Der Giftheiner

Eine Erzählung aus dem Erzgebirge von Karl Hohenthal

Es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen, so warm und sonnig wie nur selten einer im Gebirge. Der freundliche Sonnenstrahl trank die glänzenden Thautropfen von den jungen Pflanzenspitzen und ließ die Nebelballen in wunderlichen Gestalten von Thal zu Berge steigen. Die schon längst aus dem Süden zurückgekehrten befiederten Sänger des Waldes hatten ihr Frühkonzert begonnen und ließen sich in ihrem fröhlichen Gezwitscher durch den Mann, welcher am Rande der Waldwiese an einem Baume lehnte, nicht stören. Er achtete ihrer ja gar nicht, sondern schaute so ernst und gedankenvoll hinaus in die blaue Ferne, als ob die Nähe mit ihrem blühenden, duftenden und jubilirenden Leben für ihn gar nicht vorhanden sei.

Doch ja, sie schwiegen plötzlich; er hatte seine Stimme erhoben und ließ ihren herrlichen Tenor mit einer Fülle ertönen, welche die Vögel verstummen machte, und wie heller Glockenklang über die Wipfel des zur Tiefe sich senkenden Waldes hinfluthete.


»So schwer wie der Fichtelberg

Ist mir das Herz,

Und so hoch wie der Fichtelberg

Wächst mir der Schmerz.

Es fließt von dem Fichtler

Manch' Wasser ins Meer

Und kommt dann im Reg'n

Und Thau wieder her.«


Die Vögel fielen am Schlusse der Strophe applaudirend und mit verdoppeltem Eifer in ihre Weisen; er schien es nicht zu hören. Er sah auch nicht, daß ein Anderer sich ihm näherte und lauschend hinter ihm stehen blieb.


»Ich stand auf dem Fichtelberg,

Gab ihr die Hand

Sie ging von dem Fichtelberg

Fort in das Land.

Nun fällt von dem Fichtler

Manch' sehnender Blick

Und bringt aus der Fern' doch

Nur Thränen zurück!«


»Bravo, bravissimo!« ließ sich der unbemerkte Horcher jetzt hören. »So aane Stimm' wie dem Giftheiner seine giebts net wieder, so weit der Fichtler schaut, und so schöne Reim' bringt erst recht gar niemand net fertig. Die Liebste ist ihm ausgeriss'n und hat ihm die Treu' gebroch'n; darum singt er nun den Fichtelberg an und weint Syrup dazu. Warum weinst' net Schwefelsäure oder Salpeterwasser? Das wär' doch besser zu brauch'n!«

Der Sänger hatte sich ihm zugedreht und ohne eine Miene zu verändern ihn aussprechen lassen. Dann aber faßte er ihn mit einem unerwarteten Griffe bei der Brust, drückte ihn an den Stamm des nächststehenden Baumes und bearbeitete seine Wangen so kräftig mit der flachen Rechten, daß der Schall der Streiche weithin vernehmbar war.

»So, da hast' Dein Geld für die schöne Red', die Du gehalt'n hast, Kart'nbalzer! Ist's genug, oder willst' noch mehr?«

Die Ohrfeigen waren so überraschend schnell und ohne alle vorhergehende Einleitung über den Getroffenen hereingebrochen, daß er gar keine Zeit gefunden hatte, sich auf die Gegenwehr zu besinnen. Er schien diese letztere auch nicht für rathsam zu halten, denn kaum fühlte er sich von der starken Faust, die ihn gehalten hatte, befreit, so wich er, die Hände an das erglühte Gesicht legend, behutsam um einige Schritte zurück.

»Was thust' mit mir, Giftheiner?« sprudelte er hervor. »Vergreif'n thust Dich an mir? Das soll Dir vergolten werd'n; merk Dir die Schläg!«

»Da giebt's net viel zu merk'n. Kannst' sie ungezählt bekommen, so oft Du's nur begehrst. Wenn Du Appetit darauf hast, so darfst' nur den Namen sag'n, mit dem Du mich vorhin geruf'n hast.«

»Ist das etwa net der richtige für Dich, he? Wer hat denn dem Kantor das böse Zeug ins Gesicht gegoss'n, so daß es ihm fast ganz weggefressen word'n ist? Vom Himmel ist's doch wohl net herabgeregnet, und es hat sich ja herausgestellt, daß Du am Tag vorher in der Apothek' gewes'n bist!«[636]

»Kart'nbalzer,« antwortete der Andere ruhig aber mit funkelndem Auge; »ich will's net so mach'n wie Du und Deine Spießgesell'n, daß ich die Schuld auf Jemand' werf', dem ich doch nix beweis'n kann; aber ich sage Dir, die Sonn' bringt's schon noch an den Tag, wer's gethan hat, und dann wird auch der Zahlaus net auf sich warten lass'n. Es sag'n viele Leut', Du seist der schlechtest' Kerle weit und breit im Land' herum, ich aber waaß dies besser: net die Bosheit, sondern der Leichtsinn hat Dich verführt und ins Unglück gebracht. Doch merk, der Leichtsinn ist gefährlicher, als die Bosheit und kann net wie sie gebessert werd'n, denn ihm fehlt der feste Halt dazu. Dir geht das Wasser schon bis an den Mund und wird noch vollends über Dir zusammenschlag'n, wenn der liebe Gott net auf ganz absondre Weis' Erbarmen mit Dir zeigt. Das Aug', von dem die Bibel spricht und das Dich ärgert, muß heraus und unschädlich gemacht werd'n, weiter giebts nie kaane Rettung mehr für Dich. Geh fort Balzer; Du hast mir nix als Uebles zugefügt, aber wenn ich d'ran denk, was Du warst und Dich jetzt grad wie den armen Sünder vor mir seh, so kannst' mich fast sehr dauern!«

Es war so, wie die letzten Worte sagten. Der Angeredete stand mit niedergeschlagenen Augen vor dem Sprecher, und die Röthe, welche sich von den Wangen bis über seine Stirn verbreitete, hatte wohl außer der empfangenen Züchtigung auch noch eine andere, eine innere Ursache. Aber wie ihm vorher der Muth zur Gegenwehr entgangen war, so fehlte er ihm auch jetzt zur ehrlichen Selbsterkenntniß, und bei der Erinnerung an die Vergangenheit bäumte sich der falsche Stolz in ihm empor.

»Was ich gewes'n bin, das brauchst mir net zu sag'n! Der Teichbauer war ich, wenn Du nix dageg'n hast, und den Teichhof hab ich vertrunk'n und verspielt net aus Leichtsinn, wie Du meinst, sondern weil ich's grad so und net anders gewollt hab. Und daran ist weiter niemand schuld als Du! Du hast mir die Kantoralwin' abspenstig gemacht, und mir ist nachher Alles gleich gewes'n. Aber bekommen hast' sie doch net, obgleich Du schier durch Himmel und Höll' gedrungen bist, und durch das Giftwasser ist's denn gar aus geword'n. Das Aug' reiß' ich mir Deinetweg'n noch lange net heraus, Heiner, und zu erbarmen braucht sich auch niemand und Kaaner über mich; ich werd' schon selbst allein noch mit mir fertig!«

»Das seh' ich, und drum bin auch ich nun mit Dir fertig. Behüt' Dich Gott, Balzer!«

»Aber ich noch net mit Dir! Meine Rechnung streich ich net eher, als bis ich Dich net mehr zu sehn vermag. Du hast aus dem Balthasar vom Teichhof den Kart'nbalzer gemacht, nun sollst' auch merk'n, daß ich ihn spiel' bis auf den letzt'n Trumpf.«

»Spiel fort, Balzer. Wirst net viel Trümpf' mehr hab'n!«

Er nahm den in ein Tuch geschlagenen Vogelbauer, welcher neben ihm gestanden hatte, von der Erde auf und entfernte sich. Der heruntergekommene Teichbauer blickte ihm finster nach und warf die geballte Faust hinter ihm empor.

»Wart nur, Bursch; die Ohrschell'n sind Dir theuer angerechnet! Aber warum hab ich doch nur den Kerle net gleich darniedergeschlag'n? Das hätt' er mir 'mal früher bieten soll'n. Ist's denn wahr, daß Spiel und Trunk den Mensch'n feig und zagig mach'n? Ich war doch sonst mehr als zu viel gleich mit dem Zuschlag'n bei der Hand, und hab mich vor dem Heiner niemals net gefürchtet! Mirweg'n mag's immer so sein; es kömmt doch noch die Stund', in der ich mit ihm Abschluß halt weg'n der Alwin', weg'n dem Teichhof und weg'n Allem, was ich um seinetwill'n verloren und verjubelt hab. Die Flasch' ist noch immer vorhand'n, die damals für ihn bestimmt war; er mag sich nur in Acht nehmen, daß sie net auch 'mal an den Recht'n kommt. Es sind wohl an die zwanzig Jahr' verfloss'n, seit da mir seine hübsche Larv' im Wege war; sie ist mir noch heut zuwiderer als der Tod, und wenn er sie net hütet, so kann sie gar bald der Visag' des Kantors ähnlich sehn!«

Der, welchem diese Drohung galt, schritt über die Wiese und durch den angrenzenden Wald nach einem freien, von dürrem, vorjährigem Distelwerk bestandenen Platze.

»Pst, Heiner,« klang es hinter einem dichten Dorngestrüpp hervor; »bleib stehn und rühr Dich net!«[637]

Der Angerufene folgte der Weisung und blickte forschend umher. Inmitten der kleinen Lichtung stand ein einzelner Strauch, dessen Zweigspitzen mit Leimruthen besteckt waren; der Lockvogel saß am Boden in einem Käfige, welcher den Blicken der mißtrauischen Beute durch allerlei grünes Blattwerk entzogen war. Eben hatte sich ein Flug von Hänflingen auf den Buschrand niedergelassen, und der hinter dem Dorngewirr verborgene Vogelsteller lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den Stimmen der einzelnen Männchen unter ihnen.

»Hörst, Heiner, den da drüb'n auf der jungen Birk', was der für aan ›Di–ee–bli–ee‹ hat? Der singt wie aan zweijähriger Alter und ist doch nur aan rother Frühjährling. Den muß ich hab'n!«

Nach einer kurzen Pause flüsterte er weiter:

»Schau den dort auf dem Ficht'nast, wie weich und zart dem sein klaanes Stimmchen klingt. Der ist vom letzt'n Herbst, und der Kenner zahlt wohl an die zwanzig Grosch'n für ihn auf. Ich muß ihn hab'n!«

Nach einem ferneren Schweigen zeigte er nach der Spitze einer Tanne.

»Alle Wetter, Heiner, ist das aan Schlag, den der da ob'n hat! Das wird aan Stellvogel, der die Flüge aus den Wolk'n 'runterzieht. Er ist unter Brüdern seine drei Thäler werth; ich muß ihn hab'n!«

Wieder lauschte er.

»Hörst Du 'was von dem unsrig'n? Kaan Laut, net aan einziger Mux ist zu vernehmen. Doch jetzt, jetzt fängt er an. Horch! ›Cha cha cha di eee, di di di bli–eee, cha cha cha!‹ So ists recht. Jetzt müss'n sie all' auf die Ruthen fall'n! ›Cha cha cha di–eee, cha cha – –‹ Was ist denn das? Ist denn der Racker net recht bei Troste? ›Zapp zapp zapp‹ brüllt er, und nun sind sie dort über alle Berge! Anstatt sie fein hübsch anzulock'n, warnt er sie. Das ist doch grad'zu zum Närrischwerd'n!«

Er fuhr aus dem Gedorn heraus und auf den Vogel zu, nahm den Käfig von der Erde und schüttelte ihn mit grimmiger Geberde hin und her.

Heinrich oder vielmehr Heiner, wie der Gebirgler diesen Namen gern sich mundgerecht zu machen pflegt, folgte ihm lächelnd bis zu dem Ruthenstrauch.

»Laß's gut sein, Vater! Der Vogel hat nix ver broch'n; er ist nur gegen Seinesgleich'n ehrlich gewes'n.«

»Aber geg'n mich net, der Nixnutz der! Mit wem hat er's denn zu halt'n, he, mit mir oder mit dem Vogelzeug? Bei wem steht er denn in Kost und Brod, und von wem bekommt er denn seine Wartung und Pfleg' wie sich's schickt und gehört, he? Doch von mir! Ich lieg nun seit vier Uhr hier auf der Lauer und hab noch nix gefangen, nix gar nix, auch net den einzig'n Schwanz! Und warum? Entweder wenn 'was kommt, so sitzt er drin, putzt sich und hält den Schnabel, oder er schreit ›zapp zapp‹ und jagt mir damit den best'n Fang vom Busch. Er bekommt alle Tag' dreimal frisches Wasser und feinen Rübs'n, Lein und Hanf dazu, das grüne Knusperzeug gar net gerechnet; aber den kann ich mit Servelatwurst, Eierpunsch und Schinkenknoch'n füttern, er bleibt doch bei seinem ›Zapp!‹ Das muß anders werd'n, und er soll aane Kur hab'n, die ihm den Kopf schon zurechtsetz'n wird!«

Man sah es dem guten Alten an, daß es mit seiner Rage nicht gar so schlimm gemeint sei, als es den Anschein hatte. Der Aerger stand ihm so drollig zu Gesicht, daß sich über die ernsten Züge Heiners ein helles Lächeln breitete.

»Bei solcher Kost thät ich fast selber mit. Meinst' net, Vater?«

»Sei still, Bub'! Pfeifst auch immer anders, als ich will, und denkst alleweil' nimmer an Das, was für uns gut und nöthig ist. Fast erst um zwei Uhr war's, als ich von zu Haus' fort bin. Früher, als die Mutter noch lebt', da stand der Kaffee auf dem Tisch, die Frühstücksbemm' war eingewickelt und es gab aan freundlich Wort mit auf den Weg; da stieg sichs gar lustig den Berg hinan, die Hantierung flog aus der Hand, und wenn ich heim kam, so wußt' ich, was ich gefangen hatt'. Wie aber ist's jetzt heut und alle Tag'? Vom Kaffee kaane Red', vom Frühstück kaane Red', von nix net kaane Red'. Verdross'n schieb ich mich den Berg hinan, und kehr ich heim, so hab' ich nix gefangen und setz mich hin, stopf Strümpf' oder setz Flicklapp'n auf die zerriss'ne Wäsch'. Wo kaane Frau im Haus' ist, da giebts nur eitel Unordnung und Aergerniß, und kommt dann gar noch so aan verwünschtes ›Zapp‹ dazu, so ists gleich rein all' mit mir. Das muß anders werd'n! Hast's gehört?«

»Ja. Aber warum nimmst' Dir denn kaane Frau, wenn Dir's allein net mehr gefällt?«

»Ich? Wieder heirat'n? Bei Dir rappelts wohl im Kopf! Das müßt wohl auch aan schönes Weibs'n sein, dem solch aan alter Fink noch gut genug wär, und das Herzeleid will ich meiner braven Alt'n net im Grab anthun, daß ich mich mit meinem grauen Kopf noch gar verschamerir! Du waaßt recht gut, wer an der Reih' ist schon seit langer Zeit, aber Du thust net der gleich'n, und was man sagt, das ist in den Wind gesproch'n!«

»Ich find Kaane, die mir paßt, Vater!«

»Sei nur gleich still mit Deinem Find und Paßt, denn es steckt doch nix dahinter als die leere Ausred'! Wer nix sucht, der kann auch nix find'n, und wer nix findet, dem kann auch nix pass'n. Die Weiber flieg'n Aanem net wie die gebrat'nen Taub'n in den Mund; sie möchten's zwar gern, aber es schickt sich net für sie, und darum muß man doch wenigstens die Hand ausstreck'n, wenn man Aane hab'n will. Mach nun bald endlich 'mal gehörig Anstalt; das Alter hast' schon längst dazu!«

Der Alte war auf sein Lieblingsthema gekommen, bei dessen Besprechung er kein Ende zu finden pflegte.

»Ich hab den Stieglitz mitgebracht,« meinte Heiner; »soll ich das Tuch fortnehmen?«

»Ja ja, komm mir nur schnell mit dem Stieglitz dazwisch'n, wenn ich von der Frau anfang! Ich will nur lieber gleich den Mund halt'n und nach Haus' gehn; fangen thu ich doch nix und daheim giebts viel zu thun, zu kehr'n und zu wisch'n, die Bett'n zu mach'n, einzufeuern und Kartoffel zu schäl'n; man waaß vor lauter Arbeit net wo man anfangen soll, und kommt auch nimmermehr zu End' damit. Wo kaane Frau im Haus' ist, da giebts nur eitel Unordnung und Aergerniß. Ich geh!«

Er nahm das Hänflinggebauer vom Strauche, schlug ein Tuch darüber und schritt brummend davon. Heiner hing den Stieglitz an die Stelle seines pflichtvergessenen Kameraden und nahm dann in dem Verstecke seines Vaters Platz. Er hatte weniger auf seine äußere Umgebung als vielmehr auf die Regungen seines Innern Acht. Grad an einem so wundervollen Frühlingsmorgen wie heut und unter demselben Baume, an welchem der Kartenbalzer ihn vorhin überrascht hatte, war das Scheidewort zwischen ihm und der schönen, trügerischen Kantorstochter erklungen. Sein tiefes, treues Gemüth hatte den Verlust nicht zu überwinden vermocht und darum einer zweiten Liebe niemals Raum gegeben. Darüber waren die Jahre vergangen, aber Heilung für das Weh seines Herzens hatten sie ihm nicht gebracht.

Die Stimme des Lockvogels weckte ihn aus seinen Träumen. Ein kleiner Gefangener flatterte ängstlich kreischend mit der anklebenden Leimruthe von dem Busche zur Erde nieder. Er sprang auf und eilte hinzu. Die Freude über den Fang ließ ihn das Rauschen eines weiblichen Gewandes überhören.

»Du mußt doch aan recht böser Mann sein, daß Du dem Thierch'n net die Freiheit gönnst!« klang eine sanfte, vorwurfsvolle Stimme neben ihm.

Er drehte sich um und fuhr dann bei dem Anblicke des jungen Mädchens wie vor einer Geistererscheinung mit abwehrenden Händen und weit geöffneten Augen zurück.

»Alwin'! Was thust hier auf dem Fichtler?!«

Sie blickte ihn erstaunt an.

»Mein Nam ist net Alwin', sondern Alma! Aber sag, warum erschrickst' vor mir?«

»Weil – weil – weil ich Dich net kenn' und auch net gewußt hab, daß außer mir noch Wer hier zugeg'n ist.«

»Das sind doch kaane Gründ', sich vor mir so zu entsetz'n,« meinte sie, ihn mit ihren großen, braunen Augen prüfend überblickend. »Entweder Du bist trotz Deiner Körperstärk' aan furchtsamer Bursch' oder es ist bei Dir mit dem Gewiss'n net ganz richtig. Gieb her den Vogel; ich werd' ihn wieder fliegen lass'n!«

Er hatte sich von der bei ihrem ersten Anblicke gezeigten Bestürzung erholt und lächelte jetzt über ihre resolute Art und Weise, mit ihm fertig zu werden.

»Das geht net so rasch wie Du denkst, Du klaaner General, Du! Wer bist' denn eigentlich, daß Du das Kommandir'n so gut verstehst?«

»Ich bin die Tochter von der neuen Teichbäu'rin, die gestern eingezog'n ist.«

»Und wie ist denn Dein ganzer Nam'?«

»Er lautet Alma Smirnoff.«

»Das ist doch aan recht possierlich Wort! Aus welcher Sprach mag's wohl herkommen?«

»Mein Vater war aan Russ', und wir hab'n bisher in Warschau gewohnt.«

»In Warschau? Das ist gar weit von hier. Woher hast Du denn da die deutsche Sprach' gelernt, und noch dazu so, wie wir sie hier im Erzgebirg' sprech'n?«[638]

»Ich hab – ich bin – es war Jemand in unsrer Famil', der mit mir fast gar net anders geredet hat als Euern Dialekt. Und wer bist denn Du?«

»Mein Nam' heißt Heinrich Silbermann; mein Vater ist der Vogelhändler unt'n im Dorf.«

Sie trat schnell einen Schritt zurück und sah ihn mit einem Blicke an, aus welchem es wie mühsam zurückgehaltene Theilnahme und Freude strahlte.

»Der Silberheiner bist', der so schöne Lieder dicht'n und so prächtig dazu singen kann?«

»Woher hast' Dieses schon gewußt?«

»Die Mut – – es ist – davon bei uns gesprochen word'n,« antwortete sie verlegen. »Vorhin stand ich da unt'n im Grund; weit ob'n sang Aauer zwaa Vers', so schön, so prächtig, daß ich den Athem net hab gehen lass'n. Warst' das auch?«

»Werd's wohl gewes'n sein!«

»Da dank ich Dir gar sehr für den Gesang, Silberheiner! Es hat aan Herz und aan Gemüth darin geleg'n, daß ich gezwungen bin, Dir Abbitt zu thun von weg'n dem ›bös'n Mann‹, wie ich Dich genannt hab.« Sie streckte ihm die kleine, feine weiße Hand entgegen und fuhr dann lebhafter fort: »Aber den Vogel, den mußt' mir doch zeig'n! Oder net?«

»Da schau her! Es ist aan Stieglitz; der Vater will ihn brauch'n für die Kanarienheck', und ich werd' Freud' anricht'n, wenn ich ihn bring.«

»Welch aan lieb's und schön's Vögele! Aber sieh den garstg'n Leim! Geht er auch wieder ab?«

»Freilich muß er wieder herunter! Ich hab schon mitgebracht, was ich aufstreich'n werd; paß auf! So da ist er geheilt und kann die Flügel wieder gebrauch'n.«

»Und was thust nun mit ihm? Soll er wirklich in den Käfig kommen?«

»Ja.«

»Aber wenn ich Dich nun recht schön bitt, ihn frei zu lassen!«

»So kann ich doch net ja sag'n. Der Vater ernährt sich von dem Vogelhandel, und wenn er nix fängt, so kann er auch nix verdienen. Er hat die ganze Nacht bis jetzt im Wald geleg'n und leer nach Haus' gemußt, drum wird er sich freuen, wenn ich 'was bring, und wenn's auch aan einzig Stück nur ist.«

»Dann will ich Dir den Stieglitz abkauf'n!«

»Grad den darf ich net verkauf'n, weil er zu den Kanari'n kommt.«

»Und doch wirst' mir ihn ablass'n, Silberheiner. Ich geb Dir dafür was Du verlangst. Bitt, thu es doch!«

Er konnte kein Auge von ihr verwenden. War denn ein Traum aus alten, seligen Zeiten über ihn gekommenn, der seine Sinne und all sein Denken und Empfinden in süße, zauberische Fesseln schlug? Diese mit gar keinem Worte bezeichnende Stimme, diese tiefen, kristallhellen Augen, dieses warme, unter der Bitte zuckende Händchen, hatte er nicht oft in glücklicher Vergessenheit ihrem Klange gelauscht, hatte er nicht oft minutenlang den liebenden Blick in ihr fluthendes Licht getaucht, hatte er sie nicht einst wieder und immer wieder an seine vor Wonne schweigsamen Lippen gedrückt? Wie viel tausend Male hatte seine Hand wie segnend auf diesen vollen, seidenweichen Locken geruht, und doch – – doch hatte das Alles ein schnelles, jähes Ende genommen! Stand jetzt nach zwanzig Jahren vielleicht die Vergangenheit in verklärter Gestalt vor ihm, um die untergegangene Sonne wieder empor zu rufen?

»Wenn ich der Silberheiner bin,« antwortete er endlich, »so bist' wohl die Goldfee, der man nix abschlag'n darf? Gibst wirklich dafür, was ich verlang?«

»Ja.«

»Aber ich werd von Dir kaan Geld fordern. Alma! Die Freiheit ist auch für so aan Geschöpfle mehr werth als kalte, herzlose Münz.«

»Was willst' denn?«

»Aan Kuß ist's, für den ich Dir ihn geb.«

Eine glühende Röthe ergoß sich über ihr Gesicht.

»Silberheiner, das war net gut von Dir, das hätt'st net thun soll'n?«

»Warum net?«

»Weil – weil Du Dir selbst weh' thust hier in meinem Herz'n.«

Er verstand ihre Worte nicht; er hielt ihre Hand gefaßt und strich ihr mit der Rechten leise und unbewußt liebkosend über die elastische Fülle des reichen Haares.

»Sag schnell, Alma, willst' ihn oder net? Ich frag net wieder?«

Sie zögerte mit der Antwort; dann hob sie den feucht schimmernden Blick zu ihm empor und entschied:

»Es hat mich noch nie aan Mann geküßt, Heiner, auch der Vater net, denn der ist gestorb'n, noch eh' ich auf der Welt gewes'n bin, und ich möcht lieber auch sterb'n, als daß ich solch aan – aan – leid'n möcht; Du aber sollst den Kuß hab'n, Du allein. Hier, nimm ihn!«

Mit tief gesenkten Wimpern reichte sie ihm die leise zuckenden Lippen dar.

»Alma!«

»Was ist's? Warum zauderst' jetzt?«

Er sah ihr mit einem unbeschreiblichen Blicke in das fragende Auge.

»Hier hast' das Thierle umsonst; icb hab zuviel dafür verlangt!«

»Ist's Dein Ernst?«

»Mein völliger!«

»So bitt, komm 'mal herab zu mir!«

Sie langte an ihm empor, zog seinen Kopf zu sich hernieder und küßte ihn zwei, drei Mal auf den Mund.

»Nun sollst' ihn grad erst recht hab'n, und noch mehr obendrein, weil Du wieder brav bist! Und waaßt, Silberheiner, ich zahl damit noch lange net die Schuld, die Du zu fordern hast. – Jetzt ist der Vogel mein, und nun soll er auch die Freiheit wieder hab'n. Da schau, wie lustig er die Schwingen schlägt? Nun flieg ich auch davon. Leb' wohl, Heiner, und vergiß die Alma net!«

Sie warf das leichte Tuch um die Schultern; es wehte beim Gehen wie Flügelschlag um ihre über die Lichtung dahineilende Gestalt, und noch lange, nachdem sie verschwunden war, stand er unbeweglich und blickte wie verzückt auf die knospenden Zweige, welche sich hinter ihr geschlossen hatten. –

Der Frühling war vergangen, und auch der Sommer rüstete zum Abschiede, denn bereits nahte der Herbst mit seinem eigenthümlichen Geruche, seiner früchtelösenden Reife und dem wehmüthigen Flüstern und Rascheln seiner fallenden Blätter. Auf den Wiesen sammelten sich die Schaaren der wanderlustigen Vögel, und in Busch und Wald erklang hier und da das klagende Ade eines einsam scheidenden Sängers, der zwischen den Strophen seines letzten Liedes probirend die kleinen, befiederten Schwingen schlug.

An Stelle der Forteilenden zogen andere Sänger in das Dorf.


»Im Lenz, da ziehn wir froh hinaus

Mit lautem Sing und Sang,

Ade, ade, lieb's Vaterhaus,

Sei nimmer um uns bang!

Denn ist des Sommers Zeit dahin,

So kehr'n wir all' zurück

Und grüßen mit vergnügtem Sinn

Der Heimath stilles Glück!«


erscholl es in vollem, kräftigem Chore vom Berge herab. Eine Schaar von Burschen und Mädchen, an ihrer Spitze der Silberheiner, nahte dem Dorfe. Die sorgfältig eingehüllten Instrumente, welche die Meisten von ihnen trugen, ließen erkennen, daß sie von einem musikalischen Wanderzuge zurückkehrten.

Da droben in den Bergen sprudelt der Quell heller und frischer, als in den Breiten des Niederlandes, und heller und frischer klingt auch das Lied aus der freier athmenden Brust. Wenn das Veilchen verstohlen zwischen dem jungen Grün der Ränder und Raine hervorlugt, verlassen Hunderte von Sängern und Sängerinnen die hochgelegene Heimath und ziehen hinaus in die Fremde, um mit dem Ertrage ihrer meist gut zusammengeübten Stimmen die Armuth der Ihrigen zu unterstützen. Die Mehrzahl von ihnen kehrt beim Herannahen der härteren Jahreszeit nach Hause zurück, Viele aber unternehmen auch weite, jahrelange Fahrten und tragen den Ruhm des deutschen Liedes über Berg und Thal, ja über den Ozean hinüber nach fremden Erdtheilen, wo der hagere Yankee, der sonnverbrannte Maure oder der schlanke Malaye den gemüthvollen Klängen lauscht, ohne ein Wort des Textes zu verstehen. Gar manche Preßnitzer oder Sonneberger Harfnerin hat das Weltmeer durchfurcht und vermag von fernen Kontinenten zu erzählen trotz eines »wohlgepflügten« Seemannes.

An einem Fenster der Kantorwohnung stand ein Mann und lauschte dem nahenden Gesange. Sein Gesicht war furchtbar entstellt; es hatte ganz das Aussehen, als sei es mit Zangen zerrissen und mit einem glühenden Plätteisen wieder geglättet worden. Die[651] Nahenden hatten jetzt das Dorf erreicht und ließen die letzte Strophe des Marsches erklingen:


»Im Lenz, da ziehn wir froh hinaus

Mit lautem Sing und Sang,

Jetzt ists nun mit dem Kos'n aus,

Doch, Liebch'n, wein' net lang!

Noch ist die Haide net verblüht,

So klingt zur Sternenzeit

Am Fenster Dir aan traulich Lied:

Grüß Gott, Du süße Maid!«


»Der Giftheiner ist doch nicht nur der beste Sänger, sondern auch der bravste Dirigent, den ich kenne,« murmelte der Mann. »Schade nur, daß er auch der schlechteste Mensch ist, den es nur geben kann! Seiner Truppe kommt keine andre gleich in Beziehung auf Stimmenharmonie und Exaktheit des Ausdruckes. Man könnte, obgleich er mir die besten Kräfte gestohlen hat, seine helle Freude an ihm haben, wenn man nicht gezwungen wäre, nur mit Abscheu an ihn zu denken. Und nicht nur um meine Sänger, auch um mein Kind, um mein einziges Kind hat er mich gebracht. O, Alwine, warum hast Du mir das gethan! Warum hast Du mich gezwungen, Dich zu verachten und der Sünde zu überlassen, in die Du Dich besinnungslos stürztest, weil Du die Schmerzen nicht zu würdigen wußtest, welche der Arzt seinem Kranken verursachen muß, um ihm die Heilung zu ermöglichen! Nun ist der Gram meine Speise und die Thräne mein Trank; der Kummer hat meinen Lebensweg verkürzt, und ich fahre in die Grube ohne den Frieden, den ein liebendes Auge über die letzten Augenblicke eines hinüberfliehenden Daseins strahlt. Mein Gott, mein Gott, warum muß ich das erleiden!«

Er senkte das ergraute Haupt tief und schwer hernieder und schlug die abgemagerten Hände faltend in einander. Seine blöden Augen sahen nicht die jetzt vorüberschreitenden Sänger; er hörte nichts von dem Jubel, welcher sich draußen über ihre Ankunft erhob; er bemerkte auch nicht, daß nach vergeblichem Klopfen Jemand eingetreten war und zwei warme, theilnahmsvolle Augen auf ihm ruhen ließ.

»Aber nein, ich will mich nicht mehr grämen!« rief er, sich aufraffend. »Habe ich die Verschimpfirung meines Angesichts zu ertragen vermocht, so soll mich auch der Schimpf, welchen meine Ehre erlitten hat, nicht überwältigen. Ich habe die ungerathene Tochter aus dem Hause gewiesen, als sie wiederkam und unter Lügen um Gnade winselte; ich habe ihre Briefe verbrannt und vernichtet, ohne sie zu öffnen; ich werde auch noch den Gedanken an sie aus meinem Herzen reißen, und wenn sie mich nochmals aufsuchte, ich würde sie nicht sehen und nicht kennen. Sie hat den Vater verstoßen, hat ihn nicht mehr gemocht, und so will ich auch mit keinem Laute und keinem Hauche mehr ihr Vater sein!«

Die Eingetretene zog sich zurück und klopfte jetzt von Neuem. Er vernahm das Geräusch und wandte sich nach der Thür.

»Ist wer da?«

»Ja. Darf ich Sie stören, Herr Kantor?« frug es mit leiser, belegter Stimme.

»Treten sie näher; ich vermag nicht weit zu sehen. Wer sind Sie?«

»Ich bin die Tochter der Teichbäuerin und komme, um Ihnen eine Bitte vorzutragen.«

»So sprechen Sie!«

»Ich habe mich in der Heimath viel und gern mit dem Klaviere beschäftigt. Mutter wünscht, daß ich meine Uebungen hier fortsetze und dabei Ihre Unterstützung finden möge. Sie würde selbst zu Ihnen gekommen sein, aber sie ist krank und darf das Zimmer nicht verlassen.«

Sie sprach langsam und verzagt. Er neigte sich ihr zu, als töne ihm ein bekannter Klang entgegen.

»Auch ich bin krank, mein Kind, und ertheile schon seit längerer Zeit keinen Unterricht mehr. Ich fühle mich nicht mehr stark genug zu der Anstrengung, welche dabei unvermeidlich ist.«

»Ich möchte Ihnen versichern, daß ich mich bemühen würde, diesen Umstand so viel wie möglich zu berücksichtigen. Ich glaube die Schwierigkeiten, mit denen die Anfängerin zu kämpfen hat, überwunden zu haben.«

Sein Ohr näherte sich ihr mehr. Welche Stimme war es doch, an der er ganz die nämliche Klangfarbe bemerkt hatte, und wie kam die Tochter einer Bäuerin zu so gewählten Ausdrücken. Ihre letzten Worte waren mit einer gewissen Zuversicht gesprochen; er konnte die Bittstellerin nicht so kurz und schroff abweisen, wie es erst vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte.

»Dort steht das Klavier. Oeffnen Sie es und tragen Sie mir Etwas aus dem Gedächtniß vor!«

Sie trat zum Instrumente. Schon bei den ersten probirenden Akkorden fuhr sein gesenkter Kopf in die Höhe; nach wenigen Augenblicken stand er hinter ihr und verfolgte, die Hände auf die Lehne ihres Sessels gestützt, mit ungewöhnlicher Spannung ihr Spiel. Als sie geendet hatte, griff er unter die daliegenden Notenhefte, um ihr eins derselben vorzulegen.

»Ist Ihnen dieses Stück bekannt?«

»Nein.«

»Versuchen Sie einmal, es vom Blatte zu spielen!«

Sie folgte der Aufforderung und zwar mit einer Gewandtheit, die ihn in Erstaunen setzte.

»Mein Kind,« entschied er, »ich kann nicht Ihr Lehrer sein; Sie spielen fast besser noch als ich. Aber wenn es Ihnen recht ist, so können wir wöchentlich einige Male zusammen musiziren. Es wird mir das ein Vergiiugen, eine liebe Erholung sein!«

»Ich danke Ihnen, Herr Kantor!« antwortete sie freudig. »Darf ich Ihnen nicht auch Etwas vorsingen?«

Sie suchte unter den Noten. Da fiel ihr ein Titel in das Auge, bei dessen Anblicke es wie bei dem Wiedersehen eines lieben Freundes warm und licht über ihr Angesicht ging. Er konnte nicht erkennen, welche Blätter sie vor sich auseinanderschlug, aber beim Beginn der Einleitung fuhr er mit der Hand nach der Brust und machte eine Bewegung, als wolle er sie am Weiterspiele hindern. Doch da erklangen auch schon die ersten Worte des Liedes, welches er haßte, obgleich er es selbst in Musik gesetzt hatte, welches er nicht hören mochte, und doch seit Jahren Tag für Tag in Folge eines innern Gebotes hatte spielen müssen:


»O gräme nie ein Menschenherz,

Das Dein in treuer Liebe denkt.

Du hebst wohl nimmermehr den Schmerz,

Der sich in seine Tiefen senkt!«


Es entging ihm, daß der Vortrag nicht vom Blatte, sondern aus dem Gedächtnisse geschah; er verfolgte nicht das weiche, eindringliche Motiv der Melodie in seinen kunstgerechten und doch so einfachen Wiederholungen und Umkehrungen, er vernahm nur die Worte des Textes, deren Ernst ihn noch nie so gepackt hatte, wie jetzt unter dem Eindrucke einer Stimme, die wie ein ungelöstes Räthsel an sein Ohr schlug.

Schon längst war der letzte Ton verklungen und noch immer harrte das Mädchen vergebens auf ein Wort aus dem Munde des tief ergriffenen Mannes. Und als er endlich sprach, geschah es leise und wie abwesend, als sei er der Gegenwart entrückt und befinde sich mitten unter den Gestalten einer längst vergangenen Zeit.

»Wo der Silberheiner nur die Gedanken hernimmt zu all den Liedern, die er dichtet! Sie klingen Einem bis hinein in die innerste Seele; man kann ihnen nicht widerstehen, und so oft er ein neues fertig hat, muß ich es komponiren, ich kann nicht anders. ›O gräme nie ein Menschenherz!‹ War das etwa eine Prophezeiung, eine Warnung für mich? Er hat mich so lieb gehabt, fast wie ein Sohn, und als die Alwine das Lied zum ersten Male gesungen hat, da – die Alwine? Halt,« rief er, sich rasch vom Stuhle erhebend und, plötzlich in die Gegenwart zurückgekehrt, sich an die Sängerin wendend; »jetzt weiß ich auf einmal, warum mich Ihre Stimme so ergriffen hat! Es ist die Stimme eines Wesens, welches mir unendlich lieb und theuer war und doch sich von mir trennte wie – wie die Scholle von der Küste: um von der Brandung fortgerissen und verschlungen zu werden. Ihre Laute klingen etwas zarter, weicher, nachgiebiger, nicht so sicher, entschieden und sonor wie diejenigen, welche ich meine, aber wenn Sie denselben Umfang besitzen, den Alwinens Stimme beherrschte, so könnte ich endlich, endlich wieder einmal – und vielleicht wäre es das letzte Mal – meine Weihnachtskantate zur Aufführung bringen. Bitte, lassen Sie uns einmal versuchen!«

Er griff in die Tasten, um die angegebene Prüfung vorzunehmen. Sie fiel ganz nach seinem Wunsche aus, und nun war aus dem finstern, melancholischen Manne auf einmal ein ganz Anderer geworden. Mit jugendlicher Ungeduld trat er an ein Büchergestelle, schlug den Vorhang zurück und brachte ein umfangreiches Notenpaket hervor, welches er von seiner Umhüllung befreite.

»Das ist die Kantate, zu welcher der Silberheiner die Verse gemacht hat. Das Gedicht ist ein wahres Meisterstück von ihm; kein Doktor und Professor könnte den Stoff besser behandeln, und die Aufführungen haben uns große Ehre eingetragen. Ich hatte die Soli's im Tenor für ihn und die im Sopran für Alwine gesetzt, und da mir diese Beiden später nicht mehr verfügbar waren, so hat das Stück bisher unbenutzt gelegen, obgleich ich bei jedem Weihnachtsfeste dringend aufgefordert worden bin, es zur Aufführung zu bringen. Jetzt können Sie den Diskant übernehmen, und die Tenorpartie – ja, der Heiner bekommt sie nun und nimmermehr;[652] er würde auch gar nicht bereit sein, sie zu singen; aber es giebt noch Einen im Dorfe, der eine leidliche Stimme dazu hätte, und das ist der Teichhofbalzer. Ich werde mir die Sache überlegen. Jetzt wollen wir einmal die Partitur hernehmen und sehen, ob Ihnen Ihre Aufgabe gefällt!«

Es war schwer, mit dem alten, menschenfeindlichen Dirigenten in Beziehung zu treten. Sie hatte das gewußt und bemerkte daher mit freudiger Genugthuung den unerwarteten Erfolg ihres fast mit Zagen unternommenen Besuches. Sie gab sich daher der beginnenden Uebung mit fröhlichem Eifer hin, und ihre Stimme drang, getragen von den vollen, rauschenden Akkorden des Piano's, durch das geöffnete Fenster hinaus auf die Straße und hinüber in die Wohnung Silbermanns, wo der Vater die glückliche Rückkehr des Sohnes mit einem Thema feierte, welches den Angelpunkt einer jeden häuslichen Unterhaltung zu bilden pflegte.

»Ja, da bist' nun wieder 'mal von der Reis' nach Haus', und nun beginnt die alte Sorg' und Noth von Neuem. Da hast' das schöne Geld, was auf Dein Antheil kommt, her auf den Tisch gezählt, und was wirst damit mach'n? In die Truh' wirst's steck'n, wo das andere auch schon ist, und da mag's lieg'n bis zum jüngst'n Tag oder bis 'mal Aaner kommt, der's mit den heilg'n zehn Gebot'n net genau nimmt. Jetzt machst' im Winter neue Lieder und Gesäng'; im Frühjahr geht's wieder hinaus in die Fremd'; das ist so die alte Leier, und ich armes Würm sitz daheim, einsam und verlass'n, und kann sehn, wie mir die Zeit vergeht! Zu thun hab' ich alleweil' ganz genug, das ist schon wahr, und bei dem Vogelzeug giebts auch zuweil'n aan wenig Zeitvertreib. Aber Mensch ist doch immer Mensch, und wenn Du geheirathet hättst, so wär doch Jemand bei mir, wenn Du net daheim bist, und ich braucht mich auch net so um nix und All's zu bekümmern. Wo kaane Frau im Haus' ist, da giebts nur eitel Unordnung und Aergerniß, und ich sag' Dir, das muß anders werd'n, sonst lauf' ich noch davon!«

»Thu's net, Vater,« lachte Heiner; »Du wärst sonst im Stand' und kämst nachher wieder!«

»Ich? Wiederkommen? Fällt mir gar net ein! Wenn ich fort bin, so bin ich fort, und Du magst nachher schaun, wer Dir die Strümpf' ausbessert und die abgeriss'nen Knöpf' wieder festmacht! Ja, wenn die Alwin' wiederkäm', das lüderliche Ding, da wärst' recht gleich bei der Hand, net wahr? Die sitzt Dir noch heut im Kopf und will auch nimmer heraus. Wie schön könntst' Dich einricht'n mit dem Geld, und wie fein und lieblich wär's, wenn hier im Haus' aan hübsches Fraule schalt'n thät und walt'n! Ich glaub', mir wär's alle Tag' als hätt' der heilige Christ bescheert!«

»Ja, das wär' ganz dieselbe Herrlichkeit, wie zum Frühjahr mit dem Hänfling, der auch der best' war weit und breit und doch dann auf den ›Zapp‹ gefall'n ist, so daß Du ihn net länger brauch'n konnt'st! Aber horch, was ist das für aan Gesang da drüb'n beim Kantor?«

»Waaß's net! Was geht mich dem sein Geklimper an?«

»Das ist – das ist ja mein Lied! Hörst Vater:


›Drum sorge, daß kein Herzeleid

Du jemals hier verschulden magst.

Es kommt die Stund, es kommt die Zeit,

Wo Du die schwere Schuld beklagst!‹«


»Der Kantor, der mich net ersehen mag, läßt mein Lied singen! Und welche aane Stimm' ist das! Ich – ich kenn' sie – das ist niemand andres als – als die Alwin! Hörst, Vater? Horch!«

»Geh mir aus dem Weg mit der Stimm' und sammt der Alwin'! Wo soll denn das Madel herkommen? Ich mag von ihr und all dem Kantorvolk net das Geringst' mehr hören. Oder waaßt vielleicht net, warum? Ich will gar nimmer davon red'n, sonst könnt' mir am End die Gall' überlauf'n, und die ganze Sipp' ist doch net werth, daß man sich darüber ärgert.«

Heinrich hatte das Fenster geöffnet. Er hatte die Worte des Vaters wohl kaum vernommen; er horchte hinüber nach der Schulwohnung, wo sich jetzt neue Klänge vernehmen ließen, denen er mit höchster Spannung lauschte.

»Das ist die Kantat', eine Weihnachtskantat', die er spielt. Und jetzt beginnt auch der Gesang!«

Es war ein tiefer, ein wunderbarer Eindruck, den die Töne auf ihn machten. Er schloß das Fenster und eilte zur Thür.

»Wo willst' hin, Heiner?« rief der Vater.

»Ich waaß net, aber meine Kantat', die muß ich hör'n, die ist todt gewes'n seit – seit damals, und wenn sie wieder lebendig wird, so kann ich net davon bleib'n, sondern muß mit dabei sein!«

Der Vater machte Miene, ihn zurückzuhalten, aber vergebens; Heinrich war fort, über die Straße hinweg und nach dem Schulhause. Der Zutritt zu demselben war ihm verboten, wenigstens zu der Wohnung des emeritirten Kantors, aber dieses Verbot war ihm jetzt gleichgültig. Er hörte seine beste Dichtung spielen und von einer Stimme singen, deren Klang alle Saiten seines Innern mittönen ließ; er mußte die Sängerin sehen, das war der Gedanke, welcher seine Schritte lenkte; alles andre war für den Augenblick vergessen.

»Es kann nur die Alwin' sein, denn diese Stimm' giebts nur aan einzig Mal in der Welt,« murmelte er, indem er mit leichten Schritten die Treppe empor stieg. »Vielleicht ist sie endlich aus der Fremd' zurückgekehrt und hat Verzeihung erhalt'n von dem Vater. Auch ich hab ihr schon längst Alles vergeb'n, wenn ichs auch nimmermehr vergess'n und überwinden kann, und drum will ich sie sehn, gleich heut, gleich jetzt, wo sie mir durch den Gesang zeig'n will, daß sie da ist!«

Er ergriff den Thürdrücker und öffnete leise. Der Kantor, welcher am Instrumente saß, vermochte in Folge seiner blöden Augen nicht, ihn zu sehen, und die Sängerin stand so von ihm abgewandt, daß er Beide unbemerkt beobachten konnte.

»Wer ist denn das? Die Alwin' ists net, sondern die Alma von damals auf dem Fichtler droben. Wer vermag das zu erklär'n: sie ist das leibhaft'ge Konterfei von der Alwin', und hat auch ganz ihren Ton, nur zarter, weicher und so innig, wie er bei der andern ganz niemals net gewes'n ist! Ich geh net hinein, aber hör'n muß ich sie bis zum letzt'n Laut, den sie singt. Ich waaß, wohin ich geh!«

Er stieg die Treppe wieder hinab und gelangte ungesehen in den Garten, welcher von einer dichten Tannenhecke umgeben war. In seinem hintersten Winkel befand sich eine lang, schmal und niedrig gehaltene Laube, ganz der Wohnung des australischen Laubenvogels nachgebildet. Seit langen, langen Jahren hatte kein Mensch eine pflegende Hand an sie ge legt; sie zeigte sich daher im höchsten Grade verwildert, und der Eingang zu ihr schien so verwachsen, daß außer Heinrich es niemand unternommen hätte, das Innere zu betreten. Dieser aber bog die widerstrebenden Zweige zur Seite und kroch hinein.[653]

Hier war es vollständig dunkel, trotzdem draußen die Dämmerung erst hereinzubrechen begann, doch fand sich Heinrich so schnell zurecht, als weile er täglich an diesem mitten im Dorfe und doch so einsam und verlassen gelegenen Orte. Er streckte sich auf die schmale, mit dichtem Moose überzogene Bank und lauschte den Klängen, welche aus dem geöffneten Fenster in den Garten herniederflutheten.

Es war ihm so wundersam, so traum-, so märchenartig zu Muthe, als habe die Hand einer gütigen Fee ihn in den Schooß längst vergangener, seliger Zeiten zurückversetzt, nur daß die Gestalt, welche ihn gegenwärtig in Ton und Bild umschwebte, unendlich milder, süßer und reiner erschien, als das Wesen, welches sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen damals ausschließlich für sich in Anspruch genommen hatte. Es war dieselbe Laube, in welcher er den Zauber ihrer Stimme eingeathmet, es waren dieselben Strophen, die er einst mit hingebendem Entzücken von ihren Lippen getrunken hatte; aber an diese Laube hatte sich das Gedächtniß einer schweren That geheftet, und diese Strophen, es ruhte der Fluch des Komponisten auf ihnen, den er einst dem Dichter in das Angesicht geschleudert hatte. Konnte diese That nie aufgeklärt, dieser Fluch nie hinweggenommen werden?

Die Dämmerung verdichtete sich zum dunklen Abend, die Töne verklangen und das Fenster wurde zugeschlagen. Heinrich lag noch immer regungslos und mit geschlossenen Augen; er hätte unter den verhauchten Klängen hier liegen und sterben mögen. – Da richtete er sich plötzlich empor. Das Geräusch sich leise nahender Schritte hatte sein Ohr erreicht. Er zog sich unhörbar in den Hintergrund der Laube zurück. Ein Arm drängte vorsichtig tastend das den Eingang verhüllende Geäst zurück, um Platz für eine leichte, schlanke Gestalt zu machen, welche näher trat.

»Alma,« dachte Heinrich. »Woher kennt sie die Laube, und was will sie hier, jetzt, in dieser dunkeln und furchtsamen Stunde?«

Sie nahm vorsichtig auf der Bank Platz. Sollte er seine Anwesenheit zu erkennen geben, oder war es nicht möglich, daß sie wieder fortging, ohne ihn bemerkt zu haben? Eine ganze, lange Zeit verging, ehe sie sich regte. Da erhob sie den Arm, um sich von der Tiefe der Höhlung zu überzeugen, und streifte mit der Hand seine Schulter. Ein kurzer Ruf des Schreckes entfuhr ihren Lippen.

»Ist Jemand da?«

»Ja. Ich hab nur geschwieg'n, weil ich Dich net erschreck'n wollt.«

»Dadurch hast mich aber grad erst recht erschreckt. Sag, wer bist' denn, und was willst hier in der Laub'?«

»Fast möcht zuerst ich frag'n, was denn Du hier willst. Du kannst mich net erkennen und hast mich auch erst aan einzig Mal gesehn.«

»Wo?«[668]

»Waaßt's net mehr? Drob'n auf dem Fichtler, wo Du mir den Stieglitz abgefordert hast.«

Sie schwieg einige Augenblicke, vielleicht in verschämter Erinnerung an den freiwilligen Preis, welchen sie für die Befreiung des kleinen Sängers gegeben hatte.

»So bist wohl gar der Silberheiner?«

»Ja.«

»Ich denk, Du bist drauß'n im Land mit Deiner Musikgesellschaft!«

»Wir sind vorhin zurück. Hast net den Marsch gehört, den wir gesungen hab'n?«

»Ah, Ihr seid das gewes'n? Der Teichhof liegt so abseit vom Dorf, daß man das Neue immer nur am spätsten hört. Aber warum bist Du hier und net zu Haus'? Ich mein', da giebts gar viel zu reden und erzähl'n, wenn man den Vater so lange net gesehen und gesproch'n hat!«

»Du hast ganz Recht; aber ich hab Dich halt singen hör'n, und da ists net anders gewes'n, als ich muß herüber in die Laub', damit ich kaane Not' verlier von dem Gesang.«

»Es war Deine Kantat', die wir vorgehabt hab'n. Sag, wo nimmst nur all die guten Wort' und schönen Reim' hervor? Ich könnt so 'was schon gar niemals fertig bring'n.«

»Das ist kaan Verdienst, auf das man stolz sein darf, Alma, sondern aan Geschenk vom lieben Gott. Der Reim kommt ganz von sich selber, und die Sätz' und Wörter, die sind auch gleich da, sobald das Herz voll ist. Grad hier in dieser Laub' ist gar manch Gedicht fertig word'n, was noch niemand gesehen und geles'n hat.«

»So bist wohl öfters hier gewes'n?«

»Oefters? Was das Herz der Lieb', das war sie mir, und was das Grab der Leich', das ist sie mir geword'n. Da drauß'n hab ich zu sorgen und zu schaff'n, aber so oft ich hier sitz, bin ich todt. Waaßt's net, was hier geschehen ist?«

»Sag, was?« fragte sie ausweichend.

»Bitt, laß Dir's von den Andern erzähl'n. Wie bist denn Du herbeigekommen? Hast die Laub' vielleicht schon vorher gekannt?«

»Nein; ich war heut ganz zum erst'n Mal beim Kantor. Ich wollt – – ich dacht – – – ich sag Dir's schon ein ander Mal. Gut' Nacht, Heiner!«

»Halt, nein! Ich will wiss'n, warum Du – – –«

»Gut' Nacht!« klang es nochmals, dann war sie ihm entschlüpft.

Er lehnte sich zurück. Trotz der Dunkelheit war es ihm, als sei ein Licht-, ein Lebensstrahl in sein Grab gedrungen, unter dessen Wärme der erstarrte Puls von Neuem zu klopfen beginne. –

Quelle:
Der Giftheiner. Eine Erzählung aus dem Erzgebirge von Karl Hohenthal. In: All-Deutschland! 3. Jg. 1879. Heft 20–25. Stuttgart (1879). Nr. 42, S. 668-669.
Eine Erzählung aus dem Erzgebirge von Karl Hohenthal. In: All-Deutschland! Illustrirtes Hausblatt. 3. Jg. 1879. Heft 20–25. Nr. 40–49. S. 636–638, 651–653, 668–670, 684–686, 699–702, 717–718, 731–735, 748–751, 762–766 u. 772–778. – Stuttgart: Göltz und Rühling (1879). Reprint in: Karl May: Der Waldkönig. Erzählungen aus den Jahren 1879 und 1880. Hrsg. von Herbert Meier. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft 1980.
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