Jeduch

[240] Ich stehe hier am Jammerstein

Und schreie meinen Fluch;

Ihr Männer von Meckeloh, hört mein Schrein,

Jeduch, jeduch, jeduch!
[240]

Hört mein Schrein und hört meine Not,

Ich stehe am Jammerstein;

Mein Hennecke, euer Haupt ist tot,

Und Jeduch muß ich ihm schrein.


Jeduch auf die Leute aus Lüttgeloh,

Die ihn schlugen mit heimlicher Hand;

Ich rufe Jeduch durch den ganzen Go,

Über Feld, über Moor, über Sand.


Wo die Beeke kommt aus dem großen Moor,

Da fand ich ihn liegen im Sand;

Aus seinem Haar krochen Maden hervor,

In den Augen das Blut ihm stand.


Seinen Brägen hatte der Fuchs verbracht,

Seinen Nacken der Wolf zernagt;

Mit dem Haar hab' ich ihm sein Gesicht rein gemacht,

Mit der Hand ihm die Fliegen verjagt.


Sein Arm war hart, seine Hand war rauh,

Sein Herz und sein Mund waren weich;

Seine Augen, die waren wie Bachblumen blau,

Keiner von euch ist ihm gleich.


Wo er hinschlug, kam das Gras nicht zurück,

Wo er küßte, küßte er Glut;

Des Dorfes Stolz, meiner Augen Glück,

Da liegt er in seinem Blut!


Bei Nacht und Nebel, vor Tau und Tag

Erschlug ihn das Hundegezücht;

Von hinten traf ihn des Mörders Schlag,

Er lag auf seinem Gesicht.


Keine Nacht noch war er in Wonnen bei mir,

Kein Kind von ihm trägt mein Leib;

Eine Jungfernwitwe, so stehe ich hier,

Ein unglückseliges Weib.


Wenn der Kuckucksruf aus dem Maibaum schallt,

Dann sollte sein Weib ich sein;

Jetzt liegt auf der Deele er steif und kalt,

Und ich bin gelt und allein.
[241]

Ich schnitt mir vom Kopfe mein schönes Haar,

Zerkratzte mir Brust und Gesicht;

Aller Zier und Pracht will ich werden bar,

Einem andern gönn' ich das nicht.


Will in Lumpen gehn, will in Lappen sein,

Um den Kopf das Witwentuch;

Und immer bloß schrein und schrein und schrein:

Jeduch, jeduch, jeduch!


Bis Lüttgeloh brennt, bis Lüttgeloh qualmt,

Bis zum Himmel soll blaken die Glut;

Bis der Hammer der Mörder Knochen zermalmt,

In den Mist soll fließen ihr Blut.


Aus Lüttgelohs Balken baut mir dann

Die letzte Lagerstatt;

Und der Mörder Blut soll kleben daran,

Das macht meine Augen satt.


Dann will ich legen mein Bestkleid an,

Will tragen das große Geschmeid;

Zu Hennecke geh' ich, zu meinem Mann,

Unser Bett, das ist bereit.


Wenn in Lüttgeloh die Kinder schrein,

Wenn das Vieh verkohlt im Stall,

Dann will meines Hennecke Weib ich sein,

Will fahren mit ihm zu Walhall.


Ich stehe hier am Jammerstein

Und schreie meinen Fluch;

Ihr Männer von Meckeloh, hört mein Schrein,

Jeduch, jeduch, jeduch!

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 240-242.
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