Das Schicksal

[358] Sr. Wohlehrwürden des Herrn Feldprediger Klettke bei Gelegenheit dessen Nahmensfestes gesungen.


1755.


O hätt ich jezt den Geist der Unzerin,

Das denkende und das erhabne Wesen,

Um feuriger und aufgeklärt im Sinn

Begriff und Bilder auszulesen,

Welch ein Gemähld' entwürf ich da von dir,

O Schicksal! dein verborgnes Winken,

Und wie dein Wink der Dinge Gang regier,

Und wie dich der Vernünftler Dünken

Mit schielem Blick unüberdacht verkennt,[358]

Und wie dein Ausspruch unserm Leben

Die Reihen der Begebenheiten nennt;

Dies alles würd ich dann der Welt vorzüglich zu betrachten geben.


Eh dies Gebäu, was jezt so prächtig steht,

Sich aus des Klumpens Unform risse,

Noch eh der Staub beseelt ward und erhöht,

Und seines Schöpfers Abbild hieße;

Da sahst du schon Jahrhunderte entdeckt,

Du sahsts entziffert vor dir liegen,

Wohin der Trieb und seine Folge zweckt,

Hier ordnete dein ewig Fügen,

Der Reiche Fall, hier theiltest du voraus,

Eh noch geborne Herrscher waren,

Die theure Last der König-Kronen aus,

Hier seztest du den Zeitpunkt fest, in welchem wir uns offenbaren.


Dein Finger schreibt in Tafeln hell von Glanz

Die Ordnungen, die sich erhalten,

Die Wesenheit bleibt durch dich immer ganz,

Die Welten müssen nie veralten,

Du hießest sie in ihren Kreisen gehn,

In denen sie sich jezt noch winden,

Nicht ungefähr kann was geschieht entstehn,[359]

Es fügt dein überdacht Verbinden

In einer Welt, die doch die beste bleibt,

Das Einzle in Zusammenhänge,

Daß jens entspringt, und daß es dies vertreibt,

Ist darum, daß sich nichts unachtsam durcheinander menge.


Der Bissen Zahl, wodurch der Mensch sich nährt,

Berechnest du, eh er sie isset,

Das Glückliche, was Jeden widerfährt,

Ist so, wie es dein Vorsehn misset;

Des Geistes Zier, der innern Gaben Zahl

Theilt die Natur nach deinem Wollen

Auf dein Geheiß, nach deiner weisen Wahl

Muß die Vernunft uns Güter zollen;

Dem giebt sie viel des innerlichen Lichts,

Und Jenem mittelmäßge Strahlen,

Der andre spührt vom heitern Witze nichts,

Und dieser kann uns die Natur in ihrer ganzen Schöne mahlen.


Der Forschende, der unter dreymal Dreyn

Der Würdigste zum Lehrer ware,

Sog durch dich Lust zu Wissenschaften ein,

Und daß der Frühling Seiner Jahre

Den Tugenden die Augenblicke gab,[360]

Hat dein verborgner Trieb gemachet,

Und deine Kraft hat von der Höh herab

Die Brust zur Weisheit angefachet,

Noch wenn Er sich in Einsamkeit verschließt,

Um daß Er Andrer Heil bedenket,

So zeigt dein Wink wie würksam daß du bist,

Dein Wink, der Ihm erst die Gedanken und auch alsdann die Seelen lenket.


O lenk Ihm doch nur auch ein Herze zu,

Was zart an Seine Brust sich bindet;

Du knüpfst ja Viel, wolan stöhr Seine Ruh,

Mach daß dein Ordnen überwindet.

Nur so ein Herz, dem du ein zwiefach Pfund

Von Tugend und Vernunft verliehen,

Nur solch ein Herz schickt sich, in einen Bund

Des Klettkens freie Brust zu ziehen.

O laß Ihn doch die Lieb ein Grabmahl baun,

Man lese auf dem leichten Steine:

Hier armen sich die Huld und das Vertraun,

Hier schlummern, die das Schicksal hieß: daß sie ein Gleich-Gefühl vereine!
[361]

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Berlin 1792, S. 358-362.
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