Sonntagsfeier

[180] (1841)


Was schwebt dort auf des Wohllauts Schwingen

Zu mir herüber durch die Luft?

Ich hör es rauschen, hör es klingen

In süßem morgentlichem Duft:

Das ist die Orgel, sind die Glocken

Und der Posaunen ernster Klang,

O horch, sie laden mich und locken

Zu einem längst entwöhnten Gang. –


Sieh, vor der Kirche, welch Gedränge!

Vom Staub des Werkeltages rein,

Drängt alt und jung, in bunter Menge

Sich in das Heiligtum hinein:

Und hier, im sonntäglichen Kleide,

Den Kranz im glattgestrichnen Haar,[180]

Gesenkten Augs, doch Augenweide,

Der Jungfraun wunderholde Schar.


Sie gehen all mit leisen Schritten,

Erwägend ihres Herzens Not,

Sie wollen beten, wollen bitten

Um Haus und Hof und täglich Brot:

Daß sich die Krankheit endlich wende,

Daß auf dem Feld die Frucht gedeih

Und daß die Arbeit ihrer Hände

Mit gutem Zins gesegnet sei.


O Wahn des Glaubens, süße Stille,

In der das Herz sich selbst verlor,

Du meiner Kinderwelt Idylle,

Was steigst du heute mir empor?

Und würde mir die Welt zu eigen

Und neigten alle Sterne sich:

Ich könnte doch mein Knie nicht neigen,

Nicht deine Psalmen rühren mich! –


Denn andre Glocken hör ich tönen,

Ein andres Lied steigt himmelwärts,

Und anders strömt mit mächt'gem Dröhnen

Drommetenklang mir in das Herz!

Wir stehen auch gedrängt in Scharen,

Wir Männer, die der Tag erweckt;

Doch keinen Kranz in unsern Haaren,

Mit Myrten nur das Schwert bedeckt!


Wir glauben auch an einen Morgen,

An einen Sonntag hell und licht,

Der, blöden Augen noch verborgen,

Die Wolken endlich doch durchbricht!

Wir beten auch – unausgesprochen,

Ein Hauch, der unsre Brust durchweht,

Ein stummer Schwur, ein Herzenspochen,

Und eine Tat – das ist Gebet!


Drum sollt ihr uns nicht gottlos schmähen,

Nennt uns nicht Ketzer, treibt nicht Spott:

Auch hier, wo unsre Fahnen wehen,

Der freie Geist ist auch ein Gott![181]

Von allem Finstern, allem Bösen,

Von Sklavenketten groß und klein,

Er wird noch einmal uns erlösen,

Noch einmal unser Heiland sein.


Laßt denn geduldig, ohne Grollen,

Uns wandeln auf verschiednem Pfad:

Sei jeder nur getreu im Wollen,

Nur jeder männlich in der Tat!

Dann deinen Gläub'gen, deinen Frommen,

Mit Liederklang, mit Schwerterschlag,

Dann wirst auch du uns endlich kommen,

Du, unser Sonntag, Freiheitstag!


Quelle:
Robert Eduard Prutz: Zwischen Vaterland und Freiheit. Köln 1975, S. 180-182.
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