Auff hn. Michael Widers vnd fraw Annen Proiten hochzeit:

[91] Wie/ wenn die sonn in'n Wider trit/

Vnd bringet vns den lentzen mit/

Die zeit/ die vns erfrewet/

So kömmet laub vnd graß herfür

Vnd macht vns auff der liebe thür

Die alle ding' ernewet.

Also/ viel-tugendsame braut

Werdt jhr nu wieder-anvertrawt

Als eine klare sonne/

Dem Wider/ der ewr früling ist/

Der ohn' euch seiner selbst vergisst/

Jhr seine frewd vnd wonne.

Das macht die süsse liebe nur/

Die amm' vnd mutter der natur/

Die vrsach' aller sachen/

Die noch/ so lang' es jhr gefällt/

Den grossen baw/ die welt erhält

Für jhrem fall' vnd krachen.

Denn/ allem was die schöne welt/

In jhren armen in sich hält/

Als gluth/ fluth/ lufft vnd erde/

Vnd allem/ was daraus gemacht/

Ist liebes samen bey gebracht/

Damit's erhalten werde.

Man siehet/ wie das blawe rund

Thut gleichsam seine liebe kund

(Nicht ohne frucht) der erden/

Die göldne sonne leyht jhr haar

Dem silber-mone/ das er klar

Vnd liechte möge werden.

Die sterne schmücken auß die nacht/

Die Iris ist darauff bedacht/

Wie sie mit jhrem regen

Der Ceres könne nütze seyn/

Die Ceres bringet gersten ein/

Des Bachi durst zu legen.

Der Zephyrus/ der wird auch nu

Der Floren lieblich sprechen-zu/

Vnd kleiden seine docke/

Vor grosser lieb' in grün in gehl/

In weiss/ in roth/ ohn' allen fehl/

Mit einem bunten rocke.

Die leichten vögel in der höh'

Vnd alles was die weite see

In sich begreifft/ muss lieben:

Man sieht wol/ daß der erdenkreiß

Fast nicht ein thier trägt/ daß nicht weiss/

Von lieb' vnd lieben üben.

Das macht die liebe die an itzt

Herr bräutigam euch hat erhitzt/

Vnd euch so weit getrieben/

Das jhr durch solches angetrieb/

Ewr ander Ich/ ewr süsses lieb/

Von hertzen müsset lieben.

Jhr müsset jhr/ vnd sie muss euch/

In gleicher liebe werden gleich/

Eins muss dem andern gleichen/

Denn/ kann auch eines/ wie es soll/

Dem andern/ als denn recht vnd wol/

In bilgen sachen weichen.

Wolan/ herr Wider frewet euch/

Ewr edle sonn' ernewet euch

Durch jhre krafft vnd tugend/

Sie bringet euch viel frewd vnd ruh/

Sie wendt-euch Gottes segen-zu/

Im früling' ewrer jugend.

Ewr früling kömmet nun herzu/

Mit lieb' vnd lust/ mit frewd' vnd ruh/

Mit fruchtbarkeit vnd wonne.

Ewr früling kömmt/ bekennt ein jeder/

Die sonne tritt heutt' in den Wider

Der Wider in die sonne.

Quelle:
Deutsche Literatur, Reihe Barock, Erg.-Bd., Leipzig 1939, S. 91-92.
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