Zweiter Pfingsttag
(34. Hundposttag)

[1045] Der Morgen – die Äbtissin – der Wasserspiegel – stummer Injurienprozeß – der Regen und der offne Himmel


Um zwei Uhr zog der Morgenwind lauter und kühler durch Viktors offnes Zimmer und rüttelte schon Tautropfen von geglättetem Laub, das nahe Blätter-Geflüster wirbelte sich durch seine Ohren in seine Träume. Die Lerche fuhr als Ouvertüre des Tages hoch ins Himmelgrau hinauf und läutete das Trommetenfest des Morgens ein. Dieser Wecker wurde durch sein Träumen zum umherfliegenden Nachhall, das sich mit dem Morgen vermischte; unter dem sanften Einfallen des nachbarlichen Getönes schloß er langsam die Augen auf und träumte weiter und tat sie wieder zu und erwachte mehr, und der Schlaf fuhr nicht wie ein dickes Leichentuch aus Nacht hinweg, sondern wallete wie ein Schleier aus Morgenduft empor, und seine Seele schloß sich, ohne eine einzige Bewegung mit dem Körper zu machen, mit dem stillen Erwachen eines Blumenkelchs vor dem Morgen auseinander....

– Jetzt bin ich schon wieder im Sieden und Flammen – und doch nehm' ich mir, sooft ich eintunke, vor, die Kunstrichter zu gewinnen und mit meiner Feder zu schreiben wie mit einem Eiszapfen. Aber es ist mir unmöglich – erstlich weil ich in die Jahre komme. Bei den meisten Menschen hört zwar wie bei den Vögeln das Singen mit der Liebe auf; aber bei denen, die ihren Kopf zu einem Treibhaus ihrer Ideen machen, geben die Jahre, d.h. die Exerziertage darin, der Phantasie wie den Leidenschaften einen höhern Wuchs. Dichter gleichen dem Glase, das im Alter bei dem Zerfallen bunte Farben annimmt. – Aber zweitens, wenn ich auch erst in meinem zwanzigsten Jahre blühete: so könnt' ich doch jetzo nicht frostig schreiben, maßen der Winter vor der Tür ist. Rousseau sagt, im Stockhause brächte er das beste Gedicht auf die Freiheit heraus – daher die staatsgefangenen Franzosen sonst bessere Prosa darüber schrieben als die freiern Briten – daher[1045] dichtete Milton im Winter. Ich nahm oft im Sommer meine Schreibtafel hinaus und wollte ihn an dieses Silhouettenbrett anpressen und dann abschatten; aber die Phantasie kann nur Vergangenheit und Zukunft unter ihr Kopierpapier legen, und jede Gegenwart schränkt ihre Schöpfung ein – so wie das von Rosen destillierte Wasser nach den alten Naturforschern gerade zur Zeit der Rosenblüte seine Kraft einbüßet. Daher mußt' ich allemal warten, bis ich untreu wurde, eh' ich mit meinem Reißzeug an die Liebe gehen konnte.... Hingegen ein Mensch, der jetzt auf einer moluckischen Insel gegen den Nachsommer hin den Frühling grundiert und auszeichnet, muß ihn aus den vorigen Gründen und noch aus dem neuen, weil der fliegende Sommer der sehnen-erregende Nachklang und die Silberhochzeit des Frühlings ist, mit viel zu hellen Saftfarben den Galerieinspektoren einhändigen. –

Die bunt ausgenähete Beschreibung von Viktors Aufenthalt in Maienthal kann so lang werden wie die von Voltairens seinem in Paris, mit deren Ehrensolde der magere Spaßvogel den Mietzins seiner chambres garnies hätte bestreiten können. Denn eben hat der Hund gar einen vierten Pfingsttag abgeliefert und die trinomische Wurzel der Freudenpotenz zu einer quadrinomischen ausgebreitet. Da in dieser Freuden-Quadruplik wiederum kein Jammer steht, kein Mord, keine Landplage, sondern nichts als Gutes: so fang' ich freudig die übrigen Bilder dieses Frühlings in meiner dunkeln Kammer auf und schwebe nicht in der Angst, daß ich meinen Helden (Knef hat mir alle Pfingsttage übermacht und sendet nur ein kleines Ergänzblatt gar nach), wie etwan meinen Gustav, aus dem zusammengestürzten Schutt seines Lust- und Sommerhauses zu ziehen habe. –

Emanuel tat vormittags sein Schreibtagwerk in seinen astronomischen Tabellen ab, um den ganzen Nachmittag mit seinem Gaste bei der Äbtissin zu verbringen; auch trug er ihm eine kleine Mitarbeiterstelle bei seinen Blumen an, nämlich die Rosmarinblüten auszupflücken und über das Nelkengestell den Sonnenschirm zu spannen. Bei Emanuel hingen auch in der prosaischen Ruhe des Tages immer die Flügel noch weit unter den Halbflügeldecken hervor. Viktor hielt die Bitten seines Lehrers für[1046] Geschenke. Da er draußen am Rosmarin abblattete: so öffnete die aufgehende Sonne das Ventile des Windes, und dann fingen, von ihm angeweht, alle Register der großen Wesen-Orgel zu gehen an, und vor seinem Ohre wogte der Tremulant der Bäche, schrie das Flötenwerk der Vögel und brauste das zweiunddreißigfüßige Pedalregister der Waldungen. Ein eingepfarrter kleiner Kopf um den andern, der seine zwölf Jahre samt ebensoviel Herkules-Arbeiten des Gedächtnisses zum heiligen Abendmahl trug, schlich hinter dem Vater mit einem Kranz-Knauf und überhaupt mit Goldflittern gestickt und aufgesteift vor ihm vorüber. Welchen schönen zweiten Pfingsttag, der sonst voll Regenwolken ist, habt ihr Kleinen jetzt! – Viktor gönnte recht gern der Grandezza des Dorfes, d.h. den Vollspännern und dem Schulmeisters-Sohne, den Haarformer und Zopfprediger Meuseler, der am zweiten Pfingsttag die benachbarten Dörfer frisierte, und der mit seinem Puder-Weihwedel die letzte Pfingstausgießung auf die kleinen Köpfe betrieb, die der Pfarrer schon sechs Wochen eingefeuchtet hatte. Viktors Herz schlug vor Freude, als wenn er ein Kind mit darunter hätte oder eins wäre, als die bunte gepuderte Wesenkette mit hüpfenden Flittern, mit hochstämmigen Blumensträußern, mit schwarzgleißenden geistlichen Musenalmanachs, vor dem Kommando- und Hirtenstab ihrer zwei Konsuln, singend und besungen und eingeläutet und angeblasen durchs Kirchen-Siegtor einzog. – Ach! Kindern steht die Freude noch schöner wie uns, so wie ein unglückliches, ein bettelndes, dem das Schicksal das erste Kindergärtchen zertritt, und vor dessen Augen beim ersten Aufschlagen ins Sein nichts hängt als schwarzes ungestaltetes Morgengewölk, unser Herz betrübter macht als der Vater desselben neben ihm. –

»Beeret jede Minute eures ersten Triumphtages ab, ihr guten Kinder, und ich wollte, die Predigt würde recht lang, damit ihr den schönen Anzug länger anbehieltet!« sagte Viktor und sah sich nach dem Kloster um, dessen Fenster voll unkenntlicher Zuschauerinnen waren; er setzte sich vor, bei der Rückkehr der Kinder-Prozession sich unter den Fenstern das mit dem schönsten Inhalt auszusuchen durch ein Taschenperspektiv. – Gehe[1047] nur, menschenfreundlicher Mensch, der die schönen Seelen liebt wie die schöne Natur und die kalten erträgt wie die Wintergegend, und der sich nie rächt, gehe nur an den Bächen auf und ab, weil da der Fußsteig der Fischer ist, und weil du auf deinen dichterischen Ringrennen keinem Bauern nur einen Zwieselwagen voll Heu, wie ihn die Kinder aus Haselruten flechten, niedertreten willst! Fülle den Zwischenraum zwischen dem ersten und dem dritten Himmel, wo du mittags nicht mit Abraham, sondern mit deiner Klotilde am Tische der Äbtissin sitzest, mit einem zweiten, nämlich mit dem Umarmen der ganzen Natur, die nie holder in die Seele hineinschauet, als wenn auf ihr nicht weit von der Seele eine – Geliebte wohnt! –

Ein Wandelgang zwischen zwei zusammenblitzenden Bächen und zwischen ihren lackierten, von Schaumwürmern beschneieten Weiden überzog das ganze Innere bis auf jeden Winkel einer dunkeln Träne mit Morgenglanz. – Noch dazu schauete Viktor immer über die Wiese hinauf zu Emanuels offnem Fenster und ließ sich ein Lächeln von ihm wie eine laufende Welle voll Licht herunterwehen. – Noch dazu blieb er nicht da, sondern ging zweimal hinauf und störte ihn mitten in seinem Schreiben durch ein kindliches Umfassen. – Noch dazu legt' er seinen Augen Meilenstiefel an und lief über die ganze, sich hier bäumende, dort sich bückende, hier leuchtende, dort schattende Landschaft, um eine Post- und Reisekarte zu den schönsten Stellen für die Nachmittag-Spaziergänge mit Klotilden schon hier voraus aufzunehmen und zu leimen, weil nachmittags die Entzückungen vielleicht die Wahl der Entzückungen verfälschen! – Und so schuf die Natur in seinem Geiste ihren Morgen und ihren Frühling noch einmal aus dem Erdenkloß des ersten Frühlings, d.h. aus der heißen Sonne, aus dem kühlen Bache, aus dem Schmetterling, den der Mai aus er Hülse schälte, aus den bunten Mücken, welche die gebärende Erde aus dem Larvensamen wie fliegende Blümchen hervortrieb. – Da schloß er unter dem Spatzen- und Schwalbengetobe im Dorfe und unter dem Feldgeschrei der Lerchen und vor den blendenden Wellen der Bäche die Augen zu und ließ seine Seele in das klingende Meer und in das vom Augenlid gemalte Helldunkel[1048] untertauchen; aber dann wäre sein Herz erdrückt worden von der Schöpfungflut, die über dasselbe ging aus allen Röhren und Betten und Mündungen des Lebens um ihn, aus dem verstrickten Geäder des Lebensstroms, der zugleich durch Blumenrinnen, durch Baumgossen, durch weiße Mückenadern, durch rote Blutröhren und durch Menschennerven schießt.... er wäre Freuden-ohnmächtig ertrunken im tiefen weiten Lebens-Ozean, den Lebensströme durchkreuzen und nachfüllen, hätt' er nicht wie jener Ertrunkne ein Glockengeläute in die Wellen hinunter gehört....

Kurz – die Kirche war aus, und er mußte hinter einen Blätter-Jagdschirm gehen, um, wenn die kleinen Abendmahls-Panisten aus der nachorgelnden Kirche und unter dem nachtrompetenden Turm vorbeizögen, dann mit dem Taschenperspektiv zuzuschauen, wer zuschaue aus dem Kloster. Klotildens Angesicht schwebte, wie durch Magie vorgerufen aus der zweiten Welt, dicht am Glase, und er konnte unvertrieben seine Schmetterlingflügel um diese Blume schlagen; er konnte frei in ihre großen Augen wie in zwei mit Tauglanz gefüllte Blumenkelche sinken. Er sah nie einen so reinen Schnee des Augapfels um die blaue Himmelöffnung, die weit in die schönere Seele ging; und wenn sie das Auge in den Garten niederschlug, stand das große verhüllende Augenlid mit seinen zitternden Wimpern ebenso schön darüber wie eine Lilie über einer Quelle. Die Liebe fängt sich, wie das Zeichnen und der keimende Mensch, beim Auge an. – Da die Kinder vorüber waren: so wandte Klotilde ihr Angesicht langsam und frei gegen Emanuels Laubhütte und schauete mit dem weiten sehnsüchtigen Blicke der Liebe herüber....

Und mit einer solchen Liebe, die wie ein Herz in seinem Ich pochte, kam Viktor samt seinen zwei Freunden droben im Kloster an. Die Äbtissin (ihr Name wird mir gar nicht berichtet, nicht einmal ein falscher) empfing ihn mit einem hohen Air, das ihr Stand nicht gegeben, sondern gemildert hatte. Ihre Seele wurde gekrönt geboren. Die ** Fürstin, deren Oberhofmeisterin sie war, spielte zuweilen gern das Kind (Kinder erwidern es umgekehrt und repräsentieren ihre Repräsentanten); aber ob sie gleich einen[1049] dreißigjährigen Stolz besaß, so fiel sie doch ihrem Steckenpferd in den Zügel, sobald die monarchische Oberhofmeisterin erschien, die im ganzen Lande (die Schwanen ausgenommen) den Kopf am meisten zurückbog. Eine Frau wie diese, deren Blicke Throninsignien und deren Worte mandata sacrae caesareae majestatis propria waren, hatte aus den Händen der Natur selber die Huldigungmünze und das Throngerüste, um ihren Reichsapfel gegen die Schönheitäpfel junger Mädchen abzuwägen – eine solche konnte die Klotilden beherrschen und formen. Ihre Seele war von drei Meistern gemalt: der Hintergrund von der Welt – der Vorgrund von der Kirche – der Mittelgrund von der Tugend. Ihre aszetischen Bestandteile setzten sie auf eine sonderbare Weise in einige Wahl-Verwandtschaft mit Emanuels indischen. –

Ich kenne nichts Rührenders und Schöneres als die weibliche Verbeugung aus jener tiefen Achtung, mit der gute Mädchen ihre Liebe allein zu sagen wagen. – – Glücklicher Viktor! deine Klotilde empfing dich mit so vieler Achtung wie ihren Lehrer. Nur die Kokette wird durch die Liebe befehlhaberischer (ein kieselsteinernes Juristenwort!); aber die Stolze wird dadurch bescheiden und sanft. – Nie aß er froher als in diesem hellen Lustschloß, vor dessen offnen Fenstern ein blauer Horizont und näher brausende und mit Musik besetzte Alleen ruhten, als in dieser geputzten Orangerie aufblühender Mädchen, anstatt daß ein Gymnasium eine Menagerie ist, und ein Schwesternhaus eine Voliere. – Viktor, der Weiber noch besser zu lenken verstand als Männer, war im arbeitenden Ameisenhaufen dieser lebhaften Mädchen so gesund wie in einem Ameisenbad und war ein zweiter Bienenvater Wildau, der sich aus dem Immenschwarm bald einen Bart zusammensetzte, bald einen Muff. Es gehört mehr männlicher Verstand zu einer gewissen feinen Galanterie, als die haben, die sie in ihren Satiren mit der faden vermengen; so wie nur Gebirge den süßesten Honig darbieten. Der Ernst muß den Scherz grundieren, die Achtung und das Wohlwollen das Lob. Viktor konnte leichter vor zwei als vor 32 weiblichen Augen in Verlegenheit geraten, welche letzte übrigens der gröbste Donatschnitzer und Germanismus in der weiblichen Grammatik ist. Er hatt' es längst gelernt,[1050] die flüchtigen Salze des weiblichen Witzes mit den fixen des männlichen zu binden, so wie die Kunst, in großen Zirkeln jede Seele, jede Raupe auf das rechte Nährblatt zu setzen.

Für ihn, der einmal gesagt: »Ich wollte, ich hätte wenigstens viermal des Jahrs mit Damen zu konversieren, bei denen man so viel Tournure anbringen müßte, daß man gar nicht wüßte, was man wollte, und die fein bis zum Unsinn wären« – für ihn war eine hohe Dame wie die Äbtissin, die man seit dem Niederlegen ihres Oberhofmeistertums ein klein, klein wenig mit einer Preziösen verwechseln konnte, ein wahres Labsal; denn er konnte ihr doch die physiognomischen Fragmente vom Hofe mit tausend Wendungen, d.h. ein Vollgesicht durch fünf Punkte vorzeichnen. Aber er hatte dabei die noch edlere Absicht, seine anbetende Aufmerksamkeit, sein zuweilen in Gestalt einer Träne ins Auge tretendes Herz von seiner geliebten Klotilde wegzurufen, um ihr eine ganz andere Aufmerksamkeit zu ersparen als die seinige. Auf eine sonderbare Weise zog immer gerade sein satirisches Gefühl seinen ernsten Gefühlen, seiner erweichten Seele die Mosis-Decke ab – er schämte sich nämlich keiner Träne, bloß weil er wußte, daß ihn seine Laune gegen den Verdacht der Übertreibung ufd gegen den Spötter beschützen könnte; so wie wieder umgekehrt sein schillernder Witz unter Tränen, wie Phosphor unter Wasser, sein Licht aufbehielt und nährte. –

Zum Glück machte jetzt Emanuel, der mitten unter dem Essen in den Garten gegangen war, da er wiederkam, den Antrag eines Spazierganges. Denn in seiner Seele standen nur große Ideen noch vom Leben übrig, wie vom alten Ägypten nur Tempel, keine Häuser nachblieben; und seine Unwissenheit in kleinen Dingen muß kleinen Dingern lächerlich sein. – Die Äbtissin hatte Klotilde als Unterkönigin der feurigen Nonnen neben sich auf den Thron genommen. Viktor stellte mit seiner einzigen Person das kurmärkische Pupillenkollegium unter diesen flatternden Grazien vor. Klotilde übergab den Blinden gerade einem ganzen Tauben-Fluge der lebhaftesten Wegweiserinnen, weil sie alle um das Bootmanns- und Zeigefinger-Amt beim Blinden warben; sie liebten ihn alle wegen seiner himmlischen Schönheit, aber (da er[1051] die ihrige nicht sah) nur so, wie sie einen schönen Knaben von fünf Jahren herzen.... Zu einer andern Zeit würde Viktor sich gewiß umgesehen und fein angespielet haben, daß die Schönheit die Blindheit führe; aber heute sah er sich nur um aus andern Gründen.

– Endlich war die Insel der Seligen, die schon durch den Nebel seiner Kinderträume weit, weit vorgeschimmert hatte, jetzo der Boden unter seinen Füßen, und er machte die Entdeckreisen durch seinen Himmel – er und Klotilde schwiegen einige Minuten, weil ihre Herzen sanft vor Freude zu wallen anfingen, daß sie endlich allein nebeneinander und vor der großen Esplanade des Frühlings standen. Unter dem seligen Lächeln, dem stummen Buchstaben der Wonne, und unter zitternden Atemzügen, dieser heiligen Sankritsprache der Liebe, waren sie schon am ersten Teiche, über dessen Kristallspiegel sich eine Brücke wie vergoldetes Laubwerk schlängelt. – Sie stockten in der Mitte dieser glatten Mond- und Spiegelscheibe geblendet, weil der Sonnenschirm nicht gegen zwei Sonnen auf einmal, die im Wasser dazu gerechnet, decken konnte; sie kehrten sich halb um und suchten mit den Blicken im malenden Wasser das tiefere Himmelblau und zwei stille beglückte Gestalten auf, die einander mit ihren feuchten Augen anblickten. O sein Auge ruhte warm in ihrem widergestrahlten, wie die Sonne in der unterirdischen Sonne, und sein zitternder Blick wurde das lange Beben und Aushalten eines einzigen Tons; denn die im Wasser wohnende Göttin sank mit ihren Augen seiner Seele entgegen, weil sie die verdoppelte Entfernung seiner Gestalt benutzen wollte, die sich auf 10 Fuß belief. – Um endlich das übermächtige Entzücken zu schließen, führt' er seine Augen weg von dieser Glasmalerei und richtete sie (d.h. er verdoppelte es bloß) an das Urbild selber; und das Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen Augenblick die Gefilde eines langen Himmels. – Und sie sahen, daß sie sich gefunden hatten und daß sie sich geliebt hatten und daß sie sich verdienten. Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: »O möchten Sie so unaussprechlich glücklich sein wie ich heute.« – Und sie antwortete leise, wie ein unter weiche blätterlose[1052] Blüten verhauchter Zephyr so leise: »Ich bin es wohl.«.... Ach ich habe mir oft es vorgemalt, wenn wir uns alle einander so liebten wie zwei Liebende, wenn die Bewegungen aller Seelen, wie bei diesen, gebundne Noten wären, wenn die Natur uns allen zugleich den Nachklang ihres bis über die Sterne reichenden Saitenbezuges ablockte, anstatt daß sie nur ein liebendes Paar wie ein Doppelklavier bewegt – dann würden wir sehen, daß ein Menschenherz voll Liebe ein unermeßliches Eden einschlösse, und daß die Gottheit selber eine Welt erschuf, um eine zu lieben. –

Aber ich will wieder so schreiben, wie Klotilde sprach, die den dichterischen Geist nur durch Taten, nicht durch Worte offenbarte, gleich Schauspielern, die den Reim und das Silbenmaß ihres Dichters im Sprechen zu umgehen wissen.

Das Dorf oder das Wirtshaus vielmehr gab ihrer Himmelleiter eine vierte Sprosse, den vierten Pfingsttag. – Der Engländer Kato der Ältere fuhr heraus, der aus Kussewitz mit einem wandernden Orchester Prager Virtuosen von seiner Gesellschaft weggelaufen war, um das Maienthal auch zu sehen. Er konnte nie in seinem Leben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor, morgen komm' er zu ihm, heute beschau' er die besäeten Prospekte, und er passe mit der Ouvertüre der Prager nur auf das Ausläuten der Vesperpredigt. Endlich sagt' er ihm, daß Flamin und Matthieu übermorgen verreiseten und wieder zurückgingen nach Kussewitz und folglich da länger verweilten, als sie gewollt. Diese Gegenwart des Engländes und die spätere Zurückkehr des Eifersüchtigen machte auf einmal den letzten Willen in Viktor fest, auch den vierten Pfingsttag als die vierte Saite auf dieses Freuden-Tetrachord aufzuziehen. Und da an diesem vierten Tage gerade das durch alle Heftlein dieses Buchs laufende Rätsel mit dem Engel in die Entzifferkanzlei der Zeit getragen wird, weil Julius den Brief desselben Klotilden zum Vorlesen übergibt: so konnt' er sich weismachen, er bleibe bloß deshalb, und zu sich sagen: »Wundershalber sollte mans doch abwarten, was es mit dem Engel für eine Bewandtnis habe.« – Guter Held! du vermengst jeden Engel mit deinem, und ich wüßte nicht, warum nicht! ...

Jetzo lief ein Wolkenschatten über sie, gleichsam als Vorläufer[1053] eines dunklern, der ihre Seelen suchte. Denn Viktor, der vor einem schönen Herzen niemals seines versperren konnte, der in der Heiligung der Liebe alle Verstellung verschmähte, erzählte Klotilden mit jener Herzlichkeit, die sich so leicht mit Feinheit vermählen läßt, die Ursachen von Matthieus Reise, nämlich seine eigne kleine Torheit in Kussewitz, wo er der Fürstin das geschriebene billet doux mitgab. Er hätt' ihr auch ohnedas diese Eröffnung machen müssen, um der fremden eines Anklägers vorzubauen. Aber er setzte bei Klotilde voreilig die Zeitrechnung seiner kleinen Jahrbücher voraus und merkte nicht an, daß er das Billet geschrieben, eh' er wußte, daß Klotilde nicht Flamins Geliebte, sondern nur dessen Schwester sei99. Sie schwieg lange. Er befürchtete diese Pantomime des Zürnens; und wagt' es nicht, sich davon zu überzeugen durch einen Blick in ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn an ihrem Lieblings-Grünplatz, wo in der größten Vertiefung des Tals grüner Schatten seine gemalten Zweige im Sonnen- und Wasserscheine wiegt, da bat sie ihn weder mit kalter noch stolzer Stimme, sondern mit einer fast gerührten, sie ein wenig auf ihrer Lieblings-Grasbank, deren Seitenlehnen große Blumen waren, ausruhen zu lassen. Als er vor ihr stand: so erblickte er erschrocken in ihrem beseelten Angesicht – nicht einen mit der Höflichkeit ringenden Groll, sondern – den rührenden Kampf gegen das Schicksal, das ihr den Liebling ihrer Seele verdunkelte, den uneigennützigen Schmerz über die geschlossene Narbe, die sie aus seiner Tugend wegwünschte. Ihr war, ihm war, als wenn das vorige Jahr sich wieder erhöbe von seinem Totenkissen aus Freudenblumen, die es beiden ertreten hatte; sie waren recht traurig, Klotilde war kaum ihrer Augen mächtig und Viktor kaum seiner Zunge – bis diesem endlich das Mißverständnis einleuchtete. Er sagte ihr daher leise und auf englisch: »hätte sein Vater ihm alle seine Eröffnungen früher gemacht, so hätt' er ihm mehr als einen Kampf, mehr als eine trübe Stunde und zuerst die vorige Torheit erspart.«

In der höhern Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand.[1054]

Klotilde setzte gleichwohl die Sonnenfinsternis ihrer schönen Mienen fort – aber es kam nicht von Fortdauer des vorigen Seufzers, noch von dem gewöhnlichen Unvermögen, eine ausgesöhnte Seele sogleich in ein zürnendes Gesicht zu übertragen, sondern die Unzufriedenheit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah allemal wie eine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf, um ihm ihren Arm und gleichsam das nahe liegende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubte sich den Bruch des doppelstimmigen Schweigens nicht. – Emanuel kam nach, und da sagte Klotilde bewegt, als wenn sie erst aufs vorige antwortete: »Ach ich bin meinem Bruder nur zu sehr verwandt von der Seite meiner Fehler.« – Meinte sie Flamins Eifersucht oder Argwohn oder wahrscheinlicher sein Temperament? – Viktor wandte sich zu ihr, um sie gleichsam für das um Verzeihung zu bitten, was sie gesagt – und ihre Augen sagten: »o ich hätte dich nicht verkennen sollen« – und seine sagten: »ich hätte dich, auch ungekannt, nie verleugnen sollen« – und ihre Herzen machten Frieden, und der Ölzweig wand zwischen den alten Blumen der Freude ihre Seelen aneinander.

Emanuel führte sie, als ihr leitendes Gestirn, auf seine lieben Berge, diese Frontlogen der Erde – nur von seinem Berg mit der Trauerbirke wehrte er sie aus unbekannten Gründen freundlich ab –; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen die Freude über die Genesung seines Atems. Endlich kamen sie auf den Thron der Gegend, auf den Berg, wo Viktor am Morgen nach der durchreisten Nacht über Maienthal geschauet hatte. O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, der Vorgrund einer Sonne und eines Edens, in so unbändigen, grünenden, atmenden, wehenden Massen dahin! Wie hing der Himmel voll Berge aus Duft, voll Eisfelder aus Licht! Und sein sanfter Morgenwind schlich sich aus dem mit Wolkenflor verhangnen Morgentor und spielte mit Himmel und Erde, mit dem gelben Blümchen und mit der breiten Wolke darüber, mit der Augenwimper unter einer Träne und mit durchwühlten Kornfluren! – Wie wird das Auge so groß, wenn gejagte Nachtstücke der Wolkenschatten den hellen Sonnenschein der Erde durchschneiden, wie wird das Herz so groß, wenn der Morgenwind die geflügelten Schatten bald über Berge schleudert,[1055] bald in Glanzteiche, bald in gebückte Saaten! – Aber rund auf die Wälder hatten sich stille Eisberge aus Wolken gelagert. – – Ach dieses mit Tag und Nacht gefleckte Gefilde, dieser Wall aus Nebelgletschern stellte ja Viktors Herz in den alten Traum zurück, wo er Klotilde auf einem Eisberg mit ausgebreiteten Armen sah! – Ach auf dieser über den südlichen Berg reichenden Felsenspitze konnte er die Insel der Vereinigung dunkel mit ihren Gipfeln und mit ihrem weißen Tempel liegen sehen, und das trinkende Herz taumelte voll vom gemischten Trank aus Sehnsucht und Wehmut und Liebe. –

Dann sagt' er es ihr gern, daß er an jenem Morgen sie hier gesehen habe, wo er dem Blinden das Blättchen an Emanuel gegeben, und daß er sich doch ihren Besuch versaget – – gib ihm nur, Klotilde, den großen warmen Blick voll Dank für sein Schonen deines Bruders, für sein edles Lieben und für sein Überschleiern dieses Liebens! Sie sah ihn an, und als ihr Auge warm von einer Träne wurde, neigte sich der Himmel auf einem Sonnenwölkchen zu ihnen nieder und berührte die verwandten Menschen mit heißen herunterflatternden Tropfen. – O du gute Erde, du gute Natur! Du sympathisierst öfter (und allemal) mit guten Menschen als oft gute Menschen selber! – Vor ihn trat der Traum, wo Klotildens Tränen den Fußboden in ein hebendes Wölkchen zerteilten....

Aber der heranziehende Abend und die kleinen herunterrollenden zerrissenen Perlenschnüre von Regentropfen riefen die schönen Menschen in die Zimmer zurück. Die Mädchen, die mit dem Blinden nicht einmal den Berg ganz erklettert hatten, kehrten schon um und gingen voraus. Emanuel entfernte sich auf seinen Trauerberg, um dort seine Blumen dem Regen aufzudecken. Als unsere zwei liebenden Menschen unten im rauchenden Tale ankamen: wie himmlisch wurde der Abend und die Erde! – Am großen Abendhimmel über ihnen bewegten sich Tulpenbeete von rotem Gewölke, zwischen denen blaue Streifen wie dunkle Bäche liefen. – Hinter ihnen standen unter der Sonne Berge wie Vesuve in Flammen und die Waldung wie ein feuriger Busch, und das über die Blumen laufende Steppenfeuer ergriff die Wolkenschatten. –[1056] Und alle Lerchen hingen mit ihren Ripienstimmen der Natur nahe am roten Deckenstücke des Abends, und jeder tiefere Sonnenstrahl hielt eine summende Wesenkette von Mücken. – Und in der Schäferei am Berge liefen rufend hundert Mütter an hundert Kinder zusammen, und jedes Schaf eilte lärmend an sein durstiges niederkniendes Lamm. – –

Großer Abend! nur im Tal Tempe blühest du noch und verwelkest nicht; aber in wenig Minuten, Leser, brechen erst alle seine Blüten prächtig auf! –

Klotilde und Viktor gingen enger und wärmer aneinandergedrückt unter dem schmalen Sonnenschirm, der beide gegen den flüchtigen Regen einbauete. Und mit Herzen, die immer stärker schlugen und statt des Blutes gleichsam andächtige Freuden-Tränen umtrieben, erreichten sie den Park; die warmen Töne der Nachtigall zogen ihnen daraus entgegen; die abgewehten Töne des musikalischen Gefolges, womit der Engländer jetzt über die Berge ging, flossen ihnen wie Blumendüfte nach. – – Aber siehe, als die Erde noch die Vergoldung im Feuer der Sonne trug, als noch der Abendspringbrunnen wie eine Fackel oben brannte, als in einem großen Eichenbaum des Gartens, in welchem bunte Glaskugeln statt der Früchte eingeimpfet waren, zwanzig rote Sonnen aus den Blättern funkelten – da floß eine erwärmte Wolke auseinander und tropfte ganz in das Abendfeuer und auf die glimmende Wassersäule....

Die den Bäumen näheren Nonnen flogen unter das Laub; aber Klotilde, die den langsamen Gang schöner und tugendhafter für eine weibliche Seele fand, ging ohne Eil der nachbarlichen »Abendlaube« zu, die über den Garten erhoben, ihr dichtes Blätterwerk nirgends auftut als vor der untergehenden Sonne. – Nein, es war ein Engel, es war Klotildens Schwester, Giulia, die auf der zarten Wolke ruhte und durch sie ihre Freudentränen fallen ließ, um ihre Freundin, deren Arm in des Geliebten seinem wie in einem Verbande lag, in die glimmende Laube zu drängen, wo zwei selige Herzen am seligsten werden sollten. Klotilde verweilte noch unter dem Perlen- und Goldsand-Regen und glich den stillen Tauben um sie her, die auf allen Dächern ihre reinen Flügel wie bunte[1057] Regenschirme auseinanderschlugen und dem Bade unterhielten – und vor dem Eintritte zog Viktor sie zurück, der wonnebeklommen sagte: »Du Allgütiger!« und auf Emanuels Laube hinblickte, auf welcher die Paradieses-Pforte, aus musivischen Steinen aufgeführt, der Regenbogen, sich anfing und sich durch den Himmel hinüberwölbte über die Abendlaube und mit dem himmlischen Zauberkreis die drei liebenden Seelen einfaßte.

Und als sie in die dunkle Laube traten, die nur eine kleine Öffnung gegen die durch den Regen hereinbrennende Sonne hatte: lag vor der Öffnung das Abendgefilde mit den wankenden Feuersäulen, zwischen denen der goldne Fluß der zerschmolzenen Sonne schlug, und mit den Auen, die bis an die Blumen in einem Meer von Lichtkügelchen standen. – Und herabgefallene Regenbogen lagen mit ihren Trümmern auf den Blütenbäumen. – Und kleine Lüftchen wehten das Lauffeuer in den Wiesenblumen an und warfen Funken aus den Blüten. – Und das Menschenherz wurde von den Wonneströmen fortgezogen und schwamm brennend in seinen eignen Tränen. –

Wie eine Verklärte schauete Klotilde in die Sonne, und ihr Angesicht wurde erhaben zugleich von der Sonne und von ihrer Seele. Und ihr Freund störte die schöne Seele nicht; aber er nahm das weiße Tuch aus ihrer Hand und trocknete die aus der Laube tropfenden Farbenkörner, mit Blumenstaub umzogen, sanft hinweg, und sie gab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augen voll Tränen auf ihn wandte: ließ er die Tränen stehen; aber sie nahm sie selber hinweg und schauete ihn mit einer Liebe an, über welche bald die alten zogen, und sagte mit einem Lächeln, das selig weiterfloß: »Mein ganzes Herz ist unaussprechlich gerührt; vergeben Sie ihm, teuerster Freund, heute alles, worin es bisher dem Ihrigen nicht ähnlich war!«...

– Siehe da wurde die warme Wolke in den Garten gleichsam wie ein ganzer Paradiesesfluß niedergeschüttet, und auf den Strömen flossen spielende Engel herab.... und als die Wonne nicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stammeln konnte, und als die Vögel jauchzeten und die Nachtigall durch den Regen schmetterte, und als der Himmel freudig-weinend mit Wolkenarmen[1058] an die Erde fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterte Seelen zusammen und ruheten ohne Atem aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange an Wange gepresset im glühenden zitternden Schauer – dann quollen endlich, wie Lebensblut aus dem geschwollnen Herzen, große Wonnetränen aus den liebenden Augen in die geliebten über. – Das Herz maß die Ewigkeit seines Himmels mit großen wonne-schweren Schlägen – die ganze Sichtbarkeit, die Sonne selber war dahingesunken, und nur zwei Seelen schlugen aneinander einsam in der ausgeleerten dämmernden Unermeßlichkeit, geblendet vom Tränenschimmer und vom Sonnenglanz, übertäubt vom Himmelbrausen und vom Echo der Philomele und erhalten von Gott im Ersterben aus Wonne.

Klotilde bog sich ab, um die Augen abzutrocknen; und ihr stummer Liebling sank um und kniete vor ihr und drückte sein Angesicht auf ihre Hand und stammelte: »O du Herz aus meinem Herzen, o du ewig, ewig Geliebte – ach könnt' ich für dich bluten, für dich untergehen –« Plötzlich stand er, wie von einer unermeßlichen Begeisterung gehoben, auf und sagte leiser, sie anschauend: »Klotilde! dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig.«

Sie drückte seine Hand und sagte leise: »O wie konnten die Menschen und das Schicksal ein solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor,« (sagte sie noch leiser) »wird ihm nie mehr unrecht tun.« – – Sie traten aus der Laube – der Himmel hatte sich wie ihr Herz erschöpft in Freudentränen und war bloß heiter – die Sonne war zugleich mit der großen Minute untergegangen. Viktor ging langsam, als wenn er vor einem weiten Elysium vorbeiginge, das empfangne Eden auf seinem Herzen tragend, heim in Dahores stille Wohnung. Dahore sank, sitzend eingeschlummert, sanft hinüber und herüber, und Viktor, ob er gleich gern sein Herz an einer zweiten ähnlichen Brust auspochen lassen wollte, versagte sich es doch – und lehnte sich langsam an den wankenden Lehrer. Er hielt recht lange das schlummernde Haupt an seiner brausenden Brust. Sein Freudengewitter kühlte sich ab zum heitern Himmel, und die erquickten Freudenblumen schlossen die Duft-Kelche der Erinnerung auf. Dahore schlug die Arme um seinen Liebling, und dann erst wurde er wach: denn es hatte ihm geträumt,[1059] er umarme ihn, und als er aufwachte, war er froh, daß es ihm nicht bloß geträumt hatte.

Genug! – Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe, ruht aus an der Erinnerung oder an der Hoffnung, wenn ihr wie ich diese kleinen Blätter aus den Händen legt!

99

Denn erst als er von Kussewitz zurückkam, erfuhr er auf der Insel von seinem Vater die Verwandtschaft Klotildens.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 1045-1060.
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Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

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