32. Hundposttag

[1006] Physiognomie Viktors und Flamins – Siedpunkt der Freundschaft – prächtige Hoffnungen für uns


Wer hätt' es von Cicero gedacht (wenn ers nicht gelesen hätte), daß ein so bejahrter gescheiter Mann sich in seiner Johannis-Insel hinsetzen und Anfänge, Eingänge, präexistierende Keime im voraus auf den Kauf verfertigen würde? Inzwischen hatte der Mann den Vorteil, daß er, wenn er einen Torso über irgend etwas schrieb, die Wahl unter den fertig liegenden Köpfen hatte, wovon er einen dem Rumpfe nach der Korpuskularphilosophie aufschrauben konnte. – Von mir, an dem nichts Gesetztes ist, kanns nicht wundernehmen, daß ich auf meinem moluckischen Fraskati ganze Zaspeln von Anfängen im voraus geweifet und gezwirnt habe. Wenn nachher der Spitz einen Hundtag bringt: hab' ich ihn schon angefangen und stoße nur den historischen Rest gar an die Einleitung. – Eben gegenwärtigen Anfang hab' ich für heute erlesen.

Anfangs aber wollt' ich freilich diesen nehmen:

Mich quälet bei meinem ganzen Buche nichts als die Angst, wie es werde übersetzt werden. Diese Angst ist keinem Autor zu verdenken, wenn man sieht, wie die Franzosen die Deutschen und die Deutschen die Alten übersetzen. Im Grunde ists wahrlich so viel, als werde man exponiert von den untern Klassen und den Lehrern derselben. Ich kann jene Leser und diese Klassen in Rücksicht ihrer Seelenkost, die durch so viele Zwischenglieder vorher geht, mit nichts vergleichen als mit den armen Leuten in Lappland. Wenn da die Reichen sich in dem Trinkzimmer mit einem Likör, der aus dem teuern Fliegenschwamm gesotten wird, berauschen: so lauert an der Haustüre das arme Volk, bis ein bemittelter Lappe herauskömmt und p-ss-t; das vertierte Getränk, die Vulgata von gebranntem Wasser, kömmt dann den armen Teufeln zugute.

Aber diesen Anfang heb' ich mir auf für den Vorbericht zu einer Übersetzung.[1006]

Es gehört zu den schönen Gaukeleien und Naturspielen des Zufalls, deren es recht viele gibt, daß ich dieses Buch gerade in der Philippi-Jakobi-Nacht 1793 anfing, wo Viktor die Hexen-Fahrt zum maienthalischen Blocksberg unter die Zauberer und Zauberinnen vornahm und wo er 1792 aus Göttingen anlangte.

Ich kann nicht schreiben: »der Leser kann sichs leicht vorstellen, wie Viktor die ersten Maitage verlebte oder vertrauerte«; denn er kann sichs schwer vorstellen. Vielleicht wir alle hielten die Bande, die ihn mit Flamin verschlangen, für dünne wenige Fibern oder unempfindliche Gewohnheitflechsen; es sind aber weiche Nerven und feste Muskeln das Bindwerk ihrer Seelen. Er selber wußte nicht, wie sehr er ihn liebe, als da er damit aufhören sollte. In diesen gemeinschaftlichen Irrtum fallen wir alle, Held, Leser und Schreiber, aus einem Grunde: wenn man einem Freunde, den man schon lange liebte, lange Zeit keinen Beweis der Liebe geben konnte, aus Mangel der Gelegenheit: so quälet man sich mit dem Vorwurfe, man erkalte gegen ihn. Aber dieser Vorwurf selber ist der schönste Beweis der Liebe. Bei Viktor trat noch mehr zusammen, ihn selber zu bereden, er werde ein kälterer Freund. Die Vesperturniere um Klotilde, diese Disputationen pro loco, taten ohnehin das Ihrige; aber immer kränkte er sich mit der Selbstrezension, daß er zuweilen seinem Freunde kleine Opfer abgeschlagen, z.B. seinetwegen Versäumung einer Lustpartie, das Wegbleiben aus gewissen zu vornehmen Häusern, die Flamin haßte. Aber in der Freundschaft sind große Opfer leichter als kleine – man opfert ihr oft lieber das Leben als eine Stunde, lieber ein Stück Vermögen als eine kleine unangenehme Unart, so wie euch manche Leute lieber einen Wechsel schenken als ein so großes leeres Papier. Die Ursache ist: große Aufopferungen macht die Begeisterung, kleine aber die Vernunft. Flamin, der selber niemals kleine machte, foderte sie vom andern mit Hitze, weil er sie für große nahm. Viktor hatte sich hierüber weniger vorzurücken; aber Klotilde beschämte ihn, deren längste und kürzeste Tage wie bei den meisten ihres Geschlechts lauter Opfertage waren. – Auch wurde seine natürliche Delikatesse, die jetzo durch sein Hofleben den Zusatz der künstlichen gewonnen hatte,[1007] tiefer als sonst von seines Freundes Ecken verletzt. – Die feinen Leute geben ihrem innern Menschen (wie ihrem äußern) durch Mandelkleien und Nachthandschuhe weiche Hände, bloß um das Untere der Karten besser zu fühlen, um niedliche halbe Damen-Ohrfeigen zu geben, aber nicht, wie die Wundärzte, um damit Wunden zu handhaben.

Zum Unglück schrieb ihm dieser Wahn der Erkältung ein äußeres freundliches Bestreben vor, Wärme bei Flamin zu zeigen. Da nun der Regierrat nicht bedachte, daß auch das Gezwungne ebensooft von Aufrichtigkeit entstehen könne als das Ungezwungne von Falschheit: so hatte der Teufel immer mehr sein Bestia-Spiel (wo eine Freundschaft der hohe Einsatz war), bis solcher am Hexentage es gar gewann.

Aber am 4ten Mai soll er alles wieder verlieren, denk' ich. Denn Viktor, dessen Herz bei der geringsten Bewegung wieder den Verband durchblutete, nahm sich vor, nicht nur am 4ten Mai dem Wiegenfeste des Hofkaplans in St. Lüne beizuwohnen, sondern auch einen Geburttag der erneuerten Freundschaft mit Flamin zu begehen. Er wollte gern den ersten, zweiten, zehnten Schritt tun, wenn nur jener stehenbliebe und keinen zurücktäte. Denn er kann ihn nicht vergessen, er kann die aufgedrungne Entbehrung nicht verwinden, so leicht ihm sonst die freiwillige wurde. Er drückt alle Abende Flamins schönes Bild, das gemacht war aus seiner Liebe für ihn, aus seiner unbestechlichen Rechtschaffenheit, seinem Felsen-Mut, seiner Liebe zum Staat, seinen Talenten, sogar aus seinem Aufbrausen, das aus dem doppelten Gefühl des Unrechts und der eignen Unschuld entstand, dieses warme Bild drückte er an das aufgerissene Herz, und wenn er ihn am Morgen in das Kollegium gehen sah, so liefen ihm die Augen über, und er pries den Bedienten glücklich, der ihm die Akten nachtrug Wenn der 4te Mai des großen Versöhntages mit dem Sühnopfer nicht so nahe wäre: so würde er die kleine Julia an sich angewöhnen müssen als einen dritten Stand zwischen den zwei andern, als einen Leitton zwischen Widertönen. Bloß die Hoffnung des Maies setzte seinen Gedanken statt der Nesseln-Brennspitzen wenigstens Rosenstacheln an. – Der Jugendfreund, lieber Leser,[1008] der Schulfreund wird nie vergessen, denn er hat etwas von einem Bruder an sich; – wenn du in den Schulhof des Lebens trittst, welches eine Schnepfenthaler Erziehanstalt ist, eine berlinische Realschule, ein breslauisches Elisabethanum, ein scheerauisches Marianum: so begegnen dir die Freunde zuerst, und eure Jugendfreundschaft ist der Frühgottesdienst des Lebens.

Viktor wußte Flamins Versöhnlichkeit gewiß voraus, er sah ihn sogar schon öfter am Fenster stehen und zum Erker hinüberschielen, aus dem ein freundliches, um alle Mißdeutungen des Ehrenpunktes unbekümmertes Auge frei und gerade zum Senior schauete; – aber dies nahm doch seine weiche Sehnsucht nicht weg, sondern sie wurde vermehrt durch die Wiedererblickung des so schönen betrauerten geliebten Angesichts. Flamin hatte eine große männliche Gestalt, seine ineinander- und zurückgedrängte schmale Stirn war der Horst des Muts, seine durchsichtigen blauen Augen – welche seine Schwester Klotilde auch hatte und die sich recht gut mit einer feurigen Seele vertragen, wie ja auch die alten Deutschen und das Landvolk beides haben – waren von einem denkenden Geiste entzündet, seine gepreßten und eben darum dunkelröteren übervollen Lippen waren in die menschenfreundliche Erhebung zum Kusse befestigt; bloß die Nase war nicht fein genug, sondern juristisch oder deutsch gebildet. Die Nase großer Juristen sieht meines Erachtens zuweilen so elend aus wie die Nase der Justiz selber, wenn ihr biegsamer Stoff sich unter zu langen Drehfingern zieht. Nicht zu erklären ists, beiläufig, warum die Gesichter großer Theologen – sie müßten denn noch etwas anderes Großes sein – etwas von der typographischen Pracht der Cansteinischen Bibeln an sich haben. Viktors Gesicht hingegen hatte am wenigstens unter allen, weder jene burschikosen Trivial-Züge mancher Juristen, noch das Mattgold mancher Theologen; seine Nase lief, ihre Schneide und ihren Wurzel-Einschnitt abgezogen, griechisch-gerade nieder, der Winkel der geschlossenen dünnen Lippen war (falls er nicht gerade lachte) ein spitziger von 1''''' und bildete mit der scharfen Nase das Ordenzeichen und Ordenkreuz, das oft satirische Leute tragen; – seine weite Stirne wölbte sich zu einem hellen und geräumigen Chor einer geistigen[1009] Rotunda, worin eine sokratische gleich beleuchtete Seele wohnt, obgleich weder diese Helle noch jene Stirn sich mit angeborner milder Festigkeit, wenn auch mit erworbener gatten; – seine Phantasie, dieser große Gewinn, hatte wie mehrmals gar keine Lotteriedevise auf seinem Gesicht; – seine Achataugen aus Neapel verkündigten und suchten ein liebendes Herz; – sein weißes, weiches Gesicht kontrastierte, wie Hof mit Krieg, gegen Flamins braunes, elastisches, den zwei Glutwangen als Grund dienendes Angesicht. – Übrigens war Flamins Seele ein Spiegel, der unter der Sonne nur mit einem einzigen Punkte flammte; an Viktors seiner aber waren mehre Kräfte zu schimmernden Facetten ausgeschliffen. Klotilde hatte mit ihrem Bruder dieses ganze Feuerzeug und diese Schwefelminen des Temperaments gemein; aber ihre Vernunft deckte alles zu. Der reißende Blutstrom, der sich bei ihm von Felsen zu Felsen schlug, zog bei ihr schon still und glatt durch Blumenwiesen.

Ich säh' es gern, er erneuerte wieder mit dem Regierrat den Vertrag der Freundschaft: ich würde dann seine Pfingst-Reise nach Maienthal zu beschreiben bekommen, die vielleicht das Septleva und das Beste wird, wozu es noch der menschliche Verstand gebracht hat. Aus diesem Septleva wird aber nichts, wenn sie nicht wieder Friede machen; neben jede Blume in Maienthal, neben jede Entzückung würde sich dem Freunde die abgegrämte Gestalt des Freundes stellen und fragen: »Kannst du so glücklich sein, da ichs so wenig bin?« –

Gescheiter wär' es, beide wären Mönche oder Hofleute; dann wäre ihnen zuzumuten, daß sie, da die Freundschaft die Ehe der Seelen ist, enthaltsam im Zölibate der Seelen verblieben...

Eben beim Schlusse des Kapitels bringt der Hund das neue, und ich flechte beide gar ineinander und fahre fort:

Ohne sonderliche Ärgernis über das Ausbleiben der Antwort aus Maienthal ging Viktor den 4ten Mai einsam nach St. Lüne und mit jedem Schritte, um den er näher kam, wurde seine Seele weicher und versöhnlicher. – Als er ankam: – –

Es gibt in jedem Hause Tage, die in der Litanei vergessen wurden – verdammte, verteufelte, verhenkerte Tage – wo alles gekreuzt[1010] geht und die Quere – wo alles keift und knurrt und mit dem Schwanze wedelt – wo die Kinder und der Hund nicht Muck! sagen dürfen und der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr des Hauses alle Türen zuwirft und die Haus-Herrin das Schnarrkorpus-Register des Moralisierens91 zieht und den Silberton der Teller und Schlüsselbunde anschlägt – wo man lauter alte Schäden aufstöbert, alle Waldfrevel der Mäuse und Motten, die zerknickten Sonnenschirm- und Fächerstäbe und daß das Schießpulver und der wohlriechende Puder und das Kavalierpapier dumpfig geworden und daß der Wurstschlitten ausgesessen ist zu einem hölzernen Esel und daß der Hund und das Kanapee im Hären begriffen sind wo alles zu spät kömmt, alles verbrät, alles überkocht und die Kammerdonna die Stecknadeln ins Fleisch der Frau wie in eine Puppe treibt – und wo man, wenn man sich bei dieser hundföttischen Krankheit ohne Materie genugsam ereifert hat ohne Ursache, sich zufrieden gibt wieder ohne Ursache – –

Als Viktor anlandete in der Pfarre: hört' er den Geburthelden des Tages, den Pfarrer, in seiner Studierstube dozieren und schreien. Eymann goß seinen heiligen Geist in die langen Ohren seiner Katechumenen aus, in die keine feurigen Zungen zu bringen waren. Er handhabte eine Dunsin aus einer Einöde (einem einzigen Hause im Walde) und wollte vor ihr den Unterschied des Löse- und des Bindeschlüssels aufklären. Es war aber nicht zu machen: der Kaplan und Wiedergeborne hatte schon eine halbe Stunde über die Schulzeit mit dem Aufklären zugebracht; die Dunsin vergriff sich immer in den Schlüsseln, als wäre sie eine – Weltdame. Der Kaplan hatte seinen Kopf darauf gesetzt auf die Erhellung des ihrigen – er stellte ihr alles vor, was Eisenholz und Eisensteine gerührt hätte, sein heutiges Wiegenfest, die allgemein – versalzene Lust, die halbe Überschuß-Stunde, um sie zu überreden, daß sie den Unterschied begriffe – sie tats nicht, sie sah' ihn nicht ein – er ließ sich zu Bitten herab und sagte: »Schatz, Lamm, Bestie, Beichttochter, faß es, fleh' ich – mache deinem[1011] Seelenhirten die Freude und repetier' ihm den außerordentlichen Unterschied zwischen Bind- und Löseschlüssel – mein' ichs denn nicht redlich mit dir? – Aber mein Pfarramt fodert es von mir, daß ich dich nicht wie ein Vieh, ohne einen Schlüssel zu kennen, weglasse. – Ermanne dich nur und sprich mir nur Wort für Wort nach, teuer-erkaufte Christen-Bestie.« – Das tat sie endlich, und da sie fertig war, sagt' er freudig: »So gefällst du deinem Lehrer, und merk ferner auf.« – Draußen rekapitulierte sie es wieder, und sie hatte alles gut gefasset, ausgenommen, daß sie statt der Bind- und Löseschlüssel allemal vernommen hatte Bind- und Löseschüsseln. –

Die Drillinge wollten erbärmlicherweise erst nach dem Essen kommen – Die Seele der roten Appel dampfte eben darum ein Wildprets-Fümet aus und roch wie angebrannte Milchsuppe und klagte, sie behielte alle Arbeit allein auf dem Hals, und als Agathe ihr beispringen wollte, sagte sie: »Ich kann es, Gott sei Dank! so gut machen wie du!« – Der Regierrat war angelangt, aber leider wieder auf die Felder hinausgelaufen bis zum Essen – Agathens Gesicht war wie ein Felsenkeller von der Kälte ihres Bruders gegen Viktor ausgeschlagen – Nur die Pfarrerin war die Pfarrerin, nicht bloß ein Vaterland, sondern ein Liebeatem reihete ihr Herz an sein Herz, und es war ihr unmöglich, auf ihn zu zürnen. Sie liebte ein Mädchen, wenn ers lobte; wäre sie ohne Mann gewesen: so würde sie entweder Liebebrief-Stellerin oder Brief-Trägerin für ihn geworden sein. – So lieben Weiber: ohne Maß! Oft hassen sie auch so. – Dazu setzet nun mein Korrespondent noch, daß er aus dem Baddorfe einen ganzen Zeugenrotul zum Beweise ausziehen könnte, daß die Pfarrerin nicht bloß allemal, sondern auch am heutigen Ventos- und Pluvios-Tage es mit ungeschminkter Fassung einer Christin auszuhalten und zu erleben vermochte, wenn eine etwas fallen ließ, eine Tasse oder ein Wort. Zu so etwas – zur Apathie gegen einen gegenwärtigen gänzlichen Verlust eines Suppen-, eines Spülnapfes, eines Fruchttellers – ist vielleicht ebensoviel Gesundheit als Vernunft vonnöten.

– Endlich trat abends der Hofjunker ein und sagte, Flamin sei noch im Garten. Viktor nahm es auf, als sei es ihm gesagt, und[1012] ging hinaus und trug sein beklommenes Herz einem andern bangen entgegen. Flamin fand er in einer überlaubten Ecke hinaufstarrend mit den Augen zum Wachsbilde des verstoßenen Geliebten; Viktors Herz ging wie zwischen Tränen schwer in der übervollen Brust. Flamins Gesicht war nicht mit dem Panzer des Zorns, sondern mit dem Leichenschleier des Kummers bedeckt. Denn hier auf dem Vorgrund einer hellen warmen Jugend, gleichsam auf dem klassischen Boden der vorigen unersetzlichen Liebe, wurde er zu weich und zu warm – auf dem Dorfe widerrief er die Härte der Stadt – und was noch mehr war, lauter Freunde seines Freundes, lauter liebevolle Lobreden auf den verschmähten Liebling drängten und wärmten sein verarmtes Herz, und er konnte ihn hier noch leichter entschuldigen als entbehren. Viktor bewillkommte ihn mit der sanften Stimme eines gedrückten Herzens, aber dieser sagte alle Gedanken und Worte nur halb. Viktor schauete tief in die Seele, die um die Freundschaft trauerte; denn nur ein Herz sieht ein Herz; so sieht nur der große Mann große Männer, wie man Berge nur auf Bergen erblickt. Er hielt es daher für kein Zeichen des Grolls, da Flamin langsam von ihm wegging; aber er mußte, so einsam da gelassen, seine Augen von der geweihten Erde des Gartens, wo ihre Freundschaft sonst die Blüten geöffnet hatte, und von der Opferlaube, wo er bei seinem Vater für Klotildens und Flamins Verknüpfung gesprochen, und von der hohen Warte, dem Tabor der freundschaftlichen Verklärung, von allen diesen Begräbnisstätten einer schönern Zeit mußt' er die Augen abwenden, um die ärmere zu ertragen. Allein das, was er nicht anschauen wollte, stellte er sich desto heller vor.

Jetzo dehnte die Gebet- und Abendglocke ihre melancholischen Bebungen aus bis an die Herzen der Menschen – die vergangnen Zeiten schickten die Töne, und die Abendklagen sanken wie heiße Bitten in die getrennten Freunde: »O söhnet euch aus und gehet zusammen! Ist denn das Leben so lang, daß die Menschen zürnen dürfen, sind denn der gute Seelen so viele, daß sie einander fliehen können? O diese Töne zogen um viele Aschen-Leichen, um manches erstarrte Herz voll Liebe, um manchen geschlossenen Mund voll Grimm, o Vergängliche, liebet, liebet euch!« – Viktor[1013] ging willig (denn er weinte) dem Freunde nach und fand ihn am Beete stehen, worauf Eymann dessen Namens-F in Kohlrabi pflanzen grünen ließ, und er schwieg, weil er wußte, daß zu allen sympathetischen Kuren geschwiegen werden muß. O eine solche schweigende Stunde, wo Freunde wie Fremdlinge nebeneinander stehen und mit dem Verstummen das alte Ergießen vergleichen, hat zu viele Herzstiche und tausend erdrückte Tränen und statt der Worte die Seufzer!

Viktor, so nahe am Freund, wollte, da unter dem Geläute seine schönere Seele, wie Nachtigallen unter Konzerten, immer lauter wurde, von Minute zu Minute an dieses schöne edle Gesicht, an diese zum Versöhnkusse geründeten Lippen fallen – aber er erschrak vor der neulichen Abstoßung. Er sah jetzo, wie Flamin ins Beet immer weiter schritt und die Herzblätter der Kohlrabi langsam umtrat und auseinander quetschte; endlich merkte er, dieses Zerknirschen des grünenden Namens sei bloß die stumme Sprache der Trostlosigkeit, die sagen wollte: »Ich hasse mein gequältes Ich, und ich möcht' es zermalmen wie meinen Namen hier: für wen soll er?« – Das riß Blut aus Viktors Herzen und weggekehrte Tränen aus seinem Auge, und er nahm sanft die lang entzogne Hand, um ihn wegzuführen vom Selbermorde des Namens. Aber Flamin drehte sein zuckendes Angesicht seitwärts nach dem wächsernen Schatten seines Freundes und sah, starr abgekrümmt, hinauf. – »Bester Flamin!« sagte Viktor mit dem gerührtesten Laute und drückte die brennende Hand. Da riß sie Flamin aus seiner heraus und stieß mit den zwei Handballen die Tränentropfen in die Augen zurück – und atmete laut – und sagte erstickt: »Viktor!«- und wandte sich mit großen Tränen um und sagte noch dumpfer: »Liebe mich wieder!« – Und sie stürzten zusammen, und Viktor antwortete: »Ewig und ewig lieb' ich dich, so du hast mich ja nie beleidigt«, und Flamin stammelte glühend und sterbend: »Nimm nur meine Geliebte, und bleibe mein Freund!« – Viktor konnte lange nicht reden, und ihre Wangen und ihre Tränen brannten vereinigt aneinander, bis er endlich sagen konnte: »O du! o du! du edler Mensch! Aber du irrest dich irgendwo! – Nun verlassen wir uns nicht mehr, nun wollen wir ewig[1014] so bleiben. – Ach wie unaussprechlich werden wir uns einmal lieben, wenn mein Vater kömmt!«

Hier holte sie die vielleicht um beide besorgte Pfarrerin ab, und Flamin ehrte sie, was er selten tat, in seiner Erweichung mit einer kindlichen Umarmung; und aus vier verweinten Augen las sie entzückt die Erneuerung ihres unvergänglichen Bundes.

Nichts beweget den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung, unsere Schwächen werden nicht zu kostbar durch die Stunden ihrer Vergebung erkauft, und der Engel, der keinen Zorn empfände, müßte den Menschen beneiden, der ihn überwindet. – Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welche die Öffnungen mit Perlen verschließet.

Diese Aussöhnung zog gleichsam eine mit dem Glück nach sich – der Brumaire-Abend wurde zu einem Floréal-Abend – die Drillinge aßen vom gebratnen Ruhm der Appel nach – der Pfarrer hatte mit keinen Schlüsseln weiter zu tun als mit Löseschlüsseln, den geistigen Musikschlüsseln – und das Geburtfest war zu einem Bundfeste aufgeblühet, zu einem Oppositionklub, wo sich alles, aber in einem höhern Sinne als Quäker und Kaufleute, Freund nannte. Die Drillinge hielten altbritische Reden, die nur freie Menschen verstehen konnten. Viktor wunderte sich über die allgemeine Freimütigkeit vor einer so gestachelten Schmeiß-Mouche, wie Matthieu war – aber die Engländer fragten nach nichts. Der Pfarrer schickte Herzgebete ab und sagte: »er seines Orts nehme wenig Notiz davon und bitte nur leiser zu haranguieren, damit er nicht in den Ruf käme, als ob er pietistische Konventikel in seiner Pfarre zuließe; inzwischen steif' er sich ganz auf den Herrn Hofmedikus und Herrn Hofjunker, die ihn gegen Fiskalate gewißlich decken würden; sonst würd' er Frau und Sohn nicht mit dreinsprechen lassen.« Die Pfarrerin zog die Erinnerungen an ihr freies Vaterland den besten Verleumdungen und Moden vor. Viktor mußte heute sein Versprechen halten, seine republikanische Orthodoxie außer Zweifel zu setzen; und da er solches vor unsern Ohren gab, wollen wir auch mit sehen, wie er es hält und ob er ein Alt-Brite ist.[1015]

Er ahmte meistens den Stil nach, den er zuletzt gelesen oder – wie heute – gehört hatte; daher sprach er in Sentenzen wie der eine brennend-kalte Engländer.

»Kein Staat ist frei, als der sich liebt; das Maß der Vaterlandliebe ist das Maß der Freiheit. Was ist denn nun diese Freiheit? Die Geschichte ist der La Morgue-Platz92, wo jeder die taten Verwandten seines Herzens sucht: fragt die großen Toten aus Sparta, Athen und Rom, was Freiheit ist! Ihre ewigen Festtage – ihre Spiele – ihre ewigen Kriege – ihre steten Opfer des Vermögens und Lebens – ihre Verachtung des Reichtums, des Handels und der Handwerker können den kameralistischen Landesflor nicht zum Ziel der Freiheit machen. Aber der konsequente Despot muß den sinnlichen Wohlstand seiner Neger-Pflanzung betreiben. Der Druck und die Milde, die Ungerechtigkeit und die Tugend eines Einzelnen machen so wenig den Unterschied zwischen sklavischer und freier Regierform aus, daß Rom eine Sklavin war unter den Antoninen, und eine Freie unter dem Sulla93. – Nicht jeder Bund, sondern der Zweck des Bundes, nicht das Vereinigen unter gemeinschaftliche Gesetze, sondern der Inhalt derselben geben der Seele die Flügel des Patriotismus; denn sonst wäre jede Hansa, jeder Handelsbund ein pythagorischer und zeugte Sparter. Das, wofür der Mensch Blut und Güter gibt, muß etwas Höheres als beides sein; – eignes Leben und Vermögen zu beschützen, hat der Gute nicht so viel Tapferkeit, als er hat, wenn er für fremdes kämpft; – die Mutter wagt nichts für sich und alles für das Kind kurz nur für das Edlere in sich, für die Tugend, öffnet der Mensch seine Adern und opfert seinen Geist; nur nennt der christliche Märtyrer diese Tugend Glauben, der wilde Ehre, der republikanische Freiheit. – Nehmt zehn Menschen, sperrt sie in zehn verschiedene Inseln: keiner wird den andern (ich habe keine Weltbürger genommen), wenn er ihm auf seinem Kahn begegnet, lieben oder beschützen, sondern ihn bloß wie ein unschuldiges ungebildetes[1016] Tier unbeschädigt vorüberfahren lassen. Werft sie aber sämtlich auf eine Insel94: so werden sie gegenseitige Bedingungen des Beisammenlebens, des Unterstützens u.s.w., d.h. Gesetze machen – jetzo haben sie öftern Genuß und Gebrauch des Rechts, folglich ihrer Persönlichkeit, die sie von bloßen Mitteln unterscheidet, folglich ihrer Freiheit. Vorher auf ihren zehn Inseln waren sie mehr ungebunden als frei. Je mehr die Gegenstände ihrer Gesetze sich veredeln, desto mehr sehen sie, daß das Gesetz den innern Menschen mehr angehe als der Schutthaufen, den es beschirmt, das Recht mehr als das Eigentum, und daß der edle Mensch seine Güter, seine Gerechtsame, sein Leben verfechte, nicht wegen ihrer Wichtigkeit, sondern wegen seiner Würde. – Ich will die Sache von einer andern Seite beschauen, um den Satz zu verteidigen, womit ich die Rede anfing. Wenn ein Volk seine Verfassung hasset: so geht der Zweck seiner Verfassung, d.h. seine Vereinigung, verloren. Liebe der Verfassung und Liebe für seine Mitbürger als Mitbürger ist eins. Ich hole so aus: wären alle Menschen weise und gut, so wären sie alle einander ähnlich, folglich gewogen. Da das nicht ist: so ersetzt die Natur diese Güte durch Ähnlichkeiten der Triebe, durch Gemeinschaft des Zwecks, durch Beisammenleben u.s.w. und hält durch diese Bänder – der ehelichen, der Geschwister- und der Freundesliebe – unsere glatten schlüpferigen Herzen zusammen in verschiedenen Entfernungen. So erzieht sie unser Herz zur höhern Wärme. Der Staat gibt ihm eine noch größere, denn der Bürger liebt schon mehr den Menschen im Bürger als der Bruder ihn im Bruder, der Vater im Sohn. Vaterlandliebe ist nichts als eine eingeschränkte Weltbürgerliebe; und die höhere Menschenliebe ist des Weisen große Vaterlandliebe für die ganze Erde. In meinen jüngern Jahren war mir oft die Menge der Menschenschmerz lich, weil ich mich unvermögend fühlte, l000 Millionen auf einmal zu lieben; aber das Herz des Menschen nimmt mehr in sich als sein Kopf, und der bessere Mensch müßte sich verachten, dessen Arme nur um einen einzigen Planeten reichten.« ...[1017]

– Jetzo setz' ich wie in einer Komödie nur die Namen der Spieler vor die Anmerkungen. Der kalt-philosophische Balthasar: »Daher muß die ganze Erde einmal ein einziger Staat werden, eine Universalrepublik; die Philosophie muß Kriege, Menschenhaß, kurz alle mögliche Widersprüche mit der Moral so lange gutheißen, als es noch zwei Staaten gibt. Es muß einmal einen Nationalkonvent der Menschheit geben; die Reiche sind die Munizipalitäten.«

Matthieu: »Jetzt leben wir also erst im 11ten Oktober und ein wenig im 4ten August.«

Viktor: »Wir sehen, gleich dem David, den salomonischen Tempel nur in Träumen und die Stifthütte im Wachen; aber die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts foderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen.«

Der heiß-philosophische Melchior: »Die meisten jetzigen Bewegungen sind nur Griffe, die ein unter dem Gehirnbohrer Schlafender nach der blutigen Gehirnhaut tut. – Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen.«

Flamin: »Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muß sich nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muß, damit ein anderer dem Wissen obliege?«

Kato der Ältere: »Dann spei' ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin.«

Balthasar: »Besser ists, das Ganze leidet freiwillig eines einzigen Gliedes wegen, als daß dieses wider seine gerechte Stimme für das Ganze leide.«

Matthieu: »Fiat justitia et pereat mundus.«

Viktor: »Auf deutsch: das größte physische Übel muß man vorziehen dem kleinsten moralischen, der kleinsten Ungerechtigkeit.«

Melchior: »Durch die physische, von der Natur gemachte Ungleichheit der Menschen wird irgendeine politische so wenig entschuldigt als durch Pest der Mord, durch Mißwachs das Kornjudentum. Sondern umgekehrt muß eben die politische Gleichheit[1018] das Ersatzmittel der physischen sein. Im despotischen Staat kann die Aufklärung wie das Wohlleben an Innengehalt größer sein, aber im freien ist sie an Außengehalt größer und unter alle verteilt. Denn Freiheit und Aufklärung erzeugen einander wechselseitig.«

Viktor: »Wie Unglaube und Despotie. Ihre Behauptung zeigt den Völkern zwei Wege, einen langsamern, aber gerechtern, und einen, der beides nicht ist. – Die wilden Eingriffe ins Zifferblattrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen, verrücken es mehr, als sie es beschleunigen, oft brechen sie ihm Zähne ab95: hänge dich ans Gewicht des Uhrwerks, das alle Räder treibt; d.h. sei weise und tugendhaft, dann bist du groß und unschuldig zugleich und bauest an der Stadt Gottes, ohne den Mörtel des Bluts und ohne die Quader der Totenköpfe.« –

Hier wird diese politische Predigt ausgeläutet, unter welcher Viktor seiner sokratischen Haltung und Mäßigung ungeachtet doch diese wilden Köpfe zu Freunden des seinigen machte. Dem einzigen Matthieu war nur um Spott zu tun, auf den er jeden Ernst zurückführte, anstatt es umzukehren. Er hatte in einem eigentümlichen Grade jene Unverschämtheit von Stand, gewisse Torheiten zugleich zu begehen und zu verspotten, gewisse Toren zugleich zu suchen und zu verachten und gewisse Weise zugleich zu meiden und zu loben. Wo er nur konnte, bewarf er den gutmütigen Fürsten von Flachsenfingen mit satirischen Distelköpfen und zeigte eine Feindseligkeit gegen den Ehemann, die sonst das Zeichen einer zu großen Freundschaft gegen die Frau ist. – So sagte er heute in Beziehung auf Jenners oder Januars Neigungen, die mit seinem Monats- und Heiligen-Namen abstechen: »Für den heiligen Januarius in Puzzolo96 war ein Fisch der Doktor Kuhlpepper.« –[1019]

Ich gesteh' es, ich habe unter dem ganzen Klub wieder den närrischen Gedanken gehabt, den ich mir schon oft, so toll er ist, nicht aus dem Kopfe schlagen konnte – denn er wird freilich ein wenig dadurch bestätigt, daß ich wie ein Atheist nicht weiß, wo ich her bin, und daß ich mit meinem französischen Namen Jean Paul durch die wunderbarsten Zufälle an ein deutsches Schreibepult getrieben wurde, auf dem ich einmal der Welt jene weitläuftig berichten will – wie gesagt, ich halt' es selber für eine Narrheit, wenn ich mir zuweilen einbilde, es sei möglich, daß ich etwan – da in der orientalischen Geschichte die Beispiele davon tausendweise da sind – gar ein unbenannter Knäsensohn oder Schachsohn oder etwas Ähnliches wäre, das für den Thron gebildet werde und dem man nur seine edle Geburt verstecke, um es besser zu erziehen. So etwas nur zu überlegen, ist schon Tollheit; aber so viel ist doch richtig, daß aus der Universalhistorie die Beispiele nicht auszukratzen sind, wo mancher bis in sein 28stes Jahr – ich bin um zwei Jahr älter – nicht ein Wort davon wußte, daß ein asiatischer oder anderer Thron auf ihn warte, wovon er nachher, wenn er darauf kam, prächtig herunter regierte. Setze man aber, ich würde aus einem Jean ohne Land ein Johann mit Land, so ging' ich sofort aufs Billard und sagte jedem, wen er vor sich hätte. Wäre einer von meinen Landskindern mit da und stieße: so würd' ich ihn dort sofort regieren – und eine Landstochter ohne Bedenken – Ich würde mit Bedacht verfahren und nur mit Subjekten aus meiner Billard-Gespannschaft die wichtigern Ämter besetzen, weil der Regent den kennen muß, den er voziert, welches er beim Spiel bekanntlich am ersten vermag. Ich würde meinen Landsassen und allen durch ein Generalreglement auf alle Zeiten strenge befehlen, glücklich und wohlhabend zu sein, und wer arm würde, den setzte ich zur Strafe auf halben Sold; denn ich denke, wenn ich die Armut so nachdrücklich untersagte, so würd' es zuletzt so viel sein, als regierten Saturn und ich miteinander. – Ich würde in meinem Staate nicht, wie ein Sultan in seinem Harem, physische Stumme und Zwerge begehren, sondern nach Gelegenheit moralische – Ich gesteh' es, ich hätte eine eigne Vorliebe für Genies und stellte bei allen, sogar[1020] beim elendesten Posten die größten Köpfe an. – Ich würde mich vor nichts fürchten (Feinde ausgenommen) als vor der Kopfwassersucht, vor der ein gekröntes Haupt oder ein infuliertes in Ängsten sein muß, wenn es wie ich in dem Doktor Ludwig oder auch in Tissot von den Nerven gelesen hat, daß dergleichen durch starke Binden um den Kopf am ersten entstehe, welches ich noch mehr von meiner Krone befahre, zumal wenn der Kopf, der hineingetrieben wird, dick ist und sie eng...

Wir kommen wieder zur Geschichte. Den andern Tag kehrten Viktor und Flamin, in den schönen, neu angezognen Schlingen des freundschaftlichen Bundes, nach Flachsenfingen zurück. Jetzo konnte Viktor durch Maienthals Himmelpforte eingehen, wenn Klotilde sie nicht verriegelte. Alles kam auf Emanuels Antwort an. Die Mailüfte wehten, die Malblumen dufteten, die Maibäume rauschten. O wie fachte dieses Wehen die Sehnsucht an, alle diese Seligkeiten in Maienthal zu genießen und das Einlaßblatt zum schönsten Konzertsaal der Natur vom Freunde zu bekommen. Es kam keines; denn es war schon – gekommen durch den Zeidler Lind aus Kussewitz, der als Feudal-Postillon vom Grafen O an Matthieu gesendet worden und den Weg über Maienthal genommen hatte. Es war von Emanuel:


»Horion!


Komm eher, Geliebter! Eil in unser Edental, das ein Gartensaal der Natur mit grünenden Wänden zwischen lauter Gängen ist, die aus dem Himmel in den Himmel laufen. Die blumigen lichten Stunden rücken vor dem Auge des Menschen vorüber wie die Sterne vor dem Sehrohre des Himmelmessers. Blütenschlingen aus Jelängerjelieber sind dir gelegt und mit Düften zugedeckt; und wenn du darin gefangen bist, fassen die aufwallenden Düfte dich mit einer Wolke ein, und unbekannte Arme dringen durch die Wolke und ziehen dich an drei Herzen voll Liebe! Ich habe schon Maiblumen aus dem Walde ausgehoben und neben mich gepflanzt – deine Stadt ist ja auch ein Wald um dich stille Maiblume. Ich habe schon zwei Balsaminen und fünf Sommerlevkojen[1021] versetzt; aber meine erste versetzte Balsamine war Klotilde. Du siehst, der Frühling streckt sich mit seinen üppigen treibenden Säften auch durch meine aufknospende Seele, und der Mai spaltet an ihr, wie ich jetzt an den Nelken, alle Knospen auf. Erscheine, erscheine, eh ich wieder trübe werde, und sage dann deinem Julius, wer der Engel war, der ihm den Brief an mich gereicht.

Emanuel.«


*


Julius hatte wahrscheinlich dabei wieder an jenen andern Brief gedacht, den ihm ein bis jetzt unbekannter Engel zum Aufsiegeln auf diese Pfingsten gegeben – Aber was gehen mich hier Engel und Briefe an? Kurier-schreiben will ich jetzt, damit ich das 32ste Kapitel hinausgemacht habe, eh der Hund mit seinem 33sten Pfingstkapitel auftritt, das nicht bloß, weil es 32 Kapitel-Ahnen hat, sondern wegen der wahrscheinlichen Ausgießung eines freudigen heiligen Geistes darin, oder wegen eines ganzen Taubenflugs von heiligen Geistern, und wegen der historischen Gemälde darin – und wegen meiner eignen Anstrengung – ein Kapitel (glaubt man) werden muß, dergleichen in jeder dionysischen Periode kaum ein halbes und in jeder konstantinopolitanischen ein ganzes kann geschrieben werden – Der Pfingst-Hundtag kann lang ausfallen, aber gut und göttlich – Philippine wird den Bruder rütteln und sagen (sie schmeichelt gern): »Paul! Paulus war auch im dritten Himmel, aber so hat er ihn nicht beschrieben in seinen Briefen an die Römer!« – Ich wollte selber, ich könnte meinen 33sten Hundtag lesen, bevor ich ihn gemacht...

Das Viele, was ich noch mit Wenigem und mit der bisherigen Eile herzuwerfen habe, ist laut den Kürbis-Akten das: Viktor freuete sich ebenso wie ich auf die Pfingst-Evangelien. Sein Gewissen setzte seinem Genusse nicht das dünnste Speisegeländer, nicht den niedrigsten Weidstein weiter in den Weg, und er konnte wie eine unschuldige Freude zur geliebten Klotilde gehen und sagen: nimm mich an. Er tat jetzt die Abschied- und Krankenbesuche bei Hofe regelmäßig ab und schor sich um kein Wort voll Höllenstein und um kein Auge voll Basiliskengift. Er verdoppelte die schönern Besuche bei Flamin, um dessen edle Versöhnung[1022] mit einer wärmern Freundschaft zu belohnen, und er drückte auf die vergangne Geschichte und auf den Gegenstand der Eifersucht das Sekretinsiegel des schonenden Schweigens. Seine Träume stellten zwar bei ihrem Theater voll Schattenspielen und Lufterscheinungen Klotildens Gestalt nicht an (gerade die geliebtesten Gesichter versaget der Traum), aber indem sie ihn in die alten dunkeln Regenmonate führten, wo er wieder unglücklich und ohne Liebe und ohne die teuerste Seele war, so gaben sie ihm durch die niedergeregnete Nacht einen hellern Tag, und die verdoppelte Wehmut wurde zur verdoppelten Liebe – Und wenn er am Morgen nach solchen Träumen vom vergangnen Traum durch den Maien-Reif neben den üppigen Freudentropfen der Weinreben und unter dem Morgenwind, der ihn mehr trug als kühlte, hinaustrat, um die festen westlichen Wälder, die mit einem grünen Vorhang die Opernbühne seiner Hoffnung verhingen, wie teure Reliquien mit den sehnenden Augen zu betasten – – Ein Rezensent, der sich an meine Stelle setzt, kann mir unmöglich bei dieser Kürze der Zeit und auf meiner Extrapostkutsche des Phöbuswagen (jetzt in den kürzern Tagen) zumuten, o dem langen Vorsatze seinen Nachsatz zu geben.

Sogar der steilrechte Klimax des Barometers und das waagrechte Strömen des Ostwindes faßten die Segel seiner Hoffnung an und zogen ihn in das stille Meer der Pfingst-Zukunft und in den Kalender von 1793, um zu sehen, ob der Mond zu Pfingsten voll wäre – Beim Himmel, er wirds wenigstens halb, welches noch viel besser ist, weil man ihn sogleich bei der Hand mitten am Himmel hat, wenn man seinen Abend anfangen will...

Ich hab's doch durch außerordentliches Rennen dahin gebracht, daß ich mit dem 32sten Hundposttage fertig bin, eh Spitz mit seinem Freudenpokal am Halse über das indische Meer gesetzt ist – Und da ich ohnehin nach der capitulatio perpetua mit dem Leser (bei der bekanntlich die Fürsten- und Städtebank ins Gras beißet) jetzt einen Schalttag machen muß: so will ich dazu die Vakanz des Hundes verwenden; aber ich flehe alle meine Tagwähler und Kunden, die bisher am Springstabe des Zeigefingers über die Schalttage weggesetzt sind, ernsthaft an, es bei diesem[1023] nicht zu tun, erstlich weil ich erbötig bin, mich erschießen zu lassen, wenn ich in diesem Schalttage mein obwohl unter mehren Regierungen bestätigtes Schalttags-Privilegium, die witzigsten und tiefsinnigsten Sachen vortragen zu dürfen, nur im geringsten exerziere – und zweitens weil der Hund schon am Schalttage in den Hafen laufen und mir Fakta bringen kann, die ich nicht im 33sten Hundtage auftische, sondern schon am – VIII. Schalttage oder an der VIII. Sansculotide.

– Der Inhalt davon ist, gleich der Gegenwart, ein toller Vorbericht von der Zukunft. –

Ich muß sagen, wenn erstlich Bellarmin (der katholische Vorfechter und Kontradiktor) behauptet, jeder Mensch sei sein eigner Erlöser – woraus meines Erachtens folgt, daß er auch seine eigne Eva und Schlange für seinen antiken Adam ist – wenn zweitens die Feder eines außerordentlich guten Autors eine Lichtputze der Wahrheit ist, so wie umgekehrt dem Herrn von Moser im Gefängnis die Lichtputze die Feder war – wenn drittens der Despotismus statt der lebendigen Baumstämme zuletzt (denn er sägt in die Welt hinein wie blind) den Thron-Sägebock selber zersägen kann – ferner muß ich sagen, wenn viertens jede Handlung (sogar die schlimmsten) wie Christus zwei unähnliche Geschlechtregister hat – wenn vollends fünftens ein und der andere Rezensent sein kritisches Auge, womit er alles besieht, nicht auf dem Scheitel Wirbel trägt (wie etwan Muhammeds Selige, um die Schönheiten nicht zu sehen), noch wie Argus hinten und vornen, sondern wirklich vornen gleich unter dem Magen über dem Gedärm mitten im Nabel, wenn dieser Mann noch dazu kein anderes Herz besitzt als das leinene, das die Nähterin unten im Winkel des Hemdjabots einflickt und das auf der Herzgrube aufliegt, die man gescheuter die Magengrube nennen sollte – endlich muß ich sagen (wenigstens kann ichs), wenn sechstens wahrer Zusammenhang, strenge Paragraphen-Verkettung vielleicht die größte Zierde und Seele der ungebundnen Rede ist, die aber einem gebundnen Klaviere gleicht, und wenn daher der Verstand, wie eine epische Handlung, am Ende der (rhetorischen und der Zeit-) Periode anfangen muß, weil sonst gar keiner da wäre:..[1024]

– Es wird aber auch keiner mehr kommen. – Aber jene vier Punkte sehen wie die Hasenfährte im Schnee aus. – Kurz: der Spitzhund, unser biographischer Handlanger und Spediteur, liegt schon unter dem Tische und hat einige elysische Felder und Himmelreiche abgeladen. – Da ich ohnehin im obigen nicht ganz wußte, was ich haben wollte (ich will nicht gesund vor dem Publikum sitzen, wenn ichs gewußt): so erwies mir der Hund einen wahren Liebedienst, daß er dem Perioden den Nachsatz-Schwanz sozusagen gar abbiß. Es war ohnehin mein Plan, bloß so lange Hasensprünge zu machen in einem ellenlangen Perioden, bis der Hund mir die Angst über die Zweifelhaftigkeit der Pfingstreise benommen hätte. – Überhaupt wollt' ich nie Worte und Gedanken miteinander aufwenden, sondern diese sparen, wenn ich jene vertat; Peuzer schrieb längst an die Regensburger und Wetzlarer: viele Gedanken brauchen einen kleinen Wortfluß, aber je größer der Bach ist, desto kleiner kann das Mühlrad sein. – Einen rechtschaffenen Rezensenten kränkt ein lakonisches Buch auch schon darum (nicht bloß weil das Publikum es nicht versteht), weil ein Deutscher ja an den Juristen und Theologen die besten Muster vor sich hat, weitschweifig zu schreiben, und zwar mit einer Weitläuftigkeit, die vielleicht – denn der Gedanke ist die Seele, das Wort der Leib – unter den Worten jene höhere Freundschaft der Menschen stiftet, die nach Aristoteles darin besteht, daß eine Seele (ein Gedanke) in mehrern Körpern (Worten) zugleich wohnet. –

– Ich hebe Viktors Vigilie, den heiligen Abend vor Pfingsten, jetzt an. Es war schon Sonnabend – der Wind ging (wie die Wissenschaften) von Morgen – das Quecksilber sprang in der Barometerröhre (wie heute in meinen Nervenröhren) fast oben hinaus. – Flamin war friedlich von seinem Freunde am Freitage geschieden und kehrte vor fünf Tagen nicht zurück. – Viktor will morgen, am ersten Pfingsttag, vor der Sonne aufbrechen, um am dritten wieder zurückzukommen, wenn sie in Amerika aussteigt. (Ich wollt', er bliebe länger.) – Es ist ein schöner blauer Montag in der Seele (jeder blaue Tag ist einer) und eine schöne Dispensation von der Trauerzeit des Lebens, wenn man (wie mein Held) das Glück hat, an einem heiligen Abend, unter dem Gebetläuten,[1025] und wenn der Mond schon über die Häuser herauf ist, vor den Aussichten in die schönsten Pfingsttage und in die schönsten Pfingstgesichter, ruhig und schuldlos in Zeusels Erker zu sitzen, alle Voressen der Hoffnung anzuschneiden, alle Vorsteckrosen und Anzeigen des schönsten Morgens zu sammeln und unter den lärmenden Budenvorspielen des Festes den zweiten Teil der Mumien gerade in den Freudensektoren zu lesen, wo ich meinen und Gustavs Einzug in das himmlische Jerusalem zu Lilienbad abzeichne. – – Alles das hatte, wie gesagt, der Held....

Aber als er, der zwischen seiner Pfingstreise und jener Badreise im Buche so viele Verwandtschaft ausfand, endlich mit seiner bewegten Seele an die Zerstörung jenes Jerusalems kam: so sagte er mit dem ersten traurigen Seufzer für heute: »O du gutes Schicksal, ein solches Schlachtmesser lege nie am Herzen meiner Klotilde an: ach ich stürbe, wenn sie so unglücklich würde wie Beate.« – Und er dachte weiter nach, wie die roten Morgenwolken der Hoffnung nur schwebender erhöhter Regen sind und wie oft der Schmerz der bittere Kern der Entzückung ist, gleich dem goldnen Reichsapfel des deutschen Kaisers, der zwar 3 Mark und 3 Lot schwer ist, aber innen mit Erde ausgefüllet...

Beim Himmel! wir versalzen uns da alle mit Nachtgedanken den heiligen Abend ohne Not, und es weiß keiner von uns, warum er so seufzet. – Ich habe ja das ganze Pfingstfest schon kopeilich vor mir, und es steht kein einziges Unglück darin, es müßte denn Viktor noch einen vierten Pfingsttag als Nachsommer anstoßen, und in diesem müßte es etwas absetzen. Ich gestehe es, ich bin gern ästhetischer frère terrible und setze der Welt, die in meine unsichtbare Mutter-Loge sich hineinlieset, gern den Degen auf die Brust und dergleichen Streiche mehr – das kömmt aber davon, weil man in der Jugend Werthers Leiden lieset und besitzt, von welchen man, wie ein Meßpriester, ein unblutiges Opfer veranstaltet, ehe man die Akademie bezieht. Ja wenn ich noch heute einen Roman verfaßte: so würd' ich – da der blauröckige Werther an jedem jungen Amoroso und Autor einen Quasichristus hat, der am Karfreitage eine ähnliche Dornenkrone aufsetzt und an ein Kreuz steigt – es auch wieder so machen....[1026]

– Aber es ist Zeit, daß ich mein Maienthal öffne und jeden einlasse. Ich will nur nicht länger verheimlichen, daß ich gesonnen bin, dieses ganze Paphos und Rittergut an den Leser gar zu verschenken, wie Ludwig XI. die Grafschaft Boulogne der heiligen Maria zuwarf. Ich gedenke dadurch vielleicht über andere Schriftsteller, die ihren Lesern nur ihre Kiele bescheren, ebenso weit vorzustechen als der König über den alten Lipsius, der der Maria nur seine silberne Feder vermachte. Anfangs wollt' ich dieses Elysium mit seinen dreimähtigen Wiesen und Nadelhölzern selber behalten, weil ich im Grunde ein armer Teufel bin und wirklich nicht mehr einzunehmen habe als ein Prinz von Württemberg sonst, nämlich 90 fl. rhn. Apanage und 10 fl. zu einem Ehrenkleide, und weil ich mir auf die mir von Gott und Rechts wegen zuständigen zwei Quadratmeilen Landes – denn soviel wirft die ganze Erde bei ihrer gleichen Zerschlagung nach einem guten Teilplane auf den Mann aus – wahrlich so wenig Rechnung mache, daß ich die zwei Meilen an jeden gern um einen elenden Schaf-Pferch hingeben will. – Und was mich am meisten zurückzog, diese Schenkung unter den Lebendigen mit meinem Maienthal zu machen, war die Sorge, daß ich ein Feudum Leuten, Lesern, Landboten, Knäsen zuwende, die tausendmal größere Woiwodschaften und Schatullgüter innenhaben und die man aufbringt, wenn man sie der Maria ähnlich macht, die aus einer Himmels-Königin eine Gräfin von Boulogne wurde, oder dem römischen Kaiser, der zugleich am Kröntage ein Mitglied des Marienstifts zu Aachen werden muß. –

Aber was können denn alle ihre Majorate – ihre Deutschmeistereien-ihre Afterlehn – und ihre patrimonia Petri (eine Anspielung auf mein patrimonium Pauli) – und ihre großväterlichen Güter und alles ihr auf das Erdenschiff geladne Schiffgut, kurz ihre europäischen Besitzungen auf der Erde, was können, sag' ich, diese Holländereien für Produkte liefern, die vor den maienthalischen nur von weitem beständen? Und wachsen auf ihren Kronengütern himmelblaue Tage, Abende voll seliger Tränen, Nächte voll großer Gedanken? – Nein, Maienthal trägt höhere Blumen, als die das Vieh abreißet, schönere Hesperiden-Äpfel, als die Obstkammern[1027] bewahren, überirdische Schätze auf unterirdischen, Eden-Kompetenzstücke, wie Klotilde und Emanuel sind, und alles, was unsre Träume malen und unsre Freudentränen begießen. –

– Und eben dies entschuldigt mich, wenn ich das maienthalische Freuden-Tafelgut tausend Mitwerbern abschlage, wenn ich als dessen Lehnprobst mit diesem schwäbischen Schupflehn nicht belehnen kann solche Leute, die auch zu keinem eigentlichen Feudum taugen, moralische Blinde, Lahme, Minderjährige, Verschnittene etc. – Und hier muß ich mir viele Feinde machen, wenn ich aus den Vasallen und Mitbelehnten, denen man das Maienthal mit allen seinen poetischen Nutznießungen zu Lehn gibt, namentlich alte Salbader ausstoße, die den Rittersprung der Phantasie nicht mehr tun können- 47 Scheerauer und 103 Flachsenfinger, deren Herzen so kalt sind wie ihre Kniescheiben oder wie Hundschnauzen – die größten Minister und andere Große, an denen wie an großen gebratnen Fleischklumpen bloß die Mitte noch roh ist, nämlich das Herz – 1/2 Billion Ökonomen, Juristen, Kammer- und Finanzräte und Plus-, d.h. Minusmacher, in denen die Seele, wie an Adam der Leib, aus einem Erdenkloße geknetet worden, die einen Herzbeutel haben, aber kein Herz, Gehirnhäute ohne Gehirn, Pfiffigkeit ohne Philosophie, die statt des Buchs der Natur nur ihre Manualakten und Steuerbücher lesen – endlich die, die nicht Feuer genug haben, um vor dem Feuer der Liebe, der Dichtkunst, der Religion zu entbrennen, die statt weinen greinen sagen, statt dichten reimen, statt empfinden rasen....

Bin ich denn toll, daß ich mich hier so erbose, als wenn ich nicht auf der andern Seite das schönste Leser-Kollegium, das ich zum primus adquirens des maienthalischen Männer- und Kunkellehns erhebe, vor mir hätte; eine mystische moralische Person, die es einsieht, daß der Nutzen nur eine niedrigere Schönheit und die Schönheit ein höherer Nutzen ist? – Es ist allen Empfindungen eigen (aber nicht den Einsichten), daß man sie nur allein zu haben glaubt. So hält jeder Jüngling seine Liebe für eine außerordentliche Himmelerscheinung, die nur einmal in der Welt sei, wie der Stern der Liebe, der Abendstern, oft einem Kometen gleichsieht.[1028] Aber es wird nicht lauter Flachsenfinger und Holländer geben, die auf die Alpen steigen, weniger um große Gedanken und Erhebungen, als um Sedes97 zu haben, oder zu Schiffe gehen, nicht um auf das erhabne Meer den Blick des Dichters zu werfen, sondern um die Schwindsucht zu verfahren... Sondern es wird überall in jedem Marktfleck, auf jeder Insel schöne Seelen geben, die der Natur am Busen ruhen – die die Träume der Liebe achten, wenn auch sie selber aus ihren eignen wach geworden – die mit rauhen Menschen umpanzert sind, vor denen sie ihre Idyllenphantasien über das zweite Leben und ihre Tränen über das erste verhüllen müssen – die schönere Tage geben, als sie empfangen – diesem ganzen schönen Bunde mach' ich das verschenkte Feudum von Maienthal, wovon schon so viel Redens war, endlich auf und gehe als beleihender Lehnhof mit einigen Freunden und Freundinnen und meiner Schwester vorn an der Spitze voran hinein.


Nachschrift oder eigenhändige Dispensationbulle. Der Berghauptmann kann nicht leugnen, daß der S.T. Verfasser dieser Lebensbeschreibung dadurch, daß der Hundfaulist, und daß diese Posttage voluminöser sind, und daß er in diesem Kapitel gar zwei in eines zusammengeschmolzen hat, hinlänglich bei denen entschuldigt ist, die das Recht haben, ihn zu fragen, warum er erst in der Mitte des Septembers oder Fruktidors den 32sten Posttag hinausgebracht. Vier Monate weit sitzet er noch mit seiner Beschreibung von der Geschichte ab. 1793. J. P.

91

Die meisten Weiber sind nicht eher Galgenpatres (eigentlich: Galgenmatres) und Kasernenpredigerinnen, als bis sie teufelstoll sind, wie Sterne die meisten Einfälle hatte, wenn er nicht wohl war.

92

Ein vergitterter Platz in Paris, wo man die in der Nacht gefundenen Toten ausstellet, damit jeder Verwandte den seinigen aussuche.

93

Groß ist die Seele, die wie er unter lauter Feinden aller Gewalt entsagt größer ist das Volk, vor dem mans tun durfte. Ein anderes wäre den Läusen Sullas zuvorgekommen.

94

Viktor nahm zu seinem Bunde zehn Personen, vielleicht weil gerade so viele zu einem Tumulte gehören. Hommel rhapsod. observat. CCXXV.

95

Denn es gibt keine großen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur große aus 1000000 kleinen Ursachen, wovon man immer die letzte für die Mutter der großen Geburt ausgibt. Ist denn das Zündpulver die Ladung des Geschosses?

96

Für diese Statue konnte nämlich kein Bildhauer eine zweite Nase machen, die paßte – denn die erste war abgebrochen –; endlich nach 400 Jahren fand ein Kind in einem großen Fische die marmorne, welche anlag. Labats Reisen 5ter Teil.

97

Nach Scheuchzer sind Alpen die beste Arznei gegen Verstopfung.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 1006-1029.
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