siebenten Kapitels
über die allgemeine deutsche Bibliothek.

[377] Er freuet sich um so mehr, hier mündlich auf dem Lehrstuhle (wie Professoren pflegen) gegen sie auszufallen, da er aus guten Gründen gesonnen ist, nie eine Zeile (er hälts) mehr gegen sie in Druck zu geben. Nicht als ob er sich schämte, gegen sie zu fechten[377] – was sich für ihn nicht schickte, da drei große Dichter an ihr um den Namen eines Apollo-Sauroctonon228 gerungen, desgleichen zwei große Philosophen und Hamann –, sondern weil er sich vor ihr fürchtet. Denn nichts war ihm von jeher verdrüßlicher, als sich, wenn er sie mit voller Hoffnung öffnete, darin ein schwaches Lob der Unmündigen einzusammeln, plötzlich von letzten mit dem größten Nachschreien: du Kahlkopf! durch zehn Gassen verfolgt zu sehen; und endlich in den entlegensten Gassen zu hören, wie ihm durch jeden neuen Nachahmer die Kuppel von neuem nachgehetzt werde als dem Souffre-douleur. – Nun ha das gedachte Journal das Eigne oder die Idiosynkrasie, daß es will geachtet sein, gelobt, gelesen, nicht aber angeschnauzt.

Diese fixe Idee ist der Bibliothek so wenig zu nehmen, daß das herrlichste, beste Werk auftreten kann – beispielshalber sei es ein ästhetisches mit Programmen und Vorlesungen – und mit einem einzigen halben Bogen die Bibliothek anschwärzen (eigentlich ihn mit ihr) und etwa sagen soll, sie sei dumm, oder ihre Einkleidung sei wie die größerer Bibliotheken entweder von Pergament oder Schweinleder und der Inhalt desfalls – man hat noch kein Exempel, daß sie mit einem Werke, das sie so herabgesetzt, zufrieden gewesen und es erhoben hätte. Sie erwidert augenblicklich, der Mann tadle sie bloß, weil sie ihn früher getadelt – als ob nicht die ursprüngliche Antipathie auf ihrer Seite eine ebenso ursprüngliche auf seiner voraussetzte.... Meine Herren, ich hoffe, daß Sie mir die Vorlesung nicht nachschreiben, damit sie nicht gedruckt wird, weil so leicht zu erraten ist, was die Bibliothek dazu sagte.... Gott, ists denn niemand bekannt, Zuhörer, mit welcher dumpfen platten Ungerechtigkeit sie sich an Tieck und tausend andern versündigte, bloß weil diese sie vor die Hunde geworfen hatten? – Doch der Mensch sei Sokrates, und Milde sei,[378] wie beim Athener, das Zeichen der Erbosung! Möcht' ich mich dieses sokratischen Zeichens bemächtigt haben, wenn ich sage: die Sache ist vielleicht so: nämlich die Bibliothek schreibt gewiß in denen Fächern, die ich nicht beurteilen kann, ganz gut, nur schieß' ich hievon das philosophische und poetische aus. Hier steht sie fast auf zwei Achilles- Fersen.

Man fühle zuerst die philosophische an. Reste von Wolff- von Leibniz keine –, flache Kanzel- und Kandidaten-Philosophie, welche wie die gemeinen Leute gerade da alles klar findet, wo die Frage und Dunkelheit erst recht angeht, und hingegen im Voll- und Tiefsinn, z.B. Jacobis, Flachsinn oder Nacht antrifft, diese Kräfte setzt die gute Bibliothek, sich wie alle Alte mehr der Jugend als der Gegenwart entsinnend, einem scharfen dreischneidigen philosophischen Geiste der jetzigen Zeit entgegen, welcher außer Griechenland bei keinem Volke noch mit solchen Waffen erschienen ist. Daher kein Mensch auf das wenige merkt, was die gute Alte als philosophische Opponentin etwan der Zeit entgegenhustet und entgegenräuspert; ausgenommen alte Berliner, oder Landprediger, oder Geschäftmänner, welche nur im Tode mit der Zeit fortgehen. Schon Hamann, welcher – gleichsam mit einer Ewigkeit geboren – jede Zeit antizipierte, zeigte ihr in mehren von 1/23 Alphabet starken229 Werken ihre zu Theologie, Poesie, Philosophie, Orthographie verschieden gebrochnen Farben nach seiner großen Manier durch sein erhabnes Glas als einen einzigen Strahl. Nur ihre unangesteckte Reinheit von neuern Philosophien würd' er jetzo vorheben und sie sogar aus der Arzneikunde belegen, welche die Fälle häufig zählt, daß sich Personen – von Sokrates spricht er nicht – von der Pest und andern Seuchen rein erhalten, welche vorher an Schwindsucht, gallischem Übel oder sonstigem gearbeitet hatten.

Was ihre poetische Seite anlangt, nämlich ihre prosaische: so wollen wir, zumal da sie von niemand weiter zitiert wird als von[379] Verlegern, nicht viel daraus machen. Ihr Geist hat nie einen poetischen gesehen; kann er mehr oder weniger romantische Werke, z.B. Schlegels Florentin, Träume von Sophie B. und Titan, nicht recht tadeln, so sagt er, es werde ihm nicht recht wohl dabei, wie etwa Pferde an Stellen, wo Geister hausen sollen, es durch Unruhe und Scharren verraten.

Das einzige jetzo vielleicht würdig besetzte Rezensier-Fach ist das der Romane; durch irgendeinen Glückfall hat sie Köpfe erbeutet, die vielleicht für schlechte mehr tun als der beste, weil sie ihre Mängel mehr suchen und rügen. In Portugal – erzählt Twiß – werden gleicherweise Paviane zu Stunden vermietet, um – was von Menschen schwer zu erhalten wäre – eben auf letzten sorgsam Läuse zu suchen und zu tilgen.

Nur der Rezensent meiner meisten Werke ist noch besser; er ist der Pavian und die Laus zugleich.

Damit gut! das Werk ist und geht im ganzen gut genug: keines wird wohl so oft als dieses verkauft von – Käufern; denn da es nicht stückweise wie andere Zeitungen erscheint – was sie nicht aushielte –: so findet jeder in einem großen Bande etwas; dies lässet ein schönes Auf- und Fortschwellen der Bände hoffen, das aus einem guten Grunde wünschenwert ist. Denn ich finde, daß man das ganze Werk, gleich den sibyllinischen Blättern, von Jahr zu Jahr immer wohlfeiler ausbietet, je mehr es Bände bekommt; folglich wäre, wenn dieses schöne umgekehrte Verhältnis zwischen Preis und Dicke so fortwüchse, Hoffnung da, daß man es am Ende gar umsonst bekäme, falls nämlich die Zahl der Bände stark genug dazu wäre, ich meine ungeheuer.

Verehrtester Hörsaal! Absichtlich stellt' ich mich heute in dieser Vorlesung, wie früher vor acht Jahren, als sei die Bibliothek noch lebendig. Leider hat sie nun in mehr als figürlichem Sinn den Geist aufgegeben. Wer dabei am meisten verliert, ist wohl Vorleser selber, welcher immer, wenn er satirische örtliche (Lokal-) Farben für Rezensenten zu reiben hatte, sich zuerst nach Nicolaischer Bibliothek umsah und niemals leer ausging: jetzo sitzt er da und hat nichts; denn jeder Scherz auf Rezensenten ist, weil deren ja in allen Ländern und Zeiten hausen und sie als namenlose[380] ungetaufte Wespen fliegen, etwas gar zu Farbloses, wenn man ihn wenigstens nicht durch Angriff des getauften Wespennestes einigermaßen individualisieren kann. Noch verblieb dem Vorleser die oberdeutsche Literaturzeitung zum Gebrauch, obwohl als schwacher Ersatz wegen ihrer Erbärmlichkeit. Aber auch diese ist neulich zu den Schatten gegangen, ohne einen mehr zu werfen. Ein betrübtes Leben! Das wenige, was etwan in den Göttingschen gelehrten Anzeigen und in andern aufhelfen möchte, will nicht nachhalten und abwerfen. Nur der gute Merkel soll, hört man, noch rezensieren in Reval. Wär' er uns allen nur näher und hör- oder lesbarer! Immer wurde Merkel und seines Gelichters für den Vorleser, wenn ihn der Ernst erschöpft und ermattet hatte, durch wenige zur Satire reizende Blätter ein wahres Reizmittel, ein Senfpflaster, ein tonicum, eine Ekel- und Vipernkur; und insofern erklärt sich, warum mehre zu gefällige Freunde den Vorleser mit einer Nachtigall verglichen, welche bei besonderer Kraft- und Stimmlosigkeit gleich wieder munter schlägt, sobald man ihr eine große lebendige Spinne zu fressen reicht. In der Tat gebe man der soi-disante Nachtigall von Vorleser von Zeit zu Zeit eine kritische Spinne zu verschlucken: man soll sich wundern über den Schlag.

Lasset uns jetzo aus Hendels Kuchengarten ins Rosental gehen; d.h. aus dem 7ten Kapitel über die wirtschaftliche Zunge zu

228

Dieses Beiwort darf, um gerecht zu bleiben, nur den Geist des Werks bezeichnen; denn der Herausgeber des letzten hat es wenigstens durch seine Gelehrsamkeit und durch seine frühern Verdienste um theologische Geistes-Freiheit wohl verdient, daß man seinem Namen das Recht des Homerischen lasse, als Türhüter des Titelblattes unschuldig und unbefangen vornen stehen zu bleiben, ohne die geringste Einwirkung auf die Vorfälle im Bücherzimmer oder Bücherhause selber.

229

Z.B. in der Beilage zu den Denkwürdigkeiten des sel. Sokrates – Betrachtung über den Buchstaben H – An die Hexe zu Kadmonbor – Selbstgespräch eines Autors – Zweifel und Einfälle über eine vermischte Nachricht in der A. D. B.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 377-381.
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