17. Hundposttag

[725] Die Kur – das Schloß des Fürsten – Viktors Visiten – Joachime – Kupferstich des Hofs – Prügel


Ich sagte in Breslau: »Ich wollt', ich wäre der Fetspopel!« da ich gerade das Porträt dieser Person verzehrte. Der Fetspopel ist eine Närrin, deren Gesicht den breslauischen Pfefferkuchen aufgepresset ist. Ich sage folgendes nicht bloß meinetwegen, um etwan bloß mich auf eine solche Pfefferkuchen-Paste zu bringen, sondern[725] auch anderer Gelehrten wegen, die Deutschland ebensowenig mit Denkmälern ehrt, z.B. Lessing, Leibniz. Da es einem in den deutschen Kreisen so sauer wird, bis man nur eine halbe Rute Steine zum Grabmal eines Lessings oder sonstigen Großen zusammenbringt – das, was von Steinen gute Rezensenten auf einen Literatus schon bei Lebzeiten werfen, wie die Alten auf Gräber, ist noch das meiste –: so erklärt' ich mich frei auf dem breslauischen Markt, eh' ich noch den Fetspopel angebissen: »Entweder hier auf diesem Pfefferkuchen ist der Tempel des Ruhms und das Bette der Ehren für deutsche Schriftsteller, oder es gibt gar keinen Ruhm. Wann ist es Zeit, sobald es nicht jetzt ist, es von den Deutschen zu erwarten, daß sie die Gesichter ihrer größten Männer nehmen und bossieren in Eßwaren, weil doch der Magen das größte deutsche Glied ist? Wenn der Grieche unter lauter Statuen großer Männer wohnte und dadurch auch einer wurde: so würde der Wiener, wenn er die größten Köpfe immer vor Augen und auf dem Teller hätte, in Enthusiasmus geraten und wetteifern, um sich und sein Gesicht auch auf Pfeffer- und andern Kuchen, Pasteten und Krapfen zu schwingen. Meusels gelehrtes Deutschland wäre in Backwerk nachzudrucken – man könnte große Helden auf Kommißbrot nachbosseln, um die gemeine Soldateska in Feuer zu setzen und in Hunger nach Ruhm – große Dichter würd' ich auf Brautkuchen abreißen in eingelegtem Bildwerk, und Heraldiker von Genie auf Haferbrot – von Autoren für Weiber wären süße Dosenstücke in Zuckerwerk zu entwerfen. – Geschähe das, so würden Köpfe wie Hamann oder Liscow allgemeiner von den Deutschen geschmeckt in solcher Einkleidung; und mancher Gelehrte, der kein Brot zu essen hätte, würde eines doch verzieren; und man hätte außer dem papiernen Adel noch einen gebacknen.« – – Was mich anlangt, der ich mein Gesicht bisher noch nirgends gewahr wurde als im Rasierspiegel: so soll man mich damit – denn in Westfalen bin ich am wenigsten bekannt – auf Pumpernickel pappen. – –

Jetzt wieder zur Geschichte! Ein langer kraushaariger Mensch steht in der Nacht vor dem bunten Hause des Apothekers Zeusel, guckt zum dritten erleuchteten Stockwerk, in das er zieht, empor[726] und macht endlich statt der hölzernen Tür die gläserne der Apotheke auf. O mein guter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug! Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dich über sumpfige Wege und Fußangeln zu heben; und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh' er sie mit seinem Flügel an, und ein guter Mensch decke sie mit seinem Herzen zu! –

In der wie ein Tanzsaal flammenden Apotheke bat sich einer der fettesten Hoflakaien von einem der magersten Provisoren noch einen Manipel und einen kleinen Pugillum Moxa für Seine Durchlaucht aus. Der magere Mann nahm aber hinter seiner Waage eine halboffne Hand voll Moxa und noch vier Fingerspitzen voll – da doch ein kleiner Pugillus nur drei Fingerspitzen beträgt – und schickte alles den Füßen des Fürsten zu: »Wenn wir das gar verbrannt haben,« – sagt' er und wies auf die Moxa – »so wird Seine Durchlaucht schon ein Podagra haben, so gut als eines im Lande ist.«

Die Ursache, warum der Provisor mehr gab, als rezeptieret war, ist, weil er auch seinen Kirchenstuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte; daher überdachte er erstlich ein fremdes Rezept so lange, bis ers genehmigte, und wog zweitens immer 1/11, 1/17 Skrupel zu viel oder zu wenig zu, um dem Doktor die Bürgerkrone der Heilung vom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen: »Bloß mit der Gabe muß ich meine Kuren tun«, sagte er. Viktor gönnte ihm den Irrsal: »Ein Provisor,« sagte er, »der den ganzen Flügel der Wiedergenesenden anführt und dem Doktor bloß den Nachtrab der Leichen zuteilt, hat für dieses Kurzleben schon Lorbeerkränze genug unter der Gehirnschale.«

Der Apotheker Zeusel hat Welt genug, um den Mietmann nicht durch ein aufgenötigtes Empfangs-Essen zu beschweren, und sagte ihm bloß den Zeitungartikel aus dem mündlichen morning chronicle der Stadt, daß der Fürst das Podagra weniger habe als suche und fixiere. Auch gab er ihm den italienischen Bedienten, den der Lord für ihn gemietet hatte, und das Zimmer.

– Und darin sitzt Sebastian jetzt auf der Fensterbrüstung allein und denkt – ohne Blick auf Schönheiten der Stube und der Aussicht – ernsthaft nach, was er denn eigentlich hier vorhabe morgen[727] und übermorgen und länger: »Morgen zünd' ich sonach los« (sagt' er und drehte die Quaste der Fensterschnur) – »ich und das Podagra sollen uns festsetzen beim Fürsten – Arg ists, wenn ein Mensch die gichtische Materie eines Regenten als Wasser braucht, um seine Mühle zu treiben – ein Herz-Polype, eine Kopf-Wassersucht sollte mich weniger ärgern als Hofmann, beides wären anständige Gnadenmittel und Floßfedern zum Steigen. – Nein, ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gehe gleich anfangs nicht nach, damit sie's nicht anders wissen. – Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im Vorzimmer ist zu denken.« (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die Freilassung von der ängstlichen Hofordnung einbedungen.) – »Ach ihr schönen Frühlingjahre! ihr seid nun über mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche gute Herzen.« – (Er wirbelte die Quastenschnur plötzlich kürzer hinauf.) »Aber du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest die Erde und gibst deine Tage preis für das Glück der Menschen. – Nein, dein Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbittern – er soll sich hier gescheit genug aufführen – und wenn du dann wiederkommst und hier am Hofe einen gehorsamen, einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn antriffst....« Als der Sohn gar dachte, daß er, wenn er so in gerader Aufsteigung am Hofe kulminierte, gewinnen könnte das Herz der Kaplanei, das Herz von Le Baut, das seines Vaters, das seiner sämtlichen Verwandten und (dacht' er anders daran) auch das von Klotilde: so hatt' er die abgedrehte Quaste wie eine Tuberose in seiner Hand.... und daher legt' er sich still zu Bette.

– Steh auf, mein Held! Die Morgensonne macht schon deinen Erker rot – springe unter dem Glockengeläute der Wochenpredigt und unter dem Getöse des heutigen Markttages in deine helle Stube! – Dein Vater, von dem du die ganze Nacht geträumt, hat sie voll musikalischen und malerischen Schiff und Geschirr gestellt, und du wirst den ganzen Morgen an ihn denken; – und doch schenkt dir der Erker noch mehr: den Blick auf einen grünen Streif von Feldern und auf Maienthals Anhöhen nach Abend –[728] den ganzen Marktplatz – das Privat-Haus des Stadtseniors gegenüber, dem du in alle Stuben? die er an deinen Flamin vermietet, schauen kannst! – –

Flamin ist jetzo aber nicht darin; denn er hatte meinen Helden schon angefaßt und mit meinen Worten angeredet: steh auf! Eine neue Lage ist eine Frühlingkur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit aus ihm; – und unter einem solchen heitern Himmel des Lebens tanzet heute mein Viktor mit allem – mit den Vormittaghoren – mit dem Regierungrate – mit dem Apotheker – durch die Apotheke hindurch neben dem Provisor vorbei, um oben auf dem Schlosse mit dem podagristischen Jenner einige Gänge zu machen.

– Er ist kaum eine halbe Stunde bei dem Fürsten gewesen, so sieht ihn Zeusel wieder in sein medizinisches Warenlager rennen.... »Ei ei!« denkt der Apotheker.

Aber es war ganz anders: Viktor gelangte durch ein Monturen-Verhau – denn die Gänge zu den Fürstenzimmern sind fast Zeltgassen, und die Regenten lassen sich so ängstlich umwachen, als besorgten sie, die ersten oder die letzten zu sein – ins Krankenzimmer. Vor einem Patienten, der in waagrechter Verfassung liegt, behält man die lotrechte leichter. Die Großen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Geräte mit ihrer eignen: – wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte: er wüßte sich zu benehmen. Aber Viktor war selber in gestickten und mit goldnen Eckenbeschlägen versehenen Zimmern erzogen. Da er den Freund seines Vaters in Schmerzen und mit eingepackten Beinen fand: so vertauschte er seine britische Unbefangenheit gegen die medizinische und fing, anstatt stolze fürstliche Fragen zu erwarten, ärztliche vorzulegen an. Als des Doktors ärztliches Beichtsitzen zu Ende war: so legte er die Hand, anstatt auf den Kopf des Beichtkindes, auf die Bibel daneben und wollte schwören und ließ es – bleiben, weil ihm etwas Besseres einfiel, und blätterte – das war ihm eingefallen – das Gichtbrüchigen-Evangelium in der Bibel auf und wies auf den Spruch: Steh auf, hebe dein Bette auf; »denn ans Podagra ist hier gar nicht zu denken«, sagte er. Er tat ihm dar, seine[729] ganze Krankheit sei Wind, figürlich und eigentlich gesprochen in den erschlafften Gefäßen haus' er und schleiche sich wie die Jesuiten unter allen Gestalten in alle Glieder ein – selber sein Schmerz in der Wade sei solcher versetzter Menschen- oder Gedärm-Äther. Der Leibarzt Kuhlpepper ist mit seinem Irrtum über den Fürsten zu entschuldigen; denn jeder Arzt muß sich eine Universalkrankheit auslesen, wofür er alle andere ansieht, die er con amore behandelt, in der er, wie der Theolog in Adams Sünde oder der Philosoph in seinem Prinzip, den ganzen Rest ertappet – es stand also in dem freien Willen Kuhlpeppers, sich zur Stamm-Krankheit, die das Nest-Ei und die Mutterzwiebel der Pathologie sein konnte, das Podagra – bei Männern, bei Weibern Flüsse – auszuklauben oder nicht. Da ers ausgeklaubt, so hat er auch suchen müssen, es bei Sr. Durchlaucht zu fixieren wie Pastell oder Quecksilber. – Jenner hatte – selber von seiner Kapelle – nie etwas Angenehmers gehöret als Viktors Behauptung, die ihn vom bisherigen Liegen, Medizinieren und Hungern loshalf. Viktor eilte in der Freude über die leichte Krankheit zum Rezeptieren davon, nachdem er an Trostes Statt behauptet hatte: »ein ätherischer Leib sei noch mitzunehmen und diene der Seele zwar zu keinem himmlischen Grahams-, aber doch zu einem Luftbette, das sich selber mache. Nur die armen Weiberseelen lägen – wenn man ihre Körper recht betrachte – auf stechenden Strohsäcken, glatten Husarensatteln und scharfen Wurstschlitten, indes tonsurierte oder tätowierte Geister (Mönche und Wilde) sich mit so hübschen, von geschabtem Fischbein gepolsterten Leibern44 zudeckten.«

– Fort lief er; und ich habe schon berichtet, daß der Apotheker nachher dachte: Ei, ei! – In der Apotheke sagte Viktor zum Provisor, an den er wie Salpeter anflog: »Herr Kollege, was denken Sie dazu, wenn wir bei Sr. Durchlaucht auf nichts kurierten als Wind? Sie sollen mir raten. Ich meines Ortes würde verordnen:


Pulv. Rhei orient.

Sem. Anisi Stellati

– Foeniculi[730]

Cort. Aurant. immat.

Sal. Tart. aa dr. I.

Fol. Senn. Alexandr. sine Stipit. dr. II.

Sacchar. alb. Unc. Sem. –


Fallen Sie mir bei: so hab' ich weiter nichts zu sagen als: C. C. M. f. p. Subt. D. ad Scatulam, S. Blähungpulver, einen Teelöffel voll öfters zu nehmen bei Gelegenheit.«

Da ihn der Provisor ernsthaft ansah: so sah er denselbigen noch ernsthafter an; und die Arzenei wurde ohne geänderte Dosis bereitet. Als er fort war, sagte der Provisor zu seinen zwei stutzenden Pagen: »Ihr zwei dummen Epiglottes, er hat doch so viel Verstand und fragt.«

Im Grunde braucht der Lebensbeschreiber den Umstand gar nicht zu motivieren – da ihn das Pulver und der Held motivieren –, daß Jenner auf die Beine kam noch denselben Tag.

Da Fürsten keinen Druck erfahren als den der Luft, die – in ihrem Leibe ist: so kannte Jenners Dank für die Befreiung von diesem Druck so wenig Grenzen, daß er den ganzen Tag den Doktor – nicht wegließ. Er mußte mit ihm dinieren – soupieren – reiten – spielen. Im Schlosse wars auszuhalten; es war nicht, wie Neros seines, eine Stadt in der Stadt, ein Flachsenfingen in Flachsenfingen, sondern bloß eine Kaserne und eine Küche, voll Krieger und Köche. Denn vor jedes Briefgewölbe voll Schimmel, vor jede Stube, wo acht Demanten lagen, vor jedes Türschloß und vor jede Treppe war ein Bajonett mit dem darangehefteten Schirm- und Schutzherrn gepflanzt. Die überzählige Küchenmannschaft wohnte und heizte im Schloß, weil Seine Durchlaucht beständig aß. Durch dieses beständige Essen wollte er sich das Fasten erleichtern; denn er rührte – weils Kuhlpepper so haben wollte – von den drei Ritual-Mahlzeiten der Menschen blutwenig an und konnte den Hofleuten, die seine strenge Diät erhoben, nicht ganz widersprechen. Ein Uhrmacher aus London war ihm in dieser Mäßigkeit am meisten dadurch beigesprungen, daß er ihm eine Bedientenglocke und ein Federwerk verfertigte, dessen Zeiger auf einer großen Scheibe im Bedientenzimmer stand; das[731] Zifferblatt war statt der Stunden und Monattage mit Eßsachen und Weinen gerändert. Jenner durfte nur klingeln und drücken: so wußte die Dienerschaft sogleich, ob die Zunge und der Viktualienzeiger auf Pasteten oder auf Burgunder weise. Dadurch – daß er wie eine Mühle klingelte, wenn sein innerer Mensch nichts mehr zu mahlen hatte – setzte er sich am leichtesten instand, eine strengere Diät zu halten, als wohl Ärzte und Sittenlehrer fodern könnten, und beschämte mehr als einen Großen, den man nach der Ausweidung im Tode aufs Paradebette legen sollte mit dem hungrigen Magen unter dem einen Arm und mit der durstigen Leber unter dem andern, wie man auch Kapaunen beide Eingeweide als Armhüte zwischen beide Flügel gibt.

Im Schlosse war Viktor zu Hause wie in der Kaplanei; denn der eigentliche Hof, der eigentliche Hof-Wurmstock und Froschlaich war bloß im Palast des wirklichen Ministers von Schleunes ansässig, weil der die Honneurs des Thrones machen mußte, die Gesandten, die Fremden einlud u.s.w. Die Fürstin wohnte im großen alten Schloß, das Paulinum genannt. So verlebte also Jenner seine Tage ohne Prunk, aber bequem, in der wahren Einsamkeit eines Weisen, und brachte sie mit Essen, Trinken, Schlafen zu; daher konnte ihn der flachsenfingische Prorektor ohne Schmeichelei mit den größten alten Römern vergleichen, an denen wir einen ähnlichen Haß des Gepränges bewundern. Jenner hatte im Grunde keinen Hof, sondern ging selber an den Hof seines wirklichen Ministers; aber höchst ungern: er konnte da nichts lieben, weder die Fürstin, die immer da war, noch Schleunes' ehelose Töchter, die noch wider sein Londoner Gelübde waren.

Nachts um 12 Uhr hätte Zeusel gern noch darhinter kommen wollen, wie alles sei, und brachte dem Leibmedikus seine Nichte Marie als Lakaiin zugeführet. Der Medikus, der keinen Narren in der Welt zum Narren haben konnte, zumal unter vier Augen, steckte dem dünnen Hecht die Raufe voll Wahrheit-Futter, das dieser begierig herausfraß wie Ananas. Marie war eine durch einen Prozeß verarmte, durch eine Liebe verunglückte Verwandte und Katholikin, die in der kalten höfischen Apothekers-Familie nichts empfing und erwartete als Stichwunden der Worte und Schußwunden[732] der Blicke – ihre aufgelöste und erquetschte Seele glich der Bruchweide, der man alle Zweige rückwärts mit der bloßen Hand herunterstreichen kann – sie fühlte bei keiner Demütigung einen Schmerz mehr – sie schien vor andern zu kriechen, aber sie lag ja immerfort niedergebreitet auf dem Boden. Als der sanfte Viktor diese demütige, seitwärtsgekehrte Gestalt, über die so viele Tränen gegangen waren, und dieses sonst schöne Gesicht erblickte, auf welches nicht Leiden der Phantasie ihre reizenden Maler-Drucke aufgetragen, sondern physische Schmerzen ihre Giftblasen ausgeschüttet hatten: so tat seinem Herzen das Schicksal der Menschen wehe, und mit der sanftesten Höflichkeit gegen Mariens Stand, Geschlecht und Jammer lehnte er ihre Dienste ab. Der Apotheker würde sich selber verachtet haben, wenn er diese Höflichkeit für etwas anders als feine Raillerie und Lebensart genommen hätte. Aber Viktor schlug sie noch einmal aus; und die Arme entfernte sich stumm und, wie eine Magd, ohne Mut zur Höflichkeit.

Am Morgen brachte ihm die Ausgeschlagene doch sein Frühstück mit gesenkten Augen und schmerzlich lächelnden Lippen; er hatt' es in seinem Bette gehört, daß der Apotheker und seine harten Holztriebe von Töchtern Marien das »lamentable greinerliche Air« vorgehalten und daraus den »refus des raillierenden« Herrn oben gefolgert hatten. Ihm blutete die Seele; und er nahm Marien endlich an – er machte sein Auge und seine Stimme so sanft und mitleidend, daß er beide dem weichsten Mädchen hätte leihen können; aber Marie bezog nichts auf sich. – –

Jenner konnte kaum abpassen, wenn er wiederkäme – –

Den dritten Tag wars wieder so – –

So auch die andere Woche – –

– Ich wünschte aber, meine Leser wären um diese Zeit durchs flachsenfingische Tor sämtlich geritten und diese gelehrte Gesellschaft hätte sich in die Stadt zerstreuet, um Erkundigungen von unserem Helden einzuziehen. Der Lesevortrab, den ich auf die Kaffeehäuser geschickt hätte, würde erfahren, daß der neue englische Doktor schon den alten gestürzt – dem Pfarrsohn in St. Lüne zum Regierratposten verholfen – und daß große Änderungen[733] in allen Departements bevorstehen. Das unter die Hof-Kellerei, – Schlächterei, – Fischmeisterei, – Kastellanei und – Dienerei verteilte Treffen würde mir mitbringen, daß der Fürst dem Doktor nicht auf die Finger, sondern auf die Achsel geklopfet daß er ihm vorgestern sein Bilderkabinett eigenhändig gezeigt und das beste Stück daraus geschenkt – daß er in der Komödie mit ihm aus der Hauptloge herausgesehen – daß er ihm eine steinreiche Dose geschenkt (die gewöhnliche Regenten-Bürgerkrone und deren Friedenpfeife, als wenn wir Grönländer wären, die sich nichts lieber schenken lassen als Schnupftabak) und daß sie miteinander auf Reisen gehen werden. – Zwei der allerfeinsten und stiftfähigsten Leser, die ich aus diesen Kolonnen ausgeschossen, und wovon ich den einen ins Paulinum an die Fürstin, den andern zum wirklichen Minister abgefertigt hätte, würden mir wenigstens die Neuigkeit rapportieren, daß Fürst und Doktor miteinander bei beiden gewesen, und daß beide den Helden für einen sonderbaren scheuen schweigenden Briten, der alles dem Vater verdanke, angesehen hätten – – –

Aber die letzte Neuigkeit, die mir die Leser erzählt haben, können sie ja unmöglich wissen, und ich will sie ihnen selber erzählen.

– Eh' ich das vortrage, klär' ichs nur noch mit drei Worten auf, warum Viktor so hurtig stieg. Es kann Evangelisten Matthieu unter meinen Lesern geben, die dieses schnelle Steigen wie das des Barometers für das Zeichen eines frühen Fallens nehmen – welche sagen, Lorbeere und Salat, den man in 24 Stunden durch Spiritus auf einem Tuche zum Reifen nötigt, welken ebensobald wieder ab – ja die sogar spaßen und das fürstliche Gedärm mit seinem Äther für eine Fisch-Schwimmblase meines Helden ausgeben, der nur durch ihr Füllen stieg. – – Berghauptmänner lachen solche Leser aus und halten ihnen vor: daß die Menschen, besonders die Residenten auf Thronen, einen neuen Arzt für ein neues Spezifikum ansehen – daß sie einem neuen am meisten gehorchen – daß Sebastian das erstemal sich gegen jeden am feinsten betrug, hingegen bei alten Bekannten ohne Not nichts Witziges sagte – daß Jenner jeden liebte, den er zu durchschauen vermochte, und daß er glücklicherweise meinen Helden bloß für einen heitern Lebelustigen[734] erkannte und um seinen Kopf keine Bosische Beatifikationt45 bemerkte, die nach Phosphor stinkt und schmerzliche Funken auswirft – daß Viktor nicht wie Le Baut ein Scherbengewächs in einer Krone war, sondern eine darüber erhöhte, im Freien hängende Hyazinthe – daß er heiter war und heiter machte – und daß ein anderer Berghauptmann mit seinen Lesern gar nicht so viel Umstände gemacht haben würde als ich. Er hätte ihnen bloß den Hauptumstand gesagt, daß der Fürst an Viktor eine bezaubernde Ähnlichkeit mit seinem fünften (auf den sieben Inseln verlornen) Sohn, dem Monsieur, im Scherzen und Betragen gefunden und liebgewonnen hätte, und daß er diese Bemerkung schon in London, obgleich Viktor fünf Jahre jünger als jener war, gemacht.

Jenner wollte selber seinen Liebling jedem vorstellen, also auch der Fürstin. Die Philosophen haben es zu erklären, warum Sebastian sich nicht eher, als bis er neben dem fürstlichen Eheherrn auf dem Kutschkissen saß, auf das tolle verliebte Streifchen Papier besann, das er in Kussewitz über den Imperator der montre à regulateur aufgeklebt und der Fürstin zum Kaufe dareingegeben hatte. Er fuhr zusammen und hielts für unmöglich, daß er ein solcher Narr sein können. Aber einem Menschen ist so etwas leicht. Seine Phantasie warf auf jede Gegenwart, auf jeden Einfall so viel Brennpunkt-Lichter aus tausend Spiegeln zurück und zog um die Zukunft, die darüber hinauslag, so viel gefärbten Schatten und blauen Dunst herum, daß er ordentlich erschrak, wenn ihm eine närrische Handlung einfiel; denn er wußte, wenn er sie noch zehnmal zurückgewiesen und noch dreißigmal übersonnen hätte, daß er sie dann – begehen würde. – Da beide vor die Fürstin traten: so war Viktor in jener angenehmen Verfassung, welche Informatoren und jungen Gelehrten nichts Neues ist, die ihnen die Glieder verknöchert und das Herz zersetzt und die Zunge versteinert- nicht die Gewißheit, daß Agnola (so hieß die Fürstin) jenes Uhr-Inserat gelesen habe, machte ihn so verlegen, sondern die Ungewißheit. In der Angst dachte er gar nicht daran, daß sie ja seine Handschrift und den Autor des Schnitzchens nicht einmal[735] kenne; und denkt man auch in der Angst daran, so geht sie doch nicht weg.

– Aber alles war zugleich über, unter, wider seine Erwartung. Die Fürstin hatte das empfindsame Gesicht mit der Reisekleidung weggelegt und ein festes feines Galagesicht dafür aufgetragen. Der gekrönte Ehevogt Jenner wurde von ihr mit so viel warmem Anstand empfangen, als wär' er sein eigner – Ambassadeur vom ersten Range. Denn Jenner, dessen Herzscheibe sich am elektrisierenden Kissen einer schönen Wange oder eines Busentuchs voll Funken lud, hatte eben deswegen gegen Agnola, mit der er bloß der Politik wegen die Konkordaten der Ehe abgeschlossen, alle Wärme seines Monatnamens. Gegen Viktor, den Sohn ihres Erbfeindes, den Nachfahrer des Hausdiebes der fürstlichen Gunst, hegte sie, wie leicht zu erachten, wahre – Zärtlichkeit. Unser armer Held betroffen über Jenners Kälte, für die er sich von der Gemahlin eben keine sonderliche Wärme gegen sich selber versprach – betrug sich so ernsthaft wie der ältere und jüngere Kato zugleich. Er dankte Gott (und ich selber), daß er fortkam.

Aber unter dem ganzen Wege dachte er: »Hätt' ich nur mein Sendschreiben aus dem Uhr-Kuvert heraus! Ach ich täte dann alles, arme Agnola, dich zu versöhnen mit deinem Schicksal und mit deinem Gemahl!« – »Ach St. Lüne,« – (setzte er unter dem Vorbeifahren vor dem Stadtsenior hinzu) – »du friedlicher Ort voll Blumen und Liebe! Die Hatzpachtung versendet deinen Bastian von einem Hatzhaus ins andre.«

Denn er mußte höflichkeithalber doch auch zum wirklichen Minister – und Jenner nahm ihn mit. Dorthin ging er mit Lust, gleichsam wie in ein Seegefecht oder in ein Kontumazhaus oder in den russischen Eispalast.

Möbeln und Personen waren in Schleunes' Hause vom feinsten Geschmack. Viktor fand darin von den Wackelfiguren und Hofleuten an bis zu den Basaltbüsten alter Gelehrten und zu den Puppen der Schleunesschen Töchter, vom geglätteten Fußboden bis zu den geglätteten Gesichtern, vom Puderkabinett bis zum Lesekabinett beide schminkten den Kopf schon im Durchmarsch –, kurz, überall fand er alles, was die Prachtgesetze je – verboten[736] haben. Seine erste Verlegenheit bei der Fürstin gab ihm die Stimmung zu einer zweiten. Es war der alte Viktor gar nicht mehr. Ich weiß voraus, daß ihn die löblichen Schullehrer am Marianum in Scheerau darüber hart anlassen werden – zumal der Rektor –, daß er so wenig Welt hatte, daß er dort witzig ohne Munterkeit, gezwungen-frei ohne Gefälligkeit, zu beweglich mit den Augen, zu unbeweglich mit andern Gliedern war. Aber man muß diesen Hof- und Schulleuten vorstellen: er konnte nichts dafür. Der Rektor selber würde so gut wie Viktor verlegen gewesen sein vor der schöngeisterischen Ministerin, die zwar Meusel noch nicht, aber doch der Hof in sein gelehrtes Deutschland gesetzt – vor ihren spottsüchtigen Töchtern, zumal vor der schönsten, die Joachime hieß – vor einigen Fremden – vor so viel Leuten, die ihn haßten vom Vater her, und die ihn beobachteten, um sein Verhältnis mit dem Fürsten zu erklären und zu rechtfertigen – vor der Fürstin selber, die der Henker auch da hatte – vor Matthieu, der hier in seinem Element und in seiner Hauptrolle und Bravourarie war – und vor dem Minister. – Zumal vor dem letzten: Viktor fand an diesem einen Mann voll Würde, dem die Geschäfte die Artigkeit nicht nahmen, noch das Denken den Witz, und den eine kleine Ironie und Kälte nur noch mehr erhoben, der aber Gefühl, Gelehrte und die Menschen zu verachten schien. Viktor dachte sich überhaupt einen Minister – z.B. Pitt – wie einen Schweizer-Eisberg, an welchen oben Wolken und Tau als Nahrung anfrieren, der die Tiefe drückt und im Wechsel zwischen Schmelzen und Vereisen unten große Flüsse aussendet, und aus dessen Klüften Leichname steigen.

Jenner selber wurde unter ihnen nicht recht froh; was halfen ihm die feinsten Gerichte, wenn sie durch die feinsten Einfälle verbittert wurden? Der Spieltisch war daher – zumal bei der friedlichen Landung seiner Gemahlin – sein ruhiger Ankerplatz; und sein Viktor war dasmal auch froh, neben ihm zu ankern. Mein Korrespondent meint, den Stimmhammer zu diesem überfeinen, dreimal gestrichenen Ton drehte bloß die Ministerin, die alle Wissenschaften im Kopfe und zwar auf der Zunge hatte und deswegen wöchentlich ein bureau d'esprit hielt. In dieser lächerlichen[737] Verfassung verspielte Sebastian seinen Abend und verschluckte sein Souper: er konnte gut erzählen, aber er hatte nichts zu erzählen – in den wenigen Contes, die ihm beiwohnten, war alles namenlos, und dem Zirkel um ihn waren gerade die Namen das erste – seine Laune konnt' er auch nicht gebrauchen, weil so eine wie die seinige den Inhaber selber in ein sanftes komisches Licht stellet, und weil sie also nur unter guten Freunden, deren Achtung man nicht verlieren kann, aber nicht unter bösen Freunden, deren Achtung man ertrotzen muß, in ihren Sokkus und Narrenkragen fahren darf – er genoß nicht einmal das Glück, innerlich alle auszulachen, weil er keine Zeit dazu hatte, und weil er die Leute nicht eher lächerlich fand als hinter ihrem Rücken. – –

Verdammt übel war er dran – »Ich komm' euch sobald nicht wieder«, dachte er – und als der Mond durch die zwei langen Glastüren des Balkons, der auf den Garten hinaussah, mit seinem träumerischen Lichte einging, das draußen auf stillere Wohnungen, schönere Aussichten und ruhigere Herzen fiel: so schlich er (da seine Spiel-Maskopeigesellschaft durch den Fürsten nach dem Essen zertrennt war) auf den Balkon hinaus, und die auf der Erde und am Himmel blinkende Nacht erhob seine Brust durch größere Szenen. Mit welcher Liebe dachte er da an seinen Vater, dessen philosophische Kälte dem Jennerschnee gleich war, der die Saat gegen Frost bedeckt, indes die höfische dem Märzschnee ähnlicht, der die Keime zerfrisset! Wie sehr warf er sich jeden unzufriedenen Gedanken gegen seines rechtschaffenen Flamins kleinen Mangel an Feinheit vor! O wie richtete sich sein innerer Mensch wie ein gefallener und begnadigter Engel auf, da er sich Emanuel an der Hand Klotildens dachte, der ihn selig fragte: »Wo fandest du heute ein Ebenbild von meiner Freundin?« – Jetzo sehnte er sich unaussprechlich in sein St. Lüne zurück....

Seine steigenden Herzschläge hielt auf einmal Joachime an, die mit einem ins Zimmer gerichteten Gelächter herauskam. Da es ihr schwer fiel, nur eine Stunde zu sitzen (mich wundert, wie sie eine ganze Nacht im Bette blieb), so machte sie sich, sooft sie konnte, vom Stangengebiß des Spieles los. Die Fürstin band sie[738] dasmal ab, die wegen ihrer kranken Augen diese Nachtarbeit der Großen aussetzte. Joachime war keine Klotilde, aber sie hatte doch zwei Augen wie zwei Rosensteine geschliffen – zwei Lippen wie gemalt – zwei Hände wie gegossen – und überhaupt alle Glieder-Doubletten recht hübsch.... Und damit hält ein Hofarzt schon Haus; wenn auch die einfachen Exemplare (Herz, Kopf, Nase, Stirn) keiner Klotilde zugehören. Da er nun unter dem großen Himmel seinen Mut und auf dem Balkon, der für ihn allemal ein Sprachzimmer war, seine Zunge wiederbekam – da Joachimens Ton ihn wieder in seinen zurückstimmte – da sie das Schweigen der Briten antastete und er die Ausnahmen verteidigte – da er jetzt am Faden der Rede sich wie eine Spinne hinauf- und hinablassen konnte und nicht mehr zu stören war durch die Fürstin, die nachgekommen war, um die entzündeten Augen in der Nacht abzukühlen – und da man nur dann klagt, Langweile zu empfinden, wenn man bloß selber eine macht – und da ich alles dieses hersetze, so tu' ich (glaub' ich) einem Rezensenten genug, der hinter dem Kutschkasten des Fürsten steht und nachsinnt und wissen will, woran er sich (außer den Lakaienriemen) zu halten habe, wenn unter ihm Viktor im Wagen während des Heimfahrens des Ministers Haus nicht zum Teufel wünscht, sondern zufriedner denkt: meinetwegen! –

Dem Fürsten schlug der Umgang Viktors so gut zu, daß er sich vorstellte, er könne ihn so wenig wie ein Stiftfräulein das Ordenzeichen außer Hause vom Leibe tun. Er stürzte allezeit den Ordenkelch und Willkommen des warmen Sprudels einer neuen Freundschaft so unmäßig hinein wie ein Gast in Karlsbad den seinen. Wenn er Langweile hatte, wurde der Medikus ersucht, zu kommen, damit sie wiche; wenn er innern Jubel spürte, wurde jener wieder angefleht, zu erscheinen, damit er den Jubel mitgenösse. Nur die Zeit, wo Jenner weder Langeweile noch das Gegenteil empfand, blieb seinem Freunde ganz zu freier Verwendung. Viktor hatte vorher geschworen, leicht abzuschlagen, und auf die Leute losgezogen, die bewilligten; jetzt sagt' er aber: »Der Teufel sage Nein! Es komm' nur ein Mensch erst in die Lage!«- – Und so mußte der arme Viktor lauter leere Kreise voll[739] Schwindel im Hof-Zirkel des Thrones beschreiben, unter Menschen, für deren Ton er leichter ein Ohr als eine Zunge hatte, und die er erraten und doch nicht gewinnen konnte.

Ein Jüngling, in dessen Brust die Nachtstücke von Maienthal und St. Lüne hängen – oder einer, der aus einem Baddörfchen anlangt – oder einer, der vorhat sich zu verlieben – oder einer, der in großen Städten oder in ihren großen Zirkeln ein müßiger Zuschauer sein muß, jeder von diesen ist schon für sich auch ein mißvergnügter darin und stößet in seine kritische Pfeife so lange gegen die spielende Gesellschaft, bis sie ihn selber – anwirbt. Kommen aber alle diese Ursachen gar in einem einzigen Menschen zusammen: so weiß er gegen seine Gallenblase keinen Rat und keinen Gallengang, als daß er feines Papier nimmt und an die Eymannischen in St. Lüne einen verdammt spöttischen Brief über das Gesehene abläßt.

Mein Held ließ folgenden an den Pfarrer ab:


»Mein lieber Herr Adoptiv-Vater!

– Ich hatte bisher nicht so viel Zeit übrig, um die Augen aufzuheben und zu sehen, was wir für einen Mond haben. Wahrhaftig, einem Hofe fehlts zur Tugend schon – an Zeit. Der Fürst führt mich überall wie ein Riechfläschchen bei sich und zeigt seinen närrischen Doktor vor. Mich werden sie bald nicht ausstehen können, nicht weil ich etwan etwas tauge – ich bin vielmehr fest versichert, sie ertrügen den tugendhaftesten Mann von der Welt ebensogut wie den schlimmsten, und das bloß, weil er ein Anglizismus, ein homme de Fantaisie, ein Naturspiel wäre –, sondern weil ich nicht genug rede. Geschäftleute bekümmern sich um keinen Gespräch- und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist die Zunge die Pulsader ihres welken Lebens, die Spiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; alle sind geborne Kunstrichter, die auf nichts als Wendung, Ausdruck, Feuer und Sprache sehen. Das macht, sie haben nichts zu tun; ihre gute Werke sind Bonmots, ihre Meßgeschäfte Besuchkarten, ihre Hauswirtschaft eine Spiel- und ihre Feldwirtschaft eine Jagdpartie, und der kleine Dienst eine Physiognomie.[740] Daher müssen sie fremde Fehler den ganzen Tag in Ohren haben gegen die schlaffe Weile, wie die Ärzte die Krätze einimpfen gegen Dummheit: ein Hofstaat ist das ordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkeiten, sogar von euch Bürgerlichen, wenn ihr gerade etwas recht – Lächerliches getan habt. Zu wünschen wäre, wir hätten Festins, oder Spielpartien, oder Komödien, oder Assembleen, oder Soupers, oder etwas Gutes zu essen, oder irgendeine Lustbarkeit; aber daran ist nicht zu denken – wir haben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namen davon; der Kammerpräsident würde die Achsel zucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so glänzend fröhlich sein wollten, als Sie es des Monats viermal sind. Da unsere Woche aus sieben Sonntagen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur Kalenderzeichen, Zeit Abschnitte, auf die niemand achtet, und ein Festin ist nichts als ein Spielraum der Plane, die jeder hat, das Brettergerüst seiner Hauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetzten Intrige gegen Opfer der Liebe oder des Ehrgeizes. Hier ist jede Minute eine stechende Moskite, und der Distelsame des schöngefärbten Kummers fliegt weit herum.

Viele Weiber sind da gut und Anhänger des Linnäus, und ihre Augen ordnen die Männer botanisch nach seinem schönen einfachen Sexualsystem; sie machen unter tugendhafter und lasterhafter Liebe einen großen Unterschied, nämlich den des Grades oder auch der Zeit; und die Beste spricht oft darüber wie die Schlimmste, und die Schlimmste wie die Beste. Indessen gibts hier weibliche Tugend und männliche Treue in ihrer Art – aber einem Pfarrer ist davon kein Begriff beizubringen; denn diese zwei Geleen oder Gallerte sind so zart und weich, daß ich sie, wenn ich sie auch von allen Stufen des Throns hinuntertragen wollte in die Kaplanei, doch so verdorben und anbrüchig hinabbrächte, daß man ihnen drunten die zwei entgegengesetzten Namen geben würde, für die wir doch schon unsre besondern Gegenstände oben haben. Die Bürgerlichen würden unsere bejahrten Männer in der Liebe lächerlich finden, und diese euere Töchter. – Was mir aber dieses glückliche Hofleben oft versalzet, ist der allgemeine Mangel an Verstellung. Denn hier glaubt keiner, was er hört, und[741] denkt keiner, wie er aussieht; alle müssen nach den ordentlichen Spielgesetzen, gleich den Karten, einerlei obere Seite haben und äußere Gesichtstille auf inneres Glühen decken, wie der Blitz nur den Degen, aber nicht die Scheide zerstört. – Folglich kann, da eine allgemeine Verstellung keine ist und da jeder dem andern Gift zutraut, keiner belügen, sondern jeder nur überlisten; nur der Verstand, nicht das Herz wird berückt. Inzwischen ist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit; denn jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. Übrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Äußern verbraucht werden, notwendig vom Innern abgekratzet, aber zum Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; so sah ich oft im Walde Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuern Haarpelz weggesogen war, der nach dem Tode fortgewachsen.

Wenn man den Inhalt des Throns und des platten Pöbel-Landes vergleicht, so scheinet die physikalische und moralische Erhabenheit der Menschen im umgekehrten Verhältnis mit der ihres Bodens zu stehen, so wie die Einwohner der Marschländer größer sind als der Bergländer. Aber gleichwohl tragen jene erhabnen Leute den Staat leicht auf Schmetterlingflügeln, überschauen sein Räderwerk mit dem hundertäugigen Papillon-Auge und beschirmen mit einem Spazierstöckchen das Volk vor Löwen, oder jagen damit die Löwen in dem Volk, wie in Afrika Hirtenkinder mit einer Peitsche naturhistorische Löwen vom Weidevieh abschrecken... Lieber Herr Hofkaplan! diese Satire schmerzte mich schon auf der vorigen Seite; aber man wird hier boshaft, so wie eitel, ohne zu wissen wann, jenes, weil man zu sehr auf andere, dieses, weil man zu sehr auf sich merken muß. Nein! Ihr Garten, Ihre Stube ist schöner; da gibt es keine steinerne Brust, an der man die Arme und Adern der Freundschaft kreuzigt wie ein Spaliergewächs; da muß man sich nicht täglich wie ich zweimal rasieren lassen und dreimal frisieren; da darf man doch seinen gewichsten Stiefel anziehen. Schreiben Sie Ihrem Adoptivsohne bald – denn ich schlage mir das Fest Ihres Besuchs noch ab. –[742] Sind viel Kindtaufen und Leichen? – Was macht der Fuchs und der taube Balgtreter? – Eben wird jetzo der Mörser statt Ihrer Ratten-Trommel unter mir gerührt. – – Leben Sie wohl.

Und Sie grüß' ich jetzt erst, geliebte Mutter! Meine Hand ist warm, und in meinem Herzen klopfen ein paar Seelen, weil jetzt Ihr Angesicht voll mütterlicher Wärme alle meine satirischen Eisspitzen bescheint und in warmes Blut zerschmelzt, das für Sie schlagen und für Sie fließen will. Wie tut es so wohl, wieder zu lieben! Ihr zweiter Sohn (Flamin) ist gesund, aber zu fleißig, und gegenwärtig in St. Lüne. Grüßen Sie meine Schwestern und alles, was Sie liebt.

Sebastian.«


*


Er hob den Brief auf, um den Regierrat, der seine Person mit haben wollte, doch mit einer Fracht abzufertigen.

Indessen wurden seine und Jenners gemeinschaftliche Besuche mit ihren Theaterknoten zu ganz andern Nervenknoten der Freundschaft zwischen Jenner und ihm – und zugleich machten sie den Ruf dieser Freundschaft größer. In St. Lüne, in Le Bauts Hause, wurde dreimal mehr daraus gemacht, als daran war – im Pfarrhause neunmal.

Dazu kam eine Kleinigkeit, nämlich eine Schlägerei – eigentlich zwei. Ich habe den Vorfall vom Spitz, Viktor ihn von Flamin, dieser von Matthieu, in dessen edlem historischen Stil er hier der Nachwelt übergeben werden kann. Der Evangelist schämte sich keines Bürgerlichen, sobald er ihn zum Narren haben konnte. Daher besuchte er den Hofapotheker ohne Bedenken. Diesem, der den Kasernenmedikus Kuhlpepper wegen seiner stolzen Grobheit und wegen der untern Note46 innig haßte, hatte Matthieu längst versprochen, den Doktor zu stürzen. Da der letzte und das Podagra durch Viktor wirklich von Jenners Füßen vertrieben waren: so ließ der Evangelist dem Apotheker merken, er selber würde[743] ohne dessen Wink und Wünsche weit weniger zum Falle Kuhlpeppers beigetragen haben, als er getan. Zeusel – zumal da er den Nachfahrer des Kasernenmedikus im Hause hatte – kam nach einigen Tagen mit der gewissen Überzeugung aufs Billard, daß er aus seiner Apotheke heraus Kuhlpeppern das unsichtbare Bein untergestellet und ihn von den Thronstufen herabgeworfen. Dort war zum Unglück der Kasernenmedikus selber und der edle Matz. Zeusel kam auf diesem Theater mit den Festons von drei Uhrketten an – mit einem Paar Hosen, auf deren Knien einige Arabesken gedruckt waren – mit einer doppelten Weste, doppelten Halsbinde und im Gesicht mit doppelten Ausrufzeichen über den Kasernenmedikus – seine Geldbörse saß gerade unter dem heiligen Bein, weil er, wie einige Engländer, die Hosentasche in die Gegend der Hosenschnalle hatte verstecken lassen. Er hatte als Kammermohren seinen hagern langen Provisor mit, der im Neben-Trinkzimmer auf den sehr kurzen Provisor der zweiten oder Kanaillen-Apotheke stieß. Der kurze Provisor folgte aus Haß dem langen überall, bloß um ihn zu ärgern; aber diesesmal war er bloß vom Lande zurück mit einigen von Wiedergenesenden einkassierten Hühnereiern. Matthieu nahm sich – nach einem exegetischen Wink an Zeusel – die Freiheit, über das fürstliche Podagra Kuhlpeppers Meinung zu sein. Kuhlpepper, der ein alter Deutscher sein wollte – solche alte Deutsche können sich nie im Zorn, aber recht gut aus Eigennutz verstellen –, feuerte ab und sagte, der englische Doktor sei ein ganzer Ignorant. Zeusel faßte mit einem weiten Lächeln wie mit einem Buchdruckerstock seine höfische Verachtung gegen den groben Mann ein. Der Medikus sah wie der Gleicher, der Apotheker wie Spitzbergen aus. Jetzo wurde bloß über das Podagra geturnt. Der Kampfwärter und Turniervogt Matthieu gab zu verstehen, »Zeusel liebe zwar seinen Fürsten und Herrn, aber er wünsche doch, daß diese Liebe die besten Mittel und die heilsamsten Einflüsse gehabt.« – »In den H-« (sagte Kuhlpepper) »kann der da Einfluß haben.« – Als sich der Apotheker deswegen stolz und verächtlich in die Höhe richtete: drückte ihn der Doktor langsam auf den Stuhl und auf seinen Geldbeutel nieder, und[744] die auf die Achsel eingeschlagne Hand nagelte den kleinen Zierling samt der Börse an den Sessel an.

Diese Befestigung verdroß den Schneidervogel am meisten, und er versetzte, in die Höhe wollend: »noch heute würde er, wenn er zu Rate gezogen würde, Sr. Durchlaucht die jetzige bessere Wahl anraten.« Der Kasernenmedikus mochte vielleicht die Hand zu hurtig von der Achsel abdecken; denn er bestrich damit, wie mit einer Kanone, die Nase seines Gegners, worauf diese ein Blut wie der heilige Januar entließ. Der Evangelist bedauerte es für seine Person, »daß zwei so verständige Männer sich nicht miteinander entzweien und schlagen könnten ohne persönlichen Haß und ohne Hitze, da sie gleich kriegenden Fürsten sich ohne beides anfallen könnten – aber das Bluten bestätige Zeusels Wallung zu sehr«. – Zeusel rief zum Doktor: »Sie Grobian!« – Dieser nahm im Grimme wirklich die Matthäische Meinung an, jener blute nur aus Grimm, und verglich ihn mit den Kadavern, die in alten Zeiten zwar bei Annäherung des Mörders bluteten, aber bloß aus ganz natürlichen Ursachen. Der Medikus suchte also seinen gleich einem Fürsten oben vergoldeten Stecken auf und beurlaubte sich mit der gekrönten Stange, indem er sie einige Male gleichsam magnetisch-streichend über Zeusels Finger führte; aber ich würde den Stab, wenn ich an der Stelle anderer Leute wäre, weder ein Hörrohr für Zeuseln nennen, das der Arzt an ihn, wie man Schwerhörigen öfters tut, anstieß, damit dieser besser hörte, noch auch einen Türklopfer, den er der Wahrheit vorstreckte, damit sie leichter in den Apotheker einkonnte: sondern er wollte bloß seine Finger nötigen, das Schnupftuch fallen zu lassen, damit er ihm ins Gesicht beim Abschied schauen könnte, den er in die schonende Wendung kleidete: »Sag Ers Seinem Doktor, er und Er da, ihr seid die zwei größten Stocknarren in der Stadt.«

Vor den letzten Worten verhielten sich beide Provisores ruhig genug, nicht mit der Zunge – denn der lange Provisor sang als zweites Chor mit demselben Kriegsliede den kurzen an und war echter Anti-Podagrist –, sondern sonst. Wer überlegt, daß der lange meinen Helden wegen seiner Höflichkeit liebte und den[745] kurzen nicht leiden konnte, weil Kuhlpepper alles bei diesem verschrieb, der würde von dem Paare nichts Geringers erwarten als den Widerschein des Billardzimmers; aber der lange Provisor war gesetzt und breitete erhebliche Wahrheiten nie wie Portugal mit Blute aus, sondern er nahm – sobald der Kasernenmedikus den Hofmedikus einen Stocknarren genannt hatte – still den Hut des kurzen Provisors, der in solchen des Zerknickens wegen seine Eier-Gefälle niedergelegt hatte, und setzte besagte Eier dem Professionverwandten ohne Ingrimm auf; und mit geringem Druck paßte er den Doktorhut, der eine halbe Elle zu hoch saß, seinem Freunde – um so mehr, da auch Kastor und Pollux Eierschalen aufhatten – promovierend recht an und ging fort, ohne eben viel Dank für das aufgesetzte Filz-Gefüllsel und den fließenden Gesicht-Umschlag haben zu wollen.

Schlägereien breiten kleine, wie Kriege große Wahrheiten aus. Der Hofkaplan Eymann sandte ein langes Glückwunschschreiben an Viktor und hieß ihn »Jenners Nierenlenker« und bat um seinen Besuch. Ein »Ranzenadvokat« klopfte bei ihm wie bei einer höhern Instanz an und bat ihn um eine fürstliche Einschreitung gegen das Regierkollegium. Der Apotheker hält mit seinem Gesuch um ein Lavement noch zurück.

Viktor sparte sich noch den ersten Besuch in St. Lüne auf wie eine reifende Frucht und ärgerte dadurch den Regierrat, der ihn hinbereden wollte. Aber er sagte: »Die Hinterbliebenen eines Orts sehnen sich nach dem, der daraus fort ist, so lange unbeschreiblich, bis er den ersten Besuch gemacht, so wie er auch. Nach dem ersten passen beide Parteien ganz gesetzt und kalt den zweiten ab.«- Was er nicht sagte und dachte, aber fühlte und fürchtete, war: daß seine Halbgöttin Klotilde, die das Allerheiligste in seiner Brust bewohnte, und die seiner Seele durch ihre Unsichtbarkeit teurer, nötiger und eben darum gewisser geworden war, ihm vielleicht bei ihrer Erscheinung alle Hoffnungen auf einmal aus seinem Herzen ziehe. –

Es war am Abend des empfangenen Eymannischen Briefes, wo er so phantasierte: »Wenn doch Jenner nur so gesund bliebe! – Er muß Bewegung haben, aber eine ungewohnte – der Reiter[746] muß gehen, der Fußgänger fahren. – Wir sollten miteinander zu Fuß durchs Land ziehen, verkleidet. – Ach ich könnte vielleicht manchem armen Teufel nützen – wir schlichen heimwärts durch St. Lüne – Nein, nein, nein«...

Er erschrak selber vor einem gewissen Einfall – denn er besorgte, er würde ihn, da er ihn einmal gehabt, auch ausführen, daher sagte er dreimal Nein dazu. Der Einfall war der, den Fürsten zu Klotildens Eltern hinzubereden. – Es half aber nichts: es fiel ihm bei, daß sein Vater ein zu strenges Rügegericht über den Kammerherrn und den Minister gehalten – »Was will mir Le Baut schaden! Wenn ich dem armen Narren nur drei Sonnenblicke von Jenner zuwendete! – Das Gescheiteste ist, ich denke heute nicht mehr dar über nach.«

Der Hund wird uns Antwort bringen; ich meines Ortes wette – ein feiner Menschenkenner auf meiner Insel wettet hingegen, der Held macht diesen Spaß –, daß er ihn nicht macht.

44

Geschabtes Fischbein fanden die Briten als das weichste Lager aus.

45

So heißet der Schimmer um den Kopf, wenn man elektrisiert ist.

46

Kuhlpepper tat ihm nie den Gefallen, um den er ihn so oft bat, daß er dem Fürsten ein Klistier verordnete, welches alsdann der Apotheker selber gesetzet hätte, um nur einmal dem Regenten beizukommen und dessen schwache Seite in seine eigne Sonnenseite zu verwandeln.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 725-747.
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