Des Maulthiers Zaum.

[288] Es saß der König Artus von England mit seinen Rittern und Helden um seine runde Tafel. Die Ritter die gewöhnlich mit ihm daran saßen, hießen die Ritter der Tafelrunde, und wurden für hochehrenwerthe Helden allerwärts und in allen Landen gehalten, die vor keinem Abentheuer, oder vor Riesen, Mohren und Zauberern erbebten. Doch mochte es wohl einen oder den andern darunter geben, der mehr mit dem Maul tapfer war, als mit Faust und Herz, wie wir gleich hören werden.

Artus saß einst auch einmal mit seinem Rittern an einem schönen Morgen im Mai an der Tafel und frühstückte, und die Königin stand auf dem Erker, und sahe hinaus in den lieblichen Mai, und ließ sich von seinen Lüften anwehen, und sahe die schönen Blüthen der Bäume, und hatte ihre Freude daran. Damals konnte man an Höfen noch sich über so etwas freuen, und fuhr noch nicht aufs Land, um in der schönen Natur Karte zu spielen, und zu sagen: »wie war es doch ein so lieblicher Tag; und welch herrliches Spiel haben wir gespielt!« – Damals wars nicht so!

Auf einmal rief eine der Hofjungfrauen: »Seht, o seht doch was daher kommt, über den Anger daher, und in vollem Trab.«[289]

Es kam nämlich daher eine feine Reiterin auf einem zierlichen Maulthier, das weder Zaum noch Zügel hatte. Für die Langeweile eines Hofjüngferchens, welches doch nicht mit ihrem Putz alle überflüssige Zeit hinbringen konnte, war so eine Reiterin ein wichtiges Ding, und selbst das sattel- und zaumlose Maulthier, gab seinem eigenen Maule oder Mündchen zu thun auf ganze Tage lang.

So schnell, als wär ihr Thier ein Vogel, war die Reiterin über den Anger geritten, und hielt im Hofe des Schlosses, wo Ritter und Knappen und Hofdienerinnen der Ankommenden entgegen eilten, welche so schön war wie eine Fee.

Auf ihr Begehren führt man die Reiterin in den Saal des Königsschlosses, wo der König, Herr Artus, und die Frau Artussin, die Königin, nebst dem ganzen Hofe sich hatten versammelt.

Da fällt sie auf ihre Knie nieder und klagt ihr Leid, und sagt mit bittern Thränen: »Sie sei die allerbeklagenswertheste unter allen Jungfrauen, wo sie nicht wieder erhalte, was man ihr geraubt hätte, und was ihr lieber sei gewesen, als ihr Leben und als die ganze Welt. Ach wenn sie hier am Hofe der Helden keinen Retter finde, wolle sie sich ins Grab legen und traurig sterben.«

Da nahmen sie Alle Theil am kläglichen Leid des schönen klagenden Mädchens und fragten, welches sein Leid sei, und wie ihm denn zu helfen stehe?

Da bittet die Jungfrau, man möge sie nicht für wahnsinnig halten – all ihre Noth komme von einem geraubten Zaume her, und wer ihr den wieder bringe, den wolle sie gern als Magd dienen, oder auch ihn heirathen, wenn er sie haben wolle.

Gern hätten sie Alle die wunderschöne Jungfrau gehabt, aber das ging nicht an, denn sie waren verheirathet, bis auf zwei Ritter, die hießen Herr Gries und Herr Gawin. Der letztere war der Neffe des Königs, war aber dasmal nicht zu Hause, sondern mochte wohl auf Abentheuer ausgezogen sein.[290]

Herr Gries war ein gar tapferer Mann, zumal wenn er unter den Frauen und Dirnen des Hofes saß, wo er oft mit seinem Worte zwölf Riesen auf einem Streich todt schlug, ohne daß sie dagegen einen Mucks sagen durften, und die Frauen und Mädchen des Hofes zweifelten an seiner übernatürlichen Tapferkeit keineswegs, indem er ihnen die honigsüßesten Worte sagte, und die allerlieblichsten Schmeicheleien, und konnte auch überdieß seinen Anzug so schön beschicken. – Ja! wer so etwas kann, der ist gewiß auch grausam tapfer, wenn er ein Ritter oder Soldat ist, zumal wenn er obenein recht schön zu Pferde sitzen und schön tanzen kann, wie Herr Gries, denn eine größere Bürgschaft der Tapferkeit, kann es dann weiter nicht geben.

Ihr wißt also hiermit, wer Herr Gries war, und wie unmenschlich tapfer und heldenmüthig er war, und so wars ihm ein Spaß, es mit so einem Hasenfuß und Lump aufzunehmen, der, weil er nur einen Zaum stahl, wahrscheinlich nicht einmal ein ordentliches Schwert hatte, womit er drohen oder gar einhauen konnte. Mit so einem Burschen wurde Herr Gries bald fertig und es hatte derselbe blos vom Glück zu sagen, wenn er ihn nicht mit den bloßem Maule schon todschlug.

Solch ein gewaltiger Held war Herr Gries, und da hier nun mit kleiner Mühe und Fährlichkeit große Ehr und Ruhm zu verdienen waren, und ein wunderschönes Kind dazu, so erbietet er sich sogleich der Zaum zu holen, und kräht von seinen Thaten, ehe sie gethan sind, und verheißt dem Fräulein, sie solle nur glauben, daß der Zaum so gut als in ihrer Hand sei, und will nur wissen, wo er eigentlich zu holen sei?

Da sagt ihm das Fräulein, er möge sich nur auf das Maulthier setzen, welches ihn sicher und schnell an Ort und Stelle bringen würde, und zugleich auch so sanft als kein Feenwagen.[291]

Vor so einem Maulthiere fürchtete sich Herr Gries gar nicht, welches ihn nicht nur schnell, sondern auch sanft, und vor allen Dingen sicher zu Ort und Stelle bringen würde. – So macht er denn rings umher dem Hofe, und den Frauen (Damen) insonderheit, seine Kratzfüße und Reverenze, und schwingt sich unverzagt und kühn auf das Thier.

Das Thier saust nur so dahin, schnell und sanft, und bringt Herrn Gries an einem Wald, aus dem es wie Löwengebrüll ihm entgegen schallt.

Potz Stern! – mit Löwen ist eben nicht zu spaßen, denn die Bestien haben einen gewaltigen Rachen, und heillose Zähne darin, und Vorsicht ist eine edle Tugend. – Da nun aber ein solch grausames Vieh einen Menschen leicht abwürgen und auffressen kann, so war es Herrn Gries doch wohl nicht zu verargen, daß er ein wenig still hielt und an allen Gliedern erbebte.

Er war schon ein wenig in den Wald hinein, als er nicht nur Löwengebrüll hörte, sondern auch bald Löwen sahe, die wirklich wie wahrhaftige Löwen aussahen, und eben umkehren wollte. Aber als die Löwen das Maulthier sehen, so fliehn sie von dannen, und wie sie gar nicht mehr zu sehen waren, bekommt Herr Gries all seinen Muth wieder, und eigentlich wohl noch mehr, als er zuvor schon gehabt hatte, denn so eine Heldenseele erholt sich gar leicht, und kommt sogleich wieder zu sich selbst, und wird noch grimmiger als zuvor. – Herr Gries reitet nun, als sei Alles gethan, tiefer und tiefer in den Wald.

Nun gehts bergan, bergab, bis das Maulthier und Herr Gries – ei nein! – vielmehr Herr Gries und das Maulthier, in ein tiefes finsteres Thal kommen, das mit Felsen umgrenzt war – – Hier war nun gar kein Scherz, denn das Felsenthal hatte in dem Felsenhöhlen Drachen in Menge, welche aus dem weiten Schlund ihrer Rachen Flammen und Rauch hervor spien, und schon mit dem[292] Rauch die bravsten Leute konnten kaput machen. – Hier schnaubt ein Lindwurm aus einer Höhle hervor, schnaubt, faucht und speit Flammen Rauch und Giftqualm – dort ein anderer aus einer andern Höhle; – und die kleinen Lindwürmer, helfen den alten schon mit. – Da wars denn gewiß kein Spaß, und Herr Gries schrie, was ihm kein Mensch verübeln kann: »daß Gott erbarm, daß Gott im hohen Himmel mein sich gnädig erbarm! Hier geh ich kaput! – Das machten die Lindwürmer!«

Er ging aber nicht kaput, denn das Maulthier ging mitten durch das garstige Gewürme hindurch, dem es da und dort einen Hufschlag auf die Nase gab, und das überhaupt vor dem Maulthier weit mehr Respekt zu haben schien, als vor dem Maul von Herrn Gries, der, ich weiß nicht wie und warum? nicht mehr Maul noch Arm und Schwert, noch Auge und Ohr hatte – gewiß hatte er den Schwindel.

Aber er kam in eine Aue, wo sich Alles wieder fand, was er verloren hatte, Maul, Arm, Auge und Ohr, denn es war kein Löwe und Lindwurm in der Aue, sondern nur schöne Blumen und kleine rieselnde Bäche, mit klaren hinperlenden Wellen, und mit Vergißmeinnicht an den Ufern, waren da, und die allerlieblichsten Bäume standen da und dort beisammen.

Da hast du dich denn doch, recht wie ein Held gehalten, denkt Herr Gries; und ist ja nun Alles vorüber. – Herr Gries ritt behaglich weiter.

Im Weiterreiten ragt aus hohem dunklen Gebüsch ein Schloß hervor. Dort, dachte er, wäre der Zaum, und müsse dort sein, und wenn auch der Zaum nicht darinnen wäre, müsse er dennoch ins Schloß, denn es müsse drinnen sehr hübsch sein, weil es ja von außen so glänzend und herrlich sei. (Herr Gries hielt etwas auf die Außenseite). So ging es denn weiter. Aber wenn man auch weiter kommt, und immer weiter, so ist man deshalb, fängt man[293] es nicht recht an, noch nicht dort, wo man sein will. So gings unserm Helden – so geht es selbst manchen Gelehrten, und so gehts in der Welt überall, und mancher der General hat wollen werden, hats kaum zum Korporal gebracht. Das ist aber freilich auch keine Maus, sondern ein Ding, welches einen Degen an hat.

Herr Gries ritt hastig aufs Schloß zu, und wäre wahrhaftig hinein gekommen, wie er sichs vorgenommen hatte, wäre nicht ein breiter wildrauschender Strom um das Schloß her geflossen, der unsern kühnen Abentheurer keineswegs gefiel. Indessen der Strom war einmal da, und rauschte und strömte immerdar fort.

Herr Gries sucht und sucht nach einer Brücke, weil es doch unvernünftig sei, keine Brücke über einen solchen Strom zu bauen, aber statt der Brücke zeigt sich seinem Augen nichts, als nur ein schmaler Stab von Eisen.

Der müßte getrunken haben, denkt Herr Gries, der über einen solchen Stab reiten wollte, denn man könnte da fürwahr ins Wasser fallen, und sich die Kleider naß machen, wo man gewiß den Schnupfen davon trüge, weil das Wasser verdammt naß macht. Am Ende könnte man gar ertrinken.

»Hohl der Henker den Zaum, und die dumme Grete dazu, die ihn haben will,« denkt Herr Gries, und kehrt wieder um in Gottes Namen, und kommt frisch und gesund zu seiner liebsten Tageszeit, nämlich zur Mittagszeit, d.h. Essenszeit, wieder zu Artus altem Königssitz, Kardigan geheißen, zurück, nachdem er doch kaum eben erst Abschied genommen hatte.

Herr Gries tritt hoch und hehr in den Königssaal ein, und stolziert in demselben herum, und zwar mit heiler Haut, und als man nach dem Zaum fragte, so sagte er ihnen, der sei gar nicht zu haben. Durch Löwen und Lindwürmer, die zu Tausenden auf ihn hätten gelauert, und durch ähnliches Ungeziefer, wäre er freilich geritten, denn vor solchem Ungethier hab er sich niemals gefürchtet,[294] aber über einen Strom zu traben, über welchen nur ein schmaler, haardünner Eisendrath führe, sei unmöglich gewesen, und würde es Niemand unternommen haben, er möchte auch sein, wer er sei. – So sagte Herr Gries.

Aber bei den hochtrabenden Worten des Herrn Gries, sah das zuhörende arme Kind, das den Zaum seines Maulthiers so gern wieder gehabt hätte, und weinte recht bitterlich. Ach dachte es, die Helden hier sind so hoch gepriesen, in allem Land, sind sie aber alle nicht besser als dieser Herr Gries, bekomm ich meinen Zaum wohl nun und nimmer mehr wieder. – Und da wollte die gefühlvolle Seele vor Jammer sterben, blieb aber jedoch noch eine Weile am Leben. – Die Sache war aber nämlich diese.

Herr Gries prahlte, und das arme Jungfräulein mit ihren schönen Aeuglein weinte, und der Zaum war nicht da.

Da kommt von seinem Zuge zurück Herr Gawin, ein ehrenwerther und tapferer Ritter, und als er Alles gehört hatte, sagte er:

»Ich bin nicht von vielen Worten, schöne Dame, aber was ich vermag, thue ich gern für Euch, und für jede junge Dame die so hold und lieb ist als Ihr seid. Wie es wird werden, kann ich nicht wissen. Aber an meinem guten Willen, soll es gewißlich nicht fehlen.«

Herr Gawin denkt an Essen und Trinken nicht, obwohl er sonst einen guten Mundbissen auch nicht verschmähete. Es war aber hier nicht Essens- sondern Ehrensache, und so läßt er sich kürzlich unterrichten, setzt sich aufs Maulthier, und reitet davon.


Es war schon Abend, als Herr Gawin reitet, aber dem macht das nichts aus, zumal da der Mond hell schien. – Das Maulthier lief vogelschnell. Der Löwenwald und das Thal der Drachen[295] werden ohne Furcht zurück gelegt, und mit den ersten Morgenstrahlen erblickt Herr Gawin das Schloß, den Strom und die Brücke, die aus dem schmalen geschliffenen Stab Eisen bestand.

»Immer drüber hin, dachte Herr Gawin, denn durch das lange Besinnen wird der Eisenstab doch nicht breiter;« und er ritt drüber hin, und kam wohlbehalten hinüber, und sein Maulthier hatte keinen falschen Tritt gethan. (Denn ohne Zweifel war es ein gefeietes Maulthier.) Es würde ihn aber eben so wenig hinüber gebracht haben als Herrn Gries, hätte er das Herz nicht auf der rechten Stelle gehabt. Der echte Muth entscheidet in vielen Dingen, und hilft zum glücklichen Ausgang.

Herr Gawin war drüben, und ritt getrost auf das Schloß zu. Da thut sich auf einmal ein Thor auf, und ihrer sieben zu Roß, wohl bewehrt mit Schwert und Lanze sprengen ihn an. Er aber lehnt sich an einen Baum und sagt ihnen, daß wenn er nur des Maulthiers Zaum bekäme, es gar keiner Händel weiter bedürfe.

»Sehr wohl! sagten sie höhnisch; der Zaum muß freilich dein sein, wie sich von selbst versteht, es liegt nur an der Kleinigkeit, daß du ihn uns erst abgewinnen mußt.«

»Hoh, hoh! antwortet der Ritter, wenns so gemeint ist, so bin ich dabei; kommt an! zwei oder drei, oder meinethalben allesammt auf einmal, mit Euch nehm ichs noch auf.«

»Hört Herr Isegrimm, spricht einer aus den sieben mit großem Spott, nehmt gute Lehre an, damit Ihr wohlbehalten nach Hause kommt. Der Tröpfe hats mehr gegeben, die den Zaum haben wollten, und sind ohne Kopf davongeschwommen.«

»Nimm die Antwort,« sprach Herr Gawin grimmig, flog mit seinem Maulthier auf den Großsprecher zu, und spaltet ihn mit Einem Hieb vom Kopf an bis auf den Sattelknopf. Und nun da er einmal in der Arbeit war, so ging es frisch. Hier fliegt ein Arm[296] dort ein Stück Kopf oder Schulterblatt, und so gings blitzschnell fort, bis sie alle sieben auf dem Platze geblieben waren.

Der Ritter, heiß von der Arbeit, wischt sich den Schweiß von der Stirne, und glaubte nun sei Alles vorüber. Das wars aber nicht, denn die Leichen fangen an sich in einem dicken Dampf zu verwandeln, aus welchem im Augenblick sieben große Drachen mit greulichen flammenspeienden Rachen hervor tra ten.

Daß Herr Gawin stutzt, ist nicht zu verwundern; aber er that, was sich von Helden seiner Art erwarten läßt; er haut auf die Drachen ein, und sein Maulthier hilft ihm muthig, und stößt und schlägt auch mit, bis nach einigen Minuten die Ungeheuer erlegt sind, deren Feuer zum Glücke nur kalt gewesen war.

Aber in das Schloß kam er darum noch nicht, obwohl eine kleine Pforte aufstand, denn die ganze Burg drehete sich mit so furchtbarer Schnelle herum, als ob sie von dem gewaltigsten Wirbelwinde gedrehet würde. Die Pforte in demselben war blitzschnell jetzt hier, und jetzt blitzschnell verschwunden. Wie sollte er da hinein kommen?

Wer auf einem glatten Eisenstab zu reiten den Muth hatte, besann sich auch hier nicht lange. Er stellt dem Schlosse sich gegenüber, und in dem Augenblick als die Pforte kam, sprengt er hinein, und kaum daß er hinein ist, so hört das Schloß auf sich zu drehen, und steht wie ein Schloß stehen muß, nämlich fest. Aber den Zaum hatte er darum noch lange nicht.

Herr Gawin schaut auf. Da steht vor ihm ein Elephant, und auf dem Elephanten ein Mohr mit einer Keule. Der Mohr war himmelhoch, und die Keule so dick wie ein Eichbaum. Doch auch der macht den Ritter nicht zu fürchten, sondern er redet das schwarze Riesengesicht an, und sagt ihm warum er her gekommen sei, nämlich blos um den Zaum seines Maulthiers zu haben, den er ihm doch herbei holen möge.[297]

»Was? was? was für ein einfältiges Fordern, schnaubt ihn der Mohr mit wüthigem Grimm an. Du, den Zaum? So ein klein Ding? So ein Marzipanmännchen? das will den Zaum? Weißt du auch daß man hier so einen Zaum nicht so sogar fix herholt. Die Welt wollt ich dir eher geben wenn ich sie hätte, als so einen Zaum. Nimm guten Rath an, mein Kerlchen; geh wieder nach Hause, und sprich du wärst da gewesen.«

Herr Gawin hört die Reden, die aus dem breiten rothen Mohrenmaul kamen, ohne zu ergrimmen an, und sagt ruhig: »So werde ich den Zaum mir schon selbst müssen hohlen; mein Schatz.«

»Ja, das ist ein Anderes, sagt höflich der Riese; wenn Ihr ihn selbst hohlen wollt, so ist er gewißlich Euer; nur möcht es vorher so etwas an Armen und Beinen und Kopfe kosten. Indessen bemüht Euch nur herein, denn das Mittagsmahl wird eben aufgetragen sein, und das versäum ich nicht gern. Nach der Tafel ists noch Zeit genug ein Paar Worte zu sprechen.«

Herr Gawin nimmt die Einladung an, und Beide gehen hinein und setzten sich in dem goldnen Saal um den Tisch, und der Mohr macht der artigsten Wirth, als wäre er eben erst aus der Residenz gekommen.

Er legt seinem Gaste vor, er sucht ihm das Beste aus, schenkt fleißig den köstlichsten Wein ein, und vergißt auch als Wirth nicht den Gast mit Worten und mancherlei Spaß und Scherz zu unterhalten, worauf er sich aber nicht so gut verstand, als auf Braten und Wein.

Der Gast ißt und trinkt, aber mäßig, spricht nicht viel, und läßt den höflichen und vergnügten Wirth über seinen Witz selbst lachen. Natürlich! Herr Gawin hatte ja nur seinen Zaum im Sinne.

Kaum ist abgetischt und: »gesegnete Mahlzeit!« gewünscht, so fragt Herr Gawin schon: »Wo ist mein Zaum?«[298]

»Habt doch Geduld, Herr Ritter, entgegnete der Mohr. Wer will denn sogleich nach Tische an solche Dinge denken? Das stört die Dauung und ist gar nicht gesund. Ihr seid ja hier gern gesehen, und der Zaum, auf welchen Ihr so versteuert und versessen seid, entgeht Euch ja nicht.«

Dem Ritter gefiel der Aufschub gar nicht, indessen da das Mohrengesicht so höflich war, so durfte er nach Ritter Art und Sitte der damaligen Zeit, nicht widerstehn, und schlendert mit ihm in den Garten, wo er sich, weil er müde war, und mehr noch, um der Unterhaltung des Mohren los zu werden, unter einen schattigen Baum hinstreckt, und unter dem Gesang der Waldvögelein einschlummert, und zuletzt recht fest einschläft.

Die Sonne war nahe am Untergehn, als Herr Gawin erwacht, und ehe er noch die Augen recht aufgethan hatte, schon rief: »Wo ist mein Zaum?«

»Tausend! sagte lachend der Mohr, der sich nicht fern von ihm hatte gelagert, das heiße ich mir doch einen Zaum! Ich glaube Ihr habt sogar von ihm geträumt.«

Ein Konzert von hundert lieblichen Stimmen, ertönte jetzt aus dem nahgelegenen Gartensaal, und der Mohr versicherte den Ritter, es werde nur ihm zur Erde gegeben, und wofern es ihm beliebe, möge er sich gütigst ein wenig in den Saal bemühen. Solcher Höflichkeit mochte Herr Gawin nicht widerstehen. Er schien aufmerksam den Tönen zuzuhören, aber er dachte doch nur an den Zaum.

Die Musik war kaum zu Ende, als Gawin nach seinen Zaum fragen will, als aber auch sogleich der höfliche schwarze Goliath ihn zum Abendessen einladet, das schon bereitet da stand.

Was war für Herr Gawin anders zu thun, als daß er sich mit zur Tafel setzte, wo er aber taub und stumm da saß, und nur vor langer Weile an dem Braten nagte; denn wir wissen schon was ihm in Gedanken lag, und daß man über den Gedanken sehr leicht[299] den Magen vergessen kann, obwohl viel öfter noch über den Magen die Gedanken vergessen werden. Er nagte und kauete ein wenig, aber er that es mit Verdruß. In dessen, die Höflichkeit und gute Rittersitte litten es nicht anders, als daß er den Wirth ehrte, indem er zu essen schien. Gilt doch noch jetzt die Sitte oftmals mehr, als das, was eben jedesmal vernünftig und nöthig wäre, und man darf vielmals eher schlecht sein, als unhöflich.

Ein Abendessen, wie lang es auch währen mag, nimmt dennoch ein Ende. Da es zu Ende war, sagt Herr Gawin, nun wär es denn doch wohl Zeit, endlich einmal den Zaum herbei zu holen.

»Nun das wäre schön,« meinte der Riese, »so in später Abendzeit einen Gast gehn zu lassen, der ihm so werth sei. So etwas würde ihm, dem Wirthe, ewig Schimpf und Schande bringen, und könne nimmermehr zugegeben werden. Morgen sei auch noch ein Tag.«

Also mußte Herr Gawin zur Nacht bleiben, obwohl er sich dazu zwingen mußte. Doch zwingen und müssen ist immer einerlei, man mag sich selbst zwingen oder gezwungen werden. Ich weiß nicht, ob ihr mich versteht, ich weiß nur, daß ich es sagen muß, und daß Ihr mich werdet einmal lernen verstehen.

Herr Gawin bleibt zur Nacht, und das schönste Zimmer im Schlosse, und das schönste Bette im schönsten Zimmer, waren ihm ausgesucht. Man sieht doch, daß der Mann, der anfangs so fauchen konnte, so viel Lebensart hatte. Aber das werdet Ihr, seid Ihr nur einmal erwachsen, oft beisammen finden, und es scheint auch als gehöre es zuweilen ordentlich beisammen. – Unser Mohr war ein Mann von Welt.

Herr Gawin wird durch schöne dienende Knaben, nach damaliger Weise ins Schlafzimmer geleitet, denn vielleicht hätte er sonst das Thronhimmelbette, was königlich hoch und glänzend da stand, nicht können finden.[300]

Die Knaben waren kaum abgetreten, so kommen wunderschöne Mädchen, ihm den Schlaftrunk zu reichen, und das goldene Waschbecken darzubieten, und zu erfragen, was er sonst möchte bedürfen. Aber Gawin bedurfte ihrer nicht, denn er konnte sich im Nothfall schon selbst behelfen, und dachte nur an seinen Zaum. Er bat die schönen Kinder, sich nicht weiter zu bemühen, da sie ihm den Zaum doch wohl nicht würden verschaffen können. – Das könnten sie nicht, und darum traten sie ab.

Der Mohr mochte wohl ganz weltklüge Gedanken haben, wie er durch Braten und Wein, durch Herrlichkeit, Ueppigkeit und Pracht, durch hübsche Gesichter, und durch alle Schwelgereien und Lüste den braven tapfern Ritter von seinem Vorhaben abbringen wollte, welches aber bei Herr Gawin mißlang. Herr Gawin hielt treu und fest, an Ritterehre, an seinem gegebenen Wort, welches er lösen mußte, und vor Allem an Gott und an der Furcht Gottes.

Der Tag war angebrochen, und Herr Gawin hatte ausgeschlafen. Er wappnet sich, und nachdem das Frühstück mit dem Mohren eingenommen war, spricht er wieder von dem Zaum, den er nun haben, und damit fortziehen müsse. – Seid so gut und gebt mir den Zaum, sagt Herr Gawin zum Mohren.

Der Mohr versetzte: »wenn Ihr es denn mit Gewalt wollt so sei es denn auch. Gern wär ich schiedlicher und friedlicher mit Euch ausgekommen, sehe aber wohl, daß es nicht gehen will. – So muß es denn nun einen Kampf zwischen uns beiden geben, und wenn ich um meinen Kopf kürzer bin, dann werdet Ihr den Zaum erhalten.«

Nachdem sich beide Partheien erst die ordentlichen höflichen Bitterkeiten gesagt hatten, kam es zum Kampf.

Den ersten Streich des Mohren wich Gawin geschickt aus, sonst wär er ein wenig mit der Keule desselben, zu Pappmus und Brei ganz ordentlich geschlagen worden. Kaum zieht der Mohr vom[301] verfehlten Keulenhieb den Arm zurück, um zum zweiten Streich auszuholen, da fliegt auch schon des Mohren Arm durch Gawins Schwert herunter.

Und der Mohr flieht mit gräßlichem Geheule davon. Das machte ihm aber nicht eben viel aus; denn er nahm neue Gestalten an, indem er nicht blos ein Mohr sondern auch ein Zauberer war, und er greift in diesen Gestalten den Gawin an – als Drache, Leu, Einhorn, Tiger, Hyäne und Greif. Aber der Ritter blieb Ritter, nämlich muthig und beherzt; und als der Mohr sich endlich in einen Greif verwandelt, trifft er denselben so gewaltig und gut, daß des Greifen Kopf und Kamm herabfliegt. Und als das gräßliche Unthier stürzt, erbebt das Schloß.

Der Riese war fort, aber statt dessen stand nun ein Zwerg da, der mit vielen Verbeugungen und zierlichen Gebehrden sprach:

»Gott soll Euch gesegnen, höchst edler tapfrer Herr, und Euch Gesundheit geben und langes Leben. Die Frau des Schlosses sendet mich, und läßt Euch zur Tafel laden.«

Wir wissen, daß unser Ritter die höflichsten Sitten der Ritterschaft kannte und ehrte, und also folgt er dem Zwerg in einen Saal, wo ein herrliches Mahl für zweie zugerichtet war. Die Herrin des Schlosses aber war so glänzend und überschön, daß Herr Gawin fast verdutzt vor ihr stehen blieb, indem gar zu große Schönheit die Leute nicht nur oftmals allein verdutzt, sondern wohl gar thöricht und so ein wenig verwirrt gemacht hat, zumal wenn die Schönheit so schön gekleidet ist, als bei unserer Dame. Vor Aschenbrödels freilich, wird Niemand verdutzt stehen bleiben, wenn sie auch noch so schön wären, bevor sie sich nicht gewaschen und ein wenig hübsch angezogen haben; denn Reinlichkeit und Kleid haben eine wundersame Gewalt.

Die Herrin des Schlosses aß so, als lebte sie von der Luft, that wehmüthig und betrübt, und dann ward sie lebhaft und munter,[302] und sieht Gawin mit lieblichen Blicken an; aber der merkt nicht darauf, sondern läßt es im Essen und Trinken sich wohlschmecken, und denkt nur an seinen Zaum, und als abgetragen war, wiederholt er den alten Spruch: »Wo bleibt mein Zaum?«

Da fängt sie bitterlich an zu weinen, und spricht, er sehe so fromm und mild aus, und verlange doch ihren Tod. Das ist aber Herr Gawin viel zu hoch, und er spricht, daß er ja fürwahr nichts wolle als seinen Zaum. Da fängt sie ihm denn an Alles zu erklären.

»Ich bin die Fee von diesem Schlosse, sagt sie, und was ihr weit und breit umher seht mit allen Hügeln und Thalen und Auen, ist mein, und wo noch etwas sollte fehlen, das schafft mein Zauberstab in einem Augenblick herbei. Wie Ihr seht, bin ich noch jung, und wenn mich mein Spiegel und meine Eitelkeit nicht belügen, wohl auch nicht ganz unhübsch, und dazu hab ich vor vielen meinen Schwestern einen Vorzug, nämlich den, daß ich immer so bleibe, wie ich jetzt bin. – Aber wenn Ihr eigensinnig auf den Zaum besteht, ist Alles, ach Alles für mich verloren, und nichts was mich erfreuet, ist forthin mehr mein.«

Das war dem Ritter wieder zu hoch und räthselhaft, und bat er deshalb gar höflichst, ihm doch die eigentliche Bewandtniß der Sache so auseinander zu setzen, daß es ein braver Rittersmann könne verstehen.

»So hört denn Alles sprach sie. Mein Vater war einer der ehrwürdigsten und weisesten Druiden1, und verstand alle geheimnißvollen Künste, daher ihn alle Welt ehrte und fürchtete. Er hinterließ nur mich und meine Schwester. Die Schwester war schön,[303] ich aber? – o Herr ich kanns Euch nicht sagen; – ich – ich war es gar nicht. Der Vater wollte mich trösten, und gab mir dieses Schloß und einen Feenstab, womit ich Drachen und Mohren, Riesen und Zwerge, drehende Schlösser und noch vielmehr hervor zaubern kann. Der Schwester aber gab er das gefeite Maulthier mit dessen Zaum. Das schien so wenig, und war doch vielmehr als ich hatte empfangen, denn ach! Herr Ritter – verzeiht, ich bin ein Mädchen! – wer den Zaum hat, hat unverwelkliche Jugendschönheit, und selbst die Häßlichsten werden durch seinen Besitz die Schönsten. Die Schwester war so schon schön und überschön, und ich war es ja nicht. Was wollte sie mit dem Zaum? – ich aber hatte ihn nöthig. Und nun Herr Ritter errathet ihr Alles. Wer mir den Zaum nimmt, nimmt mir mein Leben. Fordert ihn nicht von mir, Herr Ritter! Ich will der Schwester Alles was ich habe gern zum Ersatz geben, wenn sie mir nur den Zaum läßt. Seid gütig, und nehmt mir ihn nicht ab, und, wenn ich Euch gefalle, so bleibt hier, und theilt mit mir Alles – Alles!«

Herr Gawin wußte wohl, was die schöne Dame meinte, und war von ihrem Schmerz gerührt. Er entschuldigte gern ihren Raub, obschon er ihn nicht gutheißen konnte, und ihr himmlisches Gesicht und Wesen gefielen ihm sehr, aber unser Ritter war ein Mann von Wort und Ehre.

»Holde Dame, sagte er, wer sollte Eurer Schönheit nicht huldigen, und Euern Besitz nicht wünschen? Ich wollte Euch immer dar gern höchlich verehren, mein Lebelang. Aber verzeiht, ich habe wegen des Zaums mein Wort gegeben, und das ist etwas mehr als mein Leben, denn in meinem Worte liegt meine Ehre.«

Die Dame sieht wohl, mit welchem festen starken Manne sie es zu thun hat, und mit lautem Schrei befiehlt sie dem Zwerg den Zaum zu bringen, wendet weinend ihr Angesicht ab, und eilt in ein[304] anderes Zimmer. Man kann schon denken warum? – Die Schönheit und der Zaum waren ja zugleich dahin.

Armes Mädchen! du jammerst den Ritter, aber sein Wort muß er doch halten!

Der Zwerg bringt den Zaum; der Ritter zäumt sein Thier damit, welches vor Freuden darüber, daß es den Zaum wieder hat, lustige und poßirliche Sprünge macht. Er reitet zurück, ohne daß ein Strom, oder eine Eisenstabsbrücke, oder Drachen und Löwen da waren.

Und das Maulthier flog zu seiner Herrin zurück, als hätte es den Winden zehntausend Flügel abgeborgt, und berührte mit seinen Hufen kaum die Spitzen des Grases.

Er war in einigen Stunden wieder an des alten Königs Artus altem Hofsitz, und brachte den Zaum. Der König und die bravsten Helden der Tafelrunde umarmten den wort- und ehrenfesten Genossen, der, wie so oft sich auch hier wieder hatte bewährt, und die Damen des Hofes selbst dachten, er sei beinahe so heldenmüthig als Herr Gries, und vielleicht, wenn das möglich sei, wohl noch etwas mehr.

Und das Angesicht der Herrin des Maulthiers glänzte wie Morgenröthe. Sie drückte ihm dankbar die Hand. – Herr Gawin ward ihr Gemahl.

Manche Damen am Hofe des Altkönigs Artus, die wirkliche Hofdamen waren, rümpften das vornehme Näslein, und sagten, den hätten sie nimmer gemocht. – Andere, die zwar Damen am Hofe, aber nicht Hofdamen waren, schwiegen und dachten: den hätten wir gern gemocht, und die Herrin des Maulthiers mochte ihn am allergernsten; und der alte Held Artus hatte seine Herzenslust und Freude über das herrliche Paar.

1

Religionsdiener, vornämlich bei den alten Deutschen und den Galliern.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 288-305.
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