fünften Kapitel
über Buchanzeiger und gelehrte Zeitungen überhaupt,

[358] das ihnen manchen Text zu lesen hat. Mut, Hörsaal, ist der Flammen-Flügel des Lebens; Vorleser fürchtet kein Journal; kühn wie ein Carnot sagt er auf jeder Insel, auf jedem festen Lande seine Meinung und steht der Folgen gewärtig. Sterben – es sei vor Hunger oder sonst – ist das Höchste, was erfolgen kann; und wer von uns verschmäht es nicht! Ich werfe den Würfel; ich kündige hiermit ohne alles Bedenken an: ich werde mir in diesem Kapitel mehre vermischte, ungeordnete Winke über das Bücheranzeig-Wesen im allgemeinen erlauben. Wasser allein, möcht' ich fast wagen anzufangen, tuts bei ihnen; Wasser teils als kritisches Reinigmittel, weil die Kritik sonderbar ähnlich dem Wasser ist, ohne welches kein Schmutz-Fleck zu machen, aber auch keiner herauszumachen ist!.... Eben nehm' ich, meine Herren, befremdet wahr, daß der Kunstknecht und der Naumburger Schweinborstenhändler still stehen und halb giftig auf mich herüberblicken, als hätt' ich beider Handwerk spöttisch zu Vorbildern der kritischen Wasserkunstknechte und jener kritischen Borsten, welche, auf dem unreinsten Tiere seßhaft, nachher selber zum Reinigen dienen, absichtlich angewandt; ich frage aber als Vorleser meine Leser und Nachleser, ob es nicht von jeher meine Art gewesen, gerade auf die fernsten Sachen anzuspielen, nicht aber auf so nahe, die bloß ein Meer von mir abtrennt. – –

Doch eben sind die allegorischen Herren still weitergegangen; ich tue es auch und merke ohne Absicht an: es gibt, wie das Zahl-Verhältnis der jetzigen Kunstrichter zu den jetzigen Künstlern zeigt, mehr Glaserdiamanten als Ringdiamanten, mehr schneidende als glänzende.

Man hat mehr Vertrauen auf seinen Geschmack als auf sein[358] Genie; nicht jener, sondern dieses fodert Bürgen und Rückbürgen; der Geschmack, dieses ästhetische Gewissen, fragt nach niemand, aber wohl die ästhetische Tat will gebilligt werden. Jener tut Machtsprüche, dieses Machttaten.

Ein Kunsturteil überwältigt so leicht den Leser, bloß weil es so wenig Beweise gibt und so sehr den ganzen Menschen des Lesers voraussetzend in Anspruch nimmt.

Keine Rezensionen find' ich so leer, so halb wahr, halb parteiisch und unnütz als die von Büchern, die ich vor ihnen gelesen; aber wie trefflich sind mir die von solchen Büchern, die ich nie gekannt, von jeher vorgekommen, ich meine, so tief, rein und recht! Ich bejammere deshalb ordentlich ganz erbärmliche und ungelesene Autoren; denn die schreiendsten Ungerechtigkeiten soll man an ihnen so wie an Bettlern und Gefangnen verüben: sie können sich in ihrem Winkel nicht wehren und sich nicht aus dem Kerker winden, um der Welt ihre Wunden vorzuweisen.

Rezensionen haben selten – und das spornt ihre Väter – an wieder Korrezensionen auszuhalten. Auch würde das Beurteilen des Beurteilens ins Unendliche hin und her zurückprellen. Nur was die Sprache anbelangt, welche das Privilegium de non apellando hat, wäre vorzuschlagen, daß das gelehrte Reich sich einen Rezensur-Grammatiker hielte, der in einem eignen Werke aufpaßte und die Barbarismen, ohne welche das kritische Volk so wenig ein Zetergeschrei erheben kann als das römische ein Freudengeschrei, jedem Journale mit rechter Sprach-Polizei boshaft eintränkte. Ich glaube, sie würden rot. Es tut mir oft weh, daß die Einkleidung der gelehrten Zeitungen, nämlich die umlaufenden Kapseln derselben, durch Schmutz und Abgreifen ein Nachbild ihrer ästhetischen Einkleidung werden, so wie leider einen Freund der allgemeinen deutschen Bibliothek das elende Druck- und Papier-Werk nicht bloß als ein Widerschein der geistigen Einkleidung, sondern auch als eine ebenso typographische als allegorische Wiederholung der Wespennester sehr verdrießt, deren graues Papier nach Schäfer und andern wahres Papier ist.

Schlechte Werke sollte man wie Liscov bloß ironisch anzeigen, damit der Leser doch etwas hätte, da sonst den Tadel die gemeinen[359] Verdammungformeln erst an sich, und dann durch die Notwendigkeit ihrer unzähligen Wiederkehr sehr ins Langweilige spielen. Gelehrte Anzeigen bloß ungelehrter Werke, eine allgemeine deutsche Bibliothek voll lauter ihr ähnlicher Dichter und Philosophen, kurz, eine Zeitung des Schlechten, aber eine ironische und launige, welch ein Zuwachs der Ironie und Laune würde hier aufblühen!

Ferner wünscht' ich manche Werke mit wahrer Gewissenhaftigkeit und Liebe und so schnell als möglich angezeigt – nämlich die namenlosen und die von jungen Autoren mit namenlosen Namen; beiden wird es so schwer, sich ohne Hülfe auf den Rednerstuhl vor das Publikum hinaufzuarbeiten. Manches Leben, mancher Geist ist an einem ersten Werke gestorben; das harte Lager eines Jünglings auf Rosen – knospen sollte man bald weich aufblättern.

Sogar kräftige Geister macht oft ein elendes Urteil so kraftlos als sonst das eingebildete Nestelknüpfen die Starken des Mittelalters. Die größten Schriftsteller haben weit mehr achtende Scheu vor dem öffentlichen Urteil, als sie eingestehen. So blitzte in die ausbrechenden Blüten des herrlichen Leisewitz ein solcher kritischer Tropf zu unser aller Schaden. So erfolgte, trotz der trotzigen Drohung, keine Nachfuhre neuer Xenien, welche, wie es scheint, abstanden wie ein Wagen voll Krebse, wenn ein Schwein unter ihm wegläuft. So kennt der Verfasser dieses noch zwei Löwen der Literatur, welche gleich tierischen sich in manchen Werken durch kritisches Hahnengeschrei bestürzt machen ließen; und Herder würde sich noch größere Palmen errungen haben, hätte man ihm nicht erst nach seinem Tode die jetzigen gereicht. Ein Lieblingschmierer des Publikums hat hier größeren Mut als der tapferste Kopf; jener bezieht mit Waren seine beiden Messen und läßt sich jährlich zweimal kritisch abprügeln für Ehrensold (wie Sineser sich körperlich um Geld für Missetäter), um wieder an neue Werke und Prügel zu gehen; der Genius, welcher nur sein heiligstes Innere in einem zweiten niederlegen und wiederfinden will, schrickt vor jeder Abweisung und Aussperrung zurück und wählt glaubig oder unglaubig nur Einkehr in sich.[360] Schwerlich verzärtelt oder verwöhnt ihn, der den schärfsten Kunstrichter in seinem Ideale herumträgt, irgendein schmeichelnder; und alles Preisen des Werthers verzog Goethen zu nichts als zum Meister. Daher hätte jeder, auch der gerechteste Tadel gegen den Priester Melpomenens, Schiller, welcher Kraft, Leben, eigne und fremde Vorurteile unermüdet der Kunstschönheit opferte, nur mild und scheu und mehr mit Gefühlen eigner als mit dem Wunsche fremder Schmerzen ausgesprochen werden sollen; aber davon weiß die bellende Undankbarkeit nichts.

Ferner mittelmäßige Vielschreiber wünscht' ich gar nicht angezeigt; ihr häufiger Name ist ihr Stummenglöckchen und sagt, da sie sich ja nie ändern, laut genug die Wiederholung ihres Daseins an.

Endlich wünscht' ich über geniale Werke zwei ganz verschiedene Journale. Das eine müßte an einem Meister-Werke nichts als die Mängel rügen, jede falsche Mitteltinte, Falte, Linie bezeichnen und es ohne Scheu vorrücken, wenn ein Winkel des Rahmens um das Bild kein rechter wäre, oder die Vergoldung verschlissen. Denn alle Foderungen des Geschmacks und der Sprachlehre, kurz, der äußern Form will ich doch lieber an großen als an kleinen Autoren lernen; und Sprachnachlässigkeiten werden wir z.B. an Goethens neuester Prose im Anhange zu Cellini mit mehr Reiz finden und fliehen lernen als an einem matten Lang- und Breitschreiber. Solche fliegende Finsternisse des Genies würden, wie die der Sonne und des Saturns durch Trabanten, am schönsten dienen, die Landkarten der Erde zu machen und zu bessern. Auch wäre ein solches Journal für das Genie (besonders für dessen Nachahmer) der Nacht- und Richterstuhl, der einem Alexander sagte, er sei noch kein ganzer Gott.

Diesem gelehrten schwarzen Buch müßte sich ein zweites (es mag das goldne Buch heißen) beigesellen, das mit heiliger Seele nichts im Kunstwerke und göttlichen Ebenbilde anschauete (wie ein Liebender an der Geliebten) als die Schönheit oder den Gott, dem es ähnlich ist. Auf der hohen himmlischen Stelle, wo der Mensch vor der Größe steht, verschwinden ihm an ihr die Ecken der Nähe und Tiefe, wie einem Sternbewohner die Berge an der[361] Erde versinken und nur die strahlende Kugel erscheint. Schon der edle Winckelmann ermahnt, Schönheiten früher und brünstiger zu suchen als Flecken. Nur ists das Schwierigere; im Finden der Schönheit gehen die Menschen weit mehr und uneiniger auseinander als im Finden des Häßlichen; gegen dieses rüstet die allgemeine Natur; für jene wird erst eine besondere ähnliche Seele erschaffen; so ahnet ja im Moralischen der Sinkende nur immer tiefere Versunkenheit und allein der Emporgehende nur immer höhere Himmel voraus. Das goldne Buch, das ich wünsche, stellet nun, so gut es ohne Darstellung möglich ist, erstlich den Geist des Kunstwerks dar, zweitens den Geist des Meisters. Der letzte Geist kann nur in allen Werken zusammengenommen, gleichsam wie ein Gott in der ganzen Weltgeschichte, recht gefunden werden, – indes ein Buch den Gelehrten ausspricht und ausschreibt. – Fragt man: wozu kann gleichsam eine Darstellung einer Darstellung – denn alle echte positive Kritik ist doch nur eine neue Dichtkunst, wovon ein Kunstwerk der Gegenstand ist – helfen und führen? – so antwort' ich: eine fremde Anschauung gibt der eignen mehr Sprache, also mehr feste Klarheit; und reifet uns, nicht nur wie wiederholtes Lesen oder steigende Jahre, sondern zieht uns nach wie ja das Werk selber. Oder wie könnte denn je ein Volk – das, organisch betrachtet, immer sich mit wenigen Erhöhungen der Einzelwesen wiedergebiert – höher und eines über das andere steigen?

Diese doppelte Journal- oder italienische Buchhaltung über geniale Werke ist unbeschreiblich unentbehrlich, eben das grammatische Soll und das geniale Haben. Wirklich haben wir Deutsche – wenn ich stolz genug sein darf, es zu behaupten – schon das Soll, oder eine schöne seltne Vereinigung von Köpfen, welche grammatische und rhetorische Fehler des Genies mit größtem Eifer suchen und zeigen, gleichsam ein Prisen-Rat eroberter Genien; ich weiß aber nicht, ob wir mit ähnlichem Rechte uns des zweiten Journal-Buchs, des Habens, rühmen dürfen. Herder, Lessing, zum Teil Schlegel und einige hoben den Anfang an.224[362] Der Geist eines Buchs ist so sehr der Glaube, wodurch es selig wird oder nicht, ohne Rücksicht auf dessen gute oder böse Werke, daß ein gemeiner katholischer Kunstrichter, der den Geist nicht achtet und fasset, mit derselben Unparteilichkeit und Wahrheit über jedes Werk zwei ganz entgegengesetzte Urteile fällen und bewahren kann durch willkürliche Wechsel-Zählung entweder der Schönheiten oder der Fehler. Wenigstens urteilen oder vielmehr urteln die jetzo lebenden Stilistiker nie anders.

Ich fahre fort: je eingeschränkter der Mensch, desto mehr glaubt er Rezensionen.

Doch setz' ich dazu: je entfernter von Hauptstädten und Musensitzen. Ein Provinzial-Landpfarrer z.B. glaubt fast zu sehr darum Sätze, weil sie der Setzer gesetzt; der Drucker-Herr ist sein Glaubens-Herr.

Ein Rezensent fälle ein mündliches Urteil, aber stark: jeder stellet ihm doch eignes entgegen. Aber einem gedruckten widerstrebt der Mensch schwer; so sehr und so zauberisch bannt uns Doktor Fausts schwarze Kunst auf seinen Mantel oder in seinen Magus-Kreis. Diese Allmacht des Drucks liegt aber nicht in der Abwesenheit des aussprechenden Geistes – denn sonst hätte sie der Brief und das Manuskript –, sondern teils in der dankbaren verehrenden Erinnerung, das Höchste und Schönste von jeher nur auf dem Druckpapier gefunden zu haben, teils in der närrischen Schlußkette, daß der Druck-Redner, der zu allen spricht, desto unparteiischer zu jedem Einzelnen spreche und daß ihm also etwas zu trauen sei; »vorzüglich,« fügt man bei, »da der Mann ja nichts davon hat und davon weiß, wenn er jemand umarbeitet,[363] der sich deshalb auch ohne Erröten bekehrt.« So stehen die Sachen. Selber diese kritische Vorlesung, Verehrte, hat zu viele Mängel, um früher zu beweisen, als sie gedruckt ist; die offenen Lücken machen es, welche dem Lichte nicht eher zu Fenstern dienen können, bis Druckpapier darin eingesetzt ist.

Eine der besten Literaturzeitungen wäre die, welche stets 25 Jahre nach den Büchern erschiene. Eine solche ließe dann schlechte Gestalten, welche in der Lethe schon zerschmolzen wären, ungeformt verrinnen; – die gediegnen, festen Schein-Leichen, welche darin schwämmen, führte sie belebend ans Land; – die am Ufer Lebenden wären durch bloße 25 Jahre so alt geworden, daß sie weder die parteiliche Muttermilde, noch die Vaterstrenge der ersten Zeit gegen sie üben könnte.

Hingegen, so wie Journale nach 25 Jahren am besten prüfen könnten, ebenso könnte man sie selber darnach am besten messen. Vorleser dieses blättert sich zuweilen in gelehrten Zeitungen sehr zurück; wie wurden sie ganz zu politischen und zu nichts, und die Zeit fodert von der Zeitung den Namen zurück. Nicht nur als Geschichte des fortschreitenden, wenigstens fortgrabenden Geistes, sondern auch als Lehre und Vorbeschämung kühner Urteile über kühne Geister wünscht' ich oft auch eine Sammlung der frühern kritischen Urteile über unsere jetzo berühmten Schriftsteller gemacht, welche man aussprach, ehe, ja als sie berühmt wurden; wie wurden nicht im 6ten und 7ten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts Herders zu breit ausgespannten Flügel mit schwerem Kot beworfen, damit er belastet tiefer am Boden hinstriche! So sollte es mir auch wohltun, in der vorgeschlagenen Chresto-Mathie z.B. das Urteil der neuen Bibliothekt225 der schönen Wissenschaften wieder gedruckt zu lesen, daß Goethe kein Dichter sei und den hohen Namen nicht verdiene; – oder das Urteil in der allgemeinen deutschen Bibliothek (ich bürge für dessen wirklichen Stand auf der Blattseite mit der graden Seitenzahl), daß Wieland endlich doch als Schwabe im 40ten Jahre werde klug werden. – Überhaupt wäre eine Sammlung von den nur in einem Jahrzehend öffentlich gefällten Splitterrichtersprüchen und unrechtlichen[364] Erkenntnissen samt den höheren Sprüchen Rechtens, insofern sie große Schriftsteller betreffen, die beste Geschichte der Zeit, nämlich der literarischen.

Nur zweierlei Schriftstellern, denen des Auslands und denen der Vorzeit, wird eine neue freie, ja unregelmäßige Bahn von Kritikern verziehen, ja gedankt; denn diese fragen: ob denn das Feld der Schönheit in einige willkürliche Raine einzudämmen sei. Begibt sich hingegen ein Autor ihrer Zeit und Nähe aus den alten, ihm gezognen Furchen hinaus: so leiden sie es nicht, sondern ihm werden von ihnen seine Heiden-Tugenden als glänzende Sünden angerechnet und er damit in die Hölle geworfen.

Indes ist wirklich einer angebornen Kühnheit und Neuheit einiger Tadel gesund, damit sie nicht durch Lob sich verdoppele und über die Schranken der Schönheit springe. Glücklicherweise findet jeder, auch kleine, dichterische Schöpfer schon kritische Kreaturen, welche nichts machen und wagen und daher jenem scharf auf die Hand sehen können; und selten fehlt es einer schreibenden Zeit ganz an einem allgemeinen deutschen Bibliothekar, oder an einem schönen wissenschaftlichen, oder an einem Merkel, welcher gerade das verdorrte Gewächs ist, das man sucht, um es zum Vorteil des grünenden in die Erde zu stecken und mit ihm als einer Regel den Leuten den Gang über Wiesen zu verwehren. Wie oft wurde sogar mir, einem der Geringsten unter den Kühnen, nicht Merkel mein Waschschwamm, womit ich mich sauber genug abrieb! Ich ehre den Mann gern und absichtlich durch die Vergleichung mit einem Badeschwamm, da dieser ja ein lebendes Pflanzentier, in der Größe eines Hut-Kopfes, mit willkürlichen Bewegungen ist und sich selber fortpflanzt durch Auswüchse. Jetzo sitzt leider mein Pflanzentier in Rußland; und es bürdet mir bei der sauern Arbeit, meine Fehler abzulegen, noch gar die andere auf, sie einzusehen.

Der einzige Mensch, der nach einem Rezensenten nichts fragt, ist ein Rezensent. Lieset er allgemeine Satiren auf seine Amtbrüder: so lächelt er schelmisch genug und sagt nachher, wenn er in den Klub kommt: »es sei ihm aus der Seele geschrieben; denn[365] er kenne, hoff' er, das Wesen besser als einer,« und nennt darauf zwanzig oder dreißig Spitzbuben, mit denen er briefwechselt.

Rezensier-Anstalten sollten so richten, als sie gerichtet werden; man verurteilt sie nämlich nicht nach der Mehrheit der schlechten Artikel – denn so wie ein großer Kopf nicht lauter große Stunden, so kann noch weniger ein »Redakteur« lauter große Köpfe gewinnen –, sondern man beurteilt sie nach dem Dasein des Geistes in der Minderzahl. Ist eine Anstalt so glücklich, nur für jedes gelehrte Glied einen lebendigen Geist zu haben und zu salarieren, für die Theologie einen, für die Wappenkunde einen u.s.w., so bildet die Anstalt wirklich einen lebendigen Menschen; die übrigen Mitarbeiter, z.B. am geistlichen Arm, sind dann, sobald er nur beseelt ist, ohne Schaden dessen bloße Hemd-Ärmel, des letzten Rock-Ärmel, des letzten Überrock-Ärmel und Ärmel-Manschetten u.s.w., und wer ist dann so zufrieden als die ganze gelehrte Welt!

Daher wirft sich der Heiligenschein einiger glänzenden Rezensionen bloß durch Namenlosigkeit, welche hier Richtern und Parteien Namen verschafft, so vorteilhaft einer ganzen Anstalt an, daß sogar ein von berühmten Namen unterschriebenes Urteil, wie z.B. in den Erfurter Anzeigen, oder auch ein Urteil, das ein Hoher namentlich in seinen Schriften ausspricht, nicht so viel wirkt und täuscht als ein ununterschriebenes Urteil, weil dieses sich uns für den Ausspruch einer ganzen gelehrten Kirchenversammlung ausgibt, die man über einen heiligen Vater hinaufsetzt. Die niedrigste und vorläufigste Rezensier-Anstalt, die ich kenne, sind freilich Lesebibliotheken. Doch verbinden sie Lesen und Urteilen zugleich – haben Unparteilichkeit – die Mitglieder sprechen einander nicht nach, sondern vor – werden nicht bezahlt, sondern bezahlen – und treffen vergleichweise doch etwas.

Wenn man sich fragt, warum die meisten Literaturzeitungen zwar wie Sonnen auf-, aber wie Monde untergehen – denn sogar die Literaturbriefe wurden zuletzt Prose der Zeit, und sogar die allgemeine deutsche Bibliothek war anfangs Poesie der Zeit –: so muß man diese Verschlimmerung sich nicht bloß aus dem ähnlichen Absterben aller lang fortgesetzten Sammelwerke beantworten,[366] sondern besonders aus der Erwägung, daß eine gute neue Richt-Anstalt dieser Art nur als ein Frucht- und Stachelzweig einer neuen, heiß vortreibenden Zeit entstanden und daß sie diese Zeit selber in ein schnelles und durch die Menge gewaltiges Wachsen und Treiben setzt, welchem sie in ihrer Einzelheit nicht nachwachsen kann. Anfangs folgt der Zeitung rüstig die Zeit, dann der Zeit hinkend die Zeitung, und endlich legt diese sich nieder. Darauf wird eine kritische Gegenfüßlerin geboren, und später wieder eine Gegen-Gegenfüßlerin, fast gleich der alten Füßlerin, je heftiger sich die gärende Zeit entwickelt. Allerdings verlieren unsere Rezensier-Anstalten durch ihre Menge so viel als unsere Bühnen durch ihre, indem die auftreibliche Zahl guter Kunstrichter oder Künstler, welche eine Zeitung oder eine Bühne zur Allmacht erhoben hätte, nun in auseinandergerückten Räumen mit gesellenlosen Gliedern erscheint, ohne die Beihülfe der Mitwirkung, ja mit der Voraussicht der parteiischen Entgegensetzung der Bühnen und Blätter. Die Alleinherrschaft einer Zeitung wie einer Hauptstadt würde uns mit blindem Glauben oder Nachsprechen anstecken. Die Menge der Sprecher und Widersprecher nötigt den Vielkopf (das Publikum) in seine Würde hinein, der Allrezensent zu sein. – In einer literarischen Hauptstadt wie London oder Paris sind Preis und Los eines guten und eines schlechten Autors bald und stark vom Vielkopf entschieden, aber um so stärker, da der Schriftsteller überall die mündliche und sichtbare Vollstreckung der Urteile über sich in der Gesellschaft empfangt. Diese Wirkung einer Hauptstadt wird uns weniger durch eine Hauptzeitung als durch eine Kompagnie von Zeitungen ersetzt, welche durch ihre ganzen Gassen lang den laufenden Sünder mit Ruten begleitet.

Das vollendete Journal aller Journale, die Kritik aller Kritiker, die uns noch in die Hände gefallen, wird wohl das jenaische Repertorium der Literatur bleiben; hier überschaut und überhöret ein Deutscher den ganzen deutschen Richter-Kreis bis unter jede richterliche Querbank hinab; und die Richter werden durch ihre eigne Zahl gerichtet. Es ist das Dionysius-Ohr der deutschen Fama und Zunge; es ist der gelehrte deutsche Reichs-Anzeiger[367] der ungelehrten deutschen Reichs-Anzeiger. Obgleich Journale nur die in Paris aufgeschlagenen Bücher sind, worin das vorbeigehende Volk eine Krönung unterzeichnet, und wo ein Name tausend Namen schreiben kann, um einen fremden zu machen: so ist doch – nämlich eben darum – das Repertorium die einzige rechte Kritik, besonders aller Kritiker. Sehr ist zu wünschen, daß ein so kurzes, unparteiisches Journal – denn es führt nichts an als einfache Zeichen fremder Urteile – am Ende alle Zeitungen durch den Auszug daraus unnötig und ganz ungelesen mache; und ich wüßte nicht, was die Literatur dabei verlöre, wenn alle gedachte Zeitungen niemand läse und kaufte als eben die Repertoren des Repertoriums, welche doch am Ende das Beste und Herrlichste aus ihnen ziehen; denn Zeichen der Urteile sind selber die Urteile ganz, da diese, wie bekannt, keine Beweise dulden. –

Vorleser dies setzte sich selber einigemal auf den ästhetischen Richterstuhl und beurteilte herab, aber ihm war immer in seinem Sitzen, als sei die aufrechtstehende Partei mehre Zolle länger. Jenes grobe Gefühl von Überlegenheit versprach er sich vergeblich, welches sonst auch die niedrigsten Kunstrichter gegen den höchsten Schriftsteller in so bedeutendem Grade aufrecht erhält das sie allein gegen einen Mann, vor welchem alle Leser scheu und achtend stehen, in eine so behagliche Lage setzt, daß er sich allein vor ihm wie ein Grobian heiter hinflegelt und ausspricht, wie etwan nach Pouqueville vor dem mächtigen Pascha in Morea sich niemand setzen darf als nur der Scharfrichter. Soll eine Rezension etwas Besseres als eine Antwort sein, die man einer Tee Wirtin auf die Frage gibt, wie uns das Buch gefallen: so gehört so viel zu einer, daß sie selber zu einem Kunstwerk ausschlägt: erstlich ein schnelles Durchlesen, um die ungestörte Kraft des Ganzen aufzunehmen – zweitens ein langsames, um die flüchtig einwirkenden Teilchen dem Auge zu nähern – drittens ein genießendklares, das beide vergleicht – viertens eine rein unparteiische Absonderung des Urteils über den Geist des Werks von dem Urteile über den Geist des Verfassers – fünftens eine Zurückführung des Urteils auf bekannte oder auf neue Grundsätze, daher eine Rezension leicht eine Ästhetik im kleinen wird – sechstens, siebentens,[368] achtens etc. versteht sich von selber, nämlich Liebe für Wissenschaft und für Autor zugleich, für deutsche Sprache etc. – Darf man allerdings nicht schonen, sondern recht strafen jedes Talent und jedes Genie, welches als Verbrecher an seiner eigenen geistigen Majestät vor dem Gewinne, vor dem Vielkopfe und vor dem Lobe sich als den Schöpfer und seine höheren Geschöpfe wegwirft und lieber mit niedrigen besticht: so ist hingegen mild und menschlich jede Mittelmäßigkeit zu empfangen, welche nicht, wie ein nicht-wucherndes Talent, ein Pfund hergibt, sondern nur ihr Scherflein. Übrigens würde ich, liebe Amtbrüder, in jedem Zweifel-Falle die Milde der Härte vorziehen und auch hier im literarischen Gerichte, wie die Griechen im gerichtlichen, jedesmal, wenn die Zahl der weißen und die der schwarzen Kugeln sich glichen, im Namen der Minerva die weißen überwiegen lassen. Einige Kunstrichter aber geben bei solchem Kugel-Gleichgewicht durch Hineinwerfen einer schwarzen aus der Brust das Übergewicht. Ich würde, gute Richtamtbrüder, jeden herzreinen, aber irrigen Autor über meinen pflichtmäßigen Tadel womöglich durch Hinweisen auf seine anderen Kräfte oder auf die Wege, die genützten besser zu nützen, hinweisen. Denn der Rezensent sollte überhaupt mehr den Schriftsteller als den Leser aufzuklären suchen, weil niemand eine Rezension so oft lieset als jener, und niemand eine so wenig als dieser. Überhaupt, meine lieben Richtamtbrüder, was hätte nicht ein Richtamtbruder zu bedenken! So viel in der Tat, daß man fast lieber nur als der Rezensent seiner selber auftreten möchte, weil man da doch loben und tadeln kann, ohne bei dem Gegenstand anzustoßen. Denn, lieben Brüder, es gibt noch mehr fortzubedenken: z.B. treffender wird ein Preis-Autor gezeichnet durch Ausheben der meisterhaften Stellen – die ja nur er machen konnte – als durch Ausheben der schülerhaften, die ihn von der Masse nicht unterscheiden. Mit anderer Absicht würd' ich auch aus dem Unter-Autor nur sein Bestes auftragen und sagen: nun schließt daraus auf sein Schlimmstes! Überall übrigens sollte uns Richtamtbrüdern (da Erfahrung nur bejahen, und nicht verneinen kann) bloß das Schönste zum Maßstab eines Dichters dienen; denn das Schlechteste kann der beste haben, aber nicht[369] das Beste der schlechte. Wie nach Jacobi die Philosophie überall das Positive, so hat die Kritik das Schöne zu suchen und zu zeigen; nur wird dadurch das Richten sauer; Fehler lassen sich beweisen, aber Schönheiten nur weisen; denn diese sind gleichsam die ersten Grundsätze, welche als ihr Selberbeweis nicht unterstützt werden, sondern unterstützen; jene aber lassen dem Kritiker ihr Zergliedern und ihr Zurückführen an den niedrigen Gerichtstuhl des Verstandes zu. Was uns widerspricht, hebt sich als Glied-Ecke heraus; was uns gefällt, verliert sich ins runde Ganze. Allerdings geben kühle Gefühle einem Manne ein Recht, warmen vorzuschreiben; er kann (gelehrt genug) sagen, er sei bei Kunstwerken, nach Gebrauch der Alten bei Gastmahlen, als der sogenannte Trinkkönig, welcher allein unter allen berauschten Gästen nüchtern und trocken dazusitzen habe. Ja er kann sagen – will er auf mehre Zeiten anspielen –, er halte sich die Leser als Champions, welche an seiner Statt das Berauschen und Genießen übernehmen, wie jeder sonst in Frankreich sich einen Trink-Champion halten konnte, der für ihn den Becher annahm und bestand.226

Wirf, sagt ein arabisches Sprichwort, keinen Stein in den Brunnen, woraus du getrunken. Himmel! in welche Brunnen werden mehr Steine aller Art, Höllensteine, Ecksteine, Stinksteine etc., geworfen als in den Brunnen der Wahrheit und des kastalischen Quells! Ein dumpfer dunkler Rezensent hat vielleicht in seinem Leben nicht eine einzige frohe Minute dem Dichter gereicht, der ihn mit Himmelsstunden trotz aller Fehler überhäuft und überladen: gleichwohl tunkt das Tier die Tatze ein und wirft ohne allen Dank dem Manne giftig und bissig die wenigen Zeilen vor, in welchen es nicht so leicht baden konnte als in den andern.... Gott! gibt es denn in der gelehrten Welt keine Dankbarkeit mehr? Oder kann ein Verdienst um alle anders belohnt werden als von allen einzelnen? Flammt euch euer Schönheitsinn so sehr an: warum spricht denn der verletzte seinen Zorn stärker aus als der befriedigte seinen Dank? Und warum wollt ihr euere Achtung für die Kunst mehr durch Bestrafen als durch Belohnen erklären?[370]

Den seltenen Fall des Willens ausgenommen, könnt ihr ja nur die Natur anklagen, daß sie dem Genius nicht alles gegeben, sondern nur viel; – dann brauchtet ihr aber einen stärkern Grund zu einer Klage nicht so weit außer euch zu suchen. Über Fehler des Genies sollte nur getrauert werden wieder von Genies, wie nur Große um Fürsten trauern dürfen. Ihr aber erlöset wie die Orthodoxie nur fallende Menschen und verdammt fallende Engel. Jede Verarmung vergebt ihr leichter als Verschwendung; der Mann wird literarisch pro prodigo (für einen Verschwender) erklärt und dadurch aller Bürger-Rechte eines akademischen Pfahl-Bürgersentsetzt: er kann keinen letzten Willen, keine Schulden, keine Verträge machen. Ich beschwör' euch, spielet doch der form- und stofflosen Mattigkeit und » Weitschweifigkeit« (ein gutes deutsches Wort) nur halb so übel mit! Aber ihr rügt zu große Kürze weit erzürnter als zu große Länge, als ob letzte nur eine angeborne wäre, was unwahr ist; denn es gibt zwei Kürzen und dazwischen eine Länge im Sprachleben, ordentlich als sei dieses ein Amphibrachys ( ñ – –). In der ersten Kürze spricht der Wilde und das Kind, ja der Landmann und Bürger; alle ordnen die Darstellung dem Gegenstande unter und machen ungern Worte. Dann kommt die Länge des Gebildeten, welcher, weniger vom Gegenstande getroffen und überwältigt, sich freier und länger den Worten überläßt. Die zweite Kürze, z.B. die eines Tacitus, Seneka, J. J. Rousseau, wird künstlich gewonnen; und jeder kann sie sich zugewöhnen, da sie kein Geschenk des Genius ist, wie Plinius II., die Humanisten Lipsius und Danz, und Longolius u.a. beweisen. Große künstliche Kürze verrät sogar, als Widerspiel der Naturkürze, Liebe der Darstellung auf Kosten der Sache und der Liebe dafür. – Ich komme auf einem langen Wege zu euch und euren bureaux des longitudes zurück. Ihr wollt und lobt nämlich Länge – die der Prediger, die der Wissenschaften aller Art, die der Dichter –, weil ihr selber keinen guten schreibtafelfähigen Gedanken einführen könnt, ohne ihm seine ganze Ahnenreihe vorauszuschicken. Der Deutsche näht gern jeden Gedanken in ein zierliches Schleppkleid ein, und ihr zieht gern als Schleppenträger hinterdrein. Die deutsche Meile ist, als Vorbild deutscher Schreiberei,[371] beinahe die längste in Europa; und mich wundert, daß der Spondeus uns schwer kommt. Wenn man den einzigen Vorteil ausnimmt, den euer rezensierender Amtbruder und andere Deutsche davon ziehen, daß wir nämlich einen guten, schnell weglesenden Aktenblick und größte Flüchtigkeit gewinnen und, gerade von schwerfälligen Schreibern zu schnellfüßigen Lesern gebildet, gleich Fußgängern ins Laufen geraten, weil der ferne Stadtturm ewig herschauet und wir doch nicht ankommen: so bleibt außer dem Gewinne der Eiligkeit nichts übrig als Langweile und Makulatur. Vorleser dies hebt eine Probe deutscher (Schreib-) Art und (Schreib-) Kunst nicht aus Kanzelrednern – bei welchen diese geistige Zungenwassersucht ohnehin sonntäglich zu finden ist, sogar bei den besseren, wie Zollikofer, Marezoll, ja Reinhard –, sondern für eine Ästhetik selber aus einer Ästhetik heraus und wählt aus »Eschenburgs Entwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften, neue umgearbeitete Ausgabe bei Fr. Nikolai 1789« Seite 294 folgende gute Stelle:

»In der Bemerkung, daß nicht bloß Ähnlichkeit, sondern auch Widerspiel und Kontrast der Begriffe ihre gemeinschaftliche Erweckung und Verknüpfung in unserer Seele veranlaßt, hat die Ironie ihren Grund, eine Figur des Spottes, welche die Wörter ihres Widerspiels wegen miteinander vertauscht und das Gegenteil von dem andeutet, was sie, dem gewöhnlichen Wortverstande nach, ausdrückt. Man pflegt sie jedoch nicht in einzelnen Wörtern, sondern in einer Folge von Redensarten zu brauchen, deren Mißdeutung durch Inhalt, Zusammenhang und Kenntnis ihres Gegenstandes verhütet werden muß, noch mehr aber beim mündlichen Vortrage durch Ton der Stimme und Gebärdensprache deutlich wird.«

Himmel, welche Unsprache, welche Fläche, Leere, Schwere! Und dieses alles bei einem Geschmacklehrer, welcher selber eine ganze Beispielsammlung guter Schriftsteller gegeben und der uns hier mit dem ersten Beispiel einer ganz andern Sammlung beschenkt! – So aber schreiben nun ganze Bibliotheken und die Lobredner und Tadler derselben – jeder Deutsche hält auf das Vorrecht eines römischen Senators, der, wenn er seine Meinung[372] über das Vorliegende gesagt hatte, ein besonderes Recht besaß, noch eine über etwas Fremdes beizubringen – die gemeinsten Gedanken treten, besonders in Lehrwerken, wie schon gesagt, mit allen ihren Ahnen auf und lassen sich deren wie Bürgerliche vorausgeben, um sich zu adeln – und nichts wird gegen diese Schreiberei geschrieben. Bloß getan wird etwas dagegen, was mich desto herzlicher freuet. Ich meine die tägliche Steigerung der Einrückgebühren. Durch diese Geldstrafe des wortreichen Stils werden sämtliche Weitschreiber – sogar die wohllöblichen Gerichte – zu Tacitis eingepreßt. Mit Vergnügen – mit satirischem – stell' ich mir oft einen ergrimmten, auf eine Rezension einiges versetzenden Gelehrten und Antikritiker vor, welcher, von Worten und Galle ganz geschwollen, gar nie auf hören möchte, sich zu ergießen, – wie der erboste Mann sich daran durch das Einrückgeld, wie durch ein Kompressorium, gehindert spürt, weil er für die feindliche Anstalt, der er keinen Heller gönnt, jedem zugefertigten Schmerz sogleich das Schmerzengeld beilegen, und wie er in den elektrischen Verdichter (Kondensator) einer Antikritik sein Zornfeuer eng einfangen muß. – Und dann sieht er noch vollends voraus, daß der glückselige Rezensent ihn auf demselben Druckbogen so lange gratis wieder stäupen und streichen kann, als er will – – Aber kurz, die Kürze gewinnt dabei unsäglich; und mögen nur die verschiedenen Reich- und Musen Anzeiger in Zukunft Liebe genug für den Stil haben, um die Einrückkosten weit mehr zu erhöhen als zu erniedrigen!

Ich komme zu den vermischten Winken für gelehrte Zeitungen zurück. Könnten die Redakteurs nicht künftig das römische Gesetz aufstellen, das in den Komitien jedem zu stimmen verbot, der erstlich über 59 Jahre alt war und zweitens unter 17 Jahre? Denn jetzo, da der Stilistiker seinen Göttern und Zwecken die Jünglinge schlachtet, der Poetiker aber seinen die Greise, steht leider eine andere Römer-Sitte fest, welche junge Tiere opferte, sobald etwas langsam, alte227 aber, wenn es schnell gehen sollte.

Haltet euch, meine Amtbrüder, nicht für untrüglich, da es nicht einmal der Genius ist; sondern bedenkt, daß, so wenig ein Einzelwesen[373] im Besitze aller Wahrheiten, ebensowenig eines im Besitze des Geschmacks für alle Schönheiten sein kann. Bedenkt, wie ganze Völker und Zeiten einen Aristophanes, einen Shakespeare und Calderon verwarfen und verwerfen, und ein Corneille einen Racine – wie in der von Jahrtausenden bewunderten Ilias der große Sprachkenner Schneider das 18, 19, 20, 21te Buch für die Geburt eines recht dummen Nachahmers hält, das 14te jedoch einem erträglichen Kopfe zuschreibt – wie ein Wolf die lange geachtete Rede Ciceros pro Marcello für unecht erklärt, Weiske dagegen sie für echt – wie in vorigen Jahrhunderten die größten Humanisten durch Falschmünzen von Klassikern einander glücklich betrogen und halb tot geärgert – wie sogar ein Winckelmann (nach Fernow) mitten in Italien ein Gemälde von Mengs für ein antikes, oder Boysen nach J. von Müller mitten im Sprach-Orient Gleims Halladat für eine Übersetzung aus dem Arabischen genommen........ Richtamtbrüder! bedenkt dies alles und bleibt noch unbescheiden, wenn ihr könnt!

Mein letzter Wink ist: beurteilt, aber vierteilt nicht ein Kunst-Werk; zieht aus demselben weder den Plan – denn das heißet das Knochengerippe einer Venus geben, das ebensogut in einer widrigen Bauerdirne stecken könnte –, noch einzelne Schönheiten – denn das heißt einen Fensterstein als Prüfstein des Hauses vorzeigen-, noch einzelne Fehler – denn es gibt keine schlechte Zeile, die nicht ein guter Autor durch die rechte Stelle zu einer schönen machen könnte-, und überhaupt nichts einzelnes. Schlagt ein Schauspiel, das ihr noch nicht gelesen, in der Mitte auf und leset irgendeine Stelle: sie muß euch sehr matt vorkommen; behaltet sie (z.B. bloß das kleine Wort moi der Medea) in euerm Kopfe so lange, bis ihr von vornen wieder daraufkommt: Himmel, wie ist und glüht da alles anders! – Noch mehr gilt dies für das Komische, dessen Einzelheiten, aus der mildernden Ähnlichkeit des Ganzen herausgestürzt in die schreiende Unähnlichkeit einer ernsten Rezension, so erscheinen müssen wie ein Falstaff mitten in einer Messiade.

Lasset mich einmal eine Rezension von einem bekannten Buche nach eurer Weise machen: »Wessen Geistes Kind dies saubere[374] Produkt ist, dessen Verfasser für die elegante Welt (risum teneat.) zu schreiben hofft, das wollen wir mit einigen Pröbchen bloß aus einer Erzählung belegen und dem Leser das Urteil selber überlassen. S. I 28 sagt der Held von den Damen, sie lägen wie Kälber da – S. 183 sagt ein Fürst zu seinen Hofleuten, sie hätten nicht mehr Verstand als die Kälber – der Held heißet bald S. 125 der Lümmel, bald S. 126 mein Flegel, bald S. 165 der Haubenstock, bald S. 147 das Ideal von einem Besenbinder (wie witzig!); er weiß S. 150 weder Gicks noch Gacks, gibt S. 152 einen derben. Schmatz, gähnt S. 129 aus vollem Rachen so laut als eine Eselin (der Versbau, denn das Ding ist in Versen, ließ keinen Esel zu) – S. 13 5 wird von der Jungfern-Angst vor einer gewissen Wassersucht (Pfui! Herr Autor!) gesprochen. Ohe, jam satis est! Diese Pöbelhaftigkeiten sind aber der beliebte Ton der neuesten Literatur. So schrieb sonst Wieland für die elegante Welt nicht.« –

Inzwischen, meine Herren, ist diese Erzählung, die ich so rezensiert habe wie mich das Volk, eben von Wieland selber, steht unter dem Titel Pervonte im 18. Band seiner Werke, und diese Schein-Flecke werden vom Ganzen in leichte Halbschatten aufgelöset. Der Hörsaal erlaube mir ohne weiteres

224

In der Kritik der kongenialen Philosophie geschieht, wenn man Leibniz, Lessing, Jacobi und wenige ausnimmt, noch weniger. Ein philosophisches Werk glauben sie zu kosten, wenn sie einige Meinungen daraus als Proben vorzeigen, was nichts anders heißet, als Nägel und Haare eines Menschen abschneiden und sie als so viele Beweise produzieren, daß er keine Nerven und Empfindungen habe. Teilweiser Irrtum könnte ja in der System-Ganzheit eines Organismus relative Wahrheit sein. Wie in der Dichtkunst, so gibts in der Philosophie einen äußern Stoff (Meinungen überhaupt) und einen innern (den neuen Geist, der die Welt neu anschauet und seiner unbeschadet Meinungen wechseln kann); und dann eine äußere Form (Vernunftlehre) und eine innere (Dichtkunst), daher geschah noch keinem Heidenreich, Mendelssohn, sogar Kant so viel Unrecht als einem Jacobi oder wer ihm ähnlich wäre.

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B. 23. S. 54 etc.

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Histoire générale de la vie privée des Français dans tous les temps et dans toutes les provinces de la monarchie.

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Alex. ab Alex. L. III.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 358-375.
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