »Spaß bleibt Spaß – so der liebe Mensch. – Giannozzo, aber so komm doch zu mir!« Aber du ließest mich nicht um dich herum, sondern stricktest mich fester an und riefest doch lauter: »Giannozzo, wo lebst du, Lämmchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich ich gedenke deiner, armer Teufel!«

Vielleicht find' ich dich in der Schweiz, guter Graul, wenn du gehalten, was du geschrieben.

Eben seh' ich unter mir allerlei laufende Anzeiger, die mir wie die Inschrift einer Gassenecke sagen, wo ich bin; mehrere Konzertisten des Wiener Schubs arbeiten schon als Solospieler in den Wäldern und spielen eigne Sachen; ich stehe also über Schwaben.

Wie grünen die Weinberge! Wie glänzet der Neckar! – Aber immer mehr ist mir, als hätt' ich diese Ebenen schon in alten Träumen durchwandelt. –

Ja, ich habe recht; jetzt zieh' ich über den unbekannten Zauber- und Morgengarten, wo das schwarze Auge der großen Teresa neben mir glänzte und wo ich aus ihrer Brust die Rosen zog. Hier nimm sie wieder, Teresa, ich werfe sie in deine Lustgefilde zurück. Ach du stehst jetzt nicht auf dem Pharusturm. Nie werde deinem großen Geiste der Flügel verwundet! –

Am Horizont wächset ein Vulkanen-Halbzirkel von zackigen Gewitterwolken auf. Ich höre von weitem donnern. Auf den Gletschern wohnt der schöne lange Blitz der Mittagssonne, und ich werde, hoff' ich, früher an den Bergen hängen als das Wetter.

Westlich seh' ich jetzt den Münster und, wie ich glaube, den Straßburger Telegraphen, dessen Zeigefinger des Todes fast erhaben und schauerlich ist; wie eine Parze regt er seine Schere – die Zunge der Völkerwaage, der in- und deklinierende Kompaß der Zeit.

Der Donner rollet immer lauter und voller heran, und doch stehen die weißen Wettergebürge noch so niedrig im Himmel. – O Teufel, er kommt aus einer Schlacht! – Soldatenhaufen sprengen über Hügel – Landleute rennen – ein Dorf brennt als Wachfeuer[1005] – in einem Garten seh' ich tote Pferde, und ein Kind trägt einen abgerissenen Arm fort.

Nun seh' ich die Ebene und die Rauchklumpen, die die brennende Hölle auftreibt. Wie mich hineingelüstet! Mein Wind läuft gerade über das dunkle, breite Sterbebette der Völker; und da will ich mich in den entzündeten Schwaden senken und mitschäumen wie der elende Mensch. – Ich höre nur die dumpfen Axtschläge, womit der Tod sein Schlachtvieh trifft, aber noch keine Stimme des Viehs – Ringsum im Blauen liegen die Gewitter des Himmels ruhig an der Erde und schauen gerüstet zu, bis sie aufstehen und auch in die Schlacht ziehen. – Was willst du auf meiner Kugel, schwerer niederdrückender Räuber? Hast du ein Kind von einer stillen Alpe geholt'49 und willst es hier verzehren, wie Direktoren ein Hirtenland? Fort, du bist der schwarze Hahn, der diese Nacht nach meinem Herzen grub – O wie hoch ist seit zwei Minuten der Jammer gewachsen!


*


Entsetzlich! – Jetzt darf ich sie recht hassen, die Menschen, diese lächerlichen Kauze und Weisheitsvögel im Hellen, die sogleich zerrupfende Raubvögel werden, sobald sie ein wenig Finsternis gewinnen. Nur mit Schießpulver tun sie alles; nur damit reinigen sie die Kerkerluft der Länder; damit machen sie die Wunde, die ihnen das wütige Laster gebissen, weiter und heil. Jahrhundertelang arbeitet die Habsucht in ihrer Silberhütte, und dann ist endlich in den Giftfängen eurer Herzen so viel Arsenik angelegt, daß mit dem Hüttenrauch alles, was lebt und blüht, fahl und kahl zu machen ist. Himmel! wie zog heute der Edelstein der zweiten Welt die Spreu von Seelen gierig an! Und unten stand der Teufel und hatte einen kleinen Markt mit Gliedern für Leute aufgeschlagen (z.B. Fürsten und Direktoren), die an ihre Heiligen gern Votivglieder hängen wollen, um für ihre salvierten zu danken.

Ein Windstoß warf mich plötzlich mitten über die wolkige Brandstätte voll Waffenglanz; ich riß die Lufthähne auf und vergrub mich in den Dampf, worin nur das Basiliskenauge des Todes[1006] seine heißen Silberblicke auf- und zutat. – Ich war nicht nahe und tief genug am Blinken der Bajonette – am Feuerregen des Geschützes – am Blutregen auf der Erde – an den Stimmen der Pein – an der weißen Gestalt des Verblutens – Nur die sanfte Musik, die Heroldin des Seufzers aus Liebe und der Träne aus Freude, mußte unten im Jammer sprechen wie ein Hohn, und die Heerpauke der Kartaunen schlug mit Erdstößen in die weichen, guten Töne, und die Trommel-Wirbel des kleinen Geschützes gingen fort. – O Gott! – der Schmerz ging drunten auf und ab und trat unsere Gesichter mit Füßen und begrub den Toten nur unter Sterbende – mein Herz dröhnte – da hört' ich das Wiehern der guten, unschuldigen Pferde – Jetzt wurd' ich auch von der Wut gepackt, denn ich bin ja auch einer von denen drunten, und schleuderte grimmig und gerade alle Steine, die ich hatte, auf die ringende, vom Erdbeben eines bösen Geistes zum Kampf-Wahnsinn untereinander geschüttelte Masse – – Mög' ich nur kein unschuldiges Pferd getroffen haben! – 50

Da hob mich der Gewicht-Verlust plötzlich ins hohe Blau hinauf.

Wie glänzte die Sonne in ihrem stillen Himmel so ruhig und kalt über der schwülen irdischen Hölle, als wären die Kriegsfeuer der Menschen nur kranke fliegende Funken vor ihrem großen Auge. Ich sah mich um nach dem Schlacht-Gewölke, und mein Auge weinte zornig, da ich mir die Tränentropfen der Völker dachte, die sich für hineinleuchtende Kronen als ein stolzer Triumph- und Siegesbogen zusammenwölben. Ach das Schlechteste an der Menschheit oder Unmenschheit ist, daß kein Mensch, kein Fürst, keine Zensur, und sei sie auch noch so tyrannisch oder unverschämt, die bitterste Rüge des Krieges verwehrt, und daß doch die Ehre und die Dauer desselben darum nicht kleiner wird.

Wunderbarer Tag! Hell ziehen schon die schimmernden Schweizergebirge mit ihren Tiefen und Zinnen vor mir heran und schütten den Rhein weg; aber hinter mir wachsen eilig die[1007] Gewitterwolken in den Himmel herauf und schweigen grimmig; die Lüfte gehen immer langsamer und bewegen mich kaum.

Jetzt regt sich nichts mehr. Vor welcher Welt schweb' ich still! Vor mir donnert der Rhein, hinter mir das Wetter – die Stadt Gottes mit unzähligen glänzenden Türmen liegt vor mir – tief in der Ferne stehen auf ewigen Tempeln weiße helle Götterbilder und der hohe König der Götter, der Montblanc, und der auf die tiefe Erde herabgeworfene Rhein steigt als ein weißer Riesengeist wieder auf und hat den himmlischen Regenbogen um und schwebt silbern und leicht.

Was ist das? Kommt mein Schicksal? – scharrt der schwarze Hahn? – Ich wollte mich jetzt tiefer senken vor die herrliche, auf der alten ruhende neue Welt; aber ich konnte nicht, die Verbindung zwischen den Lufthähnen ist durch das schnelle Aufreißen in der Schlacht zertrennt; ich kann mich bloß, wenn ich nicht durch Windstöße eine Alpe erreiche, eh' mich das Gewitter ergreift, durch das Aufschlitzen der Kugel erretten.

Jetzt trägt mich ein Windstoß ganz nahe vor die göttliche Glanzwelt. Aber schon arbeiten die Wolken lauter als der Strom, die schwarze Wolkenschlange hinter mir ringelt sich auseinander und zischt und schillert schon neben mir in Osten – Der Sonnenwagen geht schon tief im Erden-Staube. Wie fliegen die Goldadler der Flammen überall, um die Sonne, um die Eiskuppeln, um den zerknirschten Rhein und um die giftige Wolke, und ruhen mit aufgeschlagenen Flügeln an grünen Alpen aus – Ich glaube, ich soll heute sterben, das große Gewitter wird mich fassen. So sterb' ich gern, Verhüllter über mir; vor dem Angesicht der Berge und der Sonne und des gewölbten Blaues weicht gern mein Geist aus der einklemmenden Hütte und fliegt in den weiten, freien Tempel. Ich drücke die sonnenrote Stunde und die gebürgige Welt noch tief ins brausende Herz, und dann zerbrech' es, woran es will.

O wie schön! In Morgen rauschen Donner und Fluten, und auf ihnen hängt statt des Regenbogens ein großes, stilles Farbenrad, ein flammiger Ring der Ewigkeit aus Juwelen – Die warme, sanfte Sonne glimmt nicht weit von den Gewitterzacken – Noch[1008] sonnen die goldgrünen Alpen ihre Brust, und herrlich arbeiten die Lichter und die Nächte in den aufeinander geworfnen Welten der Schweiz durcheinander; Städte sind unter Wolken, Gletscher voll Glut, Abgründe voll Dampf, Wälder finster, und Blitze, Abendstrahlen, Schnee, Tropfen, Wolken, Regenbogen bewohnen zugleich den unendlichen Kreis.

Jetzt gähnet ein Wolken-Rachen vor der Sonne; noch seh' ich einen Sennenhirten mit dem Alphorn, dessen Töne nicht herüberreichen, am purpurnen Abhang unter weißen Rindern, und ein Hirtenknabe trinkt an seiner Ziege den Abendtrank. – Wie lebt ihr still im Sturme des Seins! – O die schwarze Wolke frisset an der Sonne! – Das erhabene Land wird ein Kirchhof von Riesengräbern, und nur die weißen, hohen Epitaphien der Gletscher glänzen noch durch. – –

Ich bin geschieden von der Welt – die unendliche Wetterwolke überdeckt die Schweiz und alles – unter dem schwarzen Leichentuch regnet es laut unten auf der Erde – es blitzt lange nicht und zögert fürchter lich. – Sterne quellen oben heraus, und mir ist, als schwämmen ihre matten Spiegelbilder als silberne Flocken auf dem düstern Grund – Ha! der Wind kehret um und treibt mich mitten über die stumme, gefüllte Mine, deren Lunte schon glimmt. Wie düster! Ach unter der Wolke werden noch Bergspitzen in sanftem goldnen Abendscheine stehen.

Kein Blitz, nur Schwüle! – Aber ich merke, die Wolke zieht mich zu sich. Ach! jetzt wölbt sich auf einmal zusehends ein zweites Gewitter über mir; beide schlagen dann gegeneinander, und eines greift mich, jetzt versteh' ichs. –

Bis auf die letzte Schlag-Minute schreib' ich, vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert.

Nun geraten schon die Enden der Gewitter aneinander und schlagen sich. – Wie höllenschwül! – Oho! jetzt riß es meinen Charonskahn in den brauenden Qualm hinab! – Ich sehe nicht mehr – Was ist das Leben – die feigen hockenden Menschen drunten singen jetzt gewiß zu Gott, und die Erbärmlichen werden gewiß jeden vermahnen bei meinem Leichnam – Wie es hinauf- und hinabschlägt – In Wörlitz war mein letzter Tag, das[1009] ahnete ich ja – Himmel! der heutige Traum hat ja mich und mein Ende klar geträumt; er soll auch ganz wahr werden, und ich will jetzt mit meinem Posthörnchen wütig ins Wetter blasen, wie ihr Mozart drunten im Don Juan, und den Heuchlern auf dem Boden den Anbruch des Jüngsten Tages weismachen – -

Addio, Graul, ja wohl kannst du mich nicht auf der Brust umarmen......


*


Giannozzos Freund (Graul oder Leibgeber) erteilte mir – weil sein Herz noch zu matt war vom Schmerze – nur mit einfachen Worten folgenden Bericht von dem Tode des großherzigen Jünglings:

»– Inzwischen braucht die Welt alles das gar nicht zu wissen; er heiße ihr Giannozzo und damit gut. Es ist eine besondere Schickung, daß dieser mein zwar nicht ältester, doch kräftigster Freund mir zweimal begegnete, ohne daß ers wußte. Denn ich war der tanzende Nachtwandler, den er auf dem Brocken in der Menuett gesehen; und auf meinem Wege nach Bern – wo ich meinen Clavis gemacht – stand ich gerade am Rheinfall zu Schaffhausen, als er oben blies. Das Gewitter wütete fürchterlich und nahe an der Erde und stürzte zugleich mit dem Rhein herunter. Wirklich vernahm ich und noch einige ein sonderbares, aber unharmonisches, abgestoßenes, schneidendes Tönen droben aus dem finstern Wolkengewölbe. Endlich durchbrach dieses ein schmetternder Schlag: unweit von uns flog die zerschlitzte Kugel und die Sänfte daran auf einer Wiese nieder. Ich erkannte sogleich meinen teuern Freund. Sein rechter Arm und sein Mund waren weggerissen, das Horn zum Teil geschmolzen, seine langhängenden Augenbraunen auf den hohen Augenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt. Ich spreche die vernünftigen Worte nach, die mir sein Traum in den Mund gelegt: ›Giannozzo, wo lebst du, Lämmchen? Kannst du mir nicht erscheinen? Wahrlich, ich gedenke deiner, armer Teufel!‹«


Ende des zweiten Bändchens

49

Er sieht den Lämmergeier, der in der Schweiz oft Kinder raubt. D. H.

50

O Giannozzo, der Wahnsinn, womit du verwunden hilfst, ist eben der greuliche, der die Völker gegeneinandertreibt! D. H.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 1004-1010.
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