31. Hundposttag

[989] Klotildens Brief – der Nachtbote – Risse und Schnitte im Bande der Freundschaft


Ich wollt' es in die Literaturzeitung rücken lassen, ich hätte Herrnschmidts osculologia zu meinen (gelehrten) Arbeiten vonnöten – Nämlich zu diesem Kapitel: ich wollte daraus sehen, wie man zu Herrnschmidts Zeiten mit den Weibern umging. Zu Jean Pauls Zeiten geht man schlecht mit ihnen um, in Romanen nämlich. Bloß der Engländer kann vortreffliche Weiber porträtieren. Den meisten deutschen Roman-Formern schlagen die Weiber zu Männern um, die Koketten zu H-, die Statuen zu Klumpen, die Blumenstücke zu Küchenstücken. Daß die Schuld mehr an den Malern als an den Urbildern liege, wissen nicht nur die Urbilder selber, sondern auch der Berghauptmann schon daraus, weil die Romanleserinnen alle noch romantischer sind als die Romanheldinnen, noch feiner und zurückhaltender. Der Berghauptmann tut hier – ohne die Absicht zu haben, daß ihn acht vornehme Weiber in Mainz, wie den Weiber- und Meistersänger Heinrich Frauenlob, zu Grabe tragen – einen gedruckten Eidschwur (d.h. Schwurschwur), daß er die meisten seiner Zeitgenossinnen besser antraf, als sie der gute offne, aber leere rohe Kopf des Verfassers des Alcibiades und Nordenschilds zeichnen kann. In der Tat, wenn die Weiber nicht den Männern alles verziehen, sogar den Autoribus (und zwar täglich siebenzigmal, und sie reichen den andern Backen dar, wenn der eine durch Küssen beleidigt worden): so könnt' es kein Bücherverleiher erklären, wie Menschen, deren Kopf doch schwerer, deren Zirbeldrüse kleiner ist, und die sechs Knorpelringe der Luftröhre mehr haben – nämlich 20 überhaupt, wahrscheinlich zum Mehr-Reden –, deren Brustbein kürzer und deren Brustknochen weicher sind als bei den Männern, wie doch solche Menschen weiblichen Geschlechts noch die Magd oder den Kerl in eine Lesebibliothek mit dem Auftrag schicken können: »Einen Ritterroman für meine Mademoiselle!« Meine Feder-Kollegen – in Rücksicht der Weiber bin ich nach der Bergsprache[989] bloß von der Feder, nicht von Feuer noch von Leder – werden zur Erziehung der Leserinnen, wie nach Lessing die Juden zur Erziehung der Völker, nur darum gewählt, weil sie roher sind als die Zöglinge.

Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Bildung als der Mann. Die weiblichen Engel (aber auch die weiblichen Teufel) halten sich nur in den höchsten feinsten Menschen-Schubfächern auf; es sind Schmetterlinge, an denen der Samt-Fittisch zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten häutigen Lappen wird – es sind Tulpen, deren Farbenblätter ein einziger Griff des Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdrückt. – –

Ich bringe dies alles vor, damit Herr Kotzebue und der freche Poetenwinkel in Jena88 und das ganze romantische Schiffvolk es meiner Klotilde nicht übelnehmen, daß sie ihr eignes Geschlecht als das besagte Volk nachahmt, um so mehr, da sie vorschützen kann, sie habe dieses noch nicht gelesen.

Durch Agathen kam sehr bald eine von Emanuel überschriebene Antwort Klotildens an, die innen gesandten-mäßig besiegelt, geometrisch beschnitten und kalligraphisch geschrieben war, weil Frauenzimmer alle Dinge, die sinnliche Aufmerksamkeit verlangen, besser betreiben als wir, und weil sie – denn kaum vier aus meiner Bekanntschaft brauch' ich auszunehmen – gerade im Gegensatz der Männer desto schöner schreiben, je besser sie denken. Lavater sagt, der schönste Maler gebiert die schönsten Gemälde, und ich sage, schöne Hände schreiben eine schöne Hand.

Klotildens Brief stellet sich mit einer Lusthecke und einem lebendigen Zaun voll Blüten unserem Doktor in den Steig und lässet ihn nicht nach Maienthal. Denn er heißet so:


»Würdigster Freund!

Kein Mädchen ist vielleicht so glücklich als eine Dichterin; und ich glaube, hier in diesem aufgeschmückten Tale wird man zuletzt beides. Sie sind überall glücklich, da Sie sogar an einem Hofe ein Dichter sein können, wie mir Ihre schöne poetische Epistel beweiset.[990]

Aber die Phantasie malet gern aus Schminkdosen – das wahre Maienthal kann der Ihrigen nicht soviel geben, als Sie in die drei Landschaft-Blätter desselben zu legen wissen. Sooft ich und Sie einerlei durch Dichtung ersetzen müssen: so ist bloß bei Ihnen der Ersatz größer als das Opfer.

Wenn ich Ihnen das Vergnügen, Herrn Emanuel zu sehen, durch Überreden hätte verschaffen können: so hätt' ichs gern getan; aber ich war zuletzt aus Gewissenhaftigkeit nicht beredt genug, um ihn zu einer Reise zu Ihnen zu bringen, die seine sieche Brust der Gefahr des Verblutens aussetzte. Sehen Sie ihn für einen Frühling an, den man alle Jahre neun Monate lang erwarten muß.

Ach die Besorgnis für meinen unvergeßlichen und unersetzlichen Lehrer wirft einen Schatten über den jetzigen ganzen Frühling, wie ein Grabmal über einen Blumengarten. Ich habe niemals einen Frühling so gern und so freudig angesehen wie diesen – ich kann oft noch bei Mondschein an die Bäche hinausgehen und eine Blume aufsuchen, die vor dem fließenden Spiegel zittert und um welche ein Mond oben und einer unten schimmert, und ich stelle mir das Blumenfest in Morgenland vor, bei dem man (wie man sagt) nachts um jede Gartenblume einen Spiegel und zwei Lichter setzt. Aber doch kann ich nicht zum Blumenflor meines Lehrers hinüberblicken, ohne zu weich zu werden, da ich denken muß: wer weiß, ob seine Tulpen nicht länger stehen als seine zerknickte Gestalt. Hat denn die ganze Arzneikunst kein Mittel, das seine Hoffnung zu sterben vereitelt? – Ich glaube, er stimmt mich nach und nach in seinen melancholischen Ton, womit ich mich vor einem andern als dem Freunde Emanuels lächerlich machen würde; aber eine stille verborgene Freude bricht auch gern in Schwermut aus; ›nur in der kalten, nicht in der schönen Jahrzeit unsers Schicksals‹, sagten Sie einmal, ›tun die warmen Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloß im Winter die Blumen nicht warm begießen darf.‹ Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen Seele nicht alle Schwächen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine Giulia ihr schönes Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal[991] zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hügel kommen muß, alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine Glückliche sonst haben soll. Ich weiß nicht, sagten Sie oder Emanuel es: ›Der Gedanke des Todes muß nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein; wenn in das Herz wie in die Herzblätter einer Blume die Grabeserde fällt, so zerstöret sie, anstatt zu befruchten‹; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal und Giulia schon einige Erde geworfen. – Und ich trage sie gern, da ich seit Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen flüchten kann, vor dem ich meines öffnen darf, um ihm darin alle Kümmernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle Fragen einer gedrückten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgütigen, daß er mir so viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem Freunde wiedergibt – meine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so würden wir unsere vereinigten Tränen geduldiger vergießen, und ich würde vielleicht sagen: ach, sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin!

Klotilde.«


*


Das Schlagen meines fremden Herzens misset mir das Schlagen des glücklichern ab. Aber eh' ich erzähle, was Viktors Freude über diesen Brief anfangs störte und dann verdoppelte, sei es mir erlaubt, zwei gute Bemerkungen zu machen. Die erste ist: die vergrößerte Empfindsamkeit ist in einer stolzen Brust (wie Klotildens), die sonst die Seufzer zurückholte und nur weibliche Satiren über uns Herren ausschickte, das schönste Zeichen, daß ihr Herz im Sonnenschein der Liebe zergehe. Denn diese kehret die Weiber um; sie macht aus einer Kolumbine eine Youngin, aus einer Ordentlichen eine Unordentliche, aus einer Feinen eine Offenherzige, aus einer Putzmacherin und Putzträgerin eine Philosophin und wieder umgekehrt. – Und du, liebe Philippine, prüfe die zweite Bemerkung, da du jetzo so gut bist wie dein eigner[992] Bruder: ist nicht das Verhehlen der Liebe das schönste Entdecken derselben? Zeigt nicht ein Schleier – ein moralischer, mein' ich – das ganze Gesicht und ist für nichts unzugänglich als für den Wind – den moralischen, mein' ich –? Decket nicht das gläserne Gehäuse der Damenuhr das ganze darauf gefirnißte Uhrporträt am Boden auf und wendet bloß das Beschmutzen, nicht das Beschauen ab? – Und was wirst du für Bemerkungen machen, wenn ich dir diese beiden vorlese!

Der Brief stärkte zugleich Viktors Wunsch, um Klotilde zu sein, und seine Kraft, ihn aufzugeben – bis des andern Tags in der Nachttisch-Stunde ein Zufall alles änderte. Matthieu, der fast mehr Besuche bei Feinden als bei Freunden ablegte, kam vom Apotheker herauf. Er sah die Prospekte von Maienthal und den Florhut; und er da wußte, daß seine Schwester Joachime beides habe: so sagte er scherzhaft: »Ich glaube, Sie wollen sich verkleiden, oder man hat sich entkleidet.« Viktor flatterte mit einem leeren lustigen »Beides!« darüber. Er nahm nicht gern den Namen der Liebe oder eines Weibes vor einem Menschen in den Mund, der an keine Tugend glaubte, am wenigsten an weibliche, der zwar, wie andre Spinnen auf andere Musik, sich an seinem Faden auf die Liebe niederließ, der aber, wie Mäuse aus Liebe zu den Tönen, über die Saiten kroch und sie zersprengte. Viktor war ungern (vor seinem Hofleben) mit solchen philosophischen Ehrenräubern unter unbescholtenen Mädchen, weil es ihm schon wehe tat, an den Gesichtpunkt der ersten erinnert zu werden. »Von meiner Tochter«, sagt' er, »müßten sie nicht einmal das Dasein erfahren, weil sie einen Vater schon dadurch beleidigen, daß sie sich sie vorstellen.« –

Matthieu sprach von dem nächsten patriotischen Klub (den 4ten Mai am Geburttag des Pfarrers) und fragte, ob er dabei wäre. Agathe aber hatte ihn schon gestern (am vorletzten April) daran erinnert. Endlich führte Matz seine Frage vor: »ob er nicht auch zu Pfingsten von der Partie sei? – Er habe mit dem Regierrate (Flamin), der dazu immer Ferien brauche, eine kleine Lustreise abgekartet nach Großkussewitz zum Grafen von O – Er habe da zu tun, noch einige Quartiere des Hofstaats den Kussewitzern zu bezahlen und den Grafen von O zu einem gütlichen Vergleich[993] über das neuliche Mißverständnis umzustimmen, daher er den Juristen mithaben müsse – Vielleicht seien die Engländer bei diesem Kongresse – das Reisekorps könne dann so große Vergnügungen haben wie ein corps diplomatique, nachdem es vorher ebensolche Geschäfte gehabt. Der Graf von O liebe überhaupt Engländer sehr, ob er gleich nicht gern Engländer reite – denn er hab' es sehr bedauert, daß er neulich mit dem Herrn Hofmedikus bei der Fürstin gesprochen, ohne ihn zu kennen.« Sebastian hatte seine lange stumme Aufmerksamkeit mit einem kalten »Nein!« beschlossen, weil die Ausdünstung dieser falschen fliegenden Katze mit einem ätzenden Gift sein unbeschirmtes Herz überzog. »Was hab' ich« (dacht' er unter jener Einladung) »diesem Menschen getan, daß er mich ewig verfolgt – daß er mit einem Messer, dessen eine Seite vergiftet ist oder beide, meinen Jugendfreund unter unsern doppelten Schmerzen von meiner Seele schneidet – daß er seine Minier-Höhlen bis an fremde Orte fortführt, um mich in allen Stellungen über seinem Pulver zu haben!« Viktor mußte nämlich nach allem besorgen, daß die Pfingst-Reise eine Entdeckreise sei, worauf Joachime dem Bruder, wie Ritter Michaelis den Morgenlandfahrern, Fragen über die Uhrbriefsache, über Tostato u.s.w. mitgebe, um wohl gar beim Fürsten eine Anklage daraus zu bilden. Er hielt das Untere seiner Karte, d.h. seines tugendhaften Schmerzens, so, daß es Matthieu nicht ganz sehen konnte, um ihm eine boshafte Freude zu entziehen. Dieser, der nicht eine Spitzenmaske, sondern eine eiserne und noch dazu eine mit einem Halse trug, hatte oft eine solche Kälte, daß man seinen wütigen Zorn nicht begriff und umgekehrt – aber jene hatte er im Lager, diesen in dem Gefechte gegen den Feind. Wenn ihn jemand sogleich aufbrachte, so wars ein gutes Zeichen und bedeutete, daß er nichts gegen ihn im Schilde führe.

Nach dem Abmarsch des Evangelisten – als er sich auszankte, daß er ihn den Florhut finden lassen, den er überhaupt mehr verschlossen hätte, wäre Flamin öfter gekommen – sah er sich nach Klotildens Schattenriß um, damit der reizende Schatte sein Zürnen kühle. Er war nicht anzutreffen: seine erste Hypothese war, Matz hab' ihn still gestohlen, um so mehr da er ihn geschnitten.[994] Hat er den Schattenriß wirklich eingesteckt: so wäre der Evangelist – denn mir wurde wie bekanntlich gleich beim Anfange dieser Geschichte die Silhouette übermacht – gar mein korrespondierendes Mitglied Knef, und er schickte mir die Avisfregatte, den Spitzhund, zu. – Toll ists, daß mich der Korrespondent durch solche Nachrichten selber auf den Argwohn bringt.

Indem Viktor den lieben Florhut als den Ersatz des Bildes in die Hand nahm und träumend besah: so schlugen am Hute ganz neue frische Blumen für seine Seele aus. »Wie,« sagt' er zu sich, »muß ich denn gerade den Schattenriß anschauen? Kann ich nicht das – Urbild selber dazu wählen?« Kurz der Hut wurde ein Glücktopf, aus dem er eine frohe Stunde zog, nämlich den Vorsatz, auf Pfingsten zu verreisen, aber nach – Maienthal. Er hielt sich ernstlich vor, daß ihm und Klotilden die zu weit getriebene Schonung eines eifersüchtigen Bruders, dessen irre Hoffnungen ja keine Schwester zu stärken verpflichtet sei, noch dazu durch die menschenfeindlichen Eingebungen Matthieus erschweret und vereitelt werde – daß also ihr Absondern so wenig erleichtere, als ihr Besuchen verbreche – daß es indessen schön sei, den Bruder zu schonen und bloß in seine Abwesenheit einen verdächtigen Ausflug zu verlegen, bis ihm einmal die heruntergezogne Binde in der Ungetreuen die Schwester entdecke und im Nebenbuhler den schonenden Freund – und daß es immer besser sei, sie in Maienthal als bei ihrer Zurückkunft in seiner Nähe zu sprechen – und daß der über seine Abstammung belehrte Bruder ihm einmal doch bloß vorrücken könne, er habe ihm keine Täuschungen genommen als höchstens unangenehme. – O die Liebe und die Tugend haben ein nacktes Gewissen und entschuldigen ihre himmlischen Freuden länger und mehr als andere ihre höllischen!

Als Viktor noch dazu daran dachte, daß den Tagen der Liebe so bald das Laub und die Blüten abfallen, und daß Emanuel und selber Klotilde zwei hart ans Ufer des Grabes gerückte Blumen sind, deren lose nackte Wurzeln schon erstorben hinunterhängen: so war sein Entschluß befestigt, und er schrieb an Emanuel die Nachricht seiner Ankunft zu Pfingsten, um Klotilden durch keinen Überfall zu erzürnen und um ihr noch dazu die Gelegenheit[995] eines Verbotes zu lassen. Seine Wendung war die: »Wenn es ein sokratischer Genius erlaube (d.h. Klotilde), der ihm immer sage was er nicht tun solle: so komm' er zu Pfingsten, da ohnehin die Stadt da veröde, da Flamin auf 4, 5 Tage nach Kussewitz reise« etc.

Als er den Brief fertig hatte: fiel ihm ein, daß er gerade heute an diesem 29. April vor einem Jahre die ganze Nacht gereiset sei, um mit dem ersten Mai am Morgen durch den Nebel ins Pfarrhaus zu treten. »Ich kann ja wieder die schwüle Zephyr-Nacht nicht unter dem Deckbette, sondern unter den Sternen verbringen. – Ich kann in einem fort ins Abendrot nach Maienthals Bergen schauen. – Ich kann ja lieber den halben Weg darauf zugehen – oder gar den ganzen. – Ich kann mich auf einen Berg stellen und ins Dörfchen schauen – Wahrlich ich kann dann mein Billet hier irgendeinem Maienthaler inkognito einhändigen und wieder Reißaus nehmen noch vor tags.« –

Um sieben Uhr nachts ging er wie das Meer von Osten nach Westen. Orion, Kastor und Andromeda blinken in Westen nicht weit vom Abendrot über den Gefilden der Geliebten und werden wie diese bald aus einem Himmel in den andern untergehen. Das von lauter Hoffnungen erschütterte Herz, seine erhitzten Gehirnkammern, an denen das mit sympathetischer Dinte gezeichnete Maienthal immer lichter und farbiger vortrat, dieses innere, fast schmerzliche Brausen der Freude raubte ihm anfangs das Vermögen, den in griechischer Schönheit aufgebaueten Frühlingtempel in eine stille helle Seele aufzufassen. Die Natur und die Kunst werden nur mit einem reinen Auge, aus welchem die beiden Arten von Tränen weggewischet sind, am besten genossen.

Aber endlich überdeckte das ausgebreitete Nachtstück seine heißen Fieberbilder, und der Himmel drang mit seinen Lichtern und die Erde mit ihren Schatten in sein erweitertes Herz. Die Nacht war ohne Mondlicht, aber ohne Wolken. Der Tempel der Natur war wie ein christlicher erhaben verdunkelt. Viktor konnte sich aus den Laufgräben langer Täler, aus Wälder-Finsternissen und aus dem schillernden Nebel der Wiesen nicht eher erheben als in der Mitternachtstunde, wo er einen Berg wie einen Thron[996] bestieg und sich da auf den Rücken legte, um die Augen in den Himmel unterzutauchen und sich abzukühlen vom Träumen und Laufen. Das hereinhängende Himmelblau schien ihm eine dünne blaue Wolke, ein in blaue Dünste zerschlagnes Meer zu sein, und eine Sonne um die andre teilte mit ihren langen Strahlen diese blaue Flut ein wenig auseinander. Der Arkturus, der dem liegenden Menschen gegenüberstand, stieg schon von der Zinne des Himmels herab, und drei große Sternbilder, der Luchs, der Stier, der große Bär, zogen weit voraus unter das Abendtor. – Diese nähern Sonnen wurden von entrückten Milchstraßen mit einem Hof umschwommen, und tausend große, in die Ewigkeit geworfne Himmel standen in unserm Himmel als weiße spannenlange Düfte als lichte Schneeflocken aus der Unermeßlichkeit, als silberne Kreise aus Reif. – Und die Schichten aneinandergerückter Sonnen, die erst vor dem tausendäugigen Auge der Kunst den Nebelschleier fallen lassen, spielten, wie Streife unserer Sonnenstäubchen, im glühenden, durch das Unermeßliche brennenden Sonnenstrahl des Ewigen. – Und der Widerschein seines durchglühten Thrones lag hell auf allen Sonnen –

– Plötzlich stellen sich nähere zerschmolzene Lichtwölkchen, nähere Nebel, aufgeflogen aus Tau, unter der Versilberung, tief herab vor die Sonnen, und der Silberblick des Himmels läuft mit zertragenen dunkeln Flocken an. – – Viktor begreifet die überirdische Entzündung nicht und richtet sich bezaubert empor..... und siehe, der gute verwandte nahe Mond, der sechste Weltteil unserer kleinen Erde, war still und ohne das Freudengeschrei des Morgens neben der Triumphpforte der Sonne hereingetreten in die Nacht seiner Mutter-Erde mit seinem halben Tage.

Und als jetzt die Schatten von allen Bergen rannen und durch die aufgedeckten Landschaften nur in Bächen zwischen Bäumen zogen und als der Mond dem ganzen dunkeln Frühling in der Mitternacht einen kleinen Morgen gab: so faßte Viktor nicht nächtlich-melancholisch, sondern morgendlich-verjüngt den großen runden Spielraum der jährlichen Schöpfung in sein erwachtes Auge, in seine erwachte Seele, und er überschauete den Frühling unter dem innern Freudengeschrei mitten in der weiten Verstummung,[997] unter dem Gefühle der Unsterblichkeit im Kreise des Schlafes. – –

Auch die Erde, nicht nur der Himmel, macht den Menschen groß!

Ziehet in meine Seele und in meine Worte, ihr Mai-Gefühle, die ihr in der Brust meines Viktors schluget, da er über die knospende schwellende Erde sah, von Sonnen über seinem Haupte bedeckt, von grünendem Leben umstrickt, das von Gipfeln zu Wurzeln, von Bergen zu Furchen reichte, und von einem zweiten Frühling unter seinen Füßen getragen, da er sich hinter der durchbrochenen Erdrinde die Sonne mit einem Glanztage unter Amerika stehend dachte. – Steige höher, Mond, damit er den quellenden, geschwollenen, dunkel-grünen Frühling leichter sehe, der mit kleinen blassen Spitzen aus der Erde dringt, bis er sich herausgehoben voll glühender Blumen, voll wogender Bäume – damit er die Ebenen erblicke, die unter fetten Blättern liegen und auf deren grünem Wege das Auge von den aufgerichteten Blumen, an welchen die gespaltenen Reize des Lichtes wachsen und sich befestigen, zu den in Blüten zerspringenden Büschen und zu den langsamen Bäumen aufsteigt, deren gleißende Knospen in den Frühlingwinden auf- und niederschwanken – – Viktor war in Träume gesunken, als auf einmal das kalte Anwehen der Lenzluft, die jetzo mehr mit kleinen Wolken als mit Blumen spielen konnte, und das Rauschen der Frühlingbäche, die neben ihm von allen Bergen und über jedes dunklere Grün wegschossen, ihn erweckte und berührte. – Da war der Mond ungesehen gestiegen, und alle Quellen glommen, und die Maiblumen traten weißblühend aus dem Grün, und um die regen Wasserpflanzen hüpften Silberpunkte. Da hob sich sein wonneschwerer Blick, um zu Gott zu kommen, von der Erde auf und von den grünenden Rändern der Bäche und stieg auf die herumgebognen Wälder, aus denen die eisernen Funken und Dampf-Säulent89 über die Gipfel sprangen, und zog auf die weißen Berge, wo der Winter in Wolken schläft; – – aber als der heilige Blick in dem Sternen-Himmel war und zu Gott aufsehen wollte, der die Nacht und den Frühling und die Seele geschaffen[998] hat: so fiel er mit zurücksinkendem Flügel und weinend und fromm und demütig und selig zurück.... Seine schwere Seele konnte nur sagen: Er ist! –

Aber sein Herz sog sich voll Leben an der unendlichen, quellenden, wehenden Welt um ihn, über ihm, unter ihm, worin Kraft an Kraft, Blüte an Blüte reicht, und deren Lebensquellen von einer Erde in die andere sprützen, und deren leere Räume nur die Steige der feinern Kräfte und der Aufenthalt der kleinern sind – die ganze unermeßliche Welt Stand vor ihm, deren ausgespannter Wasserfall, in Düfte und Ströme, in Milchstraßen und Herzen zersprungen, zwischen den zwei Donnern des Gipfels und des Abgrunds reißend, gestirnt, geflammt herabfährt aus einer vergangnen Ewigkeit und niederspringt in eine künftige – und wenn Gott auf den Wasserfall sieht, so malt sich der Zirkel der Ewigkeit als Regenbogen auf ihn, und der Strom verrückt den schwebenden Zirkel nicht....

Der selige Sterbliche stand auf und wandelte im Gefühle der Unsterblichkeit durch das um ihn pulsierende Frühlingleben weiter; und er dachte, daß der Mensch mitten unter den Beispielen der Unvergänglichkeit den Unterschied zwischen seinem Schlaf und Wachen irrig zum Unterschied zwischen Sein und Nichtsein zerdehne. Jetzo war seinen kräftigen strotzenden Gefühlen jedes Getöse willkommen, das Schlagen der Eisenhämmer in den Wäldern, das Rauschen der Lenzwasser und der Lenzwinde und das aufprasselnde Rebhuhn. –

Um drei Uhr morgens sah er Maienthal liegen. Er trat auf den von fünf einzelnen Tannenbäumen gehobnen Berg, auf dem man durchs ganze Dorf und wieder hinüber zum andern Berge schauen kann, wo die Trauerbirke seinen Emanuel beschattet. Die überwachsene Zelle des letzten konnt' er nicht erblicken; aber am Stifte, wo seine Freundin träumte, schimmerten alle Fenster im ausfunkelnden Mondlicht. In seiner Brust war noch der Rausch der Nacht und auf seinem Angesicht das Brennen der Träume – aber das Tal zog ihn in die Erde heraus und gab seinen Freudenblumen bloß einen festern Boden; und der Morgenwind kühlte seinen Atem und der Tau seine Wangen ab. Die Tränen stiegen[999] in seine Augen, als sie auf die weißverhangnen Fenster fielen, hinter denen eine schöne, eine weise, eine geliebte und eine liebende Seele ihre unschuldigen Morgenträume vollendete. Ach, es träume dir, Klotilde, von deinem Freunde, daß er dir nahe ist, daß er seine überströmenden Augen auf deine Zelle wendet und daß er verschwindet, wenn du erscheinst, und daß er doch seliger werde von Minute zu Minute – ach er träumt ja auch, und wenn die Sonne aufgeht, ist das geliebte Tal wie dein Traum mit dem Sternenhimmel versunken. – O die Berge, die Wälder, hinter denen eine geliebte Seele wohnt, die Mauern, die sie umschließen, schauen den Menschen mit einem rührenden Zauber an und hangen vor ihm wie holde Vorhänge der Zukunft und Vergangenheit.

Der Berg führte ihm das Bild des Malers vor, der sonst hier gewesen war, um Klotildens Reize gleichsam wie ein goldnes Zeitalter nur aus der Ferne abzuzeichnen und näher zu ziehen – und dieses führte sein Auge wieder in die Tage ihrer frühern Jugend und ihres stillen frommen Lebens im Stift, und es schmerzte ihn, daß eine Zeit sonst gewesen und verloren war, in der er sie nicht lieben können. Da er sich umsah und sich dachte, auf allen diesen Steigen, neben diesen Bächen, unter diesen Bäumen ist sie gegangen: so wurde ihm die ganze Gegend heilig und lebendig, und jeder darüber hinziehende Vogel schien seine Freundin zu suchen und zu lieben wie er.

Aber nun wachte mit jedem Stern, der oben im Himmel zurücksank, unten auf der Erde eine Blume und ein Vogel auf – der Weg von der Nacht zum Tage wurde schon mit Halbfarben belegt – kleine Nebel stiegen an der Küste des Tages auf – und Viktor war noch auf dem Berge. Seine Besorgnis, daß sich die weiße Fensterhülle rege und ihn zeige, war so groß wie sein Wunsch, daß die Besorgnis immer größer werde! Zuweilen wankte ein Vorhang, aber keiner ging auf. – Auf einmal wecken die Vogelkehlen eine Zauberflöte an dem Fuße seines Berges, und der stille Julius kam der Sonne, die ihm nicht mehr leuchtete, mit seinen Morgentönen entgegen. Da entschleierte sich plötzlich Klotildens Fenster, und ihre schönen hellen Augen nahmen den erfrischten Morgen in die fromme Seele auf. Viktor trat, der Entfernung ungeachtet,[1000] von Gesträuch hinter Gesträuch; aber die Flucht vor den geliebten Augen führte ihn der Flöte näher; er wollte jedoch ebensowenig vor Emanuel, den er in der Nachbarschaft des Blinden glaubte, erscheinen als vor Klotilden. Als ihn nur noch einige Gebüsche von den Tönen schieden, erblickte er auf dem Berge seinen Freund Emanuel unter der Trauerbirke. Nun eilt' er froh und zitternd zu Julius herab und fand ihn mit dem Lilienangesicht, schön wie den jüngern Bruder eines Engels, umflogen und umsungen von Vögeln, an einer Birke lehnen: »Welche Gestalten, welche Herzen«, dacht' er, »schmücken dieses Paradies!« Wie hätt' er sich an einem solchen Morgen, an einem so heiligen Orte, gegen einen so guten Jüngling verstellen und ihm etwa mit der nachgemachten Stimme seines italienischen Bedienten den Brief an Emanuel übergeben können? – Nein, das konnt' er nicht; er sagte mit leiser Stimme, um ihn nicht zu erschrecken: »Lieber Julius, ich bins!« – Dann sank er langsam an den zarten Menschen und umarmte an einer Brust – drei Herzen; und reichte ihm den Brief mit den Worten: »Gib ihn deinem Emanuel!« und floh mit dem wärmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinab und davon. –

Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einem Jahr verschwand auch Giulia aus Maienthal und nahm nichts von dem schönen Blumenboden mit als einen – Grabhügel.

Als er jetzt hinter Staudengängen ungesehen dem Orte der Seligen entronnen war: machte seine nächtliche Erheiterung einer unbezwinglichen Wehmut Platz. Die aufgehende Sonne zog alle hellen Farben aus seinem nächtlichen Traum – »Hab' ich denn wirklich Maienthal und Julius und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer unter dem Monde schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel vorübergeronnen?« sagt' er – und der Tag brütete die frische Nachtluft seiner Seele zu einem schwülen Flattern des Südwinds an. Anstatt daß der Mensch sonst, wie Raguel, in der Mitternacht Gräber aushauet und in der Morgensonne sie wieder verschüttet, kehrte heute Sebastian es um. –

Eigentlich war es nicht ganz so: sondern das schnelle Vorspringen und Einsinken der geliebten Gestalten, die vergrößerte Sehnsucht darnach, der rührende Abstich des Morgen-Getümmels[1001] mit der Nacht-Pause, des Sonnenfeuers mit dem Mond-Dämmern und die mit der Ermüdung der Phantasie und des Körpers verknüpfte träumende Ermattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge drückten aus dem Herzen und Tränendrüsen unsers Nachtwandlers unwillkürliche, süße Tränen aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vor Freude noch vor Kummer flossen, sondern vor Sehnsucht.

Auf einmal ließ der schöne nebellose erste Maitag das Andenken an den vorjährigen, wo er, wie ein Frühling und homerischer Gott, im Nebel ankam, vorübergehen – und der gute Mensch schauete mit den Tautropfen in den Augen die Tautropfen in den Blumen an und sagte unaussprechlich gerührt: »Ach vor einem Jahre kam ich so glücklich, wurde so unglücklich, und bin wieder so glücklich – o ihr fliehenden, spielenden, nachtönenden, zitternden Jahre des Menschen!« – und das Feiertag-Geläute aus allen Dörfern (es war Philippi Jakobi) setzte mit dem sanften Beben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein weiteres Zittern.

»O vor einem Jahre« (tönten ihn die Glocken an) »begleiteten wir Giulia wie dich aus Maienthal heraus.« Dann zog vor der Sonne, die am Himmel ihre weißen Blüten aufschlug, der warme Gedanke sein Herz auseinander: »Vor einem Jahre, an diesem Morgen, ging dir dein Flamin entgegen und vergoß an deiner glühenden Brust so viele Freudentränen – und am Ende des heutigen Tages zog er dich wieder an sein Herz und sagte gleichsam ahnend: ›Vergiß mich nicht, verrat mich nicht, und wenn du mich verlassen willst, so laß mich mit dir untergehen!‹« –

»O du Treuer,« (sagten alle seine Gedanken) »wie tröstet es mich heute, daß ich einmal alle meine Wünsche gern den deinen aufgeopfert habe, um dir getreu zu bleiben90 – Nein, ich kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm.« – Er ging gerade zu Flamin, um (wiewohl ohne Meineid gegen den Lord und mit Schonung der Eifersucht) es zu bekennen, daß er auf Pfingsten nach Maienthal verreise. Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein[1002] entgegenweinendes Auge so sehr – sein feines Ehrgefühl verschmähte es so sehr, eine fremde Reise zur spanischen Wand der eignen zu machen – seiner erneuerten Liebe tat das kleinste Verhehlen vor seinem Freunde so weh – Matthieu war aus diesem himmelblauen Eden unter der Gehirnschale so gänzlich verstoßen – daß er, je länger er dachte und lief, desto mehr aufschließen wollte. Er wollt' es nämlich seinem Flamin sogar entdecken, daß er heute nachts die Einladkarte eigenhändig an den Blinden abgereicht: durch eine Täuschung wurde ihm die künftige Pfingstreise durch die heutige zulässiger, und diesen eignen Gesichtspunkt sah er für einen fremden an.

Aber so weit trieb seine träumerische und nachttrunkne Seele ihre gefährliche Ergießung nicht, die desto mehr schaden konnte, da Flamin im Zorne auf keine Unterschiede und Rechtfertigungen mehr zu hören vermochte und sogar alte eingeräumte wieder verwarf. Denn beim Eintritt zog ein Maifrost auf Flamins Gesicht den aufbrechenden Blütenkelch seines Herzens ein wenig zusammen. Er bat Flamin mit seiner kontrastierenden Wärme des Gesichts um einen Spaziergang an diesem hellen Tage. Draußen wurde der Abstich noch schneidender, da Flamin seinen Spazierstock bis zum Knicken einstieß, Blumen köpfte, Laub abschlug, mit dem Stiefelabsatz Fußstapfen aushieb, indes Viktor in einem fort zu reden suchte, um seine Seele in der mitgebrachten Wärme zu erhalten.

Es freuet mich an ihm, daß er sein von den heutigen Entbehrungen überrinnendes Herz gerade in eines ergießen wollte, dem er die Entbehrungen schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, um das erschwerte Geständnis nur von der Seele zu werfen, eilend: »Auf Pfingsten geh' ich nach Maienthal« – und ging fliegend zu den Worten über: »O gerade heute vor einem Jahre gingst du mir. . .«

Flamin unterfuhr ihn, und das Eisgesicht wurde wie ein Hekla von Flammen zerspalten: »So so! – Zu Pfingsten? – Nach Kussewitz gehst du nicht mit uns! – Laß mich doch einmal recht ausreden, Viktor!«- Sie blieben also stehen. Flamin streifte die Blüten und Blätter von einem Schlehenast mit blutiger Hand und[1003] blickte seinen sanften Freund nicht an, um nicht erweicht zu werden. »Heute vor einem Jahre, sagst du? Sieh, da ging ich eben abends mit dir auf die Warte, und wir versprachen uns entweder Treue oder Mord. Du schwurst mir, dich hinabzustürzen mit mir, wenn du mir alles genommen hättest, alles – oder etwan ihre Liebe; denn in deinem Beisein sieht sie mich kaum mehr an. – Bin ich denn beim Teufel blind? Seh' ich denn nicht, die Maschinerie mit ihrer und deiner Reise ist abgekartet? – Was tust du mit den Maienthaler Landschaften gerade jetzt? Wem gehört der Hut? – Und was soll ich mir aus allem nehmen? – Wem, wem? sags sags – O Gott! wenns wahr wäre! – Hilf mir, Viktor!« – Dem gemißhandelten, heute erschöpften Viktor standen die bittersten Tränen in den Augen, die aber Flamin, der sich durch sein eignes Sprechen erzürnte, jetzt ertragen konnte. Niemals nahm dieser in einer Ergrimmung Vorstellungen an: gleichwohl erwartete er sie und staunte über sein Rechthaben und über das fremde Verstummen und begehrte, daß man widerspräche. Er quetschte seine Hand in die Schlehenstacheln. Sein Auge brannte in das weinende hinein. Viktor bejammerte den festen Schwur vor seinem Vater und sah auf die zitternde Waage, worauf der Eid und die schonende Freundschaft sich ausglichen. Er sammelte noch einmal alle Liebe in seiner Brust und breitete die Arme auseinander und wollte mit ihnen den Sträubenden an sich ziehen und konnte doch nichts sagen als: »Ich und du sind unschuldig; aber bis mein Vater kömmt, eher kann ich mich nicht rechtfertigen.«- Flamin drückte ihn von sich ab: »Wozu das? – So wars im Gartenkonzert auch, und du warst seitdem tagtäglich bei ihr und auf Osterbällen und auf Schlitten, ohne mich- Sag lieber geradezu, willst du sie heiraten? – Schwör, daß du nicht willst! – O Gott, zöger' nicht – schwör schwör! – Ja ja, Matthieu! – Kannst du noch nicht? – Nu so lüg wenigstens!«

»Oh!« – sagte Viktor, und Blutströme schossen verfinsternd durch sein Gehirn und über sein Angesicht – »beleidigen darfst du mich doch nicht gar zu sehr, ich bin so gut wie du, ich bin so stolz wie du – vor Gott ist meine Seele rein« – – Aber Flamins Blut an der Schlehenstaude drückte Viktors zürnende Erhebung nieder,[1004] und er hob bloß das mitleidige Auge voll Freundschaft-Tränen in den hellern sanftern Himmel. – »Nur die Heirat verschwörst du doch nicht? – Gut, gut, du hast mich erwürgt – mein Herz hast du zerstampft und mein ganzes Glück – ich hatte niemand als dich, du warst mein einziger Freund, jetzo will ich ohne einen zum Teufel fahren – Du schwörst nicht? – O ich reiß' mich von dir blutig und elend und als dein Feind – wir scheiden uns – gehe nur – weg! es ist aus, ganz! – Adieu!« – Er entfloh mit dem in den Weg hauenden Stock, und sein zerrütteter Freund, zu Füßen liegend der Wahrheit, die das Flammenschwert gegen den Meineid aufhebt, und in Tränen sterbend vor der Freundschaft, die auf das weiche Herz den schmelzenden Blick voll Bitten wirft, Viktor, sag' ich, rief dem fliehenden Geliebten im Sterben nach: »Lebe wohl, mein teurer Flamin! mein unvergeßlicher Freund! ich war dir wohl treu! – Aber ein Schwur liegt zwischen uns Hörst du mich noch? – eile nicht so! – Flamin, hörst du mich? ich liebe dich noch, wir finden uns wieder, und komm, wann du willst.«... Er rief stärker, obwohl mit erstickten gedämpften Tönen nach: »Redliche, teure, teure Seele, ich habe dich sehr geliebt und noch und noch – sei nur recht glücklich – Flamin, Flamin, mein Herz bricht, da du mein Feind wirst.« – Flamin sah sich nicht mehr um, aber seine Hand war, wie es schien, an seinen Augen. Der Jugendfreund schwand aus seinen Augen wie eine Jugend, und Viktor sank unglücklich nieder unter dem schönsten Himmel, mit dem Bewußtsein der Unschuld, mit allen Gefühlen der Freundschaft! – O die Tugend selber gibt keinen Trost, wenn du einen Freund verloren hast, und das männliche Herz, das die Freundschaft durchstochen hat, blutet tödlich fort, und aller Wundbalsam der Liebe stillet es nicht! –[1005]

88

Nämlich in den Jahren der Lucinde, der Herders Feinde etc.

89

von den Eisen- und Kohlenhütten.

90

Es war, als er in der Laube mit seinem Vater für Klotildens Verbindung mit Flamin sprach – und als er sich vorsetzte, vor derselben sogar ihre Freundschaft zu entbehren.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 989-1006.
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