28. Zykel

[140] Über den Gabelweg, dessen rechte Zinke nach Lilar geht, spornte Albano sein Pferd bange hinüber und flog den Berg hinauf, bis die helle Stadt wie eine erleuchtete Peterskuppel lang und breit in der Frühlingsnacht seiner Phantasien brannte. Sie legte wie ein Riese den Oberleib (die Bergstadt genannt) auf die Anhöhe und streckte die andre Hälfte (die Talstadt) in das Tal. Es war Mittag und keine Wolke am Himmel; in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller blanker Scheibe da, indes ein Dörfchen erst abends aus dem ersten Viertel ins Vollicht tritt. Sie war gut fortifiziert, nicht von Rimpler oder Vauban, sondern von einem wachsenden Pfahlwerke aus Linden. Oben leuchtete unserm Alban die lange Wand der Paläste der Bergstadt entgegen, und die Statuen auf ihren welschen Dächern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn – über alle Paläste zog sich das eiserne Gebälke der Ableiter als ein Throngerüst des Donners mit goldenen Zepterspitzen – seitwärts hinab lagerte sich die Talstadt neben den Fluß zwischen Alleenschatten, mit den bunten Fassaden gegen die Gassen und mit dem weißen Rücken gegen die Natur gewandt – die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschälten Stämmen, und die Kinder klatschten mit den Rinden – die Tuchmacher spannten grüne Tücher wie Vogelwände gegen die Sonne aus – aus der Ferne zogen weißbedeckte Fuhrmannswagen die Landstraße daher, und an den Seiten des Weges graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten hellen Lindenknospen und über alle diese Massen schwebte das Mittagsgeläute aus den lieben vertrauten[140] Türmen (diesen Resten und Leuchttürmen aus seiner dunklern Zeit) gleichsam verknüpfend und beseelend und rief die Menschen freundlich zusammen.- –

Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden, der endlich in die offnen, aus Sonnentempeln gebaueten Gassen einreitet, wo ja vor jedem langen Fenster, auf jedem Balkon Liane stehen kann – wo sich die lügnerischen oder prophetischen Rätsel von Isola bella entwickeln müssen – wo sich alle Hausgötter und Hausparzen seiner nächsten Zukunft verstecken – wo nun der Montblanc des Hofes und die Alpen des Parnasses, die er beide zu besteigen hat, dicht mit ihrem Fuße an ihm liegen. – – Mich hätt' es in etwas beklommen; aber im Jünglinge, zumal vor dem Kronleuchter der Sonne, loderte ein Leuchtregen nieder. O wenn der Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Merkuriussäule hoch, gesetzt auch, das äußere Wetter wäre nicht das beste.

Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein so labendes Getümmel geraten sein wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus ihren Kanzeln und schwarzen Höhlen herunter, und ein Bauredner auf dem Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die künftige Feuersbrunst und dämpfte eine eigne und schleuderte den gläsernen Feuereimer weit über das Gerüste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des Dach-Sprechers geritten und durch die Armreihen blühender Musensöhne, worunter Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht: so stoßen wir doch vor seiner künftigen Wohnung auf ein neues Geschrei.

Es machts der Landphysikus Sphex, sein Mietsherr, der ihm den halben Palast (denn der Doktor ist begütert durch Kuren) absteht, weil das Haus gerade auf der Bergstadt oder dem Westmünster des Hofes liegt; denn in der Talstadt hausen die Studenten und die city. Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand, als das Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der auf einer Steinbank saß und zwei Klöppel über eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor sagte gelassen zu ihm: »Strauchdieb!« Ob sich gleich Sphex ein wenig[141] gegen die lauten Reiter umdrehte, so ließ er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte: »Range!« – mußt' aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten: »Racker!«

Die Reiter saßen ab, der Doktor führte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte ihnen ihre vier oder zwölf Pfähle auf und sagte kalt: »Treten Sie in Ihre drei Kavitäten.« Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den kühlen purpurnen Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Träume ein, gleichsam in die Silberhütte für das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin die geöffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fußteppichs an bis zu den Alabasterstatuen der Wand; und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen Studienbücher, holde Reflexe aus der stillen, ihm durch die Reise weit entrückten Jugend, an, in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten, indes jetzt Feuerfaxe gesäet werden. Da warf, nicht die Göttin der Nacht den Mantel, sondern die Göttin der Dämmerung den Schleier über sein Auge und ließ im Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekränzt, einen Trupp aus Parzen und Grazien, an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, Hände und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker – – auf drei Minuten: wahrhaftig ein Jüngling, zumal dieser, hat die Seestürme, die den Maler, die arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen in der physischen Welt, ebenso lieb in der moralischen.

Albano, jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt, fürchtete sich fast, daß seine träumerischen Entzückungen ihr Ziel verrieten. »Sind Briefe da?« fragte der Lektor nach seiner für Bürgerliche abbrevierten kecken Manier. »Hol ihn herauf, van Swieten!« sagte Sphex zu einem Söhnchen, das mit zwei andern, Boerhaave und Galenus genannt, bisher eine korrespondierende Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte. »Unser alter Herr« (setzte Sphex auf einmal[142] dazu, als häng' es mit dem Briefe zusammen) »hat auch ausgeherret; seit fünf Tagen ist er maustot, wie ich längst vorausgesagt.« – »Der alte Fürst?« fragte erstaunt Augusti. »Aber warum werd' ich noch nichts von Trauergeläute, schwarz-angelaufnen Schnallen, Tränentöpfen und Jammer in der Stadt gewahr?« fragte Schoppe.

Das erklärte der Physikus. Er hatte nämlich als Leibarzt die Sterbensterzie des alten Fürsten kühn genug geweissagt und glücklich getroffen. Allein da gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze für den Sohn eingeölte Illumination ausgegossen hätte mit Tränentöpfen und die geblümten Ehrenpforten verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachfahrer empfangen war, obwohl zum größten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nicht wollen laut werden lassen, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob. Sphex beteuerte, schon vor vielen Jahren hab' er dem Höchstseligen aus den weißen Zähnen39 die Nativität der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als dasmal; er lasse aber jeden selber beurteilen, ob ein Arzt, der seine Prophezeiung überall kundgegeben, viel Seide spinne bei einer solchen politischen Unterschlagung. – »Aber« (versetzte Schoppe) »wenn man verstorbene Herren, gleich ihren toten Soldaten, noch als lebendige in der Liste fortführt: so kann man fast nicht anders; denn da es bei Großen überhaupt so verdammt schwer zu erweisen ist, daß sie leben, so ists auch nicht leicht auszumitteln, wenn sie tot sind; Kälte und Unbeweglichkeit und Fäulnis beweisen zu wenig. Doch mag man vielleicht königliche Sterbebetten, wie die Perser königliche Gräber, auch darum verstecken, um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum zwischen dem Tode und der neuen Huldigung möglichst abzukürzen. Ja da nach der Fiktion ein König gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, daß wirs überhaupt erfahren und daß es nicht mit dem Tode desselben wie mit dem Tode des ebenso unsterblichen[143] Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht melden durften.«

Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen Brief an – Albano mit Gaspards Siegel; er riß ihn jugendlich-arglos auf ohne einen Blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte ihn wie ein Postsekretär, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schüttelte über die schlechte Erneuerung des Briefadels, d.h. des Wappens, leise den Kopf. »Haben die Jungen etwas am Siegel verletzt?« sagte Sphex. »Mein Vater« (sagte lesend Albano, um eine bis nach außen reichende Erschütterung zu überdecken, worein ein Flug schwerer Gedanken plötzlich alle seine innern Zweige setzte) »weiß den Tod des Fürsten auch schon.« Da schüttelte Augusti noch mehr den Kopf; denn da sich vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das fürstliche Sterben versprang, so setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstern voraus. Der Leser ziehe sich hiervon die Regel ab, daß er über die Entfernung zweier Töne, zwischen welchen die Leute vor ihm hüpfen, stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden raten müsse, den sie verstecken wollen.

Für den Grafen war es jetzt recht gut, daß der Doktor den Hofmeistern ihre Zimmer anwies; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt so heftig vom Inhalte des Briefes erschüttert!

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Nach Camper haben Hektiker sehr weiße und schöne Zähne.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 3, München 1959–1963, S. 140-144.
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